Schreiben wie ein «verarmter Gott» *

Schickt mir jemand einen anonymen Brief, weiss ich zwar nicht, wer ihn geschrieben hat, aber ich errate immerhin wes Geistes Kind der Verfasser ist. Die Sprache ist Ausdruck des Menschen. Wie sich jemand ausdrückt, so ist er. Man kann sich zwar hinter der Sprache verstecken, trinkt einer aber ein Glas Wein zuviel, löst sich die Zunge und befreit die Wörter, die auf dem Magen liegen. Beim Anhören einer Rede, in der ein Satz wie z.B.: «Das schleckt keine Geiss weg!», vorkommt, wird mir regelmässig schwindlig. Ich muss es mundartlich sagen, es wird mir «drümmlig». Ich stelle mir dann vor, wie die Ziege die geschönten Zahlen im Budget wegschleckt oder die verdeckten Kosten der NEAT.

Dichter, Schriftsteller und Journalisten, die sich nicht an den Satz von Ernst Weiss halten, der schon 1922 gesagt hat: «Die Sprache muss über uns wandeln wie ein verarmter Gott», irritieren ihre Leserinnen und Leser. Uwe Tellkamp, Arzt und Autor, hat diesen Herbst einen preisgekörnten Roman «Der Turm» herausgegeben, der 973 Seiten umfasst. Er beginnt so, bitte machen Sie sich auf ein längeres Zitat gefasst: «Suchend, der Strom schien sich zu straffen in der beginnenden Nacht, seine Haut knitterte und knisterte; es schien , als wolle er dem Wind vorgreifen, der sich in die Stadt erhob, wenn der Verkehr auf den Brücken schon bis auf wenige Autos und vereinzelte Strassenbahnen ausgedünnt war, dem Wind vom Meer, das die Sozialistische Union umschloss, das Rote Reich, den Archipel, durchädert durchwachsen durchwuchert von den Arterien Venen Kapillaren des Stroms, aus dem Meer gespeist, in der Nacht der Strom, der die Geräusche und Gedanken mit sich nahm auf schimmernder Oberfläche, das Lachen und den Ernst und die Heiterkeit ins sammelnde Dunkel; …» und wieder kein Punkt, sondern ein Strichpunkt, und dann fährt der Autor weiter, und der Leser ahnt kaum, auf welches Verb Tellkamp zusteuert. Käme ein solcher Satz in einer Rede vor, wäre es noch schwieriger ihn zu verstehen, denn man würde spätestens nach der ersten Hälfte den Faden verloren haben. Bei einem Text kann man immerhin nochmals von vorne zu lesen beginnen. Wahrscheinlich erwischte keiner den Schluss eines Satzes so geschickt, leitete nie einen Nebensatz im Gefüge falsch ein und steuerte auf das Verb, das überzeugen musste, so zielsicher hin, dass die Zuhörer nur staunten, wie der ehemalige Bundesrat Kurt Furgler. Ein brillanter Redner, der er gewesen war! Einzig die Parlamentssekretäre, die seine Voten im Stände- und Nationalrat haargenau stenographisch festhalten mussten, hatten mit dieser Sprache der langen Sätze ihre liebe Mühe. Wo sollten sie die Redeschlaufe abbrechen, wo einen Punkt setzen und dann mit einem neuen Satz beginnen? Wie konnten sie Furglers Schlangensätze lesetauglich aufnotieren?

Wenn Ernst Weiss sagt, die Sprache müsse über uns wandeln wie ein «verarmter Gott», dann meinte er nicht, sie solle phantasielos, einfältig sein und nur gerade ein Prädikat und ein Subjekt enthalten. Er ging ihm wohl darum, die Sprache nicht mit Eigenschaftswörtern zu überladen, sie sollte nicht gespreizt, nicht gestelzt daherkommen. Eigenschaftswörter sind meistens falsch. Sagt jemand von einer Frau, sie sei schön, dann heisst das nicht viel. Wird behauptet, die oder jener Herr, sei reich, weiss man nicht, welcher Standpunkt da eingenommen wird. «Reich sein» ist ein sehr relativer Begriff. Ein Schriftsteller oder ein Journalist, der viele Adjektive braucht, ist zu wenig präzise. Er habe einen schwammigen Stil, würde man sagen.

Ein im Sinn von Ernst Weiss «verarmter Gott» strafft die Sprache, hält sich an Verben, geht spärlich mit Füllwörtern um und sagt nicht, das schlecke keine Geiss weg, wenn es sich beim Schlecken nicht wirklich etwas zu schlecken gibt, etwa eine Handvoll Salz auf dem Schleckstein.

«Der kleine Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry, der es seit 1943 auf Hunderte von Auflagen gebracht hat und immer noch gelesen wird, beginnt ohne Schnörkel: «Als ich sechs Jahre alt war, sah ich einmal in einem Buch über den Urwald, das ‹Erlebte Geschichten› hiess, ein prächtiges Bild. Es stellte eine Riesenschlange dar, wie sie ein Wildtier verschlang. Hier ist eine Kopie der Zeichnung. In dem Buch hiess es: ‹Die Boas verschlingen ihre Beute als Ganzes, ohne sie zu zerbeissen. Daraufhin können sie sich nicht mehr rühren und schlafen sechs Monate, um zu verdauen.›» Saint-Exupéry hätte sogar den Ausdruck prächtig weglassen können. Aber weil der Sechsjährige das Bild als überaus grossartig empfand, was den Erwachsenen wahrscheinlich nicht passiert wäre, ist es berechtigt. Der Leser kann weiterblättern und wird kaum auf weitere Adjektive stossen.

Das Bild mit dem verarmten Gott ist überraschend. Wer arm ist, der lebt nicht im Überfluss, viel eher an der Grenze des Existenzminimums. Die deutsche Sprache ist unglaublich vielfältig und reich. Niemand kann die gebräuchlichen Wörter zählen, und kaum ein Forscher weiss, wie viele im Laufe der Zeit verloren gegangen sind. Von Wolfgang von Goethe wird behauptet, er habe in seinem Werk weit mehr als 150'000 verschiedene Wörter verwendet, ohne seine Sprache zu überladen oder gar gespreizt daher zu kommen. Das «Schweizerische Idiotikon», das die deutsche Sprache der Schweiz vom Spätmittelalter bis ins 21. Jahrhundert dokumentiert, weist bis jetzt 15 dicke Bände auf und wird, zu Ende geführt, deren 17 umfassen. Der «Gott» der Sprache ist also sehr reich, und dennoch meint Ernst Weiss, man solle ihn wandeln lassen, als ob er verarmt wäre. Damit legt er sein Augenmerk auf eine Sprache, die präzise, knapp und ehrlich ist, ohne Füllwörter, Schnörkel und Girlanden. Sie muss ja nicht so einfältig sein wie die in einem anonymen Brief.


* Ernst Weiss: Die Kunst des Erzählens. suhrkamp taschenbuch 799, 1982.