Sonnenaufgang auf der Rigi

Die Linie des Horizonts glich einem riesigen Scherenschnitt: Die untere Hälfte stand noch im Dunkeln, war schwarz; über der gezackten, gezähnten und gekerbten Linie war es hingegen bereits hell. Ein oranger Schimmer lag über den Bergen, die dank ihrer Konturen leicht zu erkennen waren: Säntis, Glärnisch, Uri Rotstock, Titlis, die Berner Alpen mit Mönch und Jungfrau. Es würde einen herrischen Sonnenaufgang geben, denn der Himmel war klar, die Halbmondsichel glänzte in fahlem Licht, und nur ein feiner Seidendunst spannte sich vor dem westlichen Bergmassiv auf. Es war still, fast feierlich ruhig. Ich zählte fünf Menschen, die wie ich ganz langsam zum Gipfel gingen. Wenn sie nur nicht laut zu reden beginnen würden! Meine Befürchtungen waren unbegründet, denn auch sie erwarteten staunend die Wiedergeburt des Tages. Mich ergriff eine andächtige Stimmung. Langsam hellte es auf. Bleischwer schienen die Seen im Tal vor sich hinzudämmern. Entlang von Dorfstrassen leuchtete eine Perlenkette aus Lichtern. Der Lärm des einsetzenden Morgenverkehrs versuchte die Berglehne hochzuklettern.

Ein kalter Wind sauste um die Ohren und er raunte mir zu: «Du hast es gut, du darfst den Tag auf dem Berg geniessen.» Es war fast, als würde er den Hauch des Wunderbaren, des Ewigen in meine Richtung treiben. Ein Flugzeug stach himmelwärts. Der Kondensstreifen, den es, weiter steigend, hinter sich nach zog, erschien im Licht der Sonne wie ein Komet, der in umgekehrter Richtung ins Grosse und Weite wies. Das dunkle Blau im Westen begann sich zu verfärben. Es wechselte hinüber zu Grüntönen, die sich über Orange in ein immer saftiger werdendes Rot verwandelten. Dieses löste sich allmählich auf, denn die Sonne stieg höher. Bald würden erste Sonnenstrahlen sich über dem Horizont ausbreiten, und die Sonne selbst würde in ihrem Gold erscheinen. Doch liess sie sich Zeit, und hätte ich gesagt: «So gehe doch endlich auf!», wäre dies ein Zeichen gewesen, dass ich ihrer unwürdig bin. Ich stand in gedankenvoller Stille und Ruhe da und wartete auf das Ereignis.

Es konnte nur noch Minuten dauern, bis im schimmernden Rot der Sonnengott erscheinen würde. Ich drehte mich hin zu den Berner Alpen. Auf ihren Gipfeln würden die ersten Strahlen ein Leuchten auslösen. Und schon fiel das Licht in die höchsten Zacken, wanderte in grossen, und wie mir schien, schnellen Schritten nach unten. Nur die Eigernordwand blieb im Schatten. Der leichte Dunst liess jedoch die mächtigen Riesen nicht allzu scharf hervortreten. Bald erschien Helios, der Sonnengott, schimmerte zuerst durch die Zacken des Horizonts und schon breitete er sich in seinem vollen Glanz rascher aus, als ich es erwartet hatte. Schon bald beherrschte er den Himmel, seine Macht und Herrlichkeit blendete mich so sehr, dass ich seinen Aufstierg nur noch durch die gespreizten Finger verfolgen konnte. Dass die alten Griechen Helios, den Sonnengott, ohne den nichts blüht, als den Herrn der Welt verehrten, wunderte mich nicht.

Er bewies auch sofort, was er alles vermag. Er zähmte den kalten Wind, er veränderte das zweidimensionale Landschaftsbild in ein dreidimensionales. Die Welt um den Berg bekam Farbe und Tiefe. Die Täler öffneten sich. Durch einige von ihnen würden Strassen zu Pässen führen, andere aber ans «End der Welt». Tief unter dem Aussichtspunkt weideten Kühe, von Ferne hörte ich ein Bimmeln. Die bleigrauen Seen waren nun blau, lagen im Abstrahl der Hänge und glitzerten fleckenweise. Ja, ja, der alte Goethe hat schon recht, wenn er sagt: «Am farbigem Abglanz haben wird das Leben.»

Die Stille des Sonnenaufgangs begleitete mich durch den Tag bis zum Abend. Die fünf unbekannten Menschen, die mit mir den Sonnenaufgang feierten, erkannten, dass in der Stille Heilung zu finden ist. Wie hat es mir weh getan als ich bei anderer Gelegenheit mitten in eine schwatzende und lachende Tourstengruppe gerieht, die die Bahn frühmorgens auf den Berg gebracht hatte. Ich musste fliehen. Nur, wenn du mitten drin auf Distanz gehst, kommst du dir näher.

Michel Serres, einer meiner Säulenheiligen, entfloh einmal dem Lärm von Paris und suchte in Epidauros Stille. Da sitzt er in den Ruinen der griechischen Kultstätte, Asklepios, dem Heilgott, gewidmet, und bedenkt sein Leben. Plötzlich nähern sich Touristen: «O Schreck, eine Gruppe. Ich höre sie schon von weitem kommen. Aus grosser Entfernung schickt sie den Schmutz ihres Lärms voraus. Noch bevor ich sie von oben aus dem Tunnel der grünen Zweige treten sehe, dröhnt sie mir an die Ohren, hat die transparente Luft aufgezwirbelt. Zwei, zehn oder vierzig Menschen umgeben sich mit einer Schale aus Sprache und einer weiteren Hülle aus Gemurmel; vorne, seitlich und hinten … Da kommt es. Orchester. Sie reden, kreischen, diskutieren, schreien, lassen ihre Bewunderung hören … Die Götter, die Heilung, der Gleichklang der Organe mit den Dingen, das alles ist verschwunden … » (In: «Die fünf Sinne»). Es war ein Glück, dass ich mich diesmal in völliger Stille dem Ereignis des Sonnenaufgangs hingeben durfte.