Der Bauch der Philosophen und Politiker

Ein Grossteil unserer Entscheidungen werden intuitiv gefällt. Man nennt sie Bauchentscheide. Da stellt sich bloss noch die Frage, was das für ein Bauch ist, der entscheidet und in welchem Verhältnis er zum Denken steht. Der französische Philosoph Michel Onfray hat ein Werk über den «Bauch der Philosophen» geschrieben, darunter über so berühmte Denker wie Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche und Jean Paul Sartre.

Immanuel Kant betrank sich einmal in einer Kneipe in Königsberg, torkelte später nach Hause, doch er fand sein Haus nicht mehr. Dieses Erlebnis muss ihm zünftig in die Knochen gefahren sein, so sehr, dass er später, berühmt geworden, eine Theorie der Sinne entwarf und ein «hygienisches System» erarbeitete, dessen Postulat lautet: Beherrsche deine Natur, sonst wird sie dich beherrschen. Kant tafelte gerne gut und richtete sein Leben nach der Uhr. Die Königsberger wussten wie spät es war, wenn sie Kant auf seinem täglichen Spaziergang sahen.

Die Ernährung bestimmt das Verhalten, dessen ist sich Michel Onfray sicher. Nietzsches Philosophie mit ihren emotional heftigen Gedankengängen lässt sich wohl nicht nur auf die Ernährung zurückführen, aber erstaunlich ist die folgende Aussagen schon: «… ich habe bis zu meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen – moralisch ausgedrückt, unpersönlich, selbstlos, altruistisch, zum Heil der Köche und anderer Mitchristen.»

Jean Paul Sartre wiederum, der Getriebene, hielt es in späten Lebensjahren kaum mehr aus ohne Aufputschmittel, Alkohol und Tabak. Ihm widerstand jegliche Nahrung, bei der man auf dem Teller die natürliche Form des Fleisches und der Frucht erkennen konnte. Er ass Früchte nur, wenn sie zu Brei verarbeitet waren, das Fleisch zu Würsten. Im Rausch und im Traum peinigten ihn Krabben, Polypen und Langusten. Wie den Hühnerschenkel verachtete er auch die Schalentiere. Michel Onfray folgert: « - man verachtet die Schalentiere nicht ungestraft: Hütet euch vor einem Menschen, der es dem Hummer gegenüber an Achtung fehlen lässt.» Sartres Kernaussagen im Drama «Die Eingeschlossenen»: «Die Hölle, das sind die anderen» (L'enfer c'est les autres), entstammt wohl seinem Bauchgefühl.

Nun ist es natürlich recht gewagt, über den Bauch der Politiker ähnliche Mutmassungen anzustellen, so etwa ihr Essverhalten zu untersuchen. Sie werden sich hoffentlich nicht alle mit einem Schnellimbiss zufrieden geben, denn eines scheint sicher, die Gastronomie ist die Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln. Ich erinnere mich, wie der ehemalige Zuger Regierungsrat Alois Hürlimann feuchtfröhlich ausgerufen hat: «An einem Bankett werden mehr Probleme gelöst als in stundenlangen Sitzungen.» Heute, scheint es, werden oft sehr lange Sitzungen abgehalten. Jedenfalls dauerte es Jahre, bis der Gegenvorschlag zur Abzocker-Initiative zustande gekommen war. Nebenbei: Seit man bei einem Bankett keine Zigarren mehr rauchen darf, hat sich Vieles auch in der Politik verändert.

Was man sicher ohne Beleidigung sagen darf: Es kommt schon darauf an, was und wie ein Philosoph oder Politiker isst. Sein Bauchgefühl wird ein anderes sein, wenn er die Blutwurst einem Gemüseteller vorzieht, die Schweinshaxe einem Birchermüesli, die Kutteln einer Lauchsuppe, den samtenen Rotwein einem Mineralwasser. Er wird nicht das Gleiche empfinden, wenn er für sich allein in einer stillen Ecke isst oder sich eher an die diätetische Regel hält: «Iss niemals allein!» Wie wird sich erst sein Bauchgefühl entwickeln, wenn er durch den Bahnhof rennt und einen Hamburger verdrückt?

Wer sich vom Bauchgefühl leiten lässt, ohne es dem Urteil der Vernunft zu unterstellen, kann auch mal irren, zudem beeinflusst die Ernährung das Denken, wie eben aufgezeigt. Bei mancher der vielen Initiativen, über die wir in den nächsten Jahren abstimmen werden, rechnen die Initianten damit, das Bauchgefühl des Volkes kitzeln zu können. Die Initiative selbst aber entspringt knallhartem strategischem Denken und Spekulieren. Zu Beginn geht es den meisten Initiativkomitees um die Frage, wie sich mit der Lancierung am besten Stimmen fangen lässt und dem Parteivolk nach dem Mund (nach dem Bauch) geredet werden kann. Die Taktik wird also nicht vom Bauch diktiert, sondern von der berechnenden Macht. Die geplante Verteuerung der Autovignette verursacht vielen Autofahrern Magenbeschwerden, also sagt die Taktik: Wir ergreifen das Referendum.

Der Soziologe Peter Atteslander behauptet: «Wir glauben nur, was wir sehen – leider sehen wir nur, was wir sehen wollen.» Abgewandelt sage ich: Der Bauch fühlt nur, was ihm behagt – leider folgen wir nur seinem Behagen. Entspricht, was der Bauch gern hätte, dem, was Bürgerinnen und Bürger von den Politikern erwarten? Sie wünschen sich doch eine gestaltende und nicht bloss eine reagierende Politik; eine Staatskunst also, doch eine solche würde einen gastrosophischen Diskurs voraussetzen.