Hochdeutsch im Kindergarten?

Mit dem Schlagwort Kuschelpädagogik wurde vor nicht allzu langer Zeit die Schule als Wahlkampfthema erkannt und seither wird es aus taktischen Gründen dauernd wiederholt. Erfolgreiche Taktik ist die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung einer Behauptung oder eines eingängigen Wortes, ohne auf Argumente dagegen einzugehen. Wer von Kuschelpädagogik spricht, erhebt zugleich den Vorwurf, dass die Schüler von heute verhätschelt würden. Die Politik sei deshalb gefordert, von der Schule wieder mehr Leistung zu verlangen.

Vor kurzem ist die neuste Pisa-Studie erschienen. Diesmal ging es explizit um die Lesefähigkeit der 15-Jährigen. Da haben die Schweizer Schülerinnen und Schüler gegenüber früheren Erhebungen Fortschritte gemacht. Und doch ist der Abstand zur Spitze geblieben, darum sollte vermehrt bei der Sprach- und Leseförderung angesetzt werden. In den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften stiegen sie hingegen aufs Podest. Was mir aufgefallen ist: Keiner, der den Vorwurf der Kuschelpädagogik erhoben hat, anerkannte die erzielten Fortschritte. Ganz bestimmt würden die Lehrerinnen und Lehrer dafür mal ein Lob verdienen.

Und da wird nun plötzlich im Widerspruch zum Schlagwort der Kuschelpädagogik gefordert, dass im Kindergarten ausschliesslich kuschelige Mundart gebraucht wird. Die Lektionen in Hochdeutsch sollen wieder abgeschafft werden. Wie können sonst Kindergartenkinder Geborgenheit und Heimat finden, wird geklagt. Bevor die mundartliche Sprachentwicklung ihr festes Fundament habe, dürfe man die Kinder nicht mit hochdeutschen Wörtern verunsichern. Da begann ich mich an die Sprachentwicklung meiner älteren Tochter zu erinnern, und hörte mich auch anderswo ein wenig um.

Als ich vor Jahren mit meiner Familie ein Jahr in Berlin weilte, war Teresa gerade fünfjährig. Sie besuchte einen Kinderhort und spielte mit den gleichaltrigen Kindern. Gelegentlich begleitete ich sie auf den Spielplatz, auf den Buddelplatz, wie er in Berlin genannt wird und schaute dem Spiel der Kinder zu. Immer wieder überraschte mich mein Töchterchen mit ihrem Geplauder: «Kiek mal, Theres, dat it ne Stullle», sagte ein Mädchen. «Ne glob ick nich, dit is wie ne Schrippe.» Ich bewunderte die Kleine, mit der wir zu Hause schweizerdeutsch sprachen, und die derart echt den berlinerischen Tonfall traf. Auf dem Heimweg wollte ich erfahren, was denn eine Stulle und eine Schrippe sei. «Das isch ä Brotschiebe mit Anke, Papi, und e Schrippe isch äs Bürli.»

Vor einigen Wochen diskutierte ich mit einer Journalistin und fragte sie, was sie davon halte, dass im Kindergarten wieder ausschliesslich Mundart gesprochen werden soll. «Davon halte ich gar nichts», meinte sie. Die Mundart setze sich umgangssprachlich bei Schweizern sowieso durch. Dann erzählte sie mir, dass sie zur ersten Generation gehöre, die mit einem Fernsehapparat in der Stube gross geworden sei. Hochdeutsch habe sie schon im Vorschulalter reden können, und sie sei nicht etwa in einem bildungsbürgerlichen Quartier aufgewachsen. «Für uns Fünf- und Sechsjährige», führte sie aus, «hat Hochdeutsch eine bestimmte Funktion gehabt. Es war die Sprache des eher Exotischen, des etwas Aussergewöhnlichen gewesen.» Sie hätten auf Schweizerdeutsch «g’mütterlet», dagegen auf Hochdeutsch «g’indianerlet», so wie sie es am Deutschen Fernsehen gehört hätten, mit dem stummen «r» an Wortenden und dem vorne, am Gaumen ausgesprochenen «k» und «ch». Etwa so: «Wiä führen Krieg gegen die Kaubois.»

Sie erzählte auch von einer Studienkollegin, die als Deutsche im Primarschulalter in die Schweiz, nach Burgdorf, gekommen sei. In der Schule habe sie sich aber schnellstens abgewöhnen müssen, deutsches Hochdeutsch zu sprechen. Rasch habe sie sich unserer alemannischen Standard-Hochsprache angepasst, um nicht gehänselt zu werden. Wer ein solches «Gstürm» um Mundart im Kindergarten mache, beleidige die natürliche Intelligenz unserer Kinder. Es mache ihnen doch Spass hochdeutsch zu parlieren. Das könne sie auch bei ihrem Patenkind beobachten, das noch nicht in die Schule gehe.

Die Empfehlung, im Kindergarten einige Lektionen auf Hochdeutsch zu halten, ist wissenschaftlich abgestützt, sie entspricht zudem einer alltäglichen Erfahrung. Wer das Glück hat, zweisprachig aufzuwachsen, wird später nicht mühsam und krampfhaft versuchen müssen, den mundartlich gefärbten Akzent in seinem Französisch oder Italienisch auszumerzen, was übrigens nur musikalisch begabten Menschen gelingt.

Kuschelige Mundart ist heimelig. Doch Kindergärtnerinnen brauchen genug Handlungsspielraum, wann und wie sie diese gebrauchen. Die Welt von Heute verlangt sprachliche Flexibilität. Unter anderen klagen Lehrmeisterinnen und Lehrmeister, dass die Schulabgänger nicht einmal mehr einen Bewerbungsbrief in korrekter Hochsprache schreiben könnten. Warum also nicht jene sensible Phase der Sprachentwicklung ausnützen, in der das Sprechen am Leichtesten gelernt und eingeprägt wird? Kinder sollten nicht dauernd in einer Kuschelsprache angesprochen werden, die manchmal so richtig kindisch klingt. Von Schlagworten, die taktisch wiederholt werden, sollte man das eigene Denken und Beobachten nicht ausser Kraft setzen lassen.