Friede sei mit Euch!

Und der Priester oder Diakon am Altar ruft die Gläubigen auf, sich zum Zeichen des Friedens die Hand zu geben. Die Leute drehen sich nach rechts und nach links und manchmal sogar nach hinten. Sie drücken sich die Hände und lächeln friedlich. Doch verfeindete Nachbarn oder Menschen, die auch im Streit liegen, werden beim Betreten der Kirche darauf achten, dass sie ja nicht in der gleichen Bank sitzen und stehen werden, sie gehen einander aus dem Weg.

Der Friede kann nicht von oben dekretiert werden. Friede gedeiht nur unter bestimmten Voraussetzungen. Kriege werden diktiert, Friede kann nicht verordnet werden, er muss bestellt werden wie ein Acker. Während das Unkraut vertilgt werden kann, lässt sich das Gras nicht aus der Erde ziehen.

Der Friede ist ein Resultat des Umwegs. Die Bomben, die auf den Feind abgeworfen werden, fliegen direkt, ballistisch exakt berechnet auf das Ziel zu. Sie nehmen den kürzesten Weg. Hans Blumenberg schreibt einmal: «Die vermeintliche ‹Lebenskunst› der kürzesten Wege ist in der Konsequenz ihrer Ausschlüsse Barbarei.» Was wird ausgeschlossen, wenn Raketen oder Bomben abgefeuert werden? Der Schreckensschrei eines Menschen, der getroffen wird. Der von allen Patienten sehr geschätzte palästinische Gynäkologe Isssadin Abu-al-Aisch, der früher in einem Krankenhaus in Gaza wie sogar in Tel-Aviv praktizierte, wurde in den letzten Jahren immer wieder vom privaten israelischen Fernsehen Channel 10 wegen seinen sachlichen Analysen gerne befragt. Mitte Januar, während eines Interviews, erfuhr der Reporter, eben habe eine Bombe in das Haus des Arztes eingeschlagen und drei seiner Töchter, einen Bruder und einen Neffen getötet. Mit schmerzverzehrtem Gesicht rief der Vater: «Meine Mädchen, oh Gott, sie haben meine Mädchen getötet. Warum, warum nur? … Diese kleinen Mädchen feuerten Lachen und Liebe und Frieden ab, sonst gar nichts.» Fassungslos schaute er in die Stuben der Fernsehzuschauer herein, und was diese sahen, war über den Umweg des Bildschirms das schreckliche Gesicht des Kriegs.

Wir zitieren gelegentlich das geflügelte Wort: «Der Krieg ist der Vater aller Dinge.» Ist der Krieg auch der Vater des Friedens? Das jüngste Bombardement im Gazastreifen hat die Weltbevölkerung aufgerüttelt. Der zerstörerische Bombenhagel und die Raketenstiche liessen nicht alle wegschauen. Der Druck auf die Kriegsparteien nimmt inzwischen zu, und selbst israelitische Stimmen betonen, die Waffengewalt werde nie zum Frieden führen. David Grossmann, der mit seinen Jugendbüchern auch bei uns bekannt geworden ist, schrieb kürzlich in einem Artikel: «Israel muss auch mit denen sprechen, die uns zu zerstören suchen.» Damit schickt er seine Landsleute auf einen gewaltigen Umweg, auf den Umweg zu langwierigen Gesprächen. Kein Diktat wird Frieden schaffen, auch nicht jenes der USA oder der Uno.

Vielleicht wird dieser grässliche Krieg tatsächlich zum Vater eines neuen Prozesses im Nahen Osten. Ohne die Raketen aus dem Gazastreifen und den Einmarsch der israelischen Truppen wäre keine weltweite Debatte zustande gekommen. Der Gazastreifen bliebe eingekesselt, gettoisiert und isoliert. Der unwürdige Zustand des kleinen Volkes, dem die Selbstachtung abhanden gekommen ist, würde weiter dauern. Menschen ohne Selbstachtung sind verführbar. Sie lassen sich vom Fanatismus einnehmen. Was haben sie schon zu verlieren? Überall dort, wo es einer Führungsclique gelingt, Macht mit Religion und Märtyrerphantasien zu koppeln, wachsen künftige Terroristen heran. Wenn die Religion aber nicht im Dienst der Macht steht, kann sie auch eine heilende und versöhnende Rolle spielen.

Wir geben uns oft zu wenig Rechenschaft über den langen Weg, den die westliche Welt zu einem heute aufgeklärten Selbstverständnis zurückgelegt hat. Wir fordern Toleranz unseren Ideen gegenüber. Dass sich die Toleranzidee durchgesetzt hat, war aber das Ergebnis der Diskussion nach den englischen Religionskriegen im 17. Jahrhundert. Früh formierte sich eine verbreitete Opposition gegen die Religionspolitik der Regierung und der Anglikaner. Weitsichtige Männer forderten die strikte Trennung von Kirche und Staat. Sie wurde zur Grundlage der Meinungs- und Gewissensfreiheit. Man sprach den Volksvertretern sogar die Macht und das Recht zu, über die Duldung von Meinungen zu urteilen. Diese Urteile durften nicht willkürlich gefällt werden und hatten unter rechtsstaatlichen Kriterien zu erfolgen. Damit war ein weiterer Schritt zum heutigen Rechtsverständnis geschaffen. Und doch … Neue Mächtigen gaben den Befehl zu einem neuen Krieg, diktierten ihn. Sogar der schweizerische Weg führte über den Sonderbundskrieg von 1847 bis zur Gründung unseres Staates mit seiner Verfassung.

Die innere und äussere Sicherheit ist die Grundlage und das Fundament für jeden Staat. Sicherheit ist auch die Basis für das menschliche Werden. Ohne Sicherheit entfaltet der Mensch nicht, was in ihm steckt. Wie der Mensch, so verlangt jedes Volk einen gewissen Raum für die eigene Verwirklichung. Soll also im Nahen Osten Frieden entstehen, muss der gegenseitige Freiheitsraum ausgehandelt werden.

Wenn wir in Gottesdiensten zum Zeichen des Friedens die Hand geben, vergessen wir leicht, dass es Jahrhunderte gedauert hat, bis dieser Händedruck selbstverständlich wurde. Wie viele Theologen ringen aber heutzutage zum Beispiel wieder um das ökumenische Verständnis. Daneben gibt es Kreise, die ihren Gott gepachtet haben und glauben, derjenige der andern sei minderwertig. Neue Wunden werden geschlagen, für die kein Arzt, auch Issadin Abu-al-Aisch aus Gaza, ein Rezept hat.