Was nützen denn schon Gedichte?

Vor ein paar Stunden habe ich einen Essay «Der Ärger mit der Dichtung» von Charles Simic* gelesen. Gleich zu Beginn liessen mich die folgenden Sätze aufhorchen: «Kindern Hass auf die Schule beibringen und sie an dem Tag vor Freude springen lassen, an dem sie kein Gedicht mehr sehen müssen, dies ist das einzige, wozu Dichtung je getaugt hat. Darüber ist sich die gesamte Welt völlig einig. Niemand liest je bei klarem Verstand Dichtung. Sogar unter Literaturtheoretikern ist es heutzutage Mode, auf jegliche Literatur herabzublicken, ganz besonders auf Dichtung. Dass immer noch einige Leute damit weitermachen, ist eine Kuriosität für die Rubrik Vermischtes in der Zeitung.»

Simics Ironie amüsierte mich sehr, denn ironisch sein, bedeutet, gerade das Gegenteil davon zu sagen, was man eigentlich meint. Nicht jeder Leser merkt es auf Anhieb.

Vor mehr als zehn Jahren warb ich in einem Vortrag vor Lehrerinnen und Lehrern für das «Schülerrecht auf Auswendiglernen». Je länger meine Ausführungen dauerten, umso mehr steckten vor allem jüngere Zuhörer die Köpfe zusammen, lächelten und tuschelten. Als ich einige Gedichte aufzählte, die Schüler auswendig können sollten, wurde es unruhig im Saal. Ich spürte, dass ich mit meinen Hinweisen und Gedanken auf Ablehnung stiess.

Tatsächlich geht es heutzutage im Unterricht mehr um Ausbildung als um Bildung. Was sollen da Dichterworte? Dass ich diese «Ansichten» gleich mit einem Zitat begonnen habe, wird den einen oder anderen Leser verärgern. Er wird sich dann am Ende mit einem Leserbrief Luft verschaffen, den Autor als eingebildet hinstellen, ihm sogar eine intellektuelle Überheblichkeit andichten, andichten allerdings, ohne dass sich seine Aussage reimt. Dabei möchte der Kolumnist bloss einen Zeugen anrufen, der belegt, dass er nicht allein ist mit seinen Gedanken. Nur wenige deutschsprachige Blätter publizieren regelmässig Gedichte. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» gehört zu den wunderbaren Ausnahmen. Seit Juni 1974 erscheint jeden Samstag ein deutsches Gedicht und eine kleine Interpretation dazu.

Letzthin sass ich im Bus ganz vorne beim Chauffeur. Auf der Bank vis-à-vis befand sich ein Vater mit einem vier- oder fünfjährigen Mädchen. Es hatte dunkle, strahlende Augen und ein hübsches Gesicht. Der zuckelnde Rhythmus des Busses und das Sitzen auf Vaters Knie mussten es zum Singen angeregt haben. Es hatte eine feine und klare Stimme und sang bekannte Kinderlieder. «Aber gäll, du hesch mi gärn» und andere. Vielleicht auch «Siebe chliini Äntli…». Ich habe all die Titel vergessen. Mit dem Liedchen hellte das Mädchen die Mienen der Mitfahrenden auf, die sonst eher verschlossen wirken. Etwas Verspieltes huschte durch die Reihen. Als ich beim Kolinplatz den Bus verliess, lobte ich das Mädchen und sagte, es werde einmal eine Sängerin. «Ich weiss es nööd», meinte es klar und entschieden und kostete seine Antwort aus.

Liedtexte und Gedichte, die man in der frühen Kindheit und in der Volksschule auswendig gelernt hat, sind ein reicher Schatz für das ganze Leben. Gute Gedichte formen und prägen die Sprache und entfalten das Sprachgefühl. In einer Zeit, da geklagt wird, dass viele Schulabgänger, ja sogar Hochschulabsolventen, Mühe hätten, gutes und korrektes Deutsch zu sprechen und zu schreiben, wirken auswendig gelernte Gedichte wie ein innerer Sprachmeister. Sie sind ein Teil dessen, was die Bildung ausmacht. Vielleicht tue ich der modernen Schule unrecht, wenn ich vermute, dass heute nicht mehr viel Wert auf das Auswendiglernen von Gedichten gelegt wird.

Wenn ich ein «Schülerrecht auf Auswendiglernen» postuliere, dann habe ich eine subversive Absicht, denn nach Charles Simic gehört es zu den «köstlichen Widersprüchen, dass Dichtung ihre hartnäckigsten Kritiker stets besiegt und überlebt hat.» Gedichte, meint er, seien ein närrisches Vergnügen der politisch Unkorrekten. Damit führen Gedichte ins Leben ein, das ja stets zwiespältig und widersprüchlich bleibt. Die Realität besiegt eben diejenigen, die sich stets korrekt und allwissend geben. Gedichte machen es ihnen nicht leicht, denn selbst dann, als sie sich noch gereimt haben, steckten sie voller Tücken.

Den ersten Aufsatz, den ich im Seminar schreiben sollte, hatte den Titel: «Frühling lässt sein blaues Band / wieder flattern durch die Lüfte.» Ich verstand dieses Bild aber nicht, ahnte nicht einmal, dass damit der blaue Himmel gemeint sein könnte und der Wind, der die Wolken vertreibt. Um das Bild zu begreifen und verstehen zu können und erst noch einen guten Aufsatz zu schreiben, hätte ich nur das Gedicht «Er ist’s» von Eduard Mörike aufschlagen müssen, der fortfährt:

Süsse, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bists!
Dich hab ich vernommen!

In Lebensläufen erfolgreicher und bekannter Persönlichkeiten stösst man immer wieder auf Erlebnisse während der Schulzeit, die nichts mit dem gewöhnlichen, strukturierten Unterricht zu tun haben. Sie berichten von Begegnungen mit begeisternden Lehrerinnen und Lehrern, die ihnen weisse Stellen offen liessen und sie in Räume führten, in denen das scheinbar Nutzlose Bedeutung hatte. Schulreformen, die nur auf Ausbildung und Kulturtechniken zielen, ohne den Raum für das Spielen, Träumen, Singen und Musizieren, Gedichte aufsagen, Theater spielen zu öffnen, fördern nicht den ganzen Menschen. Eine Lehrperson, die es versteht, Schüler mit einer Leidenschaft für das scheinbar Nutzlose anzustecken, ist nicht nur exzellent, sondern gnadenvoll.

* Charles Simic: Die Wahrnehmung des Dichters. Über Poesie und Wirklichkeit. Hanser 2007.