Ein Buch als Weihnachtsgeschenk?

Kürzlich schmunzelte ich wieder einmal ganz besonders, als ich den Cartoon «Rabenaus wundersame Erlebnisse» in der NLZ anschaute. Der drollige Kerl mit dem grossen Wasserkopf und der roten Nasen versucht mühsam seinen wackligen Tisch ins Gleichgewicht zu bringen. «Mist», sagt er und starrt dabei auf das Tischbein, das er bereits mit einem Buch gestützt hat. Dennoch wackelt der Tisch und so meint er, er müsse noch eines kaufen. Kauft es, legt es unter das Bein und stöhnt: «Der Tisch wackelt immer noch.» Soll er doch wackeln, denkt dabei vielleicht der Buchhändler, so kauft er wenigstens ein Buch, denn der Absatz stockt. Allein im Oktober ist er um mehr als zwölf Prozent bei der Belletristik eingebrochen.

«Bücher drucke ich immer gern», sagte mir ein renommierter Buchdrucker. An einer Feier wurde uns beiden ein schöner Bildband überreicht. Da flüsterte er mir zu: «Schon wieder eines fürs Büchergestell…» Auch für ihn hätte Rabenau also eine kleine Bildgeschichte zeichnen können, etwa so: Da hantiert der Wasserkopf gerade in einem Raum, in dem volle Bücherregale stehen. «Mist, schon wieder nur ein Buch.» Er legt es auf einen Stapel, der neben dem Büchergestell in die Höhe wächst und fragt: «Hält der noch?» Da stürzt im dritten Bildchen die Beige um: «Verdammt, warum schenken sie einem immer Bücher?» Im vierten Bildchen, endlich, tritt seine Frau hinzu, und Rabenaus Held schenkt ihr das Buch: «Blumen welken schnell, Bücher bleiben.» Doch die Frau rümpft die Nase.

Der lächelnde Leser von Rabenaus wundersamen Erlebnissen versteht den leisen Spott des Zeichners. Er fragt sich sogar, ob er selber gemeint sein könne. «Wer liest hat mehr vom Leben», so hat einmal ein Werbespruch der Verleger gelautet. Ist es nicht immer noch eine schöne Idee, die Partnerin oder sich selber auf Weihnachten mit einem guten Roman zu beschenken? Der Roman zielt auf das Wesentliche einer Person und ihr Schicksal. Das wusste schon Aristoteles, der um 355 v. Chr. eine Poetik geschrieben hat.

Der Grieche sagt, es sei nicht Aufgabe des Dichters mitzuteilen, was wirklich geschehen ist. Das sei die Aufgabe der Historiker. Sie müssten auch Details wiedergeben, die nicht wichtig seien. Der Dichter aber beschäftige sich in seinem Werk mit dem, was nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit und Notwenigkeit geschehen könne. So erhalte ein Werk eine philosophische Tiefe. «Daher», sagt er, «ist Dichtung etwas Philosophisches und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.» Dieser Erkenntnis hat später auch der romantische Dichter Novalis* beigepflichtet, wenn er sagt, es sei mehr Wahrheit in den Märchen als in gelehrten Chroniken. Ein guter Historiker müsse notwendig auch ein Dichter sein.

Ein schriftstellerisches Werk zehrt von der Lebenserfahrung der Autorin oder des Autors, wie auch von der Recherche in Archiven und von der genauen Kenntnis der Schauplätze eines Ereignisses. Ich möchte dies mit einem Roman von Maria Barbal** kurz belegen. Die katalanische Autorin hat mit «Wie ein Stein im Geröll» ein wunderbar ruhiges Buch geschrieben, das in der Zeit des Franco-Regimes spielt. Die Autorin sagt selber, sie habe mit diesem Roman den vielen namenlosen Menschen eine Stimme geben wollen, die von der Geschichte mitgerissen worden seien.

Der Roman erzählt das Leben einer Generation. Ein Mädchen wird in die katalanischen Pyrenäen zur kinderlosen Tante geschickt. Es arbeitet im Haushalt und auf dem Feld und lernt später einen jungen Mann kennen. Conxa, die junge Frau, verliebt sich in Jaume, heiratet ihn gegen den Widerstand der Familie und schenkt drei Kindern das Leben. Ihr Mann schliesst sich einer republikanischen Bewegung an. Als der spanische Bürgerkrieg ausbricht, wird er verhaftet und von den Faschisten umgebracht. Conxa wird der Boden unter den Füssen weggezogen, sie fühlt sich getrieben und sagt schliesslich, sie fühle sich wie ein Stein im Geröll.

Die Erzählung von Maria Barbal ist wie ein individuelles Panorama im faschistischen Regime. Die genauen historischen Details und Jahrzahlen interessieren weniger als das Schicksal der betroffenen Menschen. Barbal schildert die Folgen des Gewaltregimes: Menschen verlieren ihre Identität, ihre Sprache und Kultur, sie werden innerhalb der eigenen Gesellschaft heimatlos, das Selbstverständliche ihrer Existenz wird ausgelöscht. Die Autorin stösst zum Kern eines durch äussere Gewalt verpfuschten Lebens vor, und dieser Vorgang wiederholt sich in jeder Diktatur.

Zurück zu unserem kleinen Kerl, zu Rabenau im Cartoon: Da haben wir es nun mit einem Nichtleser zu tun, dem vorgeworfen wird, er benütze ein Buch bloss als Unterlage, verkenne also seinen Wert oder handle wie der Buchdrucker, der es nach der Feier einfach im Gestell versorgt hat. Vielleicht kommt sogar ein Nichtleser auf die Idee, seiner Frau oder Freundin – Frauen lesen lieber und häufiger als Männer – auf Weihnachten ein gutes Buch zu schenken.

Am 6. Dezember titelte die NLZ einen Artikel mit «Schweizer Kinder sind Lesemuffel.» Darin werden die neusten Ergebnisse einer vergleichenden Schweizer Pisa-Studie referiert. Die Ergebnisse seien ernüchternd, sagt der Experte. Bei Nichtlesern sinkt die Leistung im Sprachunterricht und die Fähigkeit einen richtigen Texte zu schreiben, nimmt ab. Wo aber sollen die Kinder die Freude am Lesen entdecken, wenn das Buch bloss als Unterlage für einen wackligen Tisch dient?

* Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Insel Verlag
** Marian Barbal: Wie ein Stein im Geröll. Roman. Taschenbuch Diana Verlag, 6. Auflage.

Über Wahrhaftigkeit und Populismus

«Wahrhaftigkeit zählte niemals zu den politischen Tugenden, und die Lüge galt immer als ein erlaubtes Mittel in der Politik», schreibt Hannah Arendt.* Christoph Blocher gestand laut NLZ vom 31. Oktober ein, seine Partei habe im Wahlkampf Fehler gemacht, möglicherweise sei sie mit dem Plakat über die Masseneinwanderung zu präsent gewesen. Mit diesem Eingeständnis gibt er einen taktischen Fehler zu. Somit ging es bei dem Plakat nicht um die Wahrheit, sondern um die richtige Taktik. Taktik wird als ist ein erlaubtes Mittel in der Politik eingesetzt. Nur geraten die Akteure damit rasch in Gefahr, Tatsachen zu verfälschen, sie verkürzt wiederzugeben, meist um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Die Einwanderung zum Beispiel hat viele Gründe. Der Hauptgrund ist wohl doch die Wachstumsspirale in unserem Land, die sich unaufhaltsam weiterdrehte. Vor mehr als zwanzig Jahren fuhr ein Unternehmer der Baubranche, den ich persönlich kannte, jeden Frühling in den Kosovo, um Arbeiter zu rekrutieren. Er umwarb besonders gern tüchtige Bauernsöhne, weil er die einfachen Menschen als zuverlässige Arbeitskräfte schätzte. Im Winter brauchte er sie nicht mehr und schickte sie nach Hause zurück. Nach Jahren auf dem Bau suchten sich die meisten Arbeit in einer Fabrik, blieben hier und heirateten. Das war noch, bevor es das Freizügigkeitsabkommen gab.

