Ein Trinkgeld für ein Lächeln

In den vergangenen Tagen war ich dabei, eine neue Kolumne über Schweizer Werte zu schreiben. Bald einmal musste ich einsehen, dass ich den Platz von mindestens drei Kolumnen benötigen würde, sollte eine wirklich überzeugende Abhandlung entstehen. Also gab ich das Unterfangen besser auf, packte dafür das Buch*: «Bei näherem Hinsehen. Beobachtungen zu Georg Christoph Lichtenbergs Sudelbüchern» ein und ging auf eine Lesefahrt nach Basel. Lichtenberg, der berühmte Physiker in Göttingen, hatte nicht nur Experimente durchgeführt, sondern auch Tagebücher geschrieben, die er Sudelbücher nannte. Lesen im Zug ist eigentlich sehr anregend. Nicht nur ein Buch hatte ich mit dabei, sondern auch Briefe mit guten Wünschen. Da fand ich zum Beispiel eine Passage, die lautete: «Ich wünsche Ihnen weiterhin (…) auch eine Fortsetzung des Geniessens und Erfreuens, wie es Ihre Kolumnen so oft vermitteln.» Diese Briefzeilen veränderten meine Gemütsverfassung derart, dass ich beschloss, die Nachbetrachtung zur Waffen-Initiative und zur Behauptung, ihre Annahme würde Schweizer Werte zerstören, endgültig sein zu lassen.

Als Georg Christoph Lichtenberg auf einer Reise in Hannover angelangt war, schrieb er am 9. April 1772 dem Ehepaar Dietrich, in deren Haus er wohnte: «Vor allen Dingen grüsse mir die beyden Jungfern Köchinnen Marie und Regine, ich esse zuweilen gerne etwas gutes, deswegen lasse ich keine Köchin ungegrüsst …» Mehr als 200 Jahre später halten wir es mit Lichtenberg, essen gerne gut, aber vergessen dann oft ein Merci. Das ist unverzeihlich. Darum möchte ich den Köchen und den Köchinnen einmal öffentlich mit folgender hübschen Episode danken.

Kurz vor Weihnachten sass ich im Railjet, der von Wien kam und nach Zürich fuhr. In Innsbruck war ich zugestiegen und hatte mir für einmal den Luxus geleistet, in der Abteilung «Premium» zu reisen. Da fand ich meine Ruhe und konnte lesen. Eine junge hübsche Frau kam und fragte mich, was ich wünsche. Sie tat es mit österreichischem Charme, stellte sich mit hochgeschnürtem Busen leicht provozierend vor mich hin und lächelte. Ich durchschaute sie: Sie dachte bestimmt, da sitze wieder ein älterer Herr, der sich gerne von einer schönen Frau bedienen lasse. Ich bestellte einen Süssmost. Sie stutzte, verstand mich nicht und so sagte ich schliesslich: «Bringen Sie mir einen Apfelsaft.» Das tat sie gerne.

Als ich das Glas leer getrunken hatte, erschien sie wieder und fragte, was sie mir, dem Herrn, wie sie mich nannte, servieren dürfe. Ich erklärte ihr, dass ich ein gutes Frühstück genossen hätte, noch würde der Magen nicht knurren, aber nach dem Arlbergpass sollte sie mich bitte nochmals fragen. Was dann auch geschah. Sie könne mir heisse Frankfurter Würstel offerieren. Aber dieses Angebot behagte mir gerade nicht. Hingegen nickte ich, als sie mir Chili con Carne anbot. «Möchten Sie dazu ein Glas Wein?», fragte sie. Das war mir willkommen, und schon kurze Zeit später stand ein Glas Zweigelt auf dem Klapptischchen.

Später brachte sie mir ein Dessert und einen Kaffee, war immer sehr nett und gesprächig. Wie sie denn heisse, wollte ich wissen. Sie nannte mir ihren Namen, und ich wiederum schlug den Bogen zum Essayisten Simic. Ob sie denn ihren berühmten Namensvetter kenne. «Nein, mein Herr! Aber in Wien gibt es sehr viele Leute mit diesem Namen.» Als wir am Zürichsee entlang fuhren, trat sie wieder vor mich hin und fragte mit der noch immer gleichen Freundlichkeit nach meinen Wünschen. Ich bestellte noch einmal einen Apfelsaft, aber sie schüttelte den Kopf. Ob sie mir nicht etwas Besseres servieren dürfe, zum Beispiel einen Glühwein? Ich bejahte befriedigt. Sie ging zurück in die Bordküche, brachte nach ein paar Minuten ein Glas und entschuldigte sich zugleich, der Glühwein sei nicht ganz perfekt, sie habe leider keinen Zimt mit dabei.

Kurz vor Thalwil wollte ich zahlen. Erstaunt sah sie mich an. In dieser Bahnklasse sei die Verpflegung inbegriffen, sagte sie. Ein Trinkgeld aber nehme sie gewiss. Sie bejahte. Nun fragte ich sie leicht verschmitzt, wie viel denn ihr Service wert sei. «Noch nie hat mir jemand eine solche Frage gestellt. Ich weiss es nicht.» Was sie jeweils auf die Hand bekomme. Zwei, drei Euros oder auch mal einen Fünferschein, meinte sie und eilte weg. Sie komme aber gleich wieder, sie müsse noch einen anderen Gast bedienen. Unterdessen entnahm ich meiner Geldtasche einen blauen Schein, und als sie erschien, streckte ich ihn hin. Sie nahm ihn, tat so, als ob sie den Schein küssen wollte und bedankte sich derart herzlich, dass mir ihre Freude nachging und zu meinem schönsten Weihnachtsgeschenk wurde.

Ich habe mir vorgenommen, nur noch denjenigen Serviceangestellten ein rechtes Trinkgeld zu geben, die mir auch ein Lächeln schenken. Ein guter Service ist viel wert, und das Trinkgeld am Schluss ist eine Art Bewertung. Werte hängen davon ab, wie Menschen eine Sache oder eine Dienstleistung bewerten. Wer dankt, drückt seine Wertschätzung aus. Zurück zu Lichtenberg. Am 24. Januar 1775 schrieb er an Dietrichs Frau Christiane: «Was macht denn Marie? Wenn sie artig ist, so grüssen Sie sie doch in meinem Namen. Wenn Dietrich sagt, Sie sollten es nicht thun, so grüssen Sie sie dreymal und wenn er böss werden sollte, sechsmal und so weiter.» Lichtenbergs Grüsse an Marie sollten der Dienstmagd beweisen, dass der Abgereiste ihr gegenüber Dankbarkeit empfand.

Bei näherem Hinsehen sind kleine Werte manchmal gross, und grosse sind oft nicht so gross, wie sie scheinen. Im zwischenmenschlichen Bereich jedenfalls zählen die kleinen doppelt. Ein Lächeln, das eine Zugfahrt überdauert, bleibt ein Wert und ermuntert einen, auch einer anderen freundlichen Person für einen guten Service ein reichliches Trinkgeld zu geben.

* Horst Gravenkamp: Bei näherem Hinsehen. Beobachtungen zu Georg Christoph Lichtenbergs Sudelbüchern. Göttingen 2011