Zum Plakat: Masseneinwanderung stoppen!

Als ich heute in Zug gemütlich einen Kaffee trank, ging mein Blick auf das genannte Plakat. Da trompetete ein Satz durch meinen Kopf: Tägg tägg tägg – sie marschieren wieder, die Männer mit den Stiefeln, und folgen einem Führer. Nicht etwa, dass die Einwanderung von Ausländern nicht als Problem diskutiert werden sollte, aber nicht so pauschal und in einer Marschrichtung. Die meisten Ausländer, die in den letzten Jahren in die Schweiz gekommen sind, haben die Wirtschaft, die Klein- und Grossunternehmen, die Spitäler, die Dienstleistungsbetriebe bis hin zu Universitäten geholt. Das geschah nicht etwa uneigennützig. Darf man nicht auch von der SVP verlangen, dass sie dieses Problem differenziert angeht und differenzierte Aussagen macht? Es tut einem weh, wenn man denken muss, dass die Marschierenden einen Abdruck ihres Stiefels auf dem weissen Kreuz im roten Feld hinterlassen.

Würdigung des Werkes von Franz Kaufmann

Vernissage vom 10. November 2010 im Theater in Sursse

Stiftungsratspräsident, Urs Korner, hat angekündigt, dass ich noch einige Persönlichkeiten speziell begrüssen werde.

Anwesend sind Dr. Franz Peter, Direktor der AKS und Klara Naef, Mitglied des Herausgeberteams. Besondere Verdienste hat sich für dieses Buch, wie für die früheren fünf Bände, Dr. Urspeter Schelbert, erworben. Er besorgte das Lektorat und überwachte die Drucklegung. Sie werden ihn im Gespräch mit dem Verfasser des Buches noch kennen lernen.

Stiftungsratspräsident Urs Korner ist in seiner Begrüssung bereits auf das Werk von Franz Kaufmann eingegangen. Er hat zwei treffende Zitate vorgetragen. Die zitierten Stellen messen die Spannweite des kleinen Buches ab. Es reicht von der Gründung des Lucerne Festivals von 1928 bis in die Neuzeit. Das kleine Werk umfasst aber auch die Spannweite des interessanten Lebens, das der Autor selber durchschritten hat. Es schöpft dabei aus persönlichen Erlebnissen, Erfahrungen und Erkenntnissen. Damit erhält es eine ganz besondere Färbung.

Franz Kaufmann lebt in Sempach-Station. Er war von 1965 bis 1999 Kantonsschullehrer in Luzern und Reussbühl. 1992 gründete er die Knaben- und Mädchenkantorei, die ihm heute die Ehre gibt.

Als im Jahr 2006 sein Buch «Sind Sie kultiviert?» herauskam, schickte mir Franz Kaufmann die Schrift. Ich las sie interessiert. Und als die Idee entstand, bei der AKS die Reihe «Innerschweiz auf dem Weg ins Heute» herauszugeben, war es wie ein Massstab. Die Bücher sollten ähnlich aussehen und den gleichen Umfang bekommen.

Ich zitiere aus dem Werk «Sind Sie kultiviert?» eine Stelle. Sie kann verständlich machen, warum es mich ansprach. Franz Kaufmann schreibt: «Wir kommen nie über das Grübeln hinaus, wenn wir das Ich über seinen unzähligen wechselnden Inhalten zu definieren versuchen. Wohl aber lässt sich das Ich charakterisieren, indem man die Konstellation der jeweiligen (oft unbewussten) Identifikationstendenzen beschreibt.» Wir erkennen uns selbst nicht über das, was uns alltäglich beschäftigt, was wir lesen, was wir aufnehmen, verwerfen, woran wir uns wechselnd hängen, worüber wir uns ärgern, sondern an dem, was uns dauernd beschäftigt, womit wir uns ein Leben lang auseinandersetzen und identifizieren.

Wir suchten also nach Autorinnen und Autoren, von denen wir wussten, dass sie bestimmte Identifikationstendenzen, um Kaufmanns Wort zu gebrauchen, verfolgen. Die Hingabe an eine bestimmte Sache, hier an die Musik, formt und bildet den Charakter eines Menschen.

Und nun liegt ein Werk vor, das beschreibt, womit sich der Verfasser im tiefsten Grund seiner Persönlichkeit ein Leben lang identifiziert hat. Das macht seine Ausführungen besonders lesenswert. Ich will die Behauptung begründen.

In der Schrift «Musik erleben, lernen und geniessen» spürt man das persönliche Engagement und damit gleichsam die Seele des Verfassers. Das fasziniert bei der Lektüre. Da schreibt ein Mensch ein Werk, der ohne Musik nicht zu verstehen ist, der ohne Musik nicht hätte leben können. Franz Kaufmann erzählt, wie die Musik ihn bereichert und wie sie das Kulturleben in der Innerschweiz belebt hat. Die Musikszene wird so lebendig und sie bekommt ihrerseits eine Seele.

Es geht in dem Werk nicht um das lückenlose Aufzählen von musikalischen Ereignissen und Verdiensten. Das wäre gar nicht zu schaffen. Es geht um die ganz persönliche Identifikation eines Kenners mit verschiedenen musikalischen Erlebnisfeldern. Im Verlauf der Lektüre spürt die Leserin, der Leser, wie sich der Autor selbst wundert, wie sich das Musikleben in der Innerschweiz während der Jahre seines Lebens vielfältig entfaltet hat. Kaufmanns Bewunderung gilt nicht nur den Aufführungen im KKL und im Musiktheater, sondern auch den hochstehenden Konzerten der Blasmusik, des Jazz’ und des Jodelns.