Damals begann der grosse Bauboom als Folge eines dynamischen wirtschaftlichen Wachstums. Nun waren auch hochqualifizierte Fachkräfte gefragt, die im eigenen Land nicht zu finden waren. So wurden sie im Ausland angeworben. Und da die Fixkosten des Staates im Gesundheitswesen, bei den Sozialwerken und vielen anderen staatlichen Aufgaben stark wuchsen, benötigte die Schweiz Wachstum, um das Steuerpotential zu erhöhen. So konnten sich viele Kantone und Gemeinden sogar Steuersenkungen leisten.

Gern wird verschwiegen, dass die eingewanderten Fachkräfte unserem Land sehr hohe Ausbildungskosten ersparen. Bezahlt hat sie der Staat, in dem die ausländischen Spezialisten herangebildet worden sind. Es handelt sich dabei um Beträge, die in die Milliarden gehen. Allein ein Ausbildungsjahr für einen zukünftigen Lehrer an der Pädagogischen Hochschule kostet den Kanton vierzigtausend Franken.

Es war also in erster Linie die Wachstumsspirale, die für die Zuwanderung von fremden Menschen verantwortlich ist. Das Plakat mit den gespenstisch marschierenden Stiefeln gerät so in die Nähe der Verwischung wahrer Tatsachen. Somit ist es denkbar, dass bei den Wählern die Frage aufkommt, wie es denn um die Wahrhaftigkeit steht, die hinter einer solchen Propaganda steckt.

Der Politiker ist nicht zur Wahrheit verpflichtet, er kann ja schweigen, aber redet er, dann muss, was er sagt, wahr sein, den Tatsachen entsprechend. Eine kleine Lüge genügte, und Elisabeth Kopp sah sich im Dezember 1988 gezwungen, den Rücktritt aus dem Bundesrat bekanntzugeben. Der Einzige, der lügen darf oder durfte, ist Silvio Berlusconi, weil ihn seine eigenen Massenmedien immer wieder deckten und es ihm gelang, Parlamentarier anderer Parteien anzuwerben, so auch der in der Schweiz gewählte Antonio Razzi, der ursprünglich der Gruppe «Italien der Werte» von Di Pietro angehörte.

Auf der Suche nach einer Definition des Populismus, kommt man nicht darum herum zu sagen, es handle sich dabei um eine Politik, die die Lüge oder die Halbwahrheit jederzeit als legitimes Mittel zum Erreichen politischer Zwecke einsetzt. Der Populismus braucht sich um die politische Tugend der Wahrhaftigkeit nicht zu kümmern, geht er doch von Devise aus: Die Hunde bellen und die Karawane schreitet weiter. Hernach erklärt er den Kritiker für unzuständig, der von Politikern Wahrhaftigkeit fordert. Erkläre ihn als unzuständig, und seine Waffe wird stumpf!

Warum aber hat der Populismus Erfolg und warum ist die Wahrhaftigkeit kein Thema in der öffentlich verhandelten politischen Ethik? Eine Antwort könnte lauten: Die Fakten, die ein Populist vorbringt, könnten tatsächlich so sein, wie er behauptet. Ohne die Nähe zur Realität verfängt auch der Populismus nicht. Dem Gegnern, der populistische Aussagen zu widerlegen versucht, geht es wie einem Wirt, der um seinen Ruf kämpft, weil er einmal ein zu zähes Entrecote serviert hat. Er muss mindestens dreizehn Mal ein sehr zartes auf den Tisch bringen, bis der Rufschaden beseitigt ist. Unterdessen ist der Populist bereits beim nächsten Thema.

Populisten halten nichts von einem Intellektuellen, der ihr Versteckspiel durchschaut und versucht aufzuklären. Sie nennen ihn einen Gutmenschen oder Schöngeist. Damit ist er gebrandmarkt und ausser Gefecht gesetzt. Darum scheut sich manch ein Intellektueller, den Kampfplatz des Populismus zu betreten. Zum Glück ist es dann die Torheit der Taktiker selber, die sich mit ihren unwahren Behauptungen übernehmen. Ich selber teile mich Menschen in meinen «Ansichten» mit, freilich offenbar nur solchen, die sich die Mühe machen, hie und da auch Kritisch-Kompliziertes nicht nur zu überfliegen. Jedenfalls sagte mir jüngst ein Leserbriefschreiber, er lese meine Artikel nicht. Er erklärte mich für unzuständig.

* Hannah Arendt: Wahrheit und Lüge in der Politik. Serie Piper 1987, München.

November mit leichter Melancholie

Der November nimmt mit Allerheiligen und Allerseelen seinen Anfang. An diesen Tagen gedenken viele der verstorbenen Angehörigen. Ein Lebensmensch, den man verloren hat, ist immer gegenwärtig, nur verliert er in der Geschäftigkeit des Alltags oft an Konturen. Allerseelen macht aber auch bewusst, dass der Mensch sterblich ist. Wenn die Blätter fallen und die Bäume kahl dastehen, schleicht sich leise Melancholie ins Gemüt. Die Kälte und der Nebel lassen selbst die Reihe von schönen Herbsttagen vergessen. Es wird bald Winter werden. Wir gönnen der Natur ihre Ruhe, den Murmeltieren ihren Schlaf und den Eichhörnchen ihr Nest.

Ich liebe die Melancholie der Landschaft, wenn in den Bäumen der Nebel hängt, und hat er sich am Tag verzogen, das Glitzern des Raureifs in den kahlen Bäumen. Sie offenbaren nun erst recht ihren wahren Charakter. Die Blätter drapieren die Äste und Zweige nicht mehr. Nun tritt das Gestänge hervor. Was ein Mensch ist, erkennt man oft erst, wenn er gestorben, wenn er kahl und kalt von uns gegangen ist. Da erfasst man plötzlich unter welchem Stern er angetreten ist und wohin ihn der Lebensdrang geführt, der ihn zum Guten oder Bösen gesteuert hat.

Tomas Tranströmer, der neuerkorene schwedische Nobelpreisträger für Literatur schildert in dem Gedicht «Tief in Europa», wie «er» – es ist das lyrische Ich, das spricht - im Bett eines Hotels liegt, während die Stadt ringsum erwacht und der stumme Lärm und das graue Licht hereinströmt. Das bringt ihn auf einen neuen Gedanken: «Belauschte Horizonte. Sie wollen etwas sagen, die Toten. / Sie rauchen, aber essen nicht, sie atmen nicht, haben aber dennoch eine Stimme.» Mit einfachen Bildern erinnert der Dichter, dass die Toten gegenwärtig sind. Sie haben ihre Stimme nicht verloren. Sie reden mit uns, wenn wir an sie denken. Was sie sagen, verrät der Dichter nicht. Die Stimme der Toten ist nicht immer angenehm. Sie lobt oder tadelt uns, sie redet uns ins Gewissen und sagt, dass das Leben, das wir führen, nicht durchwegs gut ist.

