Die feine Stäubung des Schmetterlings

Das Leben ist immer wieder darauf ausgerichtet, uns eine Begegnung mit einem Menschen zu ermöglichen, den wir bisher nicht gekannt haben. Mir ist es vor kurzem so ergangen. Da traf ich einen Menschen und spürte rasch, dass es sich um eine Persönlichkeit handelte. Wenn ich ihm verraten hätte, was mir spontan durch den Kopf gegangen war, dann hätte er bestimmt abgewinkt und erwidert: «Oh, ich setze mich nicht aufs hohe Ross!» Ob jemand als Persönlichkeit gilt und als solche wahrgenommen wird, kann niemand selber beurteilen. Der Mensch begegnet Mitmenschen, und sie widerspiegeln, was einer ist.

Dieser X, den ich kennen gelernt habe, verfügt über ein feines Gespür für Menschen, er hat einen guten Geschmack und achtet vor allem auf seine Sprache. Ab und zu geniesst er von einem bestimmten Gipfel die Aussicht, lässt den Blick nach allen Seiten schweifen und weiss, dass sich hinter dem Horizont ein weiterer verbirgt. Neben seinem anspruchsvollen Beruf, liest er gern ein Buch. Bücher, sagt er, sind ein Fenster zur Welt.

Im Laufe unseres Gesprächs kam er auf einen guten Kollegen zu sprechen. Dieser sei früher ein offener und interessanter Mann gewesen, sie hätten oft über Literatur oder die Sinnfragen des Lebens diskutiert. Dann habe er sich zurückgezogen, erfolgreich verschiedene Geldgeschäfte getätigt und sei ein reicher Mann geworden. Und siehe da, niemand werde sich wundern. Sein Wesen habe sich verändert. Heute könne man mit ihm nur noch über Anlagen sprechen und darüber, was man mit dem Geld denn alles machen könne: Reisen, gut essen und immer wieder die Börsenkurse verfolgen. Nach jeder Reise erzähle er von ausgefallenen Speisekarten, luxuriösen Hotelzimmern oder dem Besuch eines Nachtlokals, das gerade «in» sei. Aus dem vielseitigen, neugierigen Menschen sei ein eindimensionaler Mann geworden, der dem Mammon huldigte. «Sone ghüslete und glinierte, isch er worde», schloss mein Vis-à-vis.

Der Dialektsatz erinnert mich an die Schiefertafel, auf der ich als Schüler meine ersten Buchstaben auf Linien und in Häuschen kritzelte. Dabei ging mir das Knirschen des Griffels durch Mark und Bein. Auf der Tafel entstanden die ersten Wörter und ich ergötzte mich an ihnen. Allmählich sammelten sie sich zu richtigen Sätzen. Später begegnete ich den Wörtern wieder in den Gedichten. Und noch etwas später entdeckte ich, dass sich über meine Welt ein unermesslicher Wörterhimmel spannt.

Nachdem ich etwa mal an die Geschichte des Mannes dachte, die mir mein neuer Bekannter erzählt hatte, erinnerte ich mich an eine Stelle in Robert Walsers Gedicht mit dem Titel: «Was fiel mir ein?» Der Dichter fragt sich: «Wann ging die feine Stäubung dem Schmetterling in mir verloren? Wann fing es an, wann, wo begann, was mich entfärbte …?» Das sind Fragen, die sich jeder Mensch irgendwann einmal stellt, auch wenn er kaum imstande sein wird, sie so poetisch zu formulieren. Wann hatte sich das Lebens jenes Mannes, von dem ich weiter oben schrieb, zu entfalten begonnen, wann hatte es sich verengt? Hatte er den Augenblick nicht erfasst, als er anfing, seinen Blick eingleisig auf seine eigenen Interessen zu richten? Wann hatte er vergessen, dass sein Wesen eigentlich auf eine offene Person angelegt war, nicht bloss auf eine spekulierende und funktionierende?

Auch wenn das Leben den Menschen oft genug zwingt zu funktionieren, bleibt ihm doch Zeit, zum Schmetterling, der in ihm steckt, Sorge zu tragen, und sich gegen die Einseitigkeit und Sturheit zu wehren und jene Seelenteile zu pflegen, die Robert Walser mit dem Motiv des Sommervogels aufnimmt. Der sensible Dichter führte ein unstetes Leben voller Sehnsucht. Er besass eine wunderbare wortschöpferische Einbildungskraft. Dabei schaute er den Menschen aufs Maul. Nicht alles, was er wahrnahm, gefiel ihm.

Robert Walsers Frage zwingt einen, den Blick nach innen, auf die Seele, zu richten. Sie darf nicht abstumpfen. Der erwachsene Mensch möchte vielmehr zurückgewinnen, was er als Kind in sich erahnte. Es hatte die Welt in ihrer Farbenpracht betrachtet, und es schaute dem spielenden Dahinschaukeln der Schmetterlinge zu. Aber es entdeckte auch, dass es den Kohlweissling gab. Seine Raupe ist zwar ein grosser Schädling in der Landwirtschaft. Und doch ermahnten die Eltern das Kind, den Schmetterling nicht mit den Händen zu fangen. Sonst werde er nicht mehr fliegen können und müsse verhungern, wenn die Stäubung, die winzigkleinen Schuppen verloren gehen. Man sollte ihn nur zärtlich auf dem Arm auf- und absteigen lassen, so ähnlich werde auch das Leben auf das Kind zukommen.

Walsers Bild steht für die behutsame Pflege jener Werte, die das Leben lebenswert machen. Dazu gehört der achtsame Umgang mit den Menschen, mit der Schöpfung, der Natur und der Kultur. Ging das Kind nicht früher auf Trampelpfaden, erst recht am liebsten auf Umwegen und wich dabei dem geraden Weg aus? Sah es da nicht Blumen am Weg? Lag es später nicht in der Sonne am Waldrand und hörte den Vögeln zu? Damals hatte es noch die Aussicht, dass es vieles erleben, manches entdecken und sehen würde. Es würde werden. Es stand fragend vor und mitten in den Dingen. Noch wurde es nicht an dem gemessen, was es hatte, sondern an dem inneren Reichtum, an seinem Mutterwitz und an den vielfältigen Interessen. Es hatte ein Herzenskonto, das sich täglich vermehrte. Eine feine Stäubung lag auf seinen Flügeln. Es konnte durch die Welt schaukeln und ein Liedchen singen: Farfallina tutto bianca, vola! Vola e non sia stanca! Schmetterling, ganz weiss, flieg! Flieg ohne müde zu werden!