Zu Babel ein Turm

Am 18. November erklang in der Pfarrkirche Unterägeri das mächtige und packende Oratorium «Zu Babel ein Turm» von Carl Rütti, nach einem Text von Ulrich Knellwolf. Der Konzertchor der Stadt Solothurn hatte dieses Werk zum «175 Jahre Jubiläum» bestellt. Als Laie darüber zu schreiben, wäre verwegen. Der Titel jedoch bewegt mich, das Thema des Auftragswerks passt zudem in unsere Zeit.

In der vierten Klasse erzählte uns der Lehrer Hans Schmucki die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Die Menschen seien hochmütig geworden und wollten einen Turm bis zum Himmel bauen. Der Turm aber sei eingestürzt, und mit dem Einsturz seien die Menschen in die babylonische Sprachverwirrung geraten. Im Oratorium singt der Tenor: «Hast du endlich erkannt, was für einen Konkurrenten du dir mit dem Menschen geschaffen hast? Sie werden nicht ruhen, bis sie dich vom Thron gestürzt und sich an deine Stelle gesetzt haben.» Mit dem Turmbau, so der moderne Text, war Gottes Eifersucht geweckt. Zornig fuhr er zwischen die Menschen. Er strafte und schlug ihre Zunge. Von nun an verstanden sie sich nicht mehr. Sie redeten aneinander vorbei.

Diese Sprachverwirrung hält an. Sogar Menschen mit derselben Muttersprache, verstehen sich nicht oder wollen sich nicht verstehen. Hören Sie nur gut hin, wenn in der «Arena» Politiker aufeinander treffen. Keiner hört dem anderen wirklich zu. Jeder klammert sich an sein Argument. Ein Detail soll genügen, einleuchten und für das Ganze stehen.

Mancher Vorstoss in einem Parlament verläuft nach demselben Muster. Da musste doch der Regierungsrat des Kantons Luzern kürzlich auf Anfrage eines Grossrats erklären, weshalb ausgerechnet Granitsteine aus China in einer neuen Strasse im Entlebuch verbaut werden. Was für ein Unsinn denkt der Bürger, wenn er das hört. Wir sind doch ein Land aus Stein und Granit. Der Granit liegt vor der Tür. Warum holen wir ihn denn in China? Ich wünsche mir ebenfalls, dass wir im Strassenbau Schweizer Steine verwenden, und das Glas Milch von unseren Kühen kommt und der Käse von unseren Alpen stammt.

Gibt es wirklich kein schlagendes Argument dafür, Steine aus China zu importieren? Doch! In der Politik und Gesellschaft steht zuoberst: Wer billiger produziert, erhält den Zuschlag. Dieses Argument siegt immer. In den vergangenen Jahren wurde uns stets eingehämmert, es sei richtig und zulässig, die günstigste Offerte zu berücksichtigen. China produziert nun mal am günstigsten. Der Kanton mit den geringsten Steuern baut den höchsten Turm. Mobilität, Privatisierung, schrankenloser Güterverkehr auf der Strasse und in der Luft und billige Produkte sind Babels Fundamente. Warum jammert denn einer, wenn Granit aus China importiert wird?

«Avenir Suisse» fordert unsere Bauern auf, unternehmerisch selber zu schauen, wie sie am Markt bestehen. Etwas für die Landschaftspflege können sie daneben durchaus auch noch tun. Die Schweiz wird nicht verganden und verbuschen, wenn die weniger Erfolgreichen aufgeben müssen und ihre Liegenschaft versteigert wird. «Avenir Suisse» gebärdet sich als Prophet auf dem Turm: Schränken wir den Staat ein! Der Markt wird es schaffen. Ein Nachwächterstaat, genügt, ein Staat, der sich darum kümmert, dass Menschen auch in der Nacht ohne Angst durch die Stadt gehen können und Kinder nicht Kinder vergewaltigen. Alles andere schaffen wir schon. Wir bauen am Turm.

Wir leben nun einmal im Durcheinanderturm. Die Kunst, Unterschiede zu machen und im Ganzen Differenzen zu erkunden, brauchen wir nicht zu erlernen Die Schlagzeile zählt.

Ich hocke vor dem Fernseher und zappe. Mir fällt gerade nichts Besseres ein. Lesen will ich nicht. Lesen ist beschwerlich, und ich muss dabei auch noch denken. Mag ich nicht. Schon besteige ich den Turm zu Babel. Je länger ich zappe, desto höher gerate ich. Beim 56. Sender tun mir die Augen weh. Ich muss dem Sprachwirrwarr entkommen. Ich gehe zurück auf FS 1. Der Service public sei wichtig, betont Bundespräsident Moritz Leuenberg. Wenn die SRG eine Gebührenerhöhung durchboxen will, dann privatisieren wir den Sender, drohen die Gegner. Ich halte dagegen. Ein Sender, der dem Service public verpflichtet ist und den Tatbeweis dafür erbringt, ist kein schiefer Turm. Es gibt Sendungen, die mir etwas bedeuten. Etwa die «Sternstunde» am Sonntagmorgen, das «Nachtcafé» auf SWR. Dort wird glücklicherweise zur selben Stunde diskutiert wie in der «Arena». Die Gesprächsteilnehmer gehen jeweils aufeinander ein.

Der Sprachwirrwarr wird grösser. Die Armen verstehen die Reichen nicht, die Städter nicht die Landbewohner, die Fremden kaum die Einheimischen. Bundesräte senden unterschiedliche Signale ins Land. Die Fundamentalisten predigen ihren Gott. Amerika stiftet weltweiten Hass. Die Kinder hören nicht auf die Erwachsenen, die Alten nicht auf die Jungen. Bald ist Weihnachten. Das Angebot ist gigantisch. Die Waren werden aus globalem Stoff aufgehäuft. Da können wir den Turm zu Babel bewundern.

Der Sopran singt im modernen Oratorium: «Mit Verlaub, Herr, lass deine Dienerin ein Wort reden vor deinen Ohren, und dein Zorn entbrenne nicht über meine Rede. Gott bist du doch und nicht ein Mensch! Was können Menschen dir antun? Darum strafe sie nicht in deinem Zorn und züchtige sie nicht in deinem Grimm.» «Nein», antwortet der Tenor, «verzeihe ihnen die Missetat nicht.»