Die Leserin und der Leser geraten während der Lektüre immer tiefer auf die Spur von Kaufmanns innersten Neigungen, etwa, wenn sie die Ausführungen über die Orgel lesen. Ihr widmet er ein wunderbares Kapitel, nicht zuletzt, weil er als Knabe ganz nahe bei der Orgel stand. Franz Kaufmann erinnert daran in zwei Sätzen:
«Nach den Liedern, die wir daheim zu Vaters Handorgel und in der Schule zu Lehrer Hans Marfurts Klavier sangen, ging mir die Orgel …musikalisch am frühesten ans Herz. Daran sind mein Onkel Hans Schneider und der Sempacher Organist Fritz Steger schuld.»
Im Elternhaus und beim Orgelspiel in der Kirche fand die frühe Prägung des Knaben statt. Wie sollte er ihr später entgehen können? Wie sollte die Musik nicht zu seinem Identifikationsfeld werden und damit, neben dem Beruf, sein Leben bestimmen?

In dem Werk «Sind Sie kultiviert?» schildert Kaufmann dem Schüler Albert, worauf es ankommt, ein kultivierter Mensch zu werden. Dort lese ich: «Und seine Sprachbeherrschung wird ebenso schicksalhaft sein wie die Beherrschung des Schweigens …» Dieser Satz spielt in das vorliegende Werk hinein. Wir stossen auf diesen Grundgedanken in der feinen kurzen Erörterung des Chorals, der heute nur noch, so Franz Kaufmann, auf «europäischen Inseln der Innerlichkeit» lebt. Beim Choral, der noch immer gepflegt werde, handle es sich um den Ausdruck zurückgenommener Kraft. Er lässt dazu Pater Karl Wallner sprechen: «Wer Gregorianik singen will, braucht Kraft. Das Zarte und Ätherische am Choral kommt nicht daher, dass die Sänger die Töne gerade mal hauchen, sondern es kommt aus dem Zurücknehmen des Kräftigen und Starken, aus dem hörenden Einfügen der Stimme in den Klangkörper der Gemeinschaft.» Wie klingt diese Einsicht leise in einer laut gewordenen Welt! Wir leben nicht in einer Zeit des Sich-Zurücknehmens, und doch ist das Schweigen im richtigen Moment oft stärker als das laute drauflos trommeln. Vielleicht dachte Franz Kaufmann, als er über die Gregorianik schrieb, an das Wort des Psalmisten: «Herr, gib meiner Zunge eine gute Wache.»

Daran hat er sich bei der Niederschrift des vorliegenden Werkes gehalten: «Herr, gib meiner Schreibhand eine gute Wache.» Denn auch dort, wo er durchaus zeitkritische Töne anschlägt, tritt er nicht belehrend oder moralisierend auf, sondern immer sachbezogen. Wir haben es aus dem von Urs Korner zitierten Text zum Musiktheater Luzern herausgehört. Und wir können es lesen, wenn er sich Gedanken zu den heutigen Musikschulen macht, wo er ausführt, wie der grösste Nutzen aus dem Musikunterricht gewonnen werden kann. Er hat selber erlebt, wie wichtig ein guter Unterricht ist. Er übte und spielte in der Kindheit Cello. Er schreibt: «Als ich – Jahre später – in Luzern reguläre Stunden nahm, lernte ich allerdings auch die fatale Seite des Learning by doing kennen: Meine linke Hand hatte sich jahrelang verkrampft und solche Fehlhaltungen sind nicht mehr auszumerzen. Seither weiss ich, dass der Musikschüler am Anfang und am Schluss den besten Lehrer braucht.» Gilt diese Regel nicht auch beim gewöhnlichen Volksschulunterricht?

Bei der Schilderung der Musikszene Innerschweiz gerät Franz Kaufmann immer wieder auf kleine Umwege und dabei wird seine lebensphilosophische Grundhaltung spürbar. Er sagt etwa: «Ich führe mein Leben nicht, ich ‹unterziehe› mich ihm.» Es gebe, sagt er dann, zwei Grundformen der Lebensgestaltung: «Es gibt einfach jene, welche planen, sich Ziele setzen, rationale Mittel einsetzen und dann bis zum letzten kämpfen. Die andern warten auf Impulse, überlassen sich der Intuition, dem Kairos; letztlich glauben sie an einen unbewussten innern Lebensplan, den sie ‹nur› auszuführen haben.» Der Kairos ist bei den Griechen jener Moment, in dem Entscheidendes im Leben passiert. Für diese seltenen Sternstunden muss der Mensch offen und bereit sein. Oft ist es diejenige, der sich bereithält und dann den Augenblick ergreift, um schöpferisch neue Wege gehen zu können. Wird der dann zu seinem Erfolg befragt, gibt er offen zu, er hätte halt Glück gehabt. Er konnte den Kairos packen, carpe diem, packe den Tag, pflücke die reife Frucht. Das geht freilich nicht ohne Begabung. Übung und Können.

