La Signora Dappertutto

Ich sass auf der kleinen Veranda meines grünen Bungalows und beobachtete die Szenerie, das Kommen und Gehen der Gäste. Renzo, dem Chef der Anlage, entgeht nichts. Er weiss aus Erfahrung, wann ein Befehl zu erfolgen hat. In früheren Jahren spazierte seine Frau jeweils am Abend mit ihrem Hündchen, einem Pekinesen, vom Wohnhaus hinter den Pinien zur Direktion. Dort übergab sie es ihrem Mann. Er holte eine Schale Wasser und liess es schlürfen. Unterdessen spritzte die Frau mit dem Gartenschlauch die Blumen in den Rabatten und den Blumenkisten, zupfte da und dort verwelkte Blätter der Fleissigen Lieschen, der Geranien, Begonien, Hortensien und Rosen ab.

Tagsüber überwachte die Signora die Putzfrauen. Da mussten die Bungalows gereinigt, die Wäsche gewechselt und alles so arrangiert werden, dass die nächsten Gäste einziehen konnten. Sie inspizierte gelegentlich die Toiletten und Duschräume. Und weil ich sie überall auf dem Platz antraf, nannte ich sie Signora Dappertutto, und sie lachte.*

Der kleine Zeltplatz ist ein Familienbetrieb. Zwei Söhne und eine Tochter arbeiten mit. Die meisten Feriengäste, die einmal diesen Platz gewählt haben, kommen wieder. Einige Italiener sind Stammgäste, die sich von Ende Mai bis anfangs Oktober einrichten. Es gibt einen Gemüsehändler, der Flavio heisst. Er ist Fan des AC Milan und schwärmt für den Ferrarirennstall. Von Politik hält er nichts. Dafür liest er jeden Morgen «Tutto Sport».

Als ich diesen Sommer auf dem Zeltplatz ankam, hatte sich vieles verändert. Flavio hatte den Gemüseladen geschlossen. Ich sah ihn nur noch im Auto vorbei fahren. Das verwunderte mich nun doch, und ich beobachtete das tägliche Treiben etwas genauer. Das Restaurant wird neu von einem der Söhne geführt, und im Verkaufsladen entdeckte ich eine andere Equipe. Hinter der Fleisch- und Brottheke stand, mich fröhlich begrüssend, die Signora Dappertutto. Sie führt das Szepter, sorgt für Nachschub im Verkaufsladen, verhandelt mit den Lieferanten und füllt mit zwei Angestellten die Gestelle auf.

Um halb zwölf schliesst der Laden und öffnet erst um halb fünf wieder. Es sind dies die Stunden der Siesta. Die Italiener legen sich nicht wie die Nordländer an die stechende Sonne. Sie essen im Restaurant oder im wohltuenden Schatten der Bäume und halten dann ihren Mittagsschlaf. Dappertutto aber ruhte sich nicht aus.

Von meinem Sitzplatz hörte ich das Klappern und Scheppern der Pfannen. Ich schlich an der Küche vorbei, wo die Signora gestikulierte und in alle Kochtöpfe guckte. Sie gab auch hier den Ton an und prüfte, wie die Speisen auf den bereitgestellten Tellern wirkten. Ein paar Tage später lobte ich die Küche an der Rezeption. Sie sei viel besser als in früheren Jahren. «Wir führen das Restaurant nun selber, und meine Frau schaut, dass wir alle gut essen», sagte Renzo. «Aha!», antwortete ich nur und dachte, ihre Rundungen seien die beste Referenz.

Unter den aufgekrempelten Ärmeln der Signora entdeckte ich eine Haut weiss wie ein Engerling. Dieses Bild gefiel mir. Ich blätterte im Wörterbuch nach und las, «Engerling» heisse «larva di maggiolino». Wie schön das Italienische doch klingt! Was ist eine «Frau Überall» gegenüber einer in allen Farben agierenden «Signora Dappertutto».

Eines Morgens beobachtete ich, wie sie mit einer gluckenhaften Behäbigkeit, ständig parlierend, vor einem Wägelchen voll Gemüse und Früchte zum Hintereingang der Küche stolzierte. Eine Angestellte mit rundem, schönem Gesicht und ausladenden Körperformen, die die Arbeitsschürze spannten, schob den Wagen. Hinter ihr lief eine sehr schlanke Frau, so dünn, dass die Schürze überall bammelte. Dappertutto redete mit den Händen. Flugs wurden die Körbe in die Küche getragen. Da vernahm ich nur noch ihre Stimme mit dem Timbre des hohen C. Nach einer Weile kamen die Frauen zurück und verschwanden im Laden.

Dappertutto - das umsichtige Auge. Renzo hockte unterdessen am Computer in der Direktion und wies den Neuankömmlingen ihren Platz an. Zwei Burschen, offenbar noch Schüler, lotsten sie anschliessend mit dem Elektromobil zum richtigen Platz. So lief es Tag für Tag.

Am Abend, endlich, spazierte die Dappertutto wie früher mit ihrem zottigen Hündchen über den Platz. Die hohen Temperaturen setzten ihm offenbar zu. Es wirkte müde. Die Frau hatte tiefe Augenringe. Der kahlköpfige Chef kam aus seinem Büro und holte Wasser. «Questo canoglino è carino», bemerkte ich. Dappertutto warf mir einen Blick zu, der mir zu bedenken geben wollte, dass dieses Hündchen kein Hündchen sei, sondern ein Hund, ein cane, ein kleiner Herr. Er verdiene es so verwöhnt zu werden wie die eigenen Söhne im Hotel Mama.

Die Signora Dappertutto gibt dem Zeltplatz noch mehr Farbe und Glanz, seit sie neue Funktionen übernommen hat. Und jetzt, wo ich die Erinnerungen an sie aufschreibe, bewegt mich die Hoffnung, sie möge mein Sommersanatorium im nächsten Jahr wieder beleben und mit dem Hündchen über den Platz zu Renzo spazieren. Ohne Wiederholungen kein Leben!

Italien bleibt sich auch sonst gleich. Einheimische Journalisten werden auch künftig über den «pasticcio politico» schreiben, was nach Langenscheidt «Pastete, verwickelte Geschichte, wirres Zeug und Unregelmässigkeit» bedeutet. Dappertutto mit dem Hündchen auf dem Abendspaziergang gibt dem Leben dort unten seine Ordnung.

* Dappertutto bedeutet: «Da für alle, überall.»