Der Atem der Eros

Ende September brachte die «Neue Zuger Zeitung» im ersten Bund drei Artikel, die mehr gemeinsam hatten, als vielleicht zuerst gedacht. Da machte sich der Philosoph Roland Neyerlin Gedanken über den unbehausten Menschen und schrieb: «In unseren hochkomplexen, superindividualisierten, mobilen und radikal pluralistischen Gesellschaften, drohen Sinnwüsten, Identitätsverlust, Orientierungslosigkeit und Entwurzelung».

Im Weiteren las ich von der Theaterfrau Annette Windlin, dass sie eine Aufführung von Oskar Panizzas (1853-1921) «Liebeskonzil», eine Himmelstragödie, in Brunnen auf die Bühne bringen will. Das Stück galt bei seinem Erscheinen als obszön und skandalös und wurde verboten. Annette Windlin sucht aber nicht den Skandal, sondern vermerkte: «… dass der Herrgott die Macht über seine Schöpfung verliert, dass er mit dem Teufel paktieren muss, das ist eine theatralische Steilvorlage. Und eine höchst brisante und aktuelle Geschichte.»

Zu guter Letzt fand ich einen Bericht zur Kunstausstellung «Avemaria» in Sursee, die sich mit dem Bild der Gottesmutter befasst. Dazu hiess es: «Maria steht in mythischem Zusammenhang mit vorchristlichen Erd- und Fruchtbarkeitsgöttinnen. Eine Linie führt von ihr zurück ins Alte Testament (…), zu der schwarzen Schönen des Hohelieds’ und zu Eva, deren Sündenfall sie aufhob.» In einem speziellen Saal beweisen Skulpturen, «wie in der Kunst die Muttergottes sich aus der bäuerisch einfachen Frau zur schönen Adligen wandelt».

Die Entwurzelung des Menschen, der Verlust der Macht Gottes über die die Schöpfung und ein Marienkult, der heutzutage weder Halt noch Geborgenheit bietet, bezeugen unter anderem die Verunsicherung des modernen Menschen. Wo findet denn der Mensch von heute noch Halt? Vielleicht sollte er die alten Götter heraufbeschwören, und unter ihnen ganz besonders den Eros. Die Griechen verehrten ihn als Leben schaffende Urenergie, als jene Kraft des Begehrens, die zwischen Gott und den Menschen vermittelt. Seine Eltern waren Poros und Penia, was soviel bedeutet wie Überfluss und Mangel. Eros galt im Altertum als universelles Prinzip des Einen, sich Entzweienden und doch mit sich selbst Einigen. Könnte diese Charakterisierung nicht auch für das moderne Individuum gelten?

In der globalisierten Welt von damals verehrten auch die Römer den Gott Eros. Die entzweite Welt sollte sich einigen. Sie bauten deshalb das Pantheon, den aussergewöhnlichen architektonischen Tempel, der allen Göttern geweiht war und ihnen Gastrecht bot. Im Pantheon konnte jeder Mensch seinen Gott verehren und damit sein metaphysisches Bedürfnis befriedigen. Um der Unbehaustheit des modernen Menschen, wie Roland Neyerlin den Zustand nennt, zu überwinden, bräuchte es vermehrt den Glauben an den Eros, die Urkraft des Lebens, an die gesamte Natur. In ihr waltet das Göttliche und man spürt dessen Atem. Doch noch immer nehmen zwei eine viel stärkere Position ein: es sind Mars, der Kriegsgott, und Hephaistos, der Gott der Schmiedekunst.

Darum postuliere ich den Neubau eines Pantheons mit einem prächtigen Altar für die schöpferische Urkraft des Lebens, die durch Eros abgebildet wird. Wer an einem solchen Ort Andacht halten würde, dem ginge es nicht um Kirchentürme, Minarette, Moscheen oder andere Tempel. All diese Bauwerke hätten nebeneinander Platz. Der Betende bräuchte sich auch nicht zu überlegen, ob Gott wirklich die Macht über die Schöpfung verloren habe, und sich nicht zu fragen, ob der Ursprung des Marienkultes auf die griechische Fruchtbarkeitsgöttin Demeter zurückzuführen sei. Die eine Natur steht über allem.

In einem Berner Wohnquartier steht eine markante Eiche, die Giebel vier- und fünfstöckiger Häuser in der Nachbarschaft überragt und deren Stamm so dick ist, dass sieben Erwachsene benötigt werden, um ihn zu umfassen. Wer unter dieser mächtigen Eiche durchgeht, die ein Menschenalter älter ist als ich, spürt den Atem des Eros. Ähnlich ergeht es mir auf der Rigi, wenn die Sonne aufgeht, der Himmel sich rötet und das Licht ganz leise und feierlich die weissen Spitzen der Berneralpen zu beleuchten beginnt; dann atme ich den Geist des grossen Gottes, des Einen sich Entzweienden und doch Einigen. Auch wenn ich grosse Werke von schöpferischen Menschen aus einem manchmal etwas verengten Blickwinkel betrachte, erkenne ich, wie sie jenem Geist verwandt sind, der über der Welt und der Erde schwebt, dem Geist der liebt, was Menschen geschaffen haben noch schaffen werden.

Im Pantheon, wo die Götter der Religionen vereint sind und geachtet werden, drohen keine «Sinnwüsten», braucht sich der andächtige Mensch nicht vor einem «Identitätsverlust» zu fürchten oder unter «Orientierungslosigkeit» zu leiden. Er kann Asyl bei Eros, dem Urgrund der Natur, finden. Eros hat von der Mutter den Überfluss und vom Vater den Mangel geerbt. Wer ihm dient, weiss, dass es um die Welt gut bestellt wäre, wenn diese sich die Waage halten und sich im Gleichgewicht befinden würden. Ein Politiker, der sich mit dieser Haltung der Staatskunst annimmt, weiss, dass eine Gleichgewichtslage dem Menschen den grössten Handlungsspielraum offen lässt. Da braucht «Gott mit dem Teufel» keinen Pakt zu schliessen, um die Welt in Ordnung zu halten. Die Natur in ihrer Gesamtheit gibt sie ihm vor. Vielleicht fühlt sich der Mensch nur dann unbehaust, wenn er den Atem des Eros nicht mehr spürt.