Der Schatten des Pfarrers
Maria lässt den Pfarrer weinen
Der neue Roman des Zuger Autors Andreas Iten spielt im Jahr 1755. Er schickt einen Mesner auf die Suche nach der Geliebten seines Pfarrers.
«Es wird Zeit, endlich offen über diese Priesterlieben zu sprechen.»
Andreas Iten
Die Tränen des Pfarrers vor dem Marienbild machen Anton Birnbaumer stutzig. Er will die Wahrheit finden und lernt die Macht der Kirche kennen.
Anton Birnbaumer ist Mesner in Wilen. Dort hängt in der Kirche über dem Seitenaltar ein Marienbild. «Die gemalte Maria mit dem Jesuskind auf dem Seitenaltar strahlt Lebenskraft aus, doch der leidvolle Ausdruck harmoniert nur wenig mit dem dargestellten Glück einer Mutter, auch wenn die Augen, die das Kind betrachten, leuchten. Welch ein Gegensatz zur lieblichen Muttergottes auf dem Hochaltar! Wahrscheinlich war es eine Südländerin gewesen, die dem Maler Modell gestanden hat. Eine auffallend schöne Frau. Die kräftige Nase fängt das fein geformte Kinn auf und mildert den starken Zug. Der Mund ist leicht geöffnet, als singe sie dem Kind ein Liedchen.»
Spurensuche im Tirol
Pfarrer Holzknecht betet oft vor diesem Marienbild. Wiederholt beobachtet ihn Mesner Birnbaumer dabei, wie er sich verstohlen Tränen aus dem Gesicht wischt. Anton Birnbaumer entdeckt unten am Bildrand Teile der Signatur und den Ortsnamen Brixen. Er fragt beim Pfarrer nach und erfährt, dass Giovanni Trapunt das Bild gemalt hat. Er, Holzknecht selber, habe ihm den Auftrag dazu erteilt.
Die unbeantworteten Fragen lassen Birnbaumer keine Ruhe: Er will ihnen nachgehen und macht sich auf die Reise. Am 3. Juni 1755 bricht er auf, Richtung Schwyz und Flüelen. Über die Berge will er nach Disentis gelangen, durchs Bündnerland ins Tirol. In Brunnen spricht ihn ein Mann an, der wie er aufs Schiff nach Flüelen wartet. Er transportiert Säuglinge nach Mailand, wo er sie zum Findelhaus bringt. «Es sind Würmer, unehelich geborene Kinder, die da verschwinden sollen, von gnädigen Herren, ja, von Pfarr- und Ratsherren gezeugt.»
Leidvolles Versteckspiel
Schon auf den ersten zehn Seiten seines neuen Romans «Der Schatten des Pfarrers» hat Andreas Iten (72), einstiger Regierungsrat und Ständerat des Kantons Zug und heutiger Präsident des Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellervereins, sein Thema angeschlagen. Es geht ihm um katholische Priester, die an den Pflichtzölibat, die Ehelosigkeit, gebunden sind und sich verlieben, um die Frauen, die unter dem Versteckspiel in einer solchen Beziehung leiden, und um die Kinder, die solchen unerlaubten Liebesbeziehungen entstammen. Das Modell der Maria war die Geliebte des Pfarrers. Er liess sie mitsamt ihren Kindern porträtieren.
Im historischen Gewand
«Es wird Zeit, endlich offen über diese Priesterlieben zu sprechen», sagt Andreas Iten. «In meinem Bekanntenkreis habe ich in letzter Zeit ein paar solche Fälle kennen gelernt.» In seinem Roman verkleidet der Autor das Problem in eine historische Geschichte, die sich an die Geschichte der Pfarrei von Unterägeri anlehnt, die Andreas Iten nach ihrem alten Namen Wilen nennt. Der Protagonist Anton Birnbaumer ist als Nachfahr des späteren Tagsatzungsabgeordneten und Landammanns Johann Anton Kaspar Birnbaumer nicht nur historisch verbürgt, sondern auch mit dem Ruf überliefert, er habe die Bevölkerung im Ägerital mit aufklärerisch-liberalem Gedankengut beeinflusst.
Dieses Gedankengut spielt in dem Roman eine zweite Hauptrolle: Anton Birnbaumer begegnet auf seiner Fussreise nach Brixen einem Benediktinermönch, der sich über seine ketzerischen Gedanken entrüstet und ihn bei den Kirchenobern anschwärzt. Birnbaumer muss den Kirchendienst quittieren und wird auch kein weltliches Amt mehr erhalten.
Aus grosser Sympathie
Andreas Iten hat die Auseinandersetzung mit den Glaubensfragen und sein Anliegen, über die verbotenen Liebschaften und ihre Kinder zu reden, geschickt in die historische Erzählung eingeflochten. Lebendig schildert er Leben und Denken in der Epoche der frühen Aufklärung im 18. Jahrhundert, eine Generation vor der Französischen Revolution. Farbenreich und aus grosser Sympathie mit seinem Helden schildert er dessen Erlebnisse und Abenteuer, die durchaus nicht immer nur kirchlich und keusch sind.
In kursiv gesetzten Passagen gibt der Autor dabei Einsicht in seine eigene Reise auf den Spuren seiner Romanfiguren. Diese Seitenblicke in die Schreibwerkstatt vermögen den Leser nicht immer von ihrer Notwendigkeit zu überzeugen, und zuweilen stören sie die atmosphärisch geschlossene Erzählung in ihrem glaubwürdigen Zeitkolorit.
«Der Schatten des Pfarrers» bietet dennoch eine spannende Geschichte und zeugt von einer langen und intensiven Auseinandersetzung mit den angesprochenen Fragen und Problemen. Zwanglos bindet der Autor seine Erörterungen in die Handlung ein, indem er seine Figuren in Zwiegespräch und Disput belauscht.
Urs Bugmann, Neue Luzerner Zeitung, 04.11.2008
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