Einen solchen Augenblick hat Franz Kaufmann mit der Gründung der Knaben und Mädchen Kantorei gepackt. Dabei ist ihm und seinen Kollegen etwas Grossartiges gelungen. Und heute fragt er sich, was die Kinder und Jugendlichen beim Musizieren für das Leben mitnehmen, und er antwortet ganz bescheiden, «Plastizität und Stil; Umgangsformen als eingeübter Ausdruck von Empathie …» Und sagt dann: «Das ist ein durchaus valables und häufig unterschätztes Lernziel. Wir erstreben es für die Knaben und Mädchen der Luzerner Kantorei, aber wir erwarten nicht viel mehr.»

Und war nicht stilvoll, was uns die Kantorei unter der Leitung von Eberhard Rex vorgetragen hat? War hier nicht eine eingeübte Empathie zu spüren und konnte man nicht beobachten, wie eine Einheit durch das gegenseitige Aufeinanderhören beim Vortrag entstanden ist? Der Chor hat uns verzaubert. Herzlichen Dank und Gratulation.
Und:
Danke für die Aufmerksamkeit

Andreas Iten

Elisabeth Blunschy-Steiner - erste Nationalratspräsidentin

Wir feiern heute das Erscheinen eines kleinen Werkes von und über Elisabeth Blunschy-Steiner, verfasst von ihr selber und von Heidy Gasser. Es ist aber ebenso ein Werk über das Funktionieren der staatlichen Institutionen, der Schweizerischen Demokratie und ihrer Zivilgesellschaft. Besonders beeindruckend ist, wie das Volk innerhalb von zwölf Jahren seine Meinung geändert hat. 1959 wurde das Frauenstimmrecht abgelehnt, 1971 wurde es überzeugend angenommen. Was war in den zwölf Jahren geschehen?

Das Werk fasziniert, weil das Leben und Wirken einer bedeutende Persönlichkeit lebendig wird und damit eine wichtige Phase der schweizerischen Politik. Elisabeth Blunschy war darauf bedacht, einiges im Land zu verändern und sich für mehr soziale Gerechtigkeit einzusetzen.

Dank der AKS wurden diese Buchreihe und das neuste Werk überhaupt erst möglich.
Der Dank geht an den Präsidenten der Stiftung, Urs Korner und die Mitglieder des Stiftungsrats, auch den Direktor Franz Peter, der den Vorsitz im Herausgeberteam führt.
Dann geht der Dank an Urspeter Schelbert, der das Lektorat besorgte und die Herstellung überwachte.

Das Konzept dieser Reihe, stellt eine Persönlichkeit in den Mittelpunkt, - im Falle der Victorinox war es ein Familienunternehmen - , eine Persönlichkeit, die schildert, wie sich die Innerschweiz in den letzten vierzig Jahren nationale Geltung verschaffen konnte, und zwar sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Früher hiess es etwa in protestantischen Kantonen: Was aus der Innerschweiz kommt, liest man nicht. (Catholica non leguntur) Die Innerschweiz wurde übersehen. Das ist endgültig vorbei.

In der Werkreihe geht es nicht nur um die äusseren, sichtbaren Veränderungen. Die Buchreihe versucht die innere Strömung, die unsere Gegend durchzieht, zu erfassen. Sie will dem Tiefenfluss auf den Grund kommen. Es ist, um mit einem Bild zu sprechen, wie beim Vierwaldstättersee. Das Wasser der Reuss durchfliesst ihn bis nach Luzern, ohne dass der Ausflügler auf dem Dampfer dies wahrnimmt. Ähnlich durchfliessen geistige Tiefenströmungen die Innerschweiz und verändern sie. Davon legt unsere Reihe lebendiges Zeugnis ab.

Es ist sehr aufregend zu beobachten, wie sich die Ausführungen von Anton Rotzetter, des früheren Guardians des Kapuzinerklosters von Altdorf und des Schriftstellers Martin Stadler mit der vorliegenden Schrift der Politikerin berühren. Auch Elisabeth Blunschy schildert im Kapitel «Politische Erfahrungen auf dem Weg zum Frauenstimmrecht» die geistigen Umwälzungen, die sich seit den 60er Jahren ereignet haben.
Eine schöne Anekdote schildert, wie damals unterschiedliche Meinungen aufeinander prallten. Der Vereinsvorstand des Schweizerischen Frauenbundes, unter dem Präsidium von Elisabeth Blunschy sollte eine Vernehmlassung zum Frauenstimmrecht verfassen. Bischof Franziskus von Streng, der jeweils bei den Sitzungen als Ratgeber anwesend war, lehnte die Einführung des Frauenstimmrechts ab. Der Vorstand befürwortete sie. «Dank gütiger Vorsehung konnte Bischof von Streng wegen einer Terminkollision nicht kommen», schreibt Elisabeth Blunschy. Und als sie darüber berichtet hat, nehme ich an, wird sie geschmunzelt haben. In solchen kleinen Episoden klingt der feine Humor an, der in dem Buch da und dort aufblitzt und die Lektüre sehr vergnüglich und lustvoll macht.
(In ihrem Dankeswort kam sie auch ihren Mann zu sprechen. Beide studierten in Fribourg die Rechtswissenschaft. Ihr Mann habe jeweils gesagt: «In Freiburg habe ich die Recht studiert und dann heiratete ich die Rechte»).
In dem Werk erleben wir ein Stück schweizerische Politik- und Ideengeschichte, sehr subtil und unaufgeregt geschildert. Elisabeth Blunschy beteiligte sich engagiert bei der Überarbeitung des Zivilgesetzbuches. Es ging um das Adoptions-, das Kindes- und das Familienrecht. Ihre eigene Familiengeschichte beeinflusste das Denken der Juristin und Nationalrätin. Was in den neu zu gestaltenden Rechtsgebieten verändert werden sollte, war für Elisabeth selbstverständlich, denn die Eltern lebten die Gleichberechtigung von Mann und Frau vor. Mutter und Vater sprachen sich bei Familienfragen ab. Wobei die Mutter im Haus das Szepter führte.
Erfahrungen, die man im Elternhaus aufnimmt, beeinflussen das Leben. Auch sie werden zu einem Grundstrom, der das Denken und Handeln trägt. Goethe meinte einmal: «Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.» Und Elisabeth würde Goethe freilich sofort korrigiert und gesagt haben: «Was du ererbt von deinen Eltern hast …» Das Werk bescheinigt es. Die Eltern legten das Fundament ihres Denkens und Handels, und die Politikerin sowohl wie die Gattin und Mutter zehrten ein Leben lang davon. Ihrer Herkunft und später der Partnerschaft ihres Mannes hat sie viel zu verdanken. Das schildert sie im vorliegenden Werk schnörkellos und sachbezogen. Und gerade auch dies macht das Buch besonders sympathisch.

