Lehrer Heyd beurteilte Friedrich Schiller

Ein Schulzeugnis dient der Selektion. Reicht es für eine höhere Schule oder sollte man besser einen anderen Weg einschlagen? Das Leben als Ganzes ist Selektion. Immer wieder wird man geprüft, die geleistete Arbeit wird bewertet. Aber das Leben ist viel mehr: es ist Variation, manchmal sogar Mutation, wie Darwin bewiesen hat. Denn das Leben kann sprunghaft verlaufen, das Schulzeugnis entscheidet nicht darüber, ob das Leben erfolgreich, zufrieden, glücklich oder unglücklich sein wird.

Im «Schiller Nationalmuseum» in Marbach sind zwei Zeugnisse in Worten aus dem Jahr 1774, als der fünfzehnjährige Friedrich in Stuttgart zur Schule ging. Lehrer Georg Friedrich Heyd beurteilte den Burschen mit folgenden Worten: «Gaben sind mittelmässig, Aufführung gleichgültig, Fleiss seinen Kräften angemessen. Geschicklichkeit in dem Recht der Natur, der Reichshistorie, denen röm. Alterthümern sind alle gleich mittelmässig.» Ein Glück, dass dieses Zeugnis nicht verloren gegangen ist und uns modernen Menschen Einblick gewährt, wie ein heute völlig vergessener Lehrer ein späteres Genie beurteilt hat.

Neben Heyd bewertete auch der Religionslehrer Carl Friedrich Hartmann die Leistung Schillers: «Urtheilt langsam, aber gut: Das Ingenium zeigt viele Fähigkeiten, das Gedächtnis ist gut; in seinem Studieren ist er bedächtig; der Fleiss willig, und geschäftig.» Hartmann ahnte, dass der junge Schiller gute Anlagen besass. Aber auch er konnte nicht ahnen, dass Schiller später «Die Räuber», den «Wallenstein» und den «Wilhelm Tell» schreiben, und er konnte nicht wissen, dass sein ehemaliger Schüler der Dichter der deutschen Nation werden würde. Das Ingenium entfaltete sich erst später, nicht in der Schule. Vielleicht wollte der Fünfzehnjährige möglichst nicht auffallen.

Ein Lehrer ahnt oft nicht, was eigentlich in einer Schülerin oder einem Schüler vorgeht. Vor Jahren stellte ich meinen Studentinnen im Pädagogikunterricht einmal folgende Aufgabe: «Stellt euch den kleinen Albert in eurer künftigen Klasse vor, der hinten in einer Bank sitzt. Er träumt und schaut den Wolken nach, ist ganz einfach zerstreut. Ihr ärgert euch über ihn. Anschliessend gebt ihr ihm eine schlechte Note in ‹Fleiss› und ‹Betragen›. Jahre später bringen alle Zeitungen unzählige Artikel und Beiträge über ihn. Überall heisst es, er sei ein Genie, er habe die Relativitätstheorie erfunden. Was meint ihr, was könnte wohl die Ursache seiner ständigen Unaufmerksamkeit gewesen sein?»

Ein Urteil ist relativ und manchmal überhaupt nicht angemessen. Da sitzen wir zum Beispiel in einem Zug. Parallel zu unserem Zug fährt ein zweiter gleich schnell auf einem anderen Geleise. Wir meinen, beide Züge würden still stehen. Wenn wir auf die andere des Abteils schauen, realisieren wir, dass unser Zug bereits mit hoher Geschwindigkeit dahinbraust.

Die Welt ist immer nur eine interpretierbare. Die Realität hingegen wird unterschiedlich wahrgenommen. Wir sind darauf angewiesen, sie zu interpretieren. Der Lehrer, der seinerzeit überzeugt gewesen sein könnte, Albert Einstein sei ein fauler Schüler, interpretierte dessen Verhalten falsch. Der Knabe war wohl viel stärker vom Ideenhimmel der Mathematik und den physikalischen Fragen fasziniert, als von denen, die in der Schule gestellt wurden.

Die Frage, wie es mit der Realitätswahrnehmung steht, beantwortet uns die Interpretationsphilosophie. Die Naturgesetze, sagt sie, stecken nicht in der Natur, sondern sie sind grundsätzlich Verstandeskonstruktionen. Die Gesetze des Staates, an die wir uns zu halten haben, sind Verallgemeinerungen von Erfahrungen und zugleich Vereinfachungen. Die politischen Sachverhalte unterliegen der Interpretation. Und wie erst verhält es sich mit Glaubenswahrheiten?

Die Zeugnisse sind also immer Interpretationen. Sie versuchen das Verhalten und die Leistung von Schülerinnen und Schülern zu interpretieren. Dabei können Lehrkräften durchaus falsche Einschätzungen passieren. Doch wenn das Zeugnis dem Kind gerecht zu werden versucht, wenn der Lehrer dem Schüler mit Respekt und Achtung begegnet, auch wenn die Leistungen alles andere als befriedigend sind, dann kann das Zeugnis durchaus eine Hilfe für das spätere Leben sein. Selbst Eltern können die eigenen Kinder nicht genau einschätzen, vor allem wissen sie nur wenig davon, wie sich ihre Sprösslinge ausserhalb der Familie verhalten und schon gar nicht, was einmal aus ihnen werden wird. Somit sind Noten bloss Zwischenberichte, relativ und eine Gesprächsgrundlage.

Nach Lehrer Heyds Beurteilung hat Friedrich Schiller nicht all seine Kräfte angestrengt, und diese seien erst noch mittelmässig. Mit welch gewaltiger Willenskraft schuf Schiller aber seine Werke, was rang er in den letzten Lebensjahren seinem kranken Körper ab! Ob gut oder schlecht benotet, die Anlage zu besonderen Fähigkeiten wird sich im Leben früher oder später entfalten. Es gibt ausserordentlich kluge und erfolgreichen Geschäftsleute und Handwerker, Bauern und Bankiers, Diplomaten und Rechtsanwälte, Köche und Sammler von Alteisenwaren, Ärzte und Krankenschwestern, die als Schüler mittelmässig beurteilt worden sind. Wie relativ ist zudem, ob man ein Zeugnis mit Noten oder eines mit Worten erhält. (Überlassen wir diese Entscheidung den Pädagogen und schieben wir die Verantwortung nicht auf die Politiker ab.)

Freilich, es gibt nur einen Friedrich Schiller und nur einen Albert Einstein. Aber um diese Fixsterne gruppieren sich viele begabte Menschen, die in sich die Kraft spüren, etwas aus ihrem Leben zu machen. Wie schrieb doch Schiller in einem Brief am 3. Mai 1783 «Da siz ich, spitze Federn, und käue Gedanken.»