Der Bücherbus der Queen

«Du öffnest ein Buch, und es öffnet Dich», habe ich am Schaufenster einer kleinen Altstadtbuchhandlung gelesen. Zugleich erinnerte ich eine Begebenheit, die mich sehr betroffen gemacht hat. Erlebnisse, die mit starken Emotionen verbunden sind, vergisst man nicht, auch wenn man die einzelne Fakten aus dem Gedächtnis verloren hat oder nur ungenau behalten konnte. Vielleicht stimmt mich nun, da ich dieses Erlebnis von der Seele schreiben kann, die damalige Aussage eines Regierungsrats milde. Ich empfahl ihm, ein bestimmtes Buch unbedingt zu lesen. Um welches Buch es sich gehandelt hat, weiss ich nicht mehr. Heute würde ich, nach Erfahrungen in der Politik und dessen, was sich gerade jetzt im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Pascal Couchepin abspielt, von Miguel de Cervantes «Don Quijote de la Mancha» oder von Giovanni Quareschi «Don Camillo e Peppone» empfehlen. Don Quijote ist doch jener edle, dürre spanische Ritter, der gegen Windmühlen gekämpft und geglaubt hat, es handle sich dabei um feindliche Riesen.

Was mich so sehr betroffen gemacht hat, war, dass der besagte Herr mir ziemlich von oben herab antwortete: «Wozu Bücher?» Er habe noch nie ein Buch gelesen und er werde auch keines lesen. Mit ihm jeweils im Gespräch stehend war ich nicht verwundert, dass er noch keines, geschweige denn einen Roman, gelesen hatte. Seine Sprache war sehr einfach und recht hölzern.

Ich ging also in besagte Buchhandlung und stiess auf das kleine Werk von Allan Bennett «Die souveräne Leserin». Mit ansteckendem Humor und mit viel Ironie erzählt der Autor (natürlich ist alles erfunden), wie die Queen das Lesen entdeckt hat. Hinter ihrem Palast stand jeweils am Mittwoch ein Bücherbus. Als sie im Garten spazierte, sprangen ihre Hunde laut bellend auf den Bus los. Die Queen entschuldigte sich bei Mister Hutchings, der Interessierte mit Büchern versorgte, für den lauten Lärm der Tiere. Hutchings erkannte die Majestät und verneigte sich. Im Augenblick als sie eintrat war nur gerade ein Kunde im Bus, nämlich ein Küchenbursche der Königin. Sie sollte den Bücherbus nicht verlassen, dachte sie, ohne ein Leseexemplar auszuleihen. Schliesslich wählte sie einen recht dürren Roman einer Schriftstellerin, die sie früher einmal geadelt hatte. Als sie am nächsten Mittwoch das Buch zurückbrachte, fragte Hutchings, ob es ihr gefallen habe. Es sei ein bisschen trocken, antwortete sie. Der Ausleihbeamte nickte und erkühnte sich zu fragen, ob sie es unter diesen Umständen doch gelesen habe. «Na, bis zum Ende. Wenn ich ein Buch anfange, dann lese ich es auch bis zum Schluss. So bin ich erzogen worden: Bücher, Butterbrote, Kartoffelbrei – was auf dem Teller ist, wird aufgegessen. Das war schon immer meine Philosophie.»

Wieder spürte sie, dass sie auch diesmal nicht ohne Buch weggehen konnte. Obwohl ratlos, was sie denn auswählen sollte, fiel ihr von Nancy Mitford «Englische Liebschaften» in die Hände. Dieses Buch «erwies sich als auf seine Weise bedeutsamer Glücksgriff.» Die Queen entdeckte das Lesen und spürte auf einmal, wie jedes neue Buch ein Fenster in die Welt öffnet. Die Hofschranzen beobachteten die Leselust der Königin mit Misstrauen, denn sie nahm die Repräsentationsaufgaben zwar als Pflicht wahr, aber sie machten ihr auf einmal keinen Spass mehr. Und als sie gar bei den Begegnungen mit Honoratioren die Frage zu stellen begann: «Was lesen Sie?» und die Herren damit in Verlegenheit brachte, sannen sie nach, wie sie das ändern könnten.
Nun ging es Ihrer Majestät wie den Zugern, die im «Apéro», der wöchentlichen Beilage ihrer Zeitung, lesen, dass der Bücherbus am Landsgemeindeplatz stehe. Wenn sie aber hingehen und beim Flanieren ein Buch ausleihen möchten, steht er nicht mehr da. Als die Queen ihren Diener zum Bücherbus schickte, fand er ihn nicht mehr hinter dem Palast. Das war ein Rückschlag. Am Hof sagte man, das Verschwinden sei eine Folge der Mittelkürzungen. Die Queen aber gab nicht auf. Sie las weiterhin Bücher. Das können die Zuger auch, aber sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Bücherbus weder in Hünenberg noch in Baar oder Oberägeri steht wie früher, sondern wegen geringer Defekte ausser Funktion gesetzt worden ist. Das Fehlen würden Köche und Hobbyköche, Sammler, Lehrer, Schüler, Studenten und Senioren bedauern, aber auch Feriengäste, die bewundert hatten, dass es in Zug die kulturelle Einrichtung des Bücherbusses gibt, sagte man mir.

Das Buch erfüllt in perfekter Weise das Gleichheitsgesetz der Bundesverfassung. Ihm ist es völlig Wurst, ob es von einem Landammann oder einem Küchengehilfe gelesen wird. Vor dem Buch sind alle Leser gleich. Auch die Queen erkannte dies und nannte es ein demokratisches Hilfsmittel. Die Queen nahm auf ihrer Fahrt zur Kronrede ein Buch mit. Als sie nach der Rede das Buch in der Kutsche suchte, war es verschwunden. Die Sicherheitsbeamten hatten es entdeckt und glaubten, in ihm sei eine Bombe versteckt. Als dies die Queen erfuhr, sagte sie: «Ja. Genau das ist es auch. Ein Buch ist ein Sprengsatz, um die Phantasie freizusetzen.» Ein anderes Mal meinte sie, sie lese, weil man zu ergründen verpflichtet sei, wie die Menschen sind.

Das kleine Werk, würde dem oben erwähnten Regierungsrat nur gerade zwei, drei Stunden von seiner Zeit stehlen, aber es würde ihm, dem Pensionierten, unglaublich viele Erkenntnisse über den Hofstaat, die Beamtenschaft, dem Fühlen und Trachten der Menschen geben und ihn mit Einsichten bereichern, die er nicht aus den Fingern saugen kann. Schade nur, dass man in Zug nicht ein paar tausend Franken aufbringt, um den Bücherbus, der von Begeisterten gratis betreut wird, wieder flott zu machen.