Jeder trägt mit sich einen Teddybären

Allein das Zögern sei human, wird der Schweizer Autor Markus Werner zitiert. Wenn diese Aussage stimmen würde, dann wäre unsere heutige Arbeitswelt durch und durch inhuman. Denn alles eilt. Die Konkurrenz macht Druck. Nur wer schneller ist, hat Erfolg. Wer zögert, hinkt hinterher. Der Zeitraum, innerhalb dessen etwas veraltet, ist kleiner geworden. Die Zeitspanne, während der das Alte wieder modern ist, hat sich ebenfalls verringert.

Wir erlebten kürzlich, wie Ruedi Rymanns «Schacher Seppli» im Schweizer Fernsehen den Final der Sendung «Heimat» gewonnen hat. Wir Älteren aber, die uns von der Modernität stets auch immer überholen liessen, haben das Lied schon vor zwanzig und mehr Jahren gesungen und den Jodler Ruedi Rymann bewundert. Und es wurde nun also, zu Rymanns eigener Überraschung, vom TV-Publikum zum grössten Hit erkoren. Jedermann findet, das sei in Ordnung. Und dies in einer Zeit, in der es auf Schnelligkeit und rasches Handeln ankommt. Wer wartet denn heute noch auf einen Brief? Die Zeit überspringt die Räume und macht sie klein.

Die plötzliche Modernität von Ruedi Rymanns «Schacher Seppli» lässt uns über die Situation des Menschen nachdenken. Er will konkurrenzfähig sein und braucht die Langsamkeit als Ausgleich doch. Je rascher sich etwas verändert, je mehr Anpassungsleistung vom Menschen verlangt wird, desto mehr wächst in ihm der Wunsch, sich an Vertrautem festhalten zu können. Der Philosoph Odo Marquard beschreibt die Situation sehr verständlich. Ein treffendes Beispiel, um zu erkennen, wie die eigene Langsamkeit ins Schnelle mitgenommen wird, lässt sich bei Kleinkindern finden. «Sie – für die die Wirklichkeit unermesslich neu und fremd ist – tragen ihre eiserne Ration an Vertrautem ständig bei sich und überall mit sich herum: den Teddybären. Kinder kompensieren ihr Vertrautheitsdefiziti durch Dauerpräsenz des Vertrauten…»*

Die moderne Welt, mit dem rasanten Fortschritt auf allen Gebieten, wird dem Menschen ständig neu und wirkt fremd. Die Welt ist unübersichtlich geworden. Die Informationenflut kann kaum verarbeitet werden. Ohne Auswahl von Weltausschnitten bleibt der Mensch in einem dauernden Erregungszustand, steht ängstlich vor einer Zukunft, die er nicht übersehen, geschweige erfassen und ordnen kann. Er braucht also einen Teddybären als Hort des Vertrauten. Ein solcher Teddybär kann eine Persönlichkeit aus der Politik sein oder der Papst mit seiner klaren Haltung, aber auch eine Ideologie, die die Welt geschickt auf einen einfachen Nenner bringt oder ein Vermögen, das Sicherheit suggeriert.

Ein Stadtarchitekt hat einmal gesagt, wenn sich das Bauvolumen einer Ortschaft in kurzer Zeit um fünfzehn Prozent verändere, werde der Ort unvertraut, verliere die behagliche Atmosphäre und werde einem als Heimat fremd. Zug, zum Beispiel, ist in den letzten Jahren derart gewachsen, dass älteren Menschen – wie mir – die Vertrautheit mit der Stadt abhanden gekommen ist. Es gibt kaum mehr Grossbetriebe, von denen man mit Sicherheit weiss, nach welchem Geld sie sich ausrichten. Das Kapital hat den Ort nicht nur baulich, sondern auch wirtschaftlich verändert, und alle staunen, woher denn die hohen Steuereinnahmen kommen.

So versucht man sich halt an einen Teddybären zu halten, an eine stabile Ordnung, an eine Ideologie, an einen charismatischen Menschen, an einen Politiker, der exakt sagen kann, wie es ist und wie es sein soll, der den Kapitalismus geschickt mit dem Heimatbegriff verbindet, dort von Tell redet, wo er selber Gessler huldigt. Einem, dem der Spagat gelingt, die Globalisierung der Wirtschaft mit einer engen Heimatidylle zu kombinieren.

Ich frage mich, welchen Teddybären ich denn selber mit mir herumtrage. Die Antwort fällt mir leicht. Ich habe mir angewöhnt, Hörbücher zu kaufen, um sie im Auto zu hören. Etwa: «Die klassischen Sagen des Altertums» von Gustav Schwab, die Odyssee und der Kampf um Troja, Sagen, die ich schon als Seminarist gelesen habe. Ich höre Texte, die ich seit meiner Jugendzeit kenne, Werke wie «Don Quijote de la Mancia» von Miguel de Cervantes und «Schuld und Sühne» von Dostojewski, wenn möglich mit einer vertrauten Stimme wie derjenigen von Gert Westphal. Und noch anderes gehört zu meinem Teddybären: Wie etwa die Ferien auf dem Zeltplatz, wo sich meine Freunde jedes Jahr einfinden und mit mir älter geworden sind. Zur neuen Langsamkeit gehören nun auch Bahn- und Schifffahrten, und ich ärgere mich schon heute, dass der Zug nach Engelberg dereinst im Tunnel verschwinden wird. In die Berge fahren, heisst die lebensnotwendige Langsamkeit suchen, und dies schon während der Fahrt.

Halten wir es doch mit Odo Marquard, der im Vortrag «Zeit und Endlichkeit» ausführt: «Je schneller die Zukunft modern für uns das Neue – das Fremde – wird, desto mehr Vergangenheit müssen wir – teddybärgleich – in die Zukunft mitnehmen und dafür immer mehr Altes auskundschaften und pflegen.» Der Mensch ist im Umgang mit seiner Zeit ein Doppelwesen. Er muss beide Geschwindigkeiten pflegen, die Schnelligkeit und die Langsamkeit. Wie er das anstellt, ist seine Sache. Ich kenne einen jungen Mann, der in seiner Freizeit mit der Dampflokomotive über die Furka fährt und sich ein Vergnügen und Hobby daraus macht, diese alte Bahn und die Strecke mit Freunden zu unterhalten. Im Berufsalltag, der ihm Tempo abverlangt, wirkt er dafür ruhig und gelassen.

* In: Odo Marquard: Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays. Reclam 2003.