Kultur ist Sache der Kultur – ist sie das?

Robert Nef, der Redaktor der «Schweizer Monatshefte» mahnt den Staat zur Zurückhaltung bei der Kulturförderung. Der Markt habe dabei ein wichtiges Wort mitzureden. Kultur sei Sache der Kultur. Diese Aussage aber ist eine Art Zirkelschluss. Man kann einen Standpunkt nicht mit dem gleichen Standpunkt begründen. Fragen wir uns, was Kultur sei, werden wir keine eindeutige Antwort erhalten. Wessen Sache ist Kultur, wenn sie ihre eigene ist? Würde der Satz lauten: Kultur ist Sache des Marktes, dann wäre man klüger. Die von Robert Nef gemachte Behauptung wirft also mehr Fragen auf, als sie beantwortet.

Die demokratische Verfassung zählt zu den höchsten kulturellen Errungenschaft eines Landes, und die direkte Demokratie ist ein starker Ausdruck des kulturellen Selbstgestaltungswillens des Volkes. Die schweizerische Verfassung formuliert Grundrechte des Menschen und skizziert das Wertsystem des Volkes. Sie garantiert diese Werte durch Gesetze, die dem Referendum unterstellt sind. Die Verfassung wird auf Gesetzesstufe ausgelegt und umgesetzt. Die Bundesverfassung enthält seit 1958 einen Filmförderungsartikel. Die Filmkultur ist also nicht nur Sache des Films sondern auch des Staates.

Gegenwärtig ist der Entwurf zu einem Kulturförderungsgesetz in der Vernehmlassung. In der neuen, revidierten Bundesverfassung hat das Volk einem Kulturartikel (69 BV) zugestimmt. In der Botschaft zum Entwurf finden sich bemerkenswerte Sätze: «Kultur bedarf aber nicht nur in ihrer ökonomischen Dimension wahrgenommen und nach der Elle ihrer nie zu erreichenden Wirtschaftlichkeit bemessen werden. Kultur ist eine unabdingbare, authentische Ausdrucksform menschlichen Daseins. Wirtschaftliche Überlegungen stellen für die staatliche Kulturförderung daher wichtige Rahmenbedingungen, aber nicht das eigentliche Motiv dar. Staatliche Kulturpolitik sorgt dafür, dass kulturelles Schaffen nicht dem ökonomischen Diktat preisgegeben wird, sondern dass es seine Eigengesetzlichkeit zur Geltung bringen kann.» Gemeint ist: Der Staat soll kulturelle Leistungen fördern.

Am 17. September fand in Seedorf die Übergabe des Innerschweizer Literaturpreises an den Urner Schriftsteller Martin Stadler statt. Das ist eine Auszeichnung der sechs Innerschweizer Kantone für ein authentisches künstlerisches Schaffen. Bei der Übergabe des Preises führte Landammann Josef Arnold aus: «Mit der Preisverleihung will die Innerschweizer Kulturstiftung … ein Zeichen setzen: Der Kulturraum Zentralschweiz braucht Poesie und Literatur, braucht eine kulturelle Auseinandersetzung, wie sie vom Preisträger und den Kulturschaffenden angeregt wird. Diese Auseinandersetzung, das scharfe Wahrnehmen der Wirklichkeit – auch aus verschiedenen Perspektiven - belebt unser kulturelles und politisches Leben, und regt an zum Denken, Reden und Schreiben.» Damit legte der Landammann im Namen aller sechs Zentralschweizer Regierungen ein klares Bekenntnis zur Kultur und damit zu dessen Förderung ab. Die Kultur ist also nicht bloss ihre eigene Sache, obwohl gerade Martin Stadler ein Beispiel dafür ist, dass da ein engagierter Schriftsteller allein und unverdrossen arbeitet und Bücher verfasst, die er als Kleinverleger selber herausbringt.

Die Innerschweizer Regierungen und auch die Gemeinden fördern nach Kräften die heimische Kultur. Vieles könnte nicht entstehen, nicht herausgebracht, nicht ausgestellt und nicht aufgeführt werden, wenn der Staat keine Mittel bereitstellen würde. Viele Orte profilieren sich durch kulturelle Ereignisse und gewinnen so an Ansehen und Attraktivität. In den letzten Jahren ist die Zentralschweiz zu einem Ereignisraum für zahlreiche kulturelle Begegnungen geworden. Das wäre ohne die staatliche Beihilfe und ohne Unterstützung durch Sponsoren unmöglich geblieben.

Wer in eine fremde Stadt reist, besucht Museen, geht ins Theater, klettert über Ruinen und studiert die Geschichte des Landes. Auch wenn viele aus den Ferien zurückkommen und nur erzählen können, wie das Wetter war, was und wo sie gut gegessen haben, so nehmen sie doch auch bleibende Eindrücke von gut erhaltenden Stadtbildern, von kulturellen Events und von Besuchen in Museen mit.

In der Botschaft zum neuen Kulturförderungsgesetz führt der Bundesrat aus: «Ein breites kulturelles Angebot in einer Gemeinde oder in einer Region ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für die allgemeine Lebensqualität und kann die Standortwahl von Wirtschaftsunternehmen günstig beeinflussen. Als Prestigewert können kulturelle Einrichtungen und Anlässe auch denjenigen, welche dieses Angebot nicht direkt benutzen, einen Nutzen eintragen.» So profitiert der reiche Kanton Zug, in gut erreichbarer Nähe zu Luzern und Zürich, von den kulturellen Angeboten der Nachbarstädte. Diese machen die Lage am Zugersee und am Weg zum Gotthard zusätzlich attraktiv. Es ist nicht nur das Steuerklima, das Menschen in eine Region zieht. Es sind auch die kulturellen Einrichtungen und Angebote. Die Freiheit der Kunst und die Debatten, die sie auslöst, sind eine Bereicherung des Lebens. Umso unverständlicher schüttelte man den Kopf, als die Zeitungen berichteten, der Zuger Kantonsrat habe die Erhöhung der Kostenbeiträge an die grossen Häuser in Zürich und Luzern abgelehnt. Vielleicht dachten da auch einige, Kultur sei Sache der Kultur und übersahen, dass sie ein Gestaltungselement des gesellschaftlichen Lebens ist. Und sie schlugen die Tatsache aus dem Kopf, dass Luzern und Zürich mit ihren Kulturinstituten, auch denen Nutzen bringt, die deren Angebote nicht direkt benutzen.