Heidy Gasser hat Ihnen aus dem Kapitel die «Nationalratspräsidentin» vorgelesen. Sie konnten daraus entnehmen, wie nüchtern, ehrlich und keineswegs ich-bezogen Elisabeth Blunschy diese wichtige Zeit ihres Lebens vergegenwärtigt. Der vorgelesene Text steht stellvertretend für Stil und Inhalt dieses Werkes, das stilistisch, trotz der eher unpoetischen Materie, meisterhaft geschrieben ist. Interessierten Lesern wird es viele Einsichten geben, und erst noch Lesevergnügen verschaffen.

Ich erlaube mir eine kurze Passage aus meinem Roman «Gegengelesen. Ein politischer Bericht» vorzulesen. Es ist ein Roman, indem der Bundeshausredaktor Paul Jäger u. a. über die Geschehnisse im Bundeshaus berichtet. Jäger beschreibt, wie Elisbeth Blunschy den Nationalrat präsidierte. Sie werden den Unterschied zwischen einem Tatsachenbericht und der fiktiven Schilderung in einem Roman, der sich mehr Freiheit erlauben darf, heraus hören.

Abschliessen möchte ich meine Würdigung mit einem Zitat. Ganz am Schluss im Kapitel «Ruhestand» schildert Elisabeth Blunschy, wie sie die Bundesakten in einem Zimmer neben dem grossen Saal untergebracht hat. Auch im Zimmer gibt es wie im Saal Malereien an der Wand. (Zitat): «Nüchterne Gesetzestexte erfreuen sich jetzt an der Gesellschaft von Schmetterlingen, Blumengirlanden und Engeln, welche seit Jahrhunderten die Wände bevölkern. Einerseits liebe ich klar formulierte Gesetze, welche unserem Leben Ordnung und Struktur verleihen. Andererseits brauche ich auch das Verspielte und Schöne, wie es in einem Blumengarten zum Ausdruck kommt.»

Sie sehen, ein engagierter, schöpferischer Mensch lebt vom Wechselspiel der Eindrücke, und auch von der Ambivalenz der eigenen Natur. Mit Bildern und Porträts in den Räumen des Hauses eins am Rathausplatz wird noch einmal die Familiengeschichte, die Elisabeth Blunschy-Steiner geprägt hat, lebendig. Der Mensch ist in Geschichten verstrickt, und ohne Geschichten, kann man ihn nicht kennen. Durch die Lektüre werden Sie also eine bedeutende Persönlichkeit besser kennen lernen. In das Werk fein eingesponnen finden Sie den Humor einer engagierten Frau. Sie schauen lustvoll ihrem politischen Tun zu, und werfen einen Blick hinter die Kulissen der politischen Macht.

Laudatio anlässlich der Buchvernissage am 7. Juli im Schwyzer Rathaus
Es handelte sich um das 5. Buch in der Reihe «Innerschweiz auf dem Weg ins Heute. Ein Leben für mehr soziale Gerechtigkeit» Buchreihe der Albert Koechlin Stiftung.

Ein kleiner Beitrag zur Abstimmung am Sonntag

Die Geschichte wiederholt sich, einfach ein wenig anders, aber im gleichen Geist. Hugo Loetscher ist gestorben. In seinem Werk «War meine Zeit – meine Zeit», das der Autor noch der «Pro Helvetia» vor seinem Tod für die Gewährung eines Werkjahrs verdankte, schreibt er auf Seite 132: «Es war die Rückkehr in eine Stadt, in der über den Bau einer Moschee gestritten wurde: ‹Moschee schon, aber kein Minarett›: Das erinnerte mich an die Hochzeit meiner Schwester. Als Katholikin nahm sie einen Protestanten zum Mann. Eine einzige katholische Kirche in der Stadt willigte ein, eine solche Mischehe zu trauen. Wir standen vor der Kirche. Ich drängte. Meines Schwester beruhigte mich: ‹Bis es läutet›. Die Kirche selbst läutete nicht. Beim Bau der Kirche war ein Turm gestattet worden, aber keine Glocken. Hingegen war die benachbarte protestantische Kirche bereit, bei katholischen Feierlichkeiten zu läuten. Auf dieses christnachbarschaftliche Geläut warteten wir.»

