Die Metapher vom schwarzen Schaf

Am runden Tisch im Aarhof trafen sich kürzlich ehemalige Politiker und frühere Vertreter aus Wissenschaft und Kultur. Die Freunde diskutierten auch über die eidgenössischen Wahlen. Sie waren sich bald einig, dass gewisse Ausrutscher während des langen Wahlkampfs im Nachgang diskutiert werden sollten. Stil und Inhalt seien ja alles andere als erhebend gewesen. Manches davon setze sich in den Köpfen fest und beeinflusse das Reden und Handeln der Menschen. Die Sprache sei härter, ja unversöhnlicher geworden. Ein glänzend wiedergewählter Nationalrat bevorzuge verbal die Motorsäge, und sage das auch. Read More...

Wahrheit und Lüge in der Politik*

Andreas Ladner fragt in einem Interview der «Neuen Luzerner Zeitung» (12. September 2007): «Wieso sollten wir fähig sein, Politik ohne Intrigen und Geschichten um Personen zu betreiben?» Die Philosophin Hannah Arendt beginnt den Aufsatz «Wahrheit und Politik» mit den Worten: «Der Gegenstand dieser Überlegungen ist ein Gemeinplatz. Niemand hat je bezweifelt, dass es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist, niemand hat je die Wahrhaftigkeit zu den politischen Tugenden gerechnet. Lügen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmanns zu gehören.» Arendts Aufsatz würde eigentlich zur Pflichtlektüre jeder Politikerin und jedes Politikers gehören. Read More...

La Signora Dappertutto

Ich sass auf der kleinen Veranda meines grünen Bungalows und beobachtete die Szenerie, das Kommen und Gehen der Gäste. Renzo, dem Chef der Anlage, entgeht nichts. Er weiss aus Erfahrung, wann ein Befehl zu erfolgen hat. In früheren Jahren spazierte seine Frau jeweils am Abend mit ihrem Hündchen, einem Pekinesen, vom Wohnhaus hinter den Pinien zur Direktion. Dort übergab sie es ihrem Mann. Er holte eine Schale Wasser und liess es schlürfen. Unterdessen spritzte die Frau mit dem Gartenschlauch die Blumen in den Rabatten und den Blumenkisten, zupfte da und dort verwelkte Blätter der Fleissigen Lieschen, der Geranien, Begonien, Hortensien und Rosen ab. Read More...

Ich irritiere, also bin ich

Lassen Sie sich von einem Satz wie: «… die neuste Mode des Jahrhunderts hiess Zynismus, es war chic, Geld zu verdienen und zynisch zu sein …»* irritieren? Oder vom Ausruf: «Das Rütli ist ja bloss eine Wiese mit Kuhdreck!»? Als ich noch Regierungsrat war, führte ich Einbürgerungskandidatinnen und -kandidaten zusammen mit dem Historiker Albert Müller auf die Rütliwiese. Wir erzählten ihnen die Geschichte von der Gründung der Eidgenossenschaft und kamen auf die Bedeutung des Orts zu sprechen. Allerdings vergass ich zu bemerken, es handle sich um eine Wiese mit Kuhdreck. Es hätte ja passieren können, dass plötzlich jemand in einem Kuhfladen gestanden wäre. Unser ernsthaft gemeinter Vortrag über die Schweizerische Demokratie, unter anderem mit dem Hinweis, dass das Rütli der Schweizer Jugend gehöre, wäre sage und schreibe in den Dreck gefallen. Hoffentlich hat sich kein Offizier am Rütlirapport mit General Guisan, 1940, die Stiefel verdreckt? Read More...

Schurkenstaaten und die Achse des Bösen

Wer die Welt in Schurkenstaaten und in Mächte, die eine Achse des Bösen bilden, einteilt, schafft Schurken und weckt das Böse. Der Mensch wird, was man von ihm erwartet. Er steuert sein Verhalten In Richtung Fremdbild, das zum Selbstbild werden kann. Welche Charaktereigenschaften verkörpert denn jemand, den andere als Schurke bezeichnen? Es ist auf jeden Fall fatal, wenn ein Mensch oder ein Volk auf eine negative Identität reduziert wird. Read More...

Dichter sind wie Regenwürmer

Seit mehr als zwanzig Jahren führt das Institut für Angewandte Pflanzenbiologie (IAP) u. a. im Auftrag des Kantons Zug auf dem Zugerberg Flächenstudien durch, die aufzeigen sollen, wie sich das Ökosystem Wald unter Einwirkung von Umwelteinflüssen entwickelt. Das heute totgesagte Waldsterben war damals in aller Munde. Die Waldflächen, die untersucht werden, sind in einem landesweiten Netz zusammengefasst. Die Resultate werden jeweils in einem Forschungsbericht publiziert. Hier soll nur ein Ergebnis der langjährigen Datenreihe herausgegriffen werden: Wo früher in einem Quadratmeter Waldboden ca. hundert Würmer ausgegraben wurden, findet man heute noch deren zwei, drei. Vielleicht gibt es nun Politiker, die behaupten, dass das Verschwinden der Würmer nichts zu bedeuten habe. Fragte doch ein nicht gerade umweltfreundlicher Regierungsrat, was eigentlich den Forschern einfalle, all die Schwänze zu zählen. Read More...

Der Mensch lebt in Geschichten

Er hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Er enttäuschte mich erst, als er mit geschwellter Brust sagte, er habe noch nie ein Buch gelesen. Darauf war er sichtlich stolz. Hätte er nicht als Vertreter einer Chefetage gesprochen, wäre mir alles egal gewesen. Er sollte doch ein Vorbild sein. Da es sich schlecht macht, einem Journalisten zu gestehen, ausser den Schulbüchern habe er noch nie ein Buch gelesen, hätte der Mann ja sagen können, dass auf dem Nachttischchen die Bibel liege. Er lese vor allem im Alten Testament, und da vorzugsweise aus dem Buch des Propheten Habakuk: «Das Gesicht, das Habakuk, der Prophet, geschaut: Wie lange rufe ich um Hilfe, Herr? Du hörst nicht. Und schreie ich zu Dir: ‹Bedrückung!› Du aber rettest nicht. Warum lässt Du mich Unheil sehn und siehst dem Jammer zu? Warum steht Druck und Vergewaltigung mir vor Augen? … ». Habakuk brachte es in seinem Buch gerade mal auf drei Kapitel. Read More...

Seltsam, wie es nun in uns «genügelt»

Deal or no Deal! Da bleiben statt zweihundertfünfzigtausend nur dreihundert Franken. Das «Milliardending in den Bergen», titelt der «Blick». In St. Moritz kostet die Übernachtung in einem Nobelhotel mindestens achthundert Franken, die der exklusiven Suite achttausend. Die reichen Kunden würden sich aber an diesen Preisen nicht stossen. Im Jackpot liegen zweieinhalb Millionen. «Guten Abend. Sie sind doch Herr Iten? Ich bin von der deutschen Kassenlotterie. Wollen Sie nicht eine Million gewinnen?» «Nein!», antworte ich. «Was soll ich denn mit einer Million anfangen?» Der Anrufer ist perplex. «Eine Million ist viel Geld», sagt er. «Sie wollen wirklich nicht Millionär werden?» «Ich bin schon einer. Wissen Sie, für mich zählt meine Freiheit mehr als eine Million!» Ich will den Anrufer loswerden. Ich dachte doch immer, Lotto spielen heisse, zehntausendmal fünf Franken verlieren. Read More...