Wer etwas bringt, ist willkommen

(Titel der Redaktion)

Für den Wirtschaftskanton Zug war Johannes Mario Simmel der perfekte Zuzügler

Das Städtchen Zug, mit seinen fast 25'000 Einwohnern und ebenso vielen Arbeitsplätzen liegt am Sonnenhang, in mehrfacher Bedeutung des Wortes, mit Blick auf die Alpen, bis zum Eiger, Mönch und zur Jungfrau. Im Westen lacht das schweizerische Mittelland mit seinen sanften Hügelzügen, das an den weltberühmten Pilatus, dem Hausberg von Luzern, grenzt. Zu Füssen von Johannes Mario Simmels Wohnung liegt der Zugersee, über dem sich bei schönem Wetter ein Sonnenuntergang abspielt, der einen über vieles hinwegsehen lässt. Schöner als der Sonnenuntergang an der Riviera, wo Simmel lange gelebt hat, kann er freilich nicht sein, und darum wunderten sich manche, als der berühmte Autor seinen Wohnsitz 1983 von Monte Carlo nach Zug verlegte. Es wurde gemutmasst, das Steuerparadies habe ihn angelockt.

Doch das war es wohl nicht, was Simmel an den Zugersee zog, denn Monte Carlo kann es im Steuerwettbewerb durchaus aufnehmen mit Zug. Die meisten Zuger hörten es gern, als Simmel sagte, er sei in die Zentralschweiz gekommen, weil er hier die nötige Ruhe für sein Schreiben, Recherchieren und Nachdenken finde. Um Ruhe musste er nicht bemüht sein.

Johannes Mario Simmel war sehr willkommen. Die Kleinen - und der Kanton Zug ist flächenmässig der kleinste Kanton der Schweiz - fühlen sich aufgewertet, wenn weltberühmte Persönlichkeiten und reiche Leute Wohnsitz nehmen. Früh erkennten die Zuger, dass sie denen, die zuziehen Entfaltungsraum überlassen müssen. Und so konnten sich ungehindert grosse Firmen, Weltkonzerne und Briefkastenfirmen ansiedeln. Wer etwas bringt, ist willkommen. Wer mit einer Fama daherkommt, ist in Zug jemand. Jahr für Jahr figurieren einige Zuger unter den reichsten Personen der Schweiz. Meist sind es Ausländer. Das gibt auch denen, die wenig haben, seltsamerweise ein gesundes Selbstgefühl. Um die Stimmen kritischer Feuilletonisten kümmern sich die Zuger kaum. Man ist hier in einem Wirtschaftskanton und misst an neuen Fabrikgebäuden und Wohnungen ab, was teuer und wichtig ist.

Als bekannt wurde, dass der Weltautor still und leise ins Städtchen gezogen war, ging doch ein Raunen durch die Bevölkerung. Auch notorische Nichtleser hatten von Johannes Mario Simmel gehört, und viele Zuger kauften vom Stapel, der jedes Mal nach Erscheinen eines neuen Romans bei der Kasse in beiden Buchhandlungen lag, ein Werk. Und wieder hiess es, der neue Roman werde ein Bestseller.

Jahrelang hörte man von Johannes Mario Simmel praktisch nichts. Er trat nie öffentlich in Zug auf. Man las kaum ein Interview mit ihm, und wenn es eines gab, dann erfuhren die Zuger erneut von ihm, wie gut es sei, hier zu leben. Da lobte Simmel vor einigen Jahren die Schweiz in einem Interview mit der «Neuen Zuger Zeitung»: «Die Schweiz ist, verglichen mit dem, was in anderen Ländern passiert, immer noch ein Paradies. Ich kann hier schreiben, was ich will. Ich kann sagen, was ich will. Und wenn es einem nicht passt, dann soll er nicht hinhören.»

Wie sollte man nicht hinhören, wenn man als Paradies bezeichnet wird? Er sprach ja nicht über die Schattenseiten des Wirtschaftskantons, über die teuren Mietwohnungen, die exorbitanten Bodenpreise und die Wirtschaftskriminalität. Johannes Mario Simmel sagte nichts, was den Zugern nicht passte. Das sind genau die Persönlichkeiten, die man hier liebt.

Vor Jahren hingegen verweigerten sie die Ausgaben für einen Stadtbeobachter (Stadtschreiber). Die mittlerweile bekannte Autorin Zsuzsanna Gahse bekam dies zu spüren. Den Rechtskonservativen schwante, solch ein Beobachter, erst noch ein Literat, könnte schwarze Flecken im weissen Pelz finden. Dafür wollte man kein Geld zur Verfügung stellen.

Johannes Mario Simmel betätigte sich nicht als Stadtbeobachter. Sein Blick schweifte in die weite Welt, wo es Hunger, Klimakatastrophen, Kriege und Verderbnis gab. So bezeichnete er sich früher als «fröhlichen Pessimisten», liess dann aber das fröhlich weg, weil er glaubte, die Menschheit werde längerfristig nicht überleben. Man steuere sehenden Auges auf die Apokalypse zu. Da aber in Zug keine Neigung zum Dramatisieren zu erkennen ist, man auch eine Firma toleriert, die an der spanischen Küste das Meer verschmutzt hat, überhören und überlesen die Mitbewohner diese Kassandrarufe. Sie glauben nicht an die Vertreibung aus dem Paradies.

25 Jahre hat Johannes Mario Simmel in Zug gelebt, geschrieben, gearbeitet, mit seinen Büchern gewarnt, und als Reich-Ranicki sagte, Simmel habe eine politische Mission und könne deshalb nur schlechte Bücher schreiben, lachten die Zuger, nicht über Simmel, sondern über Reich-Ranicki. So ist das hier halt mit Menschen, die nicht auffallen, die man aber lieb hat, weil sie einem Glanz verschaffen. Es wird in Zug nach dem Tod des erfolgreichen Autors keine grosse Trauer herrschen, aber ihm würde, müsste einer über ihn reden, Achtung und Respekt entgegengebracht.