Ein wenig Magie und Mystik

(Die Kolumne wurde leider in der NLZ nicht veröffentlicht.)

Eine ganz besondere Geschichte erzählt der türkische Schriftsteller Yasar Kemal in seinem Roman: «Auch die Vögel sind fort.» Im Vorspann führt ihn der Schweizer Unionsverlag mit den folgenden Worten ein: «Jeden Herbst gehen die Vögel in Schwärmen auf einen Strand bei Istanbul nieder. Seit den Tagen des alten Byzanz will es die Sitte, dass die Städter sie vor den Moscheen, Kirchen und Synagogen kaufen und wieder frei lassen. Sie sollen an der Pforte des Paradieses Fürbitte leisten.» Kemal veröffentlichte den Roman 1978. Damals stand die Türkei an der Wende einer neuen Zeit. Drei arme Jugendliche versuchten aber noch immer mit dem Fangen von Zugvögeln ein wenig Geld zu verdienen. Sie fingen die Vögel nach altem Brauch, sperrten sie in Käfige und boten sie wie Marktschreier vor den religiösen Stätten zum Kauf an: «Fliege, Vogel! Fliege vor! Wart auf uns am Himmelstor!» Anfangs lief das Geschäft nicht schlecht. Auf einmal aber wurden die Burschen ausgelacht und verspottet. Resigniert sagten sie sich: «Die Leute haben sich geändert. Religion, Glaube, Allah, Mitleid, das Heilige Buch: All das gilt nicht mehr… Früher, als auch Mahmut (A.d.V.: unterdessen ein älterer Fischer) Vögel für das Paradies verkauften, kamen die Menschen zu Hunderten, um sie freizukaufen. Dann breitete sich überall Freude aus, die Welt war erfüllt vom Glück der Menschen und Vögel.»

Der Roman von Kemal schildert unaufdringlich, wie sich die Zeiten gewandelt haben. Seine Kritik ist subtil und feingesponnen. Yasir Kemal ist im Oktober 90-jährig geworden, wuchs in Armut in Südanatolien auf und zählt heute zu den meist übersetzten und ausgezeichneten Autoren seines Landes. Er wurde zu einem kritischen Beobachter der türkischen Politik und Gesellschaft. Im Roman erzählt er, wie eine alte Tradition langsam verloren geht. Der ideelle Wert des Vogelbrauchs wurde vorerst so etwas wie Folklore, doch dann verschwand die uralte Sitte. Wie sollten die in Freiheit entlassenen Vögel ein Gebet zum Himmel tragen? Da zündete man doch lieber in einer der christlichen Kirchen oder Synagogen eine Kerze an.

Den alten Brauch des Vogelfangens könnte man sinnbildlich auf Weihnachten übertragen. Das Christkind scheint es nicht mehr zu geben. Der masslose Konsum hat es vertrieben. Manches Kind hat sich daran gewöhnt, dass das «Wunderbare» als Überraschung in den Geschenken liegt. Neugierig, vielleicht sogar ein wenig gierig, wartet es auf die Bescherung unter dem Weihnachtsbaum. Hat es all die besonders schönen Geschenkpapiere hastig aufgerissen und entdeckt, was darunter zum Vorschein kommt, freut es sich fürs Erste. Falls es am zweiten Weihnachtstag ein Nachbarkind trifft, ist die Enttäuschung vielleicht gross, weil der Kameradin oder dem Kameraden genau der Wunsch erfüllt worden ist, den es selber auch hatte.

Auch dieses Jahr herrschte in der Vorweihnachtszeit eine angestrengte Hektik und Hast. Schon Ende Oktober wurden die Ladenfenster festlich geschmückt. Wer durch Einkaufsalleen und Bahnhöfe streifte, könnte wie Mahmut in Kemals Roman über die vielen Menschen staunen und sagen: «Aber keiner lacht.»

Es überrascht kaum, dass der Marketing Direktor des britischen Automobilherstellers Aston Martin, Markus Kramer, im einem NZZ-Interview im Herbst meinte, wenn man nicht selber plane, so plane jemand für uns. Dies seine Antwort auf die Frage, wie er es mit der Vorsehung halte. «Wer und ob jemand eingreift, weiss ich nicht und will es auch nicht wissen. Wir brauchen etwas Mystik und Magie im Leben.» Verbreiten Kerzen, Engelhaar, Kugeln am geschmückten Weihnachtsbaum etwas Mystik? Oder ist es der Geschenkberg? Und wie war es an Silvester, mit dem Riesenkrach und Lärm der Feuerwerkskörper, die über den Dächern zerplatzten? Ein Super-Kanonenschlag, eine Space-Sound-Rakete oder einem Familiy-Mix Komplettsortiment reichte nicht. Schon möglich, dass dieser funkensprühende Himmel dann als Magie empfunden wurde.

Die Frage, wer dieser Jemand sei, der für uns plant, bleibt im Interview unbeantwortet. Sind es die Medien, die sagen, was gilt? Oder die Banken und Geschäfte, die mit ihrer Werbung versuchen, unsere Sinne magisch zu verzaubern? So ein Handy oder ein «‹iPhone 5›, für alle, die bunt leben» unter dem Weihnachtsbaum, lassen vergessen, dass die Vögel fort sind. Wenigstens ist die Tradition noch nicht verloren gegangen, dass Kinder im Advent beim Guetzle helfen und mit Ausstechformen kleine Teigvögel herstellen. Am Ende ist dies für die Kinder das Wunderbare.