Der Mensch lebt in Geschichten

Er hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Er enttäuschte mich erst, als er mit geschwellter Brust sagte, er habe noch nie ein Buch gelesen. Darauf war er sichtlich stolz. Hätte er nicht als Vertreter einer Chefetage gesprochen, wäre mir alles egal gewesen. Er sollte doch ein Vorbild sein. Da es sich schlecht macht, einem Journalisten zu gestehen, ausser den Schulbüchern habe er noch nie ein Buch gelesen, hätte der Mann ja sagen können, dass auf dem Nachttischchen die Bibel liege. Er lese vor allem im Alten Testament, und da vorzugsweise aus dem Buch des Propheten Habakuk: «Das Gesicht, das Habakuk, der Prophet, geschaut: Wie lange rufe ich um Hilfe, Herr? Du hörst nicht. Und schreie ich zu Dir: ‹Bedrückung!› Du aber rettest nicht. Warum lässt Du mich Unheil sehn und siehst dem Jammer zu? Warum steht Druck und Vergewaltigung mir vor Augen? … ». Habakuk brachte es in seinem Buch gerade mal auf drei Kapitel.

Der Mann mit dem Herz auf dem rechten Fleck hätte an dem zwei Meter dreizehn langen und hundertfünfzig Kilo schweren russischen Boxer Nikolaj Walujew Mass nehmen können. Im «Tages-Anzeiger»-Interview vom16. Januar 2007 bekannte der Riese und erfolgreiche Schwergewichtsboxer, ihm sei die Literatur wichtig. «Von Schriftstellern wie Puschkin oder Tolstoi kann man viel lernen. Man sollte aber darauf achten, keinen Schund zu lesen.» Von Walujew, der seinen Gegner mit Fäusten traktiert, würde man nicht erwarten, dass er ein Leser ist. Vor einem Kampf allerdings, führte er aus, könne er sich nicht mit hoher Literatur befassen.

Mit Freude las ich den Jahresbericht der Bibliothek des Ägeritals, die 2006 wieder annähernd vierhundert neue Leserinnen und Leser eingeschrieben hat. Die Neugierde auf die Auslegung der Welt und deren Erklärung ist noch nicht verschwunden, sie will gestillt werden. Der Mensch lebt in Geschichten, und jeder hat eine eigene. Will er nun wissen, wie es um seine Geschichte bestellt ist, muss er andere kennen lernen. Erst durch andere kann er zu einer eigenen Identität kommen. Will er also erfahren, wer er ist und wie es um ihn steht, darf er nicht nur in seiner eigenen Geschichte herumwatscheln wie ein Pinguin. Zugegeben, der Mann mit dem Herz auf dem rechten Fleck war sehr neugierig. Darum sass er oft am runden Tisch und nährte sich vom Klatsch. Der Klatsch ist nicht zu unterschätzen. Wird Klatsch ausgetauscht und man hört zu, orientiert man sich über das Leben anderer. Wird in der Politik geklatscht, dann dient dies der Auswahl des politischen Personals. Ohne Klatsch zu verbreiten, finden die Parteien keine Kandidaten.

Erzählungen und Romane sind eine unerschöpfliche Fundgrube für Lebensentwürfe. Sie berichten vom Scheitern und vom Gelingen. Jeder Mensch ist in Geschichten verstrickt. Ohne Geschichten weiss man nicht, wer man ist. Wer verliebt ist, möchte als erstes erfahren, ob es davor schon eine Liebesgeschichte gegeben hat.

Als ich vor einigen Wochen in Bern vor dem örtlichen Zuger Verein eine Lesung gehalten habe, wollte eine achtzigjährige Dame wissen, ob in meinem Buch denn eine Liebesgeschichte vorkomme. Sie fügte bei, fehle eine solche, dann lese sie den Roman sowieso nicht. Sie war erst befriedigt, als ich antwortete, es kämen sogar zwei darin vor. War diese Frage etwa banal oder gar sentimental? Nein! Menschen möchten wissen, wie Liebesgeschichten beginnen und enden. Daran können sie ihr eigenes Liebesglück messen. Wer nicht liebt, braucht keine Romane zu lesen. Er lebt ja in einer eindimensionalen Welt, und diese ist oft nicht besonders verwickelt.

Warum lesen wir gerne Biographien? Wir wollen am Leben anderer Menschen teilnehmen, uns mit ihnen vergleichen, fragen, ob wir ähnlich klug oder dumm gehandelt hätten wie die beschriebene Person. Romane, Erzählungen und Biographien konfrontieren uns also mit unserer eigenen Geschichte und helfen uns, sie zu deuten. «Im Kreis seiner Geschichten hat jeder recht», schreibt Wilhelm Schapp. Erzählungen aber öffnen ein Fenster in eine andere Welt, und diese wird die eigene relativieren.

Gelegentlich stösst man auf ein Buch, das einen nicht mehr loslässt. Es trifft offenbar den Nerv des eigenen Lebens. Wir erben Geschichten, sind in sie hineingeboren und kommen von ihnen nicht los. Es sind die Geschichten der Eltern, der Geschwister, der Vorfahren, des Dorfes und des Landes. Die Berufswahl ergibt z. B den Anfang einer neuen Geschichte. Die Religion, in der wir erzogen worden sind, stellt uns vor einen Berg aufgetürmter Geschichten, die uns oft erdrücken, zugleich unser Leben bestimmen.

Lesen wir Schund, dann bewegen wir uns weg vom Leben und geraten auf eine Schutthalde. Wir rutschen ab. Das Leben ist keine glatte Sache. Es ist und bleibt Sinnsuche. Die Religion als Erzählung einer grossen Geschichte ist eine Form der Weltauslegung und der Sinngebung. Die biblischen Geschichten werden gedeutet, doch keine Deutung gelangt zu einem Ende. Weil es dieses Ende nicht gibt, werden weiterhin Geschichten erzählt, gelesen und gedeutet. Habakuk weiss davon: «Da gibt der Herr mir dies zur Antwort, und er spricht: ‹Schreib das Gesicht für dich auf und zeichne es in Tafeln ein, dass jeder es geläufig lesen kann›.»