Auswandern und einwandern

Auf dem Weg vom Sattel nach Schwyz steht die Kapelle, die das Ehepaar Franz Xaver und Lena Wiget-Schuler erbauen liess. Als die Strasse 1999 verbreitert wurde, musste die Kapelle verschoben und abgesenkt werden, zugleich entstand ein Rastplatz. Die Kapelle ist der Muttergottes gewidmet, im Innern geschmückt mit einer Nachbildung der Maria vom Wesemlin in Luzern. Auf einer Eisenplakette von 1959 spricht das Ehepaar Wiget der Muttergottes den Dank dafür aus, dass sie nach einer stürmischen Schiffspassage über den Atlantik heil in der neuen Heimat ankamen. Den Tod vor Augen hatten die beiden Auswanderer, die auf der Rückreise nach einem Urlaub waren, gelobt, zu Ehren der Muttergottes eine Kapelle bauen zu lassen.

Die Wigets wanderten 1930 nach Amerika aus, nicht etwa getrieben von Abenteuerlust oder Fernweh, sondern aus purer Not. In unserem Land fehlten jegliche wirtschaftlichen Perspektiven. Zwischen 1920 und 1930 verliessen alleine 1500 Menschen, meist aus der bäuerlichen Bevölkerung, den Kanton Schwyz. Insgesamt, ist auf der kurzen Inschrift bei der Kapelle vermerkt, habe es innerhalb von fünfzig Jahren drei grosse Auswanderungsschübe gegeben. Die Menschen suchten eine neue Heimat, die ihnen Arbeit bieten konnte. Damals war Amerika das gelobte Land. Mein Grossonkel Josef Nussbaumer wanderte nach Mexiko City aus. Er, der Bruder meiner Grossmutter, fand als gelernter Uhrmacher sein Auskommen und eröffnete später ein eigenes Geschäft. Mit seiner Nicht, Maria Nussbaumer, habe ich noch immer Kontakt, wir schreiben uns hie und da eine Mail.

In der Schweiz herrscht heute Hochkonjunktur, die gut qualifizierte Arbeitskräfte anzieht. Wir sind in der glücklichen Lage, dass es unserem Land wirtschaftlich ausgezeichnet geht, und doch sind wir zugleich in der unglücklichen, dass es zu wenig Schweizer gibt, die die offenen Stellen besetzen können. Während den früheren Hochkonjunkturjahren wurden im Ausland vorwiegend Arbeitskräfte rekrutiert, die einfache Arbeiten zu verrichten bereit waren. Die Einwanderer von heute sind meist gut ausgebildete Fachkräfte, die sowohl an Universitäten als auch in industriellen Betrieben und im Dienstleitungssektor dringend gebraucht werden. Doch in den letzten Jahren hat sich ihnen gegenüber eine Abwehrhaltung entwickelt.

Die Abwehr gegen ausländische Arbeitskräfte ist reine Symptombekämpfung. Bildlich gesprochen nimmt sie sich aus wie Pillenschlucken bei Kopfweh. Will es nicht aufhören, geht der Mensch zum Apothekerschrank und sucht nach einem Schmerzmittel. Er schluckt etwa eine Treupel-Tablette. Treupel enthält Aspirin. Und trommeln die Schmerzen am nächsten Tag noch immer im Kopf, bekämpft er sie mit einem Treupel forte. Vergehen sie immer noch nicht, greift der Geplagte zu einem noch stärkeren Mitteln. Bis er endlich zum Arzt geht. Der misst den Blutdruck. Aufgepasst, er ist zu hoch! Der Arzt spricht mit dem Patienten und dieser gelangt zur Einsicht, dass er sein Leben endlich ändern sollte, als er vernimmt. «Damit Sie das Kopfweh wegbringen, müssen Sie die Ursachen bekämpfen. Sie leiden unter Stress.»

Der erbitterte Streit um die Überfremdung ist eine Symptombekämpfung. Die „Streitrösser“ sollten sich einem Stresstest unterziehen müssen, der von ihnen fordert, Antwort auf die Frage zu geben, warum so viele Ausländer in die Schweiz einwandern. Bald würde jedem klar, was der eigentlich Auslöser ist: Es ist das Streben nach Wachstum. «Im Wachstum liegt das Heil des Landes, ohne Wachstum läuft nichts», heisst es sec. Wer aber Wachstum verlangt, sollte an die Nebenwirkungen denken. Haben Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser schon einen Politiker gehört, der das Wachstum ablehnt oder es energisch begrenzen möchte? Eine solche Haltung würde wohl bei der Mehrzahl der Wähler schlecht ankommen.

Es scheint immer einfacher, die Symptome einer Krankheit zu bekämpfen als deren Ursachen. Aber Symptombekämpfer belügen sich selber. Sie reden sich krank und stecken damit andere Menschen an. Ihre Propaganda erreicht, dass am Ende das ganze Land am gleichen Symptom zu leiden glaubt und nur noch hofft, mit Pillen dem beklagten Übel abhelfen zu können. Da dies aber nicht gelingt, lassen sich immer neue Symptome finden, wie etwa die Personenfreizügigkeit mit der EU oder ein Fall für die Boulevardmedien, weil ein Rückkehrer in seiner alten Heimat zum Sozialschmarotzer geworden sei. Und alles gipfelt dann in einem süffigen Wort: «Helfen Sie, die schöne Schweiz vor der Überfremdung zu retten.» Das posaunte schon James Schwarzenbach zu Beginn der 1970er Jahre ins Land hinaus.

Wenn diejenigen, die dafür zuständig sind, die Ausländerfrage für den Wahlkampf 2011 zu «präparieren», sich energisch für die Begrenzung des Wachstums in der Schweiz einsetzen, dann haben sie in meinen Augen an Ehrlichkeit gewonnen. Falls sie sich aber als Symptombekämpfer profilieren, kann ich sie nicht achten. Als Wirtschaftsvertreter wissen sie sehr wohl, wie sich die Beschränkung des Wachstums längerfristig auswirken könnte. Würden allein im Kanton Zug einige Tausend Fachkräfte mit Familien abwandern, entstünde eine Immobilienkrise. Sowohl die Industrie als auch der Dienstleistungssektor würden einbrechen. Ade dem beständigen Drehen an der Steuerschraube! Darum plädiere ich für eine sachliche Ursachenbekämpfung und wende mich gegen eine Politik, die Symptomschmerzen mit Treupel forte bekämpft. Ich verachte die propagandistische Pharmazeutik und denke an das Ehepaar Wiget und seine Kapelle.