Dichter sind wie Regenwürmer

Seit mehr als zwanzig Jahren führt das Institut für Angewandte Pflanzenbiologie (IAP) u. a. im Auftrag des Kantons Zug auf dem Zugerberg Flächenstudien durch, die aufzeigen sollen, wie sich das Ökosystem Wald unter Einwirkung von Umwelteinflüssen entwickelt. Das heute totgesagte Waldsterben war damals in aller Munde. Die Waldflächen, die untersucht werden, sind in einem landesweiten Netz zusammengefasst. Die Resultate werden jeweils in einem Forschungsbericht publiziert. Hier soll nur ein Ergebnis der langjährigen Datenreihe herausgegriffen werden: Wo früher in einem Quadratmeter Waldboden ca. hundert Würmer ausgegraben wurden, findet man heute noch deren zwei, drei. Vielleicht gibt es nun Politiker, die behaupten, dass das Verschwinden der Würmer nichts zu bedeuten habe. Fragte doch ein nicht gerade umweltfreundlicher Regierungsrat, was eigentlich den Forschern einfalle, all die Schwänze zu zählen.

Würmer sind sehr säureempfindlich. Im Boden verwandelt sich der Stickstoff in Säure. Fehlen die Würmer, ist dies ein Indikator für eine Bodenversauerung. Würmer aber sind für die Bodenfruchtbarkeit sehr wichtig. Sie fressen die Blätter und was sie ausscheiden, ist nährstoffreicher Humus. Unter ihnen gibt es Vertikalbohrer und Horizontalbohrer. Werden die Blätter oder Nadeln nicht von Würmern gefressen, verrotten sie zwar, aber sie bleiben organisches Material, das nicht zu Humus wird.

Bestimmt geben Sie zu, dass ich noch selten einen so hübschen Titel für eine Kolumne gefunden habe wie der Obige. Der «Tages-Anzeiger» hat ihn im Feuilleton vom 30. Januar einem Bericht vorangestellt, der vom Schriftsteller Urs Widmer handelt, der seit Mitte Januar als Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt Vorlesungen hält. Widmer hat unter anderem gesagt, Dichter seien für die Sprachform, was die Regenwürmer für den Boden: «Sie lockern das Plattgedrückte.» Plattgedrücktes findet man regelmässig auch in der politischen Diskussion und in den Parteiprogrammen.

Wenn Dichter also Regenwürmer sind, dann sind sie entweder Vertikal- oder Horizontalbohrer, die nicht nur das Plattgedrückte auflockern, sondern auch gesellschaftlichen Humus bilden. Die Mächtigen schaffen sich meist eine Entourage, die ihre Machtspiele ideologisch begründen und erklären. So hat etwa George W. Bush um sich nur neokonservative Strategen versammelt. Wer eine andere Meinung als das Weisse Haus oder das Pentagon vertritt, wird flachgedrückt.

Der lächelnde, sein Spiel treibende und Witze reissende Silvio Berlusconi sagte einmal: «Bücher? Lasst die ruhig Bücher schreiben, auch gegen mich. Die lesen nur wenige Leute. Neunzig Prozent der Italiener schauen fern und lassen sich von Bildern beeinflussen. Nehmen wir also das Fernsehen in Besitz.»

In neokonservativen Kreisen werden die Würmer gerne dem linken Filz zugeordnet. Es wird behauptet, die Kultur sei vom Futtertrog des Staates abhängig und ernähre sich von Steuergeldern, die Linke verwalten. Im Positionspapier der Schweizerischen Volkpartei zur Kulturpolitik des Bundes wird dargetan, wie die Bundesverwaltung immer eifriger mitmische. Bei der Filmförderung herrsche mehr oder weniger Vetternwirtschaft und es seien verfilzte Vergabestrukturen auszumachen. Jeder Antragsteller lasse seine Beziehungen spielen. Wer wie ich, als ehemaliger Präsident der Eidgenössischen Filmkommission, Einblick in die Vergabepraxis des Bundes hatte, kommt zu einem anderen Schluss. Die Gremien entscheiden nach Qualitätskriterien, ohne freilich immer sicher zu sein, dass ein geförderter Film am Ende auch die gewünschte künstlerische Qualität erreichen wird.

Im Positionspapier der SVP wird u. a. verlangt, die Kulturförderung sei weitgehend Mäzenen zu überlassen. Von denen gibt es heute aber sehr wenige. Sie werden durch Sponsoren ersetzt. Das schriftstellerische Schaffen, die bildende Kunst, die Filmförderung, ja, sogar die Theaterkultur dürfen nicht der Willkür der Sponsoren anheim fallen. Sie fördern, was ihnen Nutzen und Publizität bringt und den Interessen ihres Unternehmens dient. Niemals kann es die Aufgabe der Kulturschaffenden sein, dem Staat oder den Sponsoren liebzudienern. Wer sich aber nicht daran hält, läuft Gefahr, dass ihn die Sponsoren souverän übergehen.

Soll nun auch der Staat mit seinen spärlichen Mitteln dafür sorgen, dass staatlich subventionierte Einfalt nach vorgefassten Bewertungsmassstäben entsteht? Nein, die Gesellschaft braucht Würmer, die das Plattgedrückte lockern und Humus bilden. Ohne diesen Humus entsteht wenig Ungewohntes, Frisches, Neues. Die öffentliche Hand muss sich wie ein Mäzen verhalten. Maecenas, der im 8. Jahr vor Christi Geburt verstarb, war ein Gönner und Beschützer der Künste. Er förderte jüngere Talente. Nicht jedes wurde ein Odendichter wie Horaz, der mit seinen Werken andere überstrahlt.

Die SP will sich gegenüber der SVP als Kulturpartei profilieren und verlangt höhere Subventionen. Dazu nur ein Wort. Es gibt weder rechte noch linke Würmer. Es sei denn, man würde diejenigen, die das Plattgedrückte auflockern, als Linke bezeichnen. Würmer werden wenig beachtet. Max Huwyler, der Vertikalbohrer, verdeutlicht die Realität in seinem neusten Werk «öppis isch immer»:

dichterlääsig

de dichter list vor
d lüüt losid zue
s färnseh nimmt uuf
de kameramaa
hed e hund im visier