Die zwei Verszeilen von Tranströmer sprechen nicht nur von Menschen, die uns vielleicht nahe gestanden sind, denn sie haben sogar immer noch eine Stimme. Die Historiker, die Memoirenschreiber oder Familienangehörige geben Verstorbenen oft ihre Stimme zurück. Kürzlich habe ich von Sandra Kalniete die Geschichte ihrer Familie «Mit Ballschuhen im sibirischen Winter»* gelesen. Sie erzählt aus persönlicher Betroffenheit von zwei Familien, die im Zweiten Weltkrieg nach Sibirien deportiert und unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit in verschiedenen Kolchosen jenseits des Urals gezwungen worden sind. Sie wurden gedemütigt und entwürdigt. Sie lebten im Dreck und in der eisigen Kälte und mussten täglich ihr Plansoll erfüllen. Es ist ein Zufall, doch der Titel von Transtömers Gedicht und seine zweite Strophe passt zum autobiographischen Bericht von Sandra Kalniete, die als Enkelin den Mitgliedern der Familie eine bleibende Stimme gegeben hat. Diese spricht stellvertretend für Millionen von geschundenen Menschen.

Es ist November. Der November ist ein melancholischer Monat, es ist die Zeit im Jahreslauf, in der viele Menschen sterben. Der Melancholie darf sich der Mensch aber nicht einfach überlassen. Der Philosoph Hans Saner** unterscheidet zwei Arten von Melancholie. Er spricht von einer sentimentalen und einer kognitiven. Während die rein gefühlsbetonte für den Menschen gefährlich ist, weil sie in Bitternis und Depression des Gemüts und damit in eine Entfremdung von der Lebenswelt führt, schärft die kognitive Melancholie den Blick für die wahren Verhältnisse des Lebens. Sie lehrt, die Illusionen zu durchschauen und führt auf den Weg eines erhellenden Erkenntnisprozesses.

Es stimmt uns oft traurig, wie es im Leben zu und her geht, besonders wenn ein junger Menschen stirbt und uns scheint, die verteilende Gerechtigkeit komme zu kurz. In kognitiver Melancholie erkennt der Einzelne, was zu tun wäre. Oft ruft sie zu einem freiwilligen gesellschaftlichen und politischen Engagement auf. Viele Menschen finden mit dem Einsatz für andere oder einem Ehrenamt in einem Verein einen befriedigenden Lebenssinn.

Die kognitive Melancholie macht hellhörig für Ereignisse, die dem Menschen persönlich zustossen können. Mit geschärftem Blick erkennt er, dass sich nie alle Erwartungen erfüllen werden und mancher Plan misslingt. Die vom Verstand geleitete Melancholie lehrt das Leben richtig einschätzen. So weiss der Mensch, dass er zwar gut sein soll, aber auch klug. Ein Guter, der nicht klug ist, wird übertölpelt, aber ein Kluger, der nicht gut ist, bringt anderen Menschen Verderben.

Es ist November. Der Sommer hat sich verabschiedet. Der Herbst ruft den Winter. Die Nächte werden länger, die Gedanken richten sich nach innen. Die Autos fahren unablässig vorbei. «Der stumme Lärm und das graue Licht strömen herein / und heben mich sachte aufs nächste Niveau: Der Morgen. // Belauschte Horizonte. Sie wollen etwas sagen, die Toten. / Sie rauchen, aber essen nicht, sie atmen nicht, haben aber noch ihre Stimme.»

* Sandra Kalniete: Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee. Die Geschichte meiner Familie. Verlag Herbig. München. Zweite deutschsprachige Auflage 2009.
** Hans Saner: Melancholie und Leichtsinn. Grenzstimmungen der Vernunft. In: Der Schatten der Orpheus. Lenos 2009.

Eine Schaukel für jedes Parlament

Hugo Kükelhaus (1900 bis 1984), der zuerst ein vielseitiger Schreiner war, anschliessend Soziologie, Philosophie und Logik studierte, später in verschiedenen Berufen gearbeitet hat, betonte in einem seiner brillanten Vorträge, in jedes Parlament gehöre eine Schaukel, damit jeder Politiker, der dort ein- und ausgeht, die Pendelschwingungen körperlich erlebt, spürt wie das Hin- und Herschaukeln in der Mitte ausschwingt. Darauf stellt sich Ruhe ein. Nun ist er frei, nachzudenken oder ein wenig zu phantasieren, was er realisieren möchte. Sollte er aber meinen, der Wendepunkt sei das Zentrum, dann wird er die nötige Balance sowieso nicht finden, sondern hängt jenem Aktivismus nach, der ihn ständig veranlasst, Anfragen an den Bundesrat zu richten, Motionen und Interpellationen einzureichen oder Initiativen zu starten.

Für Kükelhaus ist das Schaukeln eine Metapher für die Gegenläufigkeit des Lebens. Diese Ansicht belegt er zugleich mit der Doppelhelix, der Doppelspirale, die aus zwei Strängen besteht, die wider einander laufen. Die sich aufwärts windende Spirale geht vom Endpunkt her wieder abwärts, ähnlich wie die Welle, die an ein flaches Meerufer treibt. Der Beobachter hat den Eindruck, die Welle würde nur in einer Richtung laufen. Die Welle aber ist gegenläufig wie die Doppelhelix. Die eine läuft zum Ufer und unter der Oberfläche, unsichtbar, fliesst sie zurück ins grosse Wasser. Kommt ein Sturm auf und peitscht das Meer, klatschen die Wellen ans Ufer. Hat er sich ausgetobt, kehrt tiefe Stille ein. Das ist jener wunderbare Moment, wo der Beobachter beruhigt das glitzernde und funkelnde Wasser betrachtet, gleichsam jener Augenblick, wo die Phantasie ungestört kreativ sein kann.

Schaukel und Welle sind wie ein Sinnbild für das Leben, das in sich gegenläufig ist. Der Mensch lebt zwischen zwei Polen. Sein Leben ist ambivalent, aber es tendiert doch immer wieder zur ruhigen Mitte. Kein Mensch kann sich auf Dauer im Extrem bewegen. Fanatiker oder Menschen, die sich einbilden, nur der eigene Standpunkt sei der einzig richtige, bleiben beharrlich der Übertreibung verhaftet.

Auch die Politik ist gegenläufig, doch wenn es zu einem Kompromiss zwischen den Parteien kommt, gibt es ein bisschen Ruhe. Die Frage eines Journalisten, ob ohne starke Mitte ein Land nicht gesund sei, bejaht Thomas Hürlimann und sagt: «Eine Demokratie lebt aus der Mitte. Wenn die Mitte zur Leerstelle wird, übernehmen die Flügel, sprich die Ideologen (das Sagen) – und dann gute Nacht»*. Die Schweiz verdankt ihren Erfolg einer ausgewogenen Politik der Mitte. Darum sind Konsens, Kompromiss und Konkordanz zu Leitbegriffen der schweizerischen Politik geworden. Sie deuten darauf hin, dass es um Lösungen geht. Das ist oft alles andere als einfach, müssen doch verhärtete Meinungen zuerst aufgeweicht und all die verschiedenen Meinungen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Sind sich Ständerat und Nationalrat in einer Sachfrage nicht einig, kommt es am Ende zu einer Differenzbereinigung zwischen den Räten. Ohne diesen Dialog, bei dem das bessere Argument gewinnt, findet das Parlament keine konstruktiven Lösungen.

