Seltsam, wie es nun in uns «genügelt»

Deal or no Deal! Da bleiben statt zweihundertfünfzigtausend nur dreihundert Franken. Das «Milliardending in den Bergen», titelt der «Blick». In St. Moritz kostet die Übernachtung in einem Nobelhotel mindestens achthundert Franken, die der exklusiven Suite achttausend. Die reichen Kunden würden sich aber an diesen Preisen nicht stossen. Im Jackpot liegen zweieinhalb Millionen. «Guten Abend. Sie sind doch Herr Iten? Ich bin von der deutschen Kassenlotterie. Wollen Sie nicht eine Million gewinnen?» «Nein!», antworte ich. «Was soll ich denn mit einer Million anfangen?» Der Anrufer ist perplex. «Eine Million ist viel Geld», sagt er. «Sie wollen wirklich nicht Millionär werden?» «Ich bin schon einer. Wissen Sie, für mich zählt meine Freiheit mehr als eine Million!» Ich will den Anrufer loswerden. Ich dachte doch immer, Lotto spielen heisse, zehntausendmal fünf Franken verlieren.

Die Börse boomt. Über Nacht sind Millionen zu den bereits vorhandenen hinzugekommen. Das Weihnachtsgeschäft ist wunderbar gelaufen. Luxusartikel sind besonders gefragt gewesen. Die «Neue Luzerner Zeitung» berichtet, ein Manager habe sechzig Millionen Gehalt plus Bonifikation für das erfolgreiche Jahr 2006 erhalten. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Zahl derjenigen, die unter der Armutsgrenze leben, stabil geblieben sei. Glückliches Jahr 2006!

Am 25. Dezember 1956, am hochheiligen Weihnachtstag vor 50 Jahren, blieb der Schriftsteller und Dichter Robert Walser auf einem seiner Spaziergänge in Herisau tot im Schnee liegen. Weihnachten vor 2006 Jahren: Das arme Jesuskind kam in einem schäbigen Stall zur Welt. Die drei Weisen aus dem Morgenland brachten ihm Geschenke. Vielleicht war das der Anfang der Wende zum barocken Reichtum der Kirche. Papst Benedikt XVI. trug den Segen «Urbi et Orbi» in einer vergoldeten Tiara und einer reich bestickten Stola vor.

«Seltsam, wie es nun in uns genügelt!», notierte Robert Walser im Roman «Der Räuber. Entwurf aus dem Nachlass». Der bescheidene, arme Walser bezog diesen Satz auf den Räuber. Er fährt fort: «Auf mein Betragen scheint in letzter Zeit die Sonne der Selbstzufriedenheit. Das ist schrecklich. Aber leider scheint es sich zu bewahrheiten. Allen meinen Mängeln gegenüber bin ich von einer totalen Gnädigkeit. Meine Selbsteinschätzung bietet eine Sehenswürdigkeit.» Stellt nicht, wer mit Millionen jongliert oder sich in Gold präsentiert, eine Sehenswürdigkeit dar?

Der «Räuber-Roman» gehört zu meinen frühen Lesevergnügen, und immer wieder blättere ich darin, denn ich habe einige mir wichtige Stellen mit Bleistift unterstrichen. «Wer weiss, vielleicht wäre es für den Räuber besser gewesen, wenn dieser verwünschte und solide Onkel aus Batavia hübsch einstweilen noch am Leben geblieben wäre. Aber Tatsache ist, dass er sich ins Jenseits zurückzog, und dass dem Räuber jene Geldsumme in die Hände floss und er nun, gestützt auf dieses Geld, den Kavalier spielen konnte, er, der doch gar nicht für das Weltmannszeug taugte, der etwas viel, viel Bedeutenderes und zugleich etwas viel, viel Geringeres war als das.»

Die herrlich verspielte Ironie Walsers weist den Weg. Man kann sich fragen, weshalb es für den Räuber besser gewesen wäre, falls der reiche Onkel am Leben geblieben wäre, das Erbe nicht angefallen wäre und das Geld nicht hätte anfangen können, seinen Charakter zu verändern. Die Selbsteinschätzung wäre nicht zu einer Sehenswürdigkeit geworden. Er, der Räuber, hätte sich dann darauf besinnen müssen, was das viel Bedeutendere und das viel Geringere für ihn gewesen wäre. Genau diese Frage stellt sich allen, den Armen wie den Reichen. Die meisten Menschen, die von den Millionen- oder Milliardendeals, den hohen Salären, von den Luxuseinkäufen und dem hohen Umsatz der Uhrenindustrie vernehmen, sehen sich wie Walsers Räuber mit der grossen Frage konfrontiert, was das Glück des Lebens ausmache. Eine Uhr im Wert von hunderttausend Franken? Aber befreiend wäre es natürlich schon, ein bisschen am Duft des Geldes zu riechen.

Damit ich nicht Gefahr laufe, zu ernsthaft zu werden oder sogar zu moralisieren, halte ich mich weiter an Robert Walser: «Weil ich mich im eben aufgerichteten Abschnitt gross gemacht habe, was einige Leser vielleicht abschrecken könnte, mit dem Lesen fortzufahren, stille und mildere ich mich hier und mache mich fingerhutsklein. Die wahrhaft Starken treten nicht stark auf. Niedlich gesagt, nicht wahr?» Diese Walser-Stelle wird sicher gefallen. Ich mache mich nun also fingerhutsklein. Ich gehe auf Distanz. Ich sage «No deal!». Ich werfe der Fernshow nicht vor, sie sei ein Neid- oder Schadenfreudespiel. Es passt ganz einfach zu unserer Zeit wie Monopoly. Wollte ich moralisieren, so müsste ich an den Anfang zurückkehren. Es fällt mir aber nicht ein, das für mich «viel, viel Bedeutendere» hervorzustreichen. Das würde Kritik erregen.

Der Skribent, würden die Leser sagen, sei halt neidisch auf diejenigen, die einen Onkel in Batavia beerben können oder an der Börse ein Riesending drehen.

Damit ich aus meiner Kolumne, die in einer Sackgasse steckt, heil herauskomme, kehre ich zu Robert Walser zurück: «‹Du gefällst mir nicht recht. Ich hoffe, du wirst mir später einmal besser gefallen.› Der, der so gesprochen hatte, ass in einer sehr feinen Pension.» Mit dem Honorar für diesen Text kann ich es mir auch leisten.