Von einem, der nicht Millionär werden wollte

«Was dem Klüger- und Weiserwerden der Menschen entgegen steht, ist, unter anderem, die Kürze ihrer Lebensdauer: alle dreissig Jahre kommt ein neues Geschlecht zur Welt, das von nichts weiss und vorne anzufangen hat», schreibt Arthur Schopenhauer in «Senilia. Gedanken im Alter.»* Gerade darum ist es wichtig, Geschichten zu erzählen und die Erinnerungskultur zu pflegen. Die schöne und zugleich einzige Prosaerzählung von Julian Dillier (1922-2001, bekannter Mundartlyriker, Radio- und Theatermann), «Frau Bartsch»**, erzählt unter anderem, wie zwei Frauen in einem Kolonialwarenladen die Mitmenschen durchhecheln und das lokale Geschehen verhandeln. Die Leserin und der Leser erhalten ein farbiges Bild, wie es früher in einem Dorf zu- und hergegangen ist. In «Frau Bartsch» werden Geschichten aufbewahrt, wie wir sie heute einander kaum mehr erzählen, wenn wir uns für den täglichen Bedarf in Grossverteilern eindecken.

Einmal erzählte Anni Seiler, die Rathaussekretärin, Frau Bartsch, wie gern sich doch der Obwaldner Landschreiber von Ah als Graue Eminenz selber lobte. Er habe eine Schublade eingerichtet mit der Aufschrift «Geschäfte, die sich von selbst erledigen». Wahrscheinlich waren die Regierungsräte, seine Vorgesetzten, für ihn wie eine Schublade, von Ah hingegen sah sich selber als Kommode. Manches Gefecht hat er mit dem Landammann ausgefochten, aber stets dafür gesorgt, dass sie sich nachher wieder vertragen konnten. Nach jeder Auseinandersetzung im Rathaus hat er ihn in den «Schlüssel» oder in die «Metzgern» begleitet, wo sie immer etwa den gescheiten Rechtsanwalt Lüthold antrafen. Mit ihm setzte sich der Landammann zum vierhändigen Spiel ans Klavier. Der Landschreiber behauptete vor seinen Bürokollegen stolz, dieses Spiel sei nur dank seiner geschickten Regie möglich geworden, «denn auf diese Weise habe er den stockkonservativen Amstalden mit dem überzeugten Liberalen Lüthold zum gemeinsamen Spiel gezwungen. Sie hätten aber nicht bemerkt, dass sie bei ihrem gemeinsamen Gesang vor der Polizeistunde in schöner Harmonie die gleiche Stimme gesungen hätten.»

Rechtsanwalt Albert Lüthold war aber auch mein Schwiegervater, und er hatte in den «Metzgern» wirklich immer einen guten Spruch auf Lager, der dann landauf und landab gegangen ist. «Es mänschelet, es mänschelet bis zum Rathuus und uf d’Stäge, wiiter darf märs nümme säge.» Als der Obwaldner Ludwig von Moos 1959 in den Bundesrat gewählt wurde, behauptete er, das sei ein Bundesrat mit Zukunft. Auf die Frage, wie er das meine, spottete Albert Lüthold, der Mann habe bis jetzt noch kaum etwas geleistet.

Eine seiner Geschichten hat mich das ganze Leben hindurch begleitet. Albert Lüthold sass, wie wir wissen, gern im «Schlüssel» oder in den «Metzgern». Dort traf er oft auch etwa Gymnasiasten aus dem Kollegium Sarnen. Mein Schwiegervater war sehr musikalisch, und so setzte er sich oft vergnügt ans Klavier und begleitete ihre Stundentenlieder, und dann tranken sie noch ein Bier und sangen «Ergo bibamus …». Einmal fragten ihn die Studenten, was er denn als Rechtsanwalt verdiene. Zuerst zögerte er ein bisschen. Aber die jungen Männer, die sich entschlossen hatten, selber Jus zu studieren, liessen nicht locker. Nach einigem Hin und Her meinte er: «Ich verdiene achtzigtausend Franken.» Für damalige Verhältnisse war das sehr viel Geld. Die Studenten sahen ihn zweifelnd an, sie glaubten ihm nicht. Er aber sagte: «Dreissigtausend Franken verdiene ich, fünfzigtausend ist mir die Freiheit wert.» Bestimmt werden sie anschliessend nochmals miteinander angestossen haben

Albert Lütholds Antwort habe ich mir zu Eigen gemacht habe, nicht dass ich unzufrieden bin, mit dem, was ich mit meinen beruflichen Tätigkeiten verdient habe. Nein, die pfiffige Antwort, die vor sechzig Jahren in den «Metzgern» gefallen ist, lehrte mich, nicht immer noch mehr zu wollen. Denn ein grosser Besitz engt die Freiheit ein. Er zwingt den Menschen dazu, sich allzu sehr damit zu beschäftigen.

Mein Schwiegervater hat mir seinerzeit noch eine andere Geschichte erzählt. Einer seiner Cousins, ein Millionär, habe ihn wegen seines breiten Allgemeinwissens, seines Humors und seiner Lebensweisheit beneidet. Einmal kamen beide auf das Geld zu sprechen. Da sagte der reiche Cousin bedeutungsschwer: «Was wäre ich denn ohne meine Million?» Damit hatte er die Identitätsfrage angesprochen. Er empfand sich selber als einer, der ohne seine Million nichts gelten würde, und spürte dennoch, dass Geld allein noch keine Identität stiftet. Wer die eigene Identität von Millionen auf dem Konto ableitet, spürt spätestens dann, dass sie seinem Leben keinen besonderen Sinn und Gehalt geben, sobald sie ihm zu entgleiten drohen oder er ihnen entgleitet.

Albert Lüthold ist vor zwei Generationen verstorben. Vielleicht wird seine kleine Geschichte über die Wertung der eigenen Freiheit anstelle eines riesigen Vermögens weiterleben, weil ich sie nun erzählt habe. Sie erheitert dem einen oder andern das Gemüt, wenn er sich ebenfalls nicht zu den Millionären zählen darf. Aber auch er kann sich an Blumen erfreuen, am Glitzern des Wassers am Ufer des Sees und am Licht des Vollmonds, wenn es in den Blättern eines Baumes spielt.

* Arthur Schopenhauer: Senilia. Gedanken im Alter, München 2010
** Julian Dillier. Frau Bartsch. Alpnach 2010