Kompromisse kommen freilich nur zustande, wenn politische Gegner unsere moderne Welt von einem Gesichtspunkt des Unterschieds erfahren können. Werden sich die Streitenden bewusst, dass das Leben gegenläufig ist und sich zwischen Polen abspielt, sind sie eher bereit, die eigene vorgefasste Meinung aufzugeben, sich dem Gegner zu nähern, ihm zuzuhören. Heute aber scheint es immer schwieriger, selbst in Sachfragen eine Einigung zu erzielen. «Wenn ihr uns mit eurer Meinung nicht folgt, dann werden wir dem Geschäft XY nicht zustimmen. Hättet ihr uns das letzte Mal Recht gegeben, würden wir keine neue Initiative starten.» So tönt es. Dabei führen das Wörtchen «wenn» und das Wörtchen «hätte» nur ganz selten die Gegner zusammen, vor allem dann nicht, wenn ein unerfüllbare Bedingung daran geknüpft wird. Das Verharren auf dem eigenen Standpunkt, selbst dann, wenn eine übergeordnete Rechtsordnung dagegen spricht, kommt einer Verweigerung des Dialogs gleich.

Der Rechtsstaat ist ein hohes demokratisches Gut, der sich aber etwa mal quer zur Volksmeinung stellt. Das lateinische Wort «vox populi, vox dei» (Volkes Stimme sei Gottes Stimme) ist keine brauchbare Begründung für das Verharren in der eigenen Ideologie. Es war der Faschismus, der mit dem Schlagwort von der Vox dei operiert hat. Und was dabei heraus gekommen ist, können wir beispielhaft bei den Historikern nachlesen.

Für Kükelhaus waren die Natur und ihre physikalischen Gesetze eine Lehrmeisterin, denn die Natur sucht nach ausgewogenen Lösungen, wie wir etwa an einem Baum ablesen können. Es ist der Stamm, der die ausladenden Äste zusammenhält. Auch eine ausgewogene Politik wird von der Mitte getragen, vom Konsens und vom Kompromiss. Pole bilden nur die Eckpunkte, aus denen her sich vernünftige Lösungen einpendeln sollten.

So wie die Tugend, nach Aristoteles, als mittleres Verhalten darauf zielt, die rechte Mitte zu treffen, so muss auch die Politik bedacht sein, den Ausgleich zwischen Extremen zu schaffen. Kükelhaus hat sich bestimmt erhofft, dass jeder Parlamentarier auf seiner Schaukel – am besten mit geschlossenen Augen – spürt, wie er allmählich in der Mitte ausschwingt. Wenn er zurück an den Sitzungstisch oder in den Ratsaal geht, wird er sich daran erinnern.

* Thomas Hürlimann in einem Interview im «Der kleine Bund» vom 2. Juli 2011.

Zwanzig Jahre Weg der Schweiz

Wer auf einem Teilstück oder auf dem ganzen Weg der Schweiz wandert, den fesselt der Anblick der Umgebung. Im stillen, glatten See spiegeln sich die Berge. Sie strecken die Gipfel ins Wasser. Wenn es sich kräuselt, ziehen sie sich zurück. Peitscht es gar der Föhn auf, klatschen mächtige Wellen ans felsige Ufer. Urgewaltig umranden der Gitschen, der Urirotstock, die Bauenstöcke auf der einen, der Fronalpstock und der Rophäen auf der anderen Seite den Urnersee.

Vor kurzem nahm ich endlich das letzte Teilstück unter die Füsse, das zwischen Brunnen und Sisikon liegt. Ich stieg im angenehm kühlen Wald hinauf nach Morschach und nach einem Halt bis zur Wasserscheide, wo der steile Weg zum herrlich in einer Landschaftsmuschel eingebetteten Sisikon hinunterführt. Mit der Zeit über Weg und Steg spürte ich die Knochen bei jedem Schritt. Wolken zogen am Himmel vorbei, die den See hell- und dunkelgrün befleckten. Ruhig glitten die Dampfer und die Motorboote dahin.

Am 4. Mai 1991 wurde der Weg der Schweiz eingeweiht. Ich durfte als Standsvertreter von Zug dabei sein und von Bauen nach Flüelen wandern. Die Kantone waren durch Regierungen und die Präsidentinnen und Präsidenten der kantonalen Parlamente vertreten. Kurz nach Bauen geriet ich in eine erregte Diskussion. Offenbar trug ich den Stolz des Innerschweizers zu sehr auf der Zunge.

Die damalige Basler Grossratspräsidentin warf ein, sie könne mit der Geburtszahl 1291 nichts anfangen. Die Schweiz bestehe erst seit 1848. Vorher habe es verschieden «Schweizen» gegeben. Das Dreiländereck Basel sei eine ebenso wichtige Region wie die Urschweiz gewesen. Was ich nicht etwa bestritt. Aber doch griff ich sie mit der verbalen Hellebarde an und behauptete, ohne die Urkantone würde es die Schweiz, wie wir sie heute kennen, nicht geben. Hätte sich das Land aus der Basler Ecke entwickelt, würde wohl ein anderer Geist durch das Land wehen. Gewiss sei der Staat ein neuzeitliches Produkt. In der Urschweiz sei aber der Same gestreut worden, der die Eidgenossenschaft habe keimen lassen. Um den Vierwaldstättersee habe keine herrschaftliche Familie dominiert wie die Stockalper in Brig mit ihrem unbeschränkten Einfluss. Die Macht in der Innerschweiz sei schon früh von Genossenschaften und von Gemeinden übernommen worden und diese hätten sich gegen einseitige obrigkeitliche Herrschaftsansprüche gewehrt. Hier, auf diesem Boden – ich zeigte sogar darauf – sei die Idee der «Vergemeindlichung» der Macht entstanden. Der revolutionäre Geist der Waldstätte habe schliesslich zur 8-örtigen und dann 13-örtigen Eidgenossenschaft geführt.

Wir zankten uns verbissen weiter. Es entstand ein Streit der Meinungen, ein Glaubenskrieg, der kein Ende finden wollte. Nach der Bernerstrecke, die am See entlang durch die Tunnel der alten Strasse führt, schlich ich mich davon, holte fröhlichere Kollegen ein. Es war schliesslich ein eidgenössischer Festtag. Die Grossratspräsidentin hätte nur den glänzenden Aufsatz von Peter Blickle* im Jubiläumsband «Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft» lesen müssen, dann hätte sie mich verstanden und vielleicht meine Argumente akzeptiert. Dieses leider viel zu wenig gewürdigte Werk stellt eine fundierte, ja glänzende Darstellung der frühen Schweizergeschichte dar.

