Mir hat die Pracht des Kirschbaums gefehlt

Der frühere Abt Georg Holzherr von Einsiedeln sagte jeweils an Auffahrt: «Die Zuger kommen, es regnet!» Auch wenn es nicht ständig regnete: Einen Schöpflöffel voll Wasser hatte der Himmel am Auffahrtstag immer vorgesehen. Setzte zu Beginn des Wonnemonats eine schöne Wetterperiode ein und breitete sich Lebenslust und Freude aus, sagte Vater warnend: «Wartet nur auf Pankraz, Bonifaz und die kalte Sophie, die werden sich schon noch melden!» In diesem Jahr fielen die Eisheiligen auf das Auffahrtwochenende. Kein Wunder, dass es kalt und regnerisch war. Wäre es nur von Mamertus bis zur kalten Sophie regnerisch gewesen, hätten mich die vier Heiligen nicht enttäuscht. Sie hätten einfach ihrem Namen Ehre gemacht. Und was in Volkes Mund so geläufig ist, findet man gerne bestätigt. Nun aber dauert das schlechte Wetter an und verdirbt mir die gute Laune. Mir fehlt der Mai, die Gefühlsseite leidet unter einem Defizit.

Der diesjährige Mai hat mir eine der grössten Freuden im Lauf der Jahreszeiten verdorben, und deshalb ist meine Gefühlsbilanz negativ. Sie wird es voraussichtlich so lange bleiben, bis sie durch möglichst lange Schönwetterperioden ausgeglichen ist. Was mir aber 2010 nicht mehr zurückgegeben werden kann, ist der blühende Kirschbaum vor dem Fenster meines Arbeitsplatzes, wo ich meine Kolumnen schreibe. Wie oft habe ich ihn doch schon im üppigsten Blütenrausch bewundert, ja sogar besungen! Öffnete ich dann das Fenster, konnte ich sogar das Bienensummen vernehmen und beobachten, wie sie eifrig von Blüte zu Blüte flogen.

Auch dieses Jahr schien ich wieder in den Genuss des blühenden Baumes zu kommen. Die Knospen trieben, und als unten, um den Zugersee, die Kirschbäume schon fast verblüht waren, kam der meine hier auf über siebenhundert Metern Höhe, erst etwa vierzehn Tage später, wie jedes Jahr, an die Reihe. Schon bald würde er im schönsten Kleid dastehen, als festliches Zeichen, dass wir in der warmen Jahreszeit angekommen sind. Aber dann setzte die Regenperiode ein. Sie störte mich vorerst nicht. Ich sagte zu jedem Bekannten, den ich traf: «Es ist gut, dass es regnet!» Und jeder nickte und ergänzte: «Der Wind hat die Böden ausgetrocknet.» Doch nun, nach Mitte Mai, hadere ich mit dem schlechten Wetter. Es hat mir den Zauber der Blütenpracht vorenthalten, den ich jedes Jahr geniesse. Der Kirschbaum blühte zwar, aber ohne Sonnenlicht gelang es ihm nicht zu strahlen. So blieb sein köstliches Weiss matt und gedämpft, und je länger es regnete, desto mehr kam es mir wie ein trauriges Grau vor.

Auf der Suche nach besserem Wetter flüchtete ich in den Süden. Am Tag der kalten Sophie trat ich in eine Wallfahrtskirche, wo eine Hochzeit stattfand. Vorne im Chor kniete das Paar. Gerade war es so weit, dass sich die Brauleute ewige Liebe schworen und nickten, als der Priester sagte, was im Himmel beschlossen werde, könne der Mensch nicht trennen. Die Braut trug ein weisses Kleid, das matt wirkte. Es schimmerte in der dunklen Kirche beinahe gräulich. Erst als das Paar an mir vorbei aus der Kirche schritt, sah ich, wie kirschbaumblütenweiss es doch war.

Die schöne Braut erheiterte meine in Kälte und Regen abgetauchte Seele und weckte die guten Kräfte meines Gemüts, denn sie lächelte so charmant, dass mein zugekniffener Mund aufsprang und ihr gerne etwas Nettes gesagt hätte. Der Bräutigam strich ein paarmal verlegen seinen schwarzen Schnauz und liess sich mit seiner angetrauten Frau, wie es in Italien Brauch ist, im Vorzeichen der Kirche mit Reiskörnern bewerfen. Seine Angetraute würde wohl fruchtbar sein. Er war zuversichtlich, so machte es wenigstens den Eindruck. Alle anderen, die aus der Kirche traten, spannten sofort den Schirm auf, was die Stimmung aber nicht verdarb. Für mich war dies ein aufheiterndes Intermezzo, und als später der Nordföhn die Wolken aufriss, konnte ich sogar auf der Piazza einen weissen Cinzano geniessen. Kurz darauf leckte die Kälte aber wieder an meiner Haut.

Der regnerische Mai schlägt mir also aufs Gemüt. Und ich gestehe nochmals freimütig, dass meine Gefühlbilanz negativ ist. Wäre mein Kirschbaum nur einen einzigen Tag oder wenigstens einige Stunden im vollen Licht der Sonne gestanden, hätte ich das feierliche Bild, das er jeweils abgibt, als Erinnerung durch die kommenden Tage getragen. Nun muss ich mir mit Ersatzbildern aus früheren Jahren behelfen, damit sein trauriges Blattgrün, voll hängender Regentropfen verschwindet.

Was soll ich tun, mit meinem Wetterkummer? Eines der probaten Trostmittel ist die Lektüre eines Buches. Ich habe gerade mit Arthur Krasilnikoff «Das Augen des Wals» begonnen, dessen dichte poetische Sprache mich beglückt. «Lesen lernen ist eines der grössten Erlebnisse, die es gibt. Astur entdeckt dabei ständig von neuem, dass die kleinen Zeichen Wörter bedeuten, die man laut aussprechen kann. Sobald man fähig ist, seinen eigenen Namen zu buchstabieren, lebt man mit einem ganz anderen Bild von der Welt …»* Astur ist ein Junge, der in den 1940er Jahren mit seiner Familie auf Färöer lebte, bis sie zurück nach Dänemark gingen. Was für ihn einem Kulturschock gleichkam, weil er seine Heimat verlor.

Zu meiner Heimat zählt der Kirschbaum vis-à-vis, und dazu gehört die Fähigkeit, über ihn zu schreiben. Habe ich einmal meinen Kummer beklagt, geht es mir wieder besser, auch wenn ich das Fehlende jetzt nicht herbeireden kann. Mir fehlt der Mai, der mir jedes Jahr einen blühenden Kirschbaum vor das Fenster zaubert, und so hoffe ich, dass ich nächstes Jahr nicht wieder zu jammern brauche. Immerhin, an Pfingsten soll es wärmer sein.

* Arthur Krasilnikoff: Das Auge des Wals. Verlag Martin Wallimann, 2010.