Vom Nutzen des scheinbar Nutzlosen

Diese Kolumne ist in gekürzter Form im Tages-Anzeiger erschienen.

Ruedi Walser, Bildungsexperte von Economiesuisse, behauptet, der «uniforme Leistungs- und Forschungsauftrag» der Fachhochschulen im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich sei ein Grundlagenirrtum. Es sei bis heute nicht klar, «was Forschung und Entwicklung für diese Schulen überhaupt bedeutet». Darum müsse die Politik im Rahmen des neuen Hochschulrahmengesetzes den Forschungsauftrag für die Fachhochschulen neu definieren. Die betroffenen Schulen würden sich besser auf die Ausbildung guter Berufsleute konzentrieren. Dies berichtet der «Tages-Anzeiger» vom 11. Mai unter dem Titel «Wirtschaft kritisiert Forschung». Ruedi Walser gibt vor, im Namen der Wirtschaft zu sprechen. Die Kritik ist meines Erachtens unverständlich und unqualifiziert. Es gibt für die Fachhochschulen keinen uniformen Forschungsauftrag. Eine Lehrtätigkeit auf Hochschulniveau ist ohne Forschung nicht denkbar. Ein Verzicht würde das Niveau der Ausbildung senken.

Seit mehr als sechs Jahren präsidiere ich die Anerkennungskommission der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), die nun zum Bundesamt für Berufsbildung und Technologie, (BBT), übergegangen ist. Zusammen mit internationalen und nationalen Experten wurden die Schulen auf die Erfüllung des von der EDK verlangten Profils überprüft. Dabei wurde insbesondere der erweiterte Leistungsauftrag für Forschung und Weiterbildungsangebote gründlich untersucht. Die Schulen mussten der Kommission ein Forschungskonzept einreichen. Dieses variierte je nach Schultypus (Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung, Musik, Kunst usw.). Bei einem Rückblick auf die Forschungsfelder der letzten fünf Jahre fällt die Vielfalt der Themen auf, die sowohl für die Praxis als auch für die Lehre von grosser Bedeutung sind.

Die Fachhochschulen arbeiten mit verschiedenen Auftraggebern zusammen. So ging etwa die Berner Fachhochschule im Auftrag des Bundesamtes für Statistik, der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern, der Direktion für Soziale Sicherheit der Stadt Bern und dem Schweizerischen Berufsverband Soziale Arbeit der Frage nach, warum junge Erwachsene Sozialhilfe beziehen und wie sie sich wieder aus der finanziellen Abhängigkeit lösen können. Die gleiche Fachhochschule erforschte die eskalierenden Konflikte zwischen Nachbarn in Überbauungen von Baugenossenschaften. Die Kooperationspartner waren die Hochschule für Architektur, Bau und Holz, die Liegenschaftsverwaltung der Stadt Bern, die Familiengenossenschaft (FAMBAU) und das Kompetenzzentrum des Fachbereichs Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule. Die Fachhochschule Nordostschweiz widmete sich der Frage, warum die Verschuldungsproblematik bei Jugendlichen zunehmend sozialpolitische Relevanz erhält. Im Gesundheitsbereich wählten die Fachhochschulen als Forschungsthemen wie Gesundheitsverhalten, Pflegesysteme, Familien und pflegende Angehörige, Betreuung von Krebspatienten u. a. m., je nach dem praktischen Bedürfnis der Kooperationspartner.

Diese wenigen, aus einer grossen Anzahl ausgewählten Bespiele, belegen, wie die Forschung in den Ausbildungsgebieten, die man gerne zu den «weichen Disziplinen» zählt, für Gesellschaft und Lehre relevant ist. Auch bei den Fachhochschulen Kunst, Musik und Theater findet dank der Fachhochschulanerkennung ein intensiver Diskurs über die Möglichkeiten sinnvoller Forschung statt. Es ist durchaus erfreulich, wie die neuen Fachhochschulen, die noch nicht über eine lange Erfahrung verfügen, den Forschungsauftrag zu erfüllen versuchen, die Resultate ständig verbessern und dafür qualifizierte Forschungsleiter engagieren.

Die Kritik von Ruedi Walser entspringt einem einseitigen Denken. Forschung soll nur in den wirtschaftlich relevanten Bereichen vom Staat gefördert werden. Diese Forschung bringt Nutzen. Ein solches Denken berücksichtigt nur betriebswirtschaftliche Kriterien. Der Aspekt der Volkswirtschaft und der Gesellschaft bleibt ausgeklammert. Er verdrängt, was Menschen bewegt. Es blendet die schädlichen Folgen des Fortschritts aus: Das Suchtverhalten, die Gewalt der Jugendlichen, die Zunahme der Suizide, die Folgen der Arbeitslosigkeit, die neue Armut, die Verschuldung von Familien, die Unzufriedenheit über das politische Verhalten führender Kreise, die gesellschaftlichen Folgen überrissener Managerlöhne, die schlechte Integration von Ausländern, die Gettoisierung von Menschen usw. Eine Gesellschaft müsste wissen, wie sie damit umgehen soll.

Wer nur betriebswirtschaftlich denkt, etabliert eine Menschenbild, das den Menschen als Produktionsfaktor betrachtet, die Forschung aber als eine Chance, den Gewinn zu steigern. Er vergisst, dass eine solche Gesellschaft immer mehr professionelle Betreuer, Aufpasser und Polizisten braucht. Professionell handeln können auch sie nur, wenn sie verstehen, was im sozialen Umfeld einer modernen, auf Nutzengenerierung ausgerichteten Gesellschaft vor sich geht. Die scheinbar weichen Faktoren werden in dialektischem Umschlag zu harten Tatsachen. Um mit ihnen professionell umgehen zu können, leisten die kritisierten Fachhochschulen einen unverzichtbaren Forschungsbeitrag.

Es gibt auch einen Nutzen des scheinbar Nutzlosen. Er spielt in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft eine immer grössere Rolle. Der Standortwettbewerb unter den Städten und Ländern operiert damit. Eine kulturelle Infrastruktur, die zu einem guten Standort gehört, kommt ohne Museen, Film, Theater, Musik, Kunst, Medien usw. nicht aus. Sie zehren vom Experiment, von der Forschung, von der Innovation und dem gesellschaftlichen Diskurs. Wer die Forschung in den «weichen» Wissenschaften und den Fachhochschulen reduzieren will, schafft Blindheit, Trägheit und huldigt einem Mainstream, der sich durch die Globalisierung mit dem bekanntesten aller heute gehörten Sätze: «Man kann nichts machen!» zu etablieren beginnt. Das führt zu einer neuen Schicksalsergebenheit, die sich Politiker und Wirtschaftsführer zunutze machen. Die Sozial- und Geisteswissenschaften könnten einen Widerspruchsgeist erzeugen, der zu einer kreativen Auseinandersetzung führt und selbst wirtschaftlichen Unternehmen Impulse vermittelt.

Quellen:
Panorama: Aktuelle Forschung in der Fachhochschulen für Soziale Arbeit. SASSA.
Schweizerischer Wissenschafts- und Technologierat: Perspektiven für die Geiestes- und Sozialwissenschaften in der Schweiz. Lehre, Forschung, Nachwuchs. SWTR Schrift 3/2006
Forschung an Fachhochschulen Gesundheit. GDK – Schweizerischen Gesundheitskonferenz. Bern.