Mir schien die Baslerin habe sich vom gerade grassierenden Ruf: «Siebenhundert Jahre sind genug» anstecken lassen, den ein Philosoph der Nordwestschweiz in die Welt gesetzt hat. Das Gerede von «Genügeln» an der Schweiz beeindruckte mich nicht, wusste ich doch, dass der Weg, auf dem wir wanderten, dieses überleben würde. Auch heute spüre ich keine Heimatmüdigkeit bei meinen Gesprächspartnern. Dass dann 1992, als das Motto «La suisse n’existe pas» am Pavillon der Weltausstellung von Sevilla prangte, im Ständerat eine heftige Debatte ausbrach, hatte damit zu tun, dass es nicht verstanden wurde. Die Ausstellungsmacher wollten sagen, die Schweiz existiere nicht so, wie sie sich manche Kreise denken. Sie ist immer viel mehr. Die Teile sind mehr als das Ganze.

In den letzten Jahren habe ich gewisse Teilstücke des Wegs der Schweiz mehrmals abgewandert. Meine Lieblingsstrecken liegen nahe am Wasser. Jüngst sass ich mit dem ehemaligen Bundesrat Samuel Schmid im Zwyssighaus in Bauen. Wir unterhielten uns über die Schweiz, die uns verbindet. Und dass diese sich nicht mit der Suisse miniature einer modernen Swissness deckt und auch nicht mit der Igelschweiz, brauche ich nicht auszuführen. Alberik Zwyssig, dem Komponisten des Schweizerpsalms, erwiesen wir nach dem vorzüglichen Essen die Reverenz.

Bei jeder Wanderung auf dem abwechslungsreichen Weg gedenke ich auch Karl Bolfing, meinem verehrten Lehrer am Seminar Rickenbach. Er war der Pionier und erste Präsident der Stiftung «Weg der Schweiz». Vor zwanzig Jahren überreichte er beim Start in Bauen den eingeladenen Gästen einen Rucksack und einen Wanderstock. Seither haben jährlich um die zweihunderttausend Wanderer den Weg unter die Füsse genommen. Feiern hingegen sind flüchtig und fast schon vergessen. Der Grund der Feier aber bleibt bestehen. Dafür, dass der Weg weiter gut unterhalten wird, sorgt die Stiftung mit ihrem derzeitigen Präsidenten Josef Dittli und sie verdient den Dank der Wanderer.

* Peter Blickle. Friede und Verfassung. Voraussetzung und Folgen der frühen Eidgenossenschaft von 1291. In: Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft. Jubiläumsschrift 700 Jahre Eidgenossenschaft, Band 1: Verfassung- Kirche – Kunst. Walter Verlang 1990.

Dem Land etwas zurückgeben

Auch wer sein Land liebt, übt gelegentlich Kritik, schaut dabei auf andere Staaten und wünscht sich, die eigene Heimat schlage nicht etwa deren politische Neuausrichtung ein. Er muss zum Beispiel zur Kenntnis nehmen, wie sich Ungarn eine Verfassung gegeben hat, die ein autoritäres Regime ermöglicht. Er wundert sich, dass im europäischen Vorzeigeland Finnland die rechtspopulistischen «Wahren Finnen» im April die Wahlen gewonnen haben. Ein Blick auf Italien wiederum, das mir selber näher liegt, ist einerseits erheiternd und andererseits niederschmetternd. Ich bleibe also bei unserem südlichen Nachbarn, nicht nur, weil ich bald zwei Wochen an der Adria verbringen werde.

Im kürzlich erschienenen Buch «Circus Italia»* lesen sich gewisse Passagen, als würde die Autorin, die ZEIT-Korrespondentin Birgit Schönau, zugleich gewisse Entwicklungen in der Schweiz nachzeichnen. Unter anderem schildert sie differenziert, wie Flavio Tosi, Bürgermeister von Verona und Mitglied der Lega Nord, mit harter Hand regiert und am liebsten alle Ausländer wegweisen würde. Die Arbeiten, die diese verrichten, könnten schliesslich auch von Italienern erledigt werden. Kleine und mittlere Unternehmer unterstützen vorwiegend die fremdenfeindliche Lega. Auch der Pastafabrikant Gianluca Rana, der Bandnudeln und Lasagne, Ravioli und Tortellini in alle Welt verkauft, erkennt in seiner Lega-Parteimitgliedschaft keinen Widerspruch zur Tatsache, dass er in seinem Betrieb zahlreiche Ausländer beschäftigt. Achselzuckend beantwortet er eine diesbezügliche Frage der Journalistin: «Die Politik betreibt ihr eigenes Marketing. Wir Unternehmer aber tun alles für die Integration unserer ausländischen Arbeitnehmer. Denn wer sich integriert fühlt, arbeitet besser. So einfach ist das.» Ja, so einfach lässt sich mit Widersprüchen leben, falls es profitabel ist.

Einer wie Rana überlässt den Lokalpolitikern ihre Marketing-Auftritte. Schliesslich muss er für sich selbst schauen. Doch sogar Berlusconi stecken viele Italiener weg. Ach je, man muss ihn halt zum eigenen Vorteil benutzen, sagt der Aristokrat und Milliardär Gian Marco Moratti, dessen Frau Letizia als Bürgermeisterin von Mailand nicht wiedergewählt worden ist. Berlusconi hatte mit seinem aggressiven Wahlkampf und seinen Sprüchen Moratti geschadet. Berlusconis missionarischer Eifer ist auf das Niveau eines Bonmots abgesunken. Als Johannes Paul II. ihm eine Audienz gewährte, sagte er lächelnd: «Wir zwei tragen beide eine siegreiche Idee in die Welt. Sie das Christentum und ich den AC Milano.»

Die Zeitung «La Repubblica» berichtete anfangs April, der frühere Präsident der Industriellenvereinigung Confindustria und heutige Ferrari Chef, Luca Cordero di Montezemolo, habe in einer Rede bedauert, dass Italiens Zivilgesellschaft im Laufe der letzten Jahre verschwunden sei. Wie sollte sie nicht? Seit Jahren werden die Institutionen schlecht gemacht, doch, sagte er, die Unternehmer, die grossen Banken und vor allem viele Intellektuelle schauten dem Treiben schweigend, teilweise angeekelt zu. Entweder engagierten sie sich wieder für das Land oder es gerate an den Rand des Abgrunds.

Der liberale Staat ist auf eine starke Zivilgesellschaft angewiesen. Sie trägt die Mitverantwortung für das Gedeihen des Landes. Heute stellen wir aber einen Rückzug ins Private fest. Der Chefredaktor der Berlusconi nahen Zeitung «Il Foglio», Giuliano Ferrara, sagte einmal, auf Recht und Gesetz zu pochen, sei ein Geschäft für Fanatiker ohne Humor und Esprit. So eine Aussage müsste eine Unzahl von Reaktionen auslösen. Sie darf nicht einfach hingenommen werden.

Wer mit dem italienischen Vergrösserungsglas auf unsere Gesellschaft blickt, entdeckt bei uns ähnliche Tendenzen. Der Club der Egoisten, Spekulanten und Zyniker hat zugenommen. Es wird auf die Classe politique eingedroschen, so dass immer weniger Bürgerinnen und Bürger bereit sind, Verantwortung im Staat zu übernehmen. Parteien haben Mühe, geeignete Kandidatinnen und Kadidaten für ein politisches Amt auf Gemeindeebene zu finden. «I bi doch nöd blööd!», lautet etwa die Antwort auf eine Anfrage.

