Prometheisches Feuer in Japan

Das Erbeben in Japan und der anschliessende Tsunami sind Naturkatastrophen. Die schrecklichen Folgen, die Schäden am Atomkraftwerk Fukushima, wurden aber von Menschhand riskiert, auch wenn die Fachleute beim Bau die Erdbeben- und Tsunamigefahr berücksichtig haben, ähnlich wie z. B. in den Niederlanden, wo man über Jahrhunderte Dämme gegen die unberechenbaren Sturmfluten erstellt hat.

Wie gingen denn frühere Kulturen mit Katastrophen um? Die Griechen erfanden einen Mythos für das Grauen, dass jedes schreckliche Unglück in ihnen auslöste. Prometheus, der Sohn des Titanen Iapetos, kämpfte listig und geistreich gegen Göttervater Zeus. Auf Erden formte er Menschen aus Ton nach seinem Bilde. Er stattete sie mit den nötigen Eigenschaften aus, nach seinem Bilde, und wollte ihnen im Umgang mit den Göttern helfen. Dann versuchte er, verführt durch die eigene Klugheit, Zeus zu betrügen. Da verhängte dieser eine Strafe über die Menschen. Er versagte ihnen die göttliche Gabe des Feuers und liess sie darben und frieren. Prometheus aber stahl die Glut, indem er einen Riesenfenchel am vorbeirasenden Sonnenwagen entzündete. Er hatte das Feuer zwar zurückgeholt. Doch die sterblichen Menschen standen von nun an im Widerstreit mit der vorgegebenen göttlichen Ordnung. Sie wollten selber Schöpfer sein. Sie gebrauchten das Feuer für ihre Zwecke, schmiedeten das Eisen und forschten weiter, bis sie auf das Uran stiessen, das radioaktiv und spaltbar ist. Dabei waren die alten Griechen überzeugt, Atome (atomos = altgriechisch für unteilbar) würden sich nicht teilen lassen. Das gewaltigste und gefährlichste Feuer, das Phänomen der Kernspaltung, wurde 1938 in einem deutschen Labor entdeckt.

In der Zeit von «Sturm und Drang», als sich das Maschinenzeitalter abzuzeichnen begann, verfasste der junge Goethe einen Hymnus auf Prometheus. Darin verspottete er Zeus:

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

In kräftigen Bildern und starken Rhythmen endet das Gedicht:

Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Geniessen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

Der Hymnus wurde im Laufe der Zeit verschieden interpretiert. Es geht einerseits um das Gegensatzpaar Zeus und Prometheus, aber er drückt doch auch den Hochmut der Menschen aus, die im Begriff waren, die Dampfmaschine zu konstruieren, Elektrizität zu erzeugen und tief in die Grundgesetze der Natur einzudringen.

Das Feuer ist ambivalent. Das wussten die Griechen. Es nützt, wenn es gut gehütet wird, es richtet Schaden an, wenn es ausbricht. Der Blitz kann einen Menschen oder einen Gebäudebrand auslösen. Da erfand der Mensch den Blitzableiter. Als er dann aber die Atome zu spalten begann, erschrak er erst nach Hiroshima.

Im Prometheus-Mythos steckt die frühe Ahnung, was geschehen kann, falls der Mensch aus der Ordnung der Natur fällt, falls er frevelt. Zeus’ Strafe traf Prometheus. Er übergab ihn Hephaistos, dem Gott der Schmiedenkunst, der ihn an einen Felsen im Kaukasus kettete. Täglich landete ein Adler und riss Stücke aus der nachwachsende Leber. Das Feuer hatte von nun an ein doppeltes Gesicht: Es schenkte dem Menschen einerseits Wärme und andererseits bürdete es ihm die Last der Freiheit auf. Fortan musste er verantworten, was er mit dem Feuer anstellte.

Das prometheische Handeln des Menschen erweist sich seit der Atomkatastrophe in Japan wieder einmal mehr als verhängnisvoll. Es führt an die Grenzen des Fortschritts, eines Fortschritts, der masslos und unersättlich geworden ist. Der Philosoph Karl Löwith (1897-1973) meinte seinerzeit, es gebe ein Art Wettlauf zwischen dem faktischen Fortschritt und dem progressiven Verlangen danach. Denn je mehr erreicht werde, desto mehr werde gefordert und erstrebt. «Und solange wir nicht unser gesamtes Verhältnis zur Welt, und damit zur Zeit, von Grund auf revidieren, sondern mit der biblischen Schöpfungsgeschichte und den christlichen Begründern der modernen Naturwissenschaften voraussetzen, dass die Welt der Natur für den Menschen da ist, ist nicht abzusehen, wie sich an dem Dilemma des Fortschritts etwas ändern sollte.»*

Löwiths Pessimismus ist gerechtfertigt. Erst wenn sich die Katastrophe einstellt, beginnt der Mensch über die Folgen nachzudenken und sein Verhalten zu überprüfen. Vor genau fünfzig Jahren, 1961, hat Karl Löwith vor den Folgen des forcierten Fortschritts gewarnt. Seine warnende Stimme verhallte im Leeren – wie die vieler anderer. Niemals wird der Mensch das progressive Verlangen nach Fortschritt aufgeben, bevor die schädlichen Folgen grösser sind als die Vorteile.

Vor einer so gewaltigen Katastrophe wie in Fukushima versagt die menschliche Sprache. Unermessliches Leid lässt sich nicht mit sprachlichen Mitteln beschreiben und somit bewältigen. Das wussten die Griechen, und sie verliehen ihm im Mythos Gestalt. Gäbe es einen Prometheus-Felsen in Japan, dann bräuchte es wohl mehr als ein paar Ketten.

Karl Löwith: Sämtliche Schriften. Band 2. Weltgeschichte und Heilsgeschichte. Stuttgart 1983.