Methoden sind das!

Die Art wie die Führungscrew der SVP mit Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf umgeht, gibt eine Ahnung, wie sie mit Menschen umgehen würde, die ihr nicht in den Kram passen, wenn sie umfassende Macht hätte. Da werden Termine gesetzt, Ultimaten ausgesprochen, heftigster Druck ausgeübt, und dies auf eine demokratisch gewählte Bundesrätin. Der Dokumentarfilm, auf den sie sich dabei stützt, war ein schwaches, rasches Produkt des Fernsehens. Jeder und jede, die wissen wollten, dass Frau Widmer-Schlumpf keinen Komplott mit irgendwelchen Strippenziehern geschmiedet hatte, konnte dies bereits am Tag der Wahl vernehmen. Die Bundesrätin hat sich dazu unmissverständlich geäussert. Sind die Aufgeregten glaubwürdiger als eine Frau, die ruhig und sachlich ihr Amt versieht? Es wäre an der Zeit, dass alt Bundesrat Christoph Blocher ein Machtwort sprechen würde, damit dieses unwürdige Dreinschlagen endlich aufhörte. Damit könnte er wieder etwas Achtung zurückgewinnen. Offenbar aber dreht sich im Zornkollektiv der SVP der Kreisel der Empörung. Dabei möchten wir doch so gerne wissen, worin die angekündigte Opposition der Partei besteht.

Zur Wahl der neuen Bundesrätin

Der beste Bundesrat – einige übersteigerten sich, indem sie sogar vom bedeutendsten aller Zeiten redeten –, sei schmählich abgewählt worden. Peter Spuhler ereiferte sich, indem er sagte, man sollte sieben Blochers im Bundesrat haben. Da fragt man sich nur: «Was dann?» Eveline Widmer-Schlumpf ist korrekt gewählt worden. Ich möchte einfach allen, die von Verrat und weiss nicht was allem reden, zu bedenken geben, dass sie dereinst, wenn sich diese Frau als Bundesrätin bewährt hat und ein Glanzlicht der SVP ist, nicht mit Parteistolz auf sie hinweisen und sagen: «Seht nur, was wir für Frauen haben!» Als Lilian Uchtenhagen, die nicht in die Reihe der damaligen dunklen Männer gepasst hatte, in einer Nacht und Nebelaktion Otto Stich vor die Nase gesetzt worden war, kam es zu schweizweitem Wehklagen. Die Sozialdemokraten drohten mit Opposition. Später hielten sie sich an ihren Bundesrat und stilisierten ihn zum Aushängeschild der Partei.

Die Frage des Stils

Sonja A. Buholzer bemerkt in ihrer Kolumne (NLZ vom 27. Oktober 2007) zum politischen Stil im Zusammenhang mit den Wahlen: «Stil ist zeitlos, nachhaltig, die Folgen der Stillosigkeit meist irreparabel.» Mir scheint es dringlich zu sein, den hinter uns liegenden Wahlkampf qualitativ und nicht bloss nur quantitativ aufzuarbeiten. Sonja A. Buholzer hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet. Sie schreibt unter anderem, dass der Wahlkampf mit «Politpossen, die an Stillosigkeit und Hass kaum zu überbieten» gewesen seien, das Klima vergiftet habe. Zahlreiche Politiker und Journalisten verdrängen die Folgen von Stillosigkeit und betrachten sie als bedeutungslos. Warum aber wird der Stil kaum hinterfragt? Warum gehen die Wahlbeobachter so schnell zur Tagesordnung über? Der Grund mag wohl darin zu suchen sein, dass sie nicht zu erkennen vermögen, dass Stil auch Inhalt ist. Die Diskussionen über das Schwarzen Schaf und dessen Darstellung auf dem Plakat zum Beispiel ist Inhalt. Das Plakat hämmert ein und grenzt aus. Es versucht das Schwarze Schafe verächtlich zu machen. Daraus entsteht irreparabler Hass. Bei einem Kunstwerk, aber auch bei Propaganda und Werbung lassen sich Form und Inhalt nicht trennen. Der Inhalt sucht eine Form. Die plakative Darstellungsweise ermuntert alsdann zu undifferenzierter Handlung. Bildlich gesagt, den Schlaghammer in die Hand zu nehmen. Der Krieg beginnt mit Worten. Präsident G. W. Bush musste das Volk verbal einseifen und mit ausdrücklichen Lügen für den Krieg im Irak vorbereiten.