Als der Slogan «Mehr Freiheit und Selbstverantwortung, weniger Staat» in den 90er Jahren den Siegeszug antrat, wurde das Wort Selbstverantwortung geflissentlich ausgeblendet. Die Fesseln des Staates sollten gesprengt werden. Aber es wurden immerhin gute Rahmenbedingungen geschaffen. Ein Mann, der davon profitierte, war Hansjörg Wyss, der die Firma Synthes erfolgreich geführt und nun mit grossem Gewinn verkauft hat. Er äusserte sich anfangs Juni in einem Interview in der NZZ ** wie Montezemolo in Italien. Er glaubt, dass sich viel zu wenig reiche Leute als Mäzene betätigen würden. Auch die Schweizer Industrie sei ein hoffnungsloser Fall. «Nur die beiden Grossbanken geben noch etwas Geld. Die Kulturbudgets der Schweizer Institutionen sind lächerlich tief. Spenden liegt den Schweizern einfach nicht im Blut.» Er habe im Land gute Jahre gehabt, nun wolle er der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Es gibt sie also noch, die Unternehmer, die kulturelle und soziale Werke unterstützen. Sie fühlen sich wie frühere Generationen des wohlhabenden Bürgertums für das Funktionieren des Staates und der Gesellschaft persönlich verantwortlich. Wo Unternehmer nicht selber tätig werden können, treten sie als Mäzene auf. Sie halten nichts von einer «Ohne-mich-Gesellschaft». Was dennoch bedauerlich ist, sie schweigen zum unverantwortlichen politischen Marketing.

* Circus Italia. Aus dem Inneren der Unterhaltungsdemokratie. BV Berlin Verlag, 2011.
** NZZ. Fokus der Wirtschaft, 11. Juni 2011. Hansjörg Wyss über die Gründe des Verkaufs von Synthes und seine zahlreichen wohltätigen Projekte

Auswandern und einwandern

Auf dem Weg vom Sattel nach Schwyz steht die Kapelle, die das Ehepaar Franz Xaver und Lena Wiget-Schuler erbauen liess. Als die Strasse 1999 verbreitert wurde, musste die Kapelle verschoben und abgesenkt werden, zugleich entstand ein Rastplatz. Die Kapelle ist der Muttergottes gewidmet, im Innern geschmückt mit einer Nachbildung der Maria vom Wesemlin in Luzern. Auf einer Eisenplakette von 1959 spricht das Ehepaar Wiget der Muttergottes den Dank dafür aus, dass sie nach einer stürmischen Schiffspassage über den Atlantik heil in der neuen Heimat ankamen. Den Tod vor Augen hatten die beiden Auswanderer, die auf der Rückreise nach einem Urlaub waren, gelobt, zu Ehren der Muttergottes eine Kapelle bauen zu lassen.

Die Wigets wanderten 1930 nach Amerika aus, nicht etwa getrieben von Abenteuerlust oder Fernweh, sondern aus purer Not. In unserem Land fehlten jegliche wirtschaftlichen Perspektiven. Zwischen 1920 und 1930 verliessen alleine 1500 Menschen, meist aus der bäuerlichen Bevölkerung, den Kanton Schwyz. Insgesamt, ist auf der kurzen Inschrift bei der Kapelle vermerkt, habe es innerhalb von fünfzig Jahren drei grosse Auswanderungsschübe gegeben. Die Menschen suchten eine neue Heimat, die ihnen Arbeit bieten konnte. Damals war Amerika das gelobte Land. Mein Grossonkel Josef Nussbaumer wanderte nach Mexiko City aus. Er, der Bruder meiner Grossmutter, fand als gelernter Uhrmacher sein Auskommen und eröffnete später ein eigenes Geschäft. Mit seiner Nicht, Maria Nussbaumer, habe ich noch immer Kontakt, wir schreiben uns hie und da eine Mail.

In der Schweiz herrscht heute Hochkonjunktur, die gut qualifizierte Arbeitskräfte anzieht. Wir sind in der glücklichen Lage, dass es unserem Land wirtschaftlich ausgezeichnet geht, und doch sind wir zugleich in der unglücklichen, dass es zu wenig Schweizer gibt, die die offenen Stellen besetzen können. Während den früheren Hochkonjunkturjahren wurden im Ausland vorwiegend Arbeitskräfte rekrutiert, die einfache Arbeiten zu verrichten bereit waren. Die Einwanderer von heute sind meist gut ausgebildete Fachkräfte, die sowohl an Universitäten als auch in industriellen Betrieben und im Dienstleitungssektor dringend gebraucht werden. Doch in den letzten Jahren hat sich ihnen gegenüber eine Abwehrhaltung entwickelt.

Die Abwehr gegen ausländische Arbeitskräfte ist reine Symptombekämpfung. Bildlich gesprochen nimmt sie sich aus wie Pillenschlucken bei Kopfweh. Will es nicht aufhören, geht der Mensch zum Apothekerschrank und sucht nach einem Schmerzmittel. Er schluckt etwa eine Treupel-Tablette. Treupel enthält Aspirin. Und trommeln die Schmerzen am nächsten Tag noch immer im Kopf, bekämpft er sie mit einem Treupel forte. Vergehen sie immer noch nicht, greift der Geplagte zu einem noch stärkeren Mitteln. Bis er endlich zum Arzt geht. Der misst den Blutdruck. Aufgepasst, er ist zu hoch! Der Arzt spricht mit dem Patienten und dieser gelangt zur Einsicht, dass er sein Leben endlich ändern sollte, als er vernimmt. «Damit Sie das Kopfweh wegbringen, müssen Sie die Ursachen bekämpfen. Sie leiden unter Stress.»

Der erbitterte Streit um die Überfremdung ist eine Symptombekämpfung. Die „Streitrösser“ sollten sich einem Stresstest unterziehen müssen, der von ihnen fordert, Antwort auf die Frage zu geben, warum so viele Ausländer in die Schweiz einwandern. Bald würde jedem klar, was der eigentlich Auslöser ist: Es ist das Streben nach Wachstum. «Im Wachstum liegt das Heil des Landes, ohne Wachstum läuft nichts», heisst es sec. Wer aber Wachstum verlangt, sollte an die Nebenwirkungen denken. Haben Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser schon einen Politiker gehört, der das Wachstum ablehnt oder es energisch begrenzen möchte? Eine solche Haltung würde wohl bei der Mehrzahl der Wähler schlecht ankommen.

Es scheint immer einfacher, die Symptome einer Krankheit zu bekämpfen als deren Ursachen. Aber Symptombekämpfer belügen sich selber. Sie reden sich krank und stecken damit andere Menschen an. Ihre Propaganda erreicht, dass am Ende das ganze Land am gleichen Symptom zu leiden glaubt und nur noch hofft, mit Pillen dem beklagten Übel abhelfen zu können. Da dies aber nicht gelingt, lassen sich immer neue Symptome finden, wie etwa die Personenfreizügigkeit mit der EU oder ein Fall für die Boulevardmedien, weil ein Rückkehrer in seiner alten Heimat zum Sozialschmarotzer geworden sei. Und alles gipfelt dann in einem süffigen Wort: «Helfen Sie, die schöne Schweiz vor der Überfremdung zu retten.» Das posaunte schon James Schwarzenbach zu Beginn der 1970er Jahre ins Land hinaus.

