Die Schweiz – ein Labor der Vielsprachigkeit

Als im Eidgenössischen Parlament der Sprachenartikel beraten wurde, löste er kontroverse, emotionelle Diskussionen aus. Nie zuvor hatte ich im Ständerat derart heftige Auseinandersetzungen erlebt. Ich spürte damals, wie sehr jeder Redner in der Muttersprache dachte und argumentierte. Die Muttersprache formt die eigene Identität, das Denken und Fühlen des Menschen. Sie ist Ausdruck seines Selbstverständnisses. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass mit einem Unterton voll Emotionen votiert wurde und einige Räte sogar laut wurden. Dabei erinnerte ich mich an ein Erlebnis während meiner Studienzeit in Berlin.

Ich besuchte da pädagogische Vorlesungen und Übungen. Die norddeutschen Studenten sprachen schnell. Ich konnte ihnen kaum folgen. Oft schüttelte ich nur den Kopf und spitzte die Ohren. Gerne hätte ich in die Diskussion eingegriffen. Es gab aber eine Kollegin namens Gisela, die ich gut verstand. Sie stammte aus dem Ruhrgebiet und sprach bedächtig. Ihre Mimik verriet mir jeweils, was sie dachte. Nach einem Seminar sprach ich sie an: «Dich verstehe ich. Die Studenten aus Hamburg oder Berlin leider nur schlecht. Ihre Worte wohl, ihre Sätze nicht.» Sie lachte und sagte: «Ja weisch, i bii ume gäng während em Zwöite Weltchrieg bi minere Tante z’Bärn gsii.» Ich hatte da begriffen, dass eine Sprache das Denken formt. Ja, die Sprache denkt für den Menschen. Worte, die wir gebrauchen, sind Denkinhalte. Nicht umsonst versuchen die Mächtigen die Sprache mit Begriffen zu besetzen.

Wenn es bei einer Abstimmung um Fremdsprachen in der Schule geht, verlaufen diese immer stark. Nun stecken wir wieder mitten in einer Auseinandersetzung. Leserbriefe widersprechen sich, sogar Lehrer untereinander. Da wird in Grundsatzentscheiden Englisch gegen Französisch ausgespielt. Nach den neusten Erhebungen zieht die Mehrheit Englisch vor.

Die Erziehungsdirektoren entschieden klug, als sie das Modell 3/5 aushandelten und den Kantonen somit die Wahl der Einstiegssprache offen lassen. Ob die Schulen in der dritten Klasse zuerst die zweite Landessprache oder Englisch unterrichten, sollen die Kantone also selber entscheiden. Doch selbst diese Empfehlung stösst auf Opposition, das Gerangel im Sprachenstreit geht weiter.

Der Beschluss der Erziehungsdirektoren hat zwar wenig mit dem Selbstverständnis des einzelnen Schülers zu tun, wohl aber mit demjenigen unseres Landes. Die Schweiz ist viersprachig. Sollte sich der Welsche mit dem Deutschsprachigen in Zukunft auf Englisch unterhalten, dann wäre das ein kultureller Verlust. Wer eine Sprache lernt, dem wird zugleich die Kultur und Lebensart vermittelt. Der Spracherwerb stärkt den inneren Zusammenhalt des Landes. Anderssprachige begegnen sich, lernen sich kennen.

Das Modell 3/5 bleibt ein staatspolitisch eminentes Thema, auch wenn Englisch den Siegeszug antritt. Man sollte es nicht abhaken oder gar unterschätzen. Wer eine Sprachminderheit aus der Schweiz wegdenkt, denkt die Schweiz um.

Die Empfehlung der Erziehungsdirektoren erlaubt in einer mobilen Gesellschaft ein Minimum an koordiniertem Sprachenlernen. Zieht eine Familie aus Zug nach Schaffhausen um, wo die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger an der Urne bestätigt haben, dass in der dritten Klasse Frühenglisch und in der fünften Französisch unterrichtet werden soll, dann bekommt die Familie ein Problem, falls wir in der Zentralschweiz eine andere Regelung treffen.

Unbestritten bleibt, dass Fremdsprachen in der heutigen Wirtschaft, aber auch in der Freizeitgesellschaft eine wichtige Rolle spielen. Wer nur Deutsch versteht, reist gerne ins Südtirol, denn dort sprechen die Italiener mehrheitlich Deutsch. Nur: Wer fährt denn ein Leben lang ins Südtirol? Früher oder später steht Frankreich auf dem Programm oder die Südküste der Türkei, dann vielleicht Hongkong oder die Malediven. Der Deutschschweizer, der nur seine Muttersprache spricht, steht dann recht hilflos an der Hotelrezeption. Er kann zwar die Hände zu Hilfe nehmen, bis er sie nach ein paar Minuten verwirft. Englisch, die Sprache der globalisierten Welt, hilft überall weiter. Französisch hingegen ist die Landessprache unserer grössten Sprachminderheit, gehört zur Identität unseres Landes und wird auch weltweit gesprochen.

Die Schweiz ist ein Labor der Vielsprachigkeit. Dass sich Englisch global und flächendeckend ausbreitet, ist nicht zu verhindern. Dennoch müssen wir alles tun, um die sprachliche Vielfalt der Schweiz zu sichern. Dazu gehört die Stärkung des Französischen. In der Westschweiz beobachtet man kritisch, wie in weiteren Deutschweizer Kantonen über Volksinitiativen abgestimmt werden wird. Als zum Beispiel Appenzell Innerrhoden das Frühfranzösisch aus dem Stundenplan kippte, reagierte die Westschweiz gehässig. Man sei verbittert, sagt Marie-José Béguelin, Sprachwissenschaftlerin und Professorin in Neuenburg. Wohin der Weg führe, sei ihr zwar noch nicht klar. «Aber», sagt sie, «wir lassen nicht locker. Wir wollen die Minoritäten, aber auch die Beziehungen zwischen den Landesteilen wieder stärken.»