Wallfahrt des Protestes

Die Wallfahrt des Protestes richtete sich gegen «Beleidigungen und Schmähungen, welche durch die Neuinszenierung des Einsiedler Welttheaters Gott und der Jungefrau Maria zugefügt werden.» Dies behaupteten die traditionalistischen Kreise, die mit Fahnen und Gebeten nach Einsiedeln zogen. Mir ist dieser Protest unverständlich. Thomas Hürlimann hat ein zeitgemässes Stück geschrieben, und Volker Hesse hat dieses Stück brillant, spannend und bilderreich auf den Einsiedler Klosterplatz – mit sehr engagierten Laien – gebracht. Das Stück wirft Fragen auf, die ich nicht als Schmähungen verstanden habe. Es sind unbequeme Fragen gewiss, Fragen, die sich dem hellen Verstand angesichts der Gräuel und Katastrophen und der Ungerechtigkeiten jeden Tag neu stellen. Dass traditionalistische Kreise diese Fragen nicht aushalten und lieber vorgegebene Antworten hören, verwundert mich nicht. Wer aber ein Stück auf dem Klosterplatz haben will, das nur Antworten gibt, sollte auf Schriftsteller und Regisseure von Format verzichten. Das Stück ist auch nicht düster und hoffnungslos, wie der Abt geschrieben hat. Es schildert die zeitgemässe Befindlichkeit des Menschen. In der Enge des Jammertals, wie in der Kirche gesungen wird, öffnet sich am Ende des Stücks die Klosterpforte. Sie will einen Hinweis geben, dass es eine Hoffnung gibt. Der geschundene, der todgeweihte Mensch, der Reiche wie der Arme, der Dorfkönig wie die Schönheit, kommen ohne Transzendenz, ohne die Erfahrung, dass der Mensch die Grenzen des subjektiven Daseins in einer Sinnrichtung überschreiten muss, nicht aus. Aber Transzendenz ist nicht von oben verfügbar. Thomas Hürlimann zeigt drastisch, wie der Mensch heute auf sich zurückgeworfen ist und wie er darin das eigene Ungenügen erfährt. Ohne diese Geworfenheit bräuchte der Mensch keine Gedanken an das Leben nach Tod zu verschwenden.

Ich mache mir keine Illusionen

Das Schlagwort: «Missbrauch bekämpfen» spricht jeden an, auch mich. Wie sollte man Missbräuche tolerieren? Was aber das Schlagwort im Zusammenhang mit dem neuen Asylgesetz meint, ist nur mit einem hohen Preis zu haben. Vielleicht baut die Schweiz dann bald neue Haftanstalten, um schon minderjährige Ausländer ohne Papiere neun Monate in Haft zu nehmen, ja ganze Familien. Was macht ein Staat mit Menschen, die er einfach auf die Strasse stellt, weil sie sich innert zwei Tagen nicht ausweisen können? Wo tauchen sie unter und wo tauchen sie auf? Als Diebe, als Dealer, als Kriminelle, als Leute, die sich ihr tägliches Brot stehlen müssen? Was kostet uns die Bekämpfung einer solchen vom Staat geförderten Kriminalität?

An humane Gefühle möchte ich nicht appellieren. Die prallen ab. Aber wenn Urs Hadorn, jahrelang Chef des Flüchtlingsamts, zu bedenken gibt, dass die neu geplanten Massnahmen wenig effizient, weitgehend wirkungslos und unverhältnismässig seien, so sollten kostenbewusste Schweizer schon ein bisschen Vernunft annehmen. Es bleibt nur Kopfschütteln, dass die Allianz, die sich bürgerlich nennt, den Kopf verliert und nicht mehr an die Kosten denkt und an die Folgen. Ich hege nicht die Illusion, dass das Gesetz abgelehnt wird, ich gebe mich aber auch nicht der Illusion hin, dass es viel Wirkung erzielt. Was ich aber weiss: Es verdirbt das Klima in unserem Land noch mehr. Es lässt dieses schöne Land kleinlich und hässlich aussehen. Es stösst die Türen für Beamten- und Fremdenpolizeiwillkür weit auf. Und dagegen müssen sich echt liberale Menschen zur Wehr setzen, Menschen, wie Lukas Niederberger vom Lasalle-Haus, der seine Erfahrung in die Waagschale werfen kann, wie Markus Rauh, ein Spitzenmann der Wirtschaft, der Behörden- und Beamtenwillkür auf die Barrikade gegen das neue Asylgesetz gebracht hat. Ich pflichte ihnen bei und hoffe, dass sie viele Nein-Stimmen versammeln können.

SVP kämpft gegen die Gutmenschen

Ueli Maurer behauptet, der Abstimmungskampf zum Asyl- und Ausländergesetz spiele sich zwischen Realität und «Gutmenschen» ab. Ist Markus Rauh ein «Gutmensch», sind alle, die gegen dieses Gesetz argumentieren, so leicht und süffisant in eine Ecke abzuschieben, wie das der SVP Präsident macht? Die Realität ist doch wohl etwas komplexer als simple Schlagworte einer Partei. Ueli Heiniger sagt in einem Interview: «Das schwarz-weiss Denken, das manchmal auch in den Medien vorherrscht, war nie mein Menschenbild. Und wenn jetzt der ‹Gutmensch› in PR-Aktionen als Feindbild aufgebaut werden soll, muss ich nur lachen» (NLZ). Man muss Heiniger Recht geben. Es ist lächerlich, aber vielleicht nicht zum Lachen. Der Gegensatz zum «Gutmenschen» ist nicht Realität, sondern «Bösmensch». Aber es fällt ja niemandem ein, einen Befürworter des Asylgesetzes als «Bösmensch» zu verurteilen.

«Blocher bewegt die Schweiz»

Auf Plakaten im Kanton Zug schreibt die kantonale SVP «Blocher bewegt die Schweiz». Nun hat er zweifellos etwas Wind in die schweizerische Politik gebracht, aber keineswegs in eine Richtung, die uns stolz machen könnte. Das neue Asylgesetz mit der fremdenfeindlichen Grundstimmung ist gar unmenschlich und verachtet die humanitäre Tradition unseres Landes. Auch beim Swisscom Entscheid des Bundesrates, mit Blochers Empfehlung einer Volksaktie, glaubte er mit populistischen Versprechungen die Menschen zu ködern. Seit Blocher im Bundesrat ist, entwickelt sich unser Land noch mehr zu einer Schweiz AG. Diese beruht auf einem Staatsverständnis, das die Schweiz retour bewegt. Wenn die SVP stolz auf diese Art der Bewegung ist, müsste sie einfachen Menschen erklären, was das für sie und unser Land bedeutet. Vielleicht bleibt wie in anderen Ländern auch bei uns bald der Dreck auf den Strassen und Plätzen liegen.

Die Bürgergemeinde ist nicht die letzte Beurteilungsinstanz

«SVP-Merz erlitt eine Niederlage», Neue ZZ vom 28. März

Dass Bürger von Unterägeri die 14 Einbürgerungsgesuche gutgeheissen haben, beruht wohl auf der Tatsache, dass Ernst J. Merz mit seinem Verschiebungsantrag nicht zu überzeugen vermochte. Sein Argument, die Befolgung der Weisung des Regierungsrates, dass bei Einbürgerungen das Urteil des Bundesgerichts zu befolgen sei, bedeute eine Bevormundung des Bürgers, ist nicht stichhaltig. Wenn er behauptet, die Bürgergemeinde sei die letzte Instanz, darüber gebe es keine andere, so ist das falsch.
Selbst der Kantonsrat könnte eine Einbürgerung noch ablehnen, was schon geschehen ist. Die Ausführungen von Ernst J. Merz beruhen auf einem falschen Demokratieverständnis. Die oberste Autorität im Staat sind Verfassung und Gesetz und nicht – im Falle der Einbürgerung – die Bürgergemeinde. Wenn ein Einbürgerungsentscheid nicht den Vorgaben entspricht, kann ihn die Rekursinstanz und letztlich das Bundesgericht aufheben.

Es sind Fälle – auch im Kanton Zug – bekannt, wo das Bundesgericht einen Entscheid eines Bürgerrates aufgehoben hat. Wenn Verfassung und Gesetz, die sich das Volk letztlich selber gegeben haben, die höchste Autorität im Staate darstellen, dann braucht es auch ein unverdächtiges höchstes Gericht, das im Namen dieser Rechtsautorität zu entscheiden befugt ist. Da kann Ernst J. Merz alle Hände verwerfen und ausrufen: «Wehret den Anfängen – deshalb Hände weg von unseren Volksrechten!», es bleibt bedeutungslos.

Man müsste den Gedankengang von Emst J. Merz zu Ende denken, dann würde man erkennen, dass sein Demokratieverständnis nicht richtig sein, ja in eine Richtung führen kann, die sogar für die Demokratie gefährlich ist.

Der Bundesbrief ist nicht verkäuflich

Dass Politiker selbst auf höchster Ebene des Staates immer wieder zu Schabernack neigen, haben diese Woche Nationalrat Mörgeli und Kompagnie bewiesen. Sie wollen den Bundesbrief für eine lächerliche Million kaufen. Für einen Picasso würde man wohl 150 Millionen bieten. Dieses Angebot für den Bundesbrief belegt, wie wenig er dem Züricher Historiker und der angeblichen Stiftung wert ist. Es war zum vorneherein klar, dass der Bundesbrief nicht zu kaufen ist. Aber es ging ja nur um eine Politikshow, und dass da auch Schyzer Nationalräte mitmachen, erstaunt, selbst wenn sie vorgeben, sie seien besorgt, dass der Brief für eine Ausstellung ins Ausland ausgeliehen würde. Schön eigentlich, dass man in Amerika zur Kenntnis nimmt, dass der Anfang unserer Demokratie sich auf ein uraltes Dokument stützen kann, das in Schwyz sorgsam aufbewahrt wird. Die Aktion wäre nicht einen Leserbrief wert, wenn über diese Art des Politikspektakels nicht der Hals würgen würde. Also geben wir besser heraus, was im Hals sonst stecken bleibt.

Prezzémolo in tutto und ein Bankett mit George W. Bush

In Palanza, am lago maggiore, bestellte ich eine Minestrone. Der Wirt bediente höchst persönlich. Ich brachte die Sprache auf Berlusconi. «Lui», der Wirt stoppte für einen Augenblick und meinte dann: «Prezzémolo in tutto», drehte die Finger, als ob er Petersilie zerreiben wollte, um sie über die Minestrone zu streuen. Das war ein starkes Bild. Der Staatspräsident hat die Finger in allem, auch in einer dicken Suppe, in einem Mischmasch von allerlei Gemüse. Petersilie ist fast auf allen Gerichten!

Am gleichen Tag las in «La Stampa», der Cavaliere habe vierzig Tage vor den Wahlen mit George W. Bush getafelt. Die Gäste hätten dabei Eintrittskarten von Tausend bis zu Hunderttausend Dollar bezahlt. Wer in Händedrucknähe zum Präsidenten sass, bezahlte den höchsten Preis. So eine Eintrittskarte muss sich auszahlen!

Die Korruption spielt sich vor aller Welt ab, ungeniert und schamlos. Kein Wunder, dass Politik auf höchster Ebene zum Götzendienst verkommen ist, dass Staatspräsidenten vormachen, wie man um das goldene Kalb tanzt.

Verdächtige Wortwahl

Leserbrief vom 31.01.2006 in der Neuen Luzerner Zeitung

Nein, hier soll nicht auch noch zur Büttenrede des Luzerner Regierungsrat, Daniel Bühlmann, Stellung genommen werden. Sie war nicht verdächtig, sondern klar, höchstens sind es die Ausreden. Mir kam bei der Lektüre des Berichts über den Männerabend wieder einmal das Wort in den Sinn: «Wie soll ich wissen, was ich denke, wenn ich nicht höre, was ich sage.» Mir geht es vielmehr um das Unwort des Jahres: «Entlassungsproduktivität». Das ist wirklich ein verdächtiges Wort, das Vielerlei verschleiert. Produktiv können die Entlassungen für die Shareholder sein. Die Aktien steigen. Es verschleiert aber, dass die Entlassungen volkwirtschaftlich schädliche Folgen für die Arbeitslosenkasse nach sich ziehen und damit den Staat belasten. Ebenfalls belastet es übermässig diejenigen, die den Arbeitsplatz behalten und zieht den frühzeitigen Abbau der Arbeitskapazität des Personals nach sich. Es schwächt auf die Dauer die Motivation und fördert die Ellbogengesellschaft am Arbeitsplatz. «Entlassungsproduktivität» ist ein Wort, das einen komplexen Vorgang verdunkelt und ihn nur aus einer Optik des Kapitals beleuchtet. Es wurde in Deutschland zurecht als Unwort des Jahres erkoren.

Zweifel am selbstverantwortlichen Handeln

Zum Interview: «Andere Staaten überholen uns», vom 4. Januar in der NLZ

Werner Steinegger, Präsident der Zentralschweizerischen Handelskammer, beklagt die Vielzahl der Regulierungen und glaubt, der liberal gesinnte Mensch übernehme von sich aus Selbstverantwortung. Das trifft individuell und auf sich selbst bezogen meistens zu, denn er orientiert sich an seinem eigenen Nutzen. Er würde aber kaum solidarisch handeln, wenn er nicht dazu gezwungen würde, sicher nicht in dem Mass, damit eine einigermassen gerechte Gesellschaft organisiert werden könnte. So paradox es ist: Je mehr Deregulierung, desto mehr Regulierung durch den Staat. Denn der Staat und nicht der Private organsiert die öffentliche Verantwortung. Will der Staat sichern, dass eine von ihm unabhängige Swisscom die öffentliche Versorgung aller Regionen des Landes sicherstellt, braucht es klare Regeln, es braucht Aufsichtsorgane und Kontrolleure. Moritz Leuenberger hat in einer Rede (19. Mai 2005) ausgeführt: «Die Liberalisierung von Post, Telekommunikation und Eisenbahn, also die Gewährung der Freiheit an andere Marktteilnehmer, im bisherigen Monopolbereich mitzuwirken, hat in allen Fällen zu Regulierungen und zu neuen staatlichen Stellen geführt, welche den Markt kontrollieren. Mein Departement ist durch die Liberalisierung grösser geworden.» Die Frage im Interview: «Denken Sie, dass die Unternehmen freiwillig Schadstoffe reduzieren würden?», wurde von Werner Steinegger, wenn er suggeriert, dies sei freiwillig geschehen, nicht glaubwürdig beantwortet. Wer zurückblendet, weiss, wieviel Druck es von Seiten des Staates brauchte, damit die Schadstoff-Emission reduziert wurden. Ich glaube in der Tat, dass eine grundsätzliche Debatte über das Verhältnis Staat und Marktwirtschaft geführt werden müsste. Im Mittelpunkt müsste die Frage stehen: Wie organisiert wer die Verantwortung, damit nicht eine ungerechte und unsolidarische Gesellschaft entsteht? Eine unsolidarische Gesellschaft aber wäre eine schwere Hypothek für die Kräfte der freien Marktwirtschaft. Sie würde schädliche soziale Spannungen schaffen (siehe Anzünden von Autos in Frankreich).

Blocher auf dem Gurten

(leicht geändert)

Es steht ganz in der Tradition der schweizerischen Eidgenossenschaft, dass der Prophet auf den Berg geht, um sich selbst zu loben und seine Verdienste zu rühmen. Du sollst das Licht nicht unter den Scheffel stellen. Damit erreicht die eidgenössische Politik eine biblische Dimension. Es ist also das Zeitalter des politischen Selbstlobs angesagt. Und wenn noch suggeriert wird, im Bundesrat herrsche das reinste Einvernehmen und es gebe keine Spannungen, dann ist das im Licht der politischen Bilanz (auf dem Gurten) sehr erfreulich. Wir haben besinnliche Weihnachten nach all den Querelen. Ich hoffe auf weisse Weihnachten.

P. S.: Ich wünsche ein gutes neues Jahr und den bundesrätlichen Frieden auf Erden!