Wenn diejenigen, die dafür zuständig sind, die Ausländerfrage für den Wahlkampf 2011 zu «präparieren», sich energisch für die Begrenzung des Wachstums in der Schweiz einsetzen, dann haben sie in meinen Augen an Ehrlichkeit gewonnen. Falls sie sich aber als Symptombekämpfer profilieren, kann ich sie nicht achten. Als Wirtschaftsvertreter wissen sie sehr wohl, wie sich die Beschränkung des Wachstums längerfristig auswirken könnte. Würden allein im Kanton Zug einige Tausend Fachkräfte mit Familien abwandern, entstünde eine Immobilienkrise. Sowohl die Industrie als auch der Dienstleistungssektor würden einbrechen. Ade dem beständigen Drehen an der Steuerschraube! Darum plädiere ich für eine sachliche Ursachenbekämpfung und wende mich gegen eine Politik, die Symptomschmerzen mit Treupel forte bekämpft. Ich verachte die propagandistische Pharmazeutik und denke an das Ehepaar Wiget und seine Kapelle.

Ein Trinkgeld für ein Lächeln

In den vergangenen Tagen war ich dabei, eine neue Kolumne über Schweizer Werte zu schreiben. Bald einmal musste ich einsehen, dass ich den Platz von mindestens drei Kolumnen benötigen würde, sollte eine wirklich überzeugende Abhandlung entstehen. Also gab ich das Unterfangen besser auf, packte dafür das Buch*: «Bei näherem Hinsehen. Beobachtungen zu Georg Christoph Lichtenbergs Sudelbüchern» ein und ging auf eine Lesefahrt nach Basel. Lichtenberg, der berühmte Physiker in Göttingen, hatte nicht nur Experimente durchgeführt, sondern auch Tagebücher geschrieben, die er Sudelbücher nannte. Lesen im Zug ist eigentlich sehr anregend. Nicht nur ein Buch hatte ich mit dabei, sondern auch Briefe mit guten Wünschen. Da fand ich zum Beispiel eine Passage, die lautete: «Ich wünsche Ihnen weiterhin (…) auch eine Fortsetzung des Geniessens und Erfreuens, wie es Ihre Kolumnen so oft vermitteln.» Diese Briefzeilen veränderten meine Gemütsverfassung derart, dass ich beschloss, die Nachbetrachtung zur Waffen-Initiative und zur Behauptung, ihre Annahme würde Schweizer Werte zerstören, endgültig sein zu lassen.

Als Georg Christoph Lichtenberg auf einer Reise in Hannover angelangt war, schrieb er am 9. April 1772 dem Ehepaar Dietrich, in deren Haus er wohnte: «Vor allen Dingen grüsse mir die beyden Jungfern Köchinnen Marie und Regine, ich esse zuweilen gerne etwas gutes, deswegen lasse ich keine Köchin ungegrüsst …» Mehr als 200 Jahre später halten wir es mit Lichtenberg, essen gerne gut, aber vergessen dann oft ein Merci. Das ist unverzeihlich. Darum möchte ich den Köchen und den Köchinnen einmal öffentlich mit folgender hübschen Episode danken.

Kurz vor Weihnachten sass ich im Railjet, der von Wien kam und nach Zürich fuhr. In Innsbruck war ich zugestiegen und hatte mir für einmal den Luxus geleistet, in der Abteilung «Premium» zu reisen. Da fand ich meine Ruhe und konnte lesen. Eine junge hübsche Frau kam und fragte mich, was ich wünsche. Sie tat es mit österreichischem Charme, stellte sich mit hochgeschnürtem Busen leicht provozierend vor mich hin und lächelte. Ich durchschaute sie: Sie dachte bestimmt, da sitze wieder ein älterer Herr, der sich gerne von einer schönen Frau bedienen lasse. Ich bestellte einen Süssmost. Sie stutzte, verstand mich nicht und so sagte ich schliesslich: «Bringen Sie mir einen Apfelsaft.» Das tat sie gerne.

Als ich das Glas leer getrunken hatte, erschien sie wieder und fragte, was sie mir, dem Herrn, wie sie mich nannte, servieren dürfe. Ich erklärte ihr, dass ich ein gutes Frühstück genossen hätte, noch würde der Magen nicht knurren, aber nach dem Arlbergpass sollte sie mich bitte nochmals fragen. Was dann auch geschah. Sie könne mir heisse Frankfurter Würstel offerieren. Aber dieses Angebot behagte mir gerade nicht. Hingegen nickte ich, als sie mir Chili con Carne anbot. «Möchten Sie dazu ein Glas Wein?», fragte sie. Das war mir willkommen, und schon kurze Zeit später stand ein Glas Zweigelt auf dem Klapptischchen.

Später brachte sie mir ein Dessert und einen Kaffee, war immer sehr nett und gesprächig. Wie sie denn heisse, wollte ich wissen. Sie nannte mir ihren Namen, und ich wiederum schlug den Bogen zum Essayisten Simic. Ob sie denn ihren berühmten Namensvetter kenne. «Nein, mein Herr! Aber in Wien gibt es sehr viele Leute mit diesem Namen.» Als wir am Zürichsee entlang fuhren, trat sie wieder vor mich hin und fragte mit der noch immer gleichen Freundlichkeit nach meinen Wünschen. Ich bestellte noch einmal einen Apfelsaft, aber sie schüttelte den Kopf. Ob sie mir nicht etwas Besseres servieren dürfe, zum Beispiel einen Glühwein? Ich bejahte befriedigt. Sie ging zurück in die Bordküche, brachte nach ein paar Minuten ein Glas und entschuldigte sich zugleich, der Glühwein sei nicht ganz perfekt, sie habe leider keinen Zimt mit dabei.

Kurz vor Thalwil wollte ich zahlen. Erstaunt sah sie mich an. In dieser Bahnklasse sei die Verpflegung inbegriffen, sagte sie. Ein Trinkgeld aber nehme sie gewiss. Sie bejahte. Nun fragte ich sie leicht verschmitzt, wie viel denn ihr Service wert sei. «Noch nie hat mir jemand eine solche Frage gestellt. Ich weiss es nicht.» Was sie jeweils auf die Hand bekomme. Zwei, drei Euros oder auch mal einen Fünferschein, meinte sie und eilte weg. Sie komme aber gleich wieder, sie müsse noch einen anderen Gast bedienen. Unterdessen entnahm ich meiner Geldtasche einen blauen Schein, und als sie erschien, streckte ich ihn hin. Sie nahm ihn, tat so, als ob sie den Schein küssen wollte und bedankte sich derart herzlich, dass mir ihre Freude nachging und zu meinem schönsten Weihnachtsgeschenk wurde.

Ich habe mir vorgenommen, nur noch denjenigen Serviceangestellten ein rechtes Trinkgeld zu geben, die mir auch ein Lächeln schenken. Ein guter Service ist viel wert, und das Trinkgeld am Schluss ist eine Art Bewertung. Werte hängen davon ab, wie Menschen eine Sache oder eine Dienstleistung bewerten. Wer dankt, drückt seine Wertschätzung aus. Zurück zu Lichtenberg. Am 24. Januar 1775 schrieb er an Dietrichs Frau Christiane: «Was macht denn Marie? Wenn sie artig ist, so grüssen Sie sie doch in meinem Namen. Wenn Dietrich sagt, Sie sollten es nicht thun, so grüssen Sie sie dreymal und wenn er böss werden sollte, sechsmal und so weiter.» Lichtenbergs Grüsse an Marie sollten der Dienstmagd beweisen, dass der Abgereiste ihr gegenüber Dankbarkeit empfand.

Bei näherem Hinsehen sind kleine Werte manchmal gross, und grosse sind oft nicht so gross, wie sie scheinen. Im zwischenmenschlichen Bereich jedenfalls zählen die kleinen doppelt. Ein Lächeln, das eine Zugfahrt überdauert, bleibt ein Wert und ermuntert einen, auch einer anderen freundlichen Person für einen guten Service ein reichliches Trinkgeld zu geben.

* Horst Gravenkamp: Bei näherem Hinsehen. Beobachtungen zu Georg Christoph Lichtenbergs Sudelbüchern. Göttingen 2011

Prometheisches Feuer in Japan

Das Erbeben in Japan und der anschliessende Tsunami sind Naturkatastrophen. Die schrecklichen Folgen, die Schäden am Atomkraftwerk Fukushima, wurden aber von Menschhand riskiert, auch wenn die Fachleute beim Bau die Erdbeben- und Tsunamigefahr berücksichtig haben, ähnlich wie z. B. in den Niederlanden, wo man über Jahrhunderte Dämme gegen die unberechenbaren Sturmfluten erstellt hat.

Wie gingen denn frühere Kulturen mit Katastrophen um? Die Griechen erfanden einen Mythos für das Grauen, dass jedes schreckliche Unglück in ihnen auslöste. Prometheus, der Sohn des Titanen Iapetos, kämpfte listig und geistreich gegen Göttervater Zeus. Auf Erden formte er Menschen aus Ton nach seinem Bilde. Er stattete sie mit den nötigen Eigenschaften aus, nach seinem Bilde, und wollte ihnen im Umgang mit den Göttern helfen. Dann versuchte er, verführt durch die eigene Klugheit, Zeus zu betrügen. Da verhängte dieser eine Strafe über die Menschen. Er versagte ihnen die göttliche Gabe des Feuers und liess sie darben und frieren. Prometheus aber stahl die Glut, indem er einen Riesenfenchel am vorbeirasenden Sonnenwagen entzündete. Er hatte das Feuer zwar zurückgeholt. Doch die sterblichen Menschen standen von nun an im Widerstreit mit der vorgegebenen göttlichen Ordnung. Sie wollten selber Schöpfer sein. Sie gebrauchten das Feuer für ihre Zwecke, schmiedeten das Eisen und forschten weiter, bis sie auf das Uran stiessen, das radioaktiv und spaltbar ist. Dabei waren die alten Griechen überzeugt, Atome (atomos = altgriechisch für unteilbar) würden sich nicht teilen lassen. Das gewaltigste und gefährlichste Feuer, das Phänomen der Kernspaltung, wurde 1938 in einem deutschen Labor entdeckt.

In der Zeit von «Sturm und Drang», als sich das Maschinenzeitalter abzuzeichnen begann, verfasste der junge Goethe einen Hymnus auf Prometheus. Darin verspottete er Zeus:

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

In kräftigen Bildern und starken Rhythmen endet das Gedicht:

Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Geniessen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

Der Hymnus wurde im Laufe der Zeit verschieden interpretiert. Es geht einerseits um das Gegensatzpaar Zeus und Prometheus, aber er drückt doch auch den Hochmut der Menschen aus, die im Begriff waren, die Dampfmaschine zu konstruieren, Elektrizität zu erzeugen und tief in die Grundgesetze der Natur einzudringen.

Das Feuer ist ambivalent. Das wussten die Griechen. Es nützt, wenn es gut gehütet wird, es richtet Schaden an, wenn es ausbricht. Der Blitz kann einen Menschen oder einen Gebäudebrand auslösen. Da erfand der Mensch den Blitzableiter. Als er dann aber die Atome zu spalten begann, erschrak er erst nach Hiroshima.

Im Prometheus-Mythos steckt die frühe Ahnung, was geschehen kann, falls der Mensch aus der Ordnung der Natur fällt, falls er frevelt. Zeus’ Strafe traf Prometheus. Er übergab ihn Hephaistos, dem Gott der Schmiedenkunst, der ihn an einen Felsen im Kaukasus kettete. Täglich landete ein Adler und riss Stücke aus der nachwachsende Leber. Das Feuer hatte von nun an ein doppeltes Gesicht: Es schenkte dem Menschen einerseits Wärme und andererseits bürdete es ihm die Last der Freiheit auf. Fortan musste er verantworten, was er mit dem Feuer anstellte.

Das prometheische Handeln des Menschen erweist sich seit der Atomkatastrophe in Japan wieder einmal mehr als verhängnisvoll. Es führt an die Grenzen des Fortschritts, eines Fortschritts, der masslos und unersättlich geworden ist. Der Philosoph Karl Löwith (1897-1973) meinte seinerzeit, es gebe ein Art Wettlauf zwischen dem faktischen Fortschritt und dem progressiven Verlangen danach. Denn je mehr erreicht werde, desto mehr werde gefordert und erstrebt. «Und solange wir nicht unser gesamtes Verhältnis zur Welt, und damit zur Zeit, von Grund auf revidieren, sondern mit der biblischen Schöpfungsgeschichte und den christlichen Begründern der modernen Naturwissenschaften voraussetzen, dass die Welt der Natur für den Menschen da ist, ist nicht abzusehen, wie sich an dem Dilemma des Fortschritts etwas ändern sollte.»*

Löwiths Pessimismus ist gerechtfertigt. Erst wenn sich die Katastrophe einstellt, beginnt der Mensch über die Folgen nachzudenken und sein Verhalten zu überprüfen. Vor genau fünfzig Jahren, 1961, hat Karl Löwith vor den Folgen des forcierten Fortschritts gewarnt. Seine warnende Stimme verhallte im Leeren – wie die vieler anderer. Niemals wird der Mensch das progressive Verlangen nach Fortschritt aufgeben, bevor die schädlichen Folgen grösser sind als die Vorteile.

Vor einer so gewaltigen Katastrophe wie in Fukushima versagt die menschliche Sprache. Unermessliches Leid lässt sich nicht mit sprachlichen Mitteln beschreiben und somit bewältigen. Das wussten die Griechen, und sie verliehen ihm im Mythos Gestalt. Gäbe es einen Prometheus-Felsen in Japan, dann bräuchte es wohl mehr als ein paar Ketten.

Karl Löwith: Sämtliche Schriften. Band 2. Weltgeschichte und Heilsgeschichte. Stuttgart 1983.

Was wählen Schweizer eigentlich?

Es ist schwer, keine Satire zu schreiben. Difficile est satiram non scribere, meinte der Römer Juvenal (60-140 n. Chr.). Was Juvenal, der letzte der grossen Satiriker, ausspricht, gilt auch heute: Nicht nur zur Fastnachtszeit möchte man satirisch schreiben. Da grinst dich zum Beispiel von einem Abstimmungsplakat die schreckliche Fresse mit einem Gewehr in der Hand an, und du glaubst erst noch, eine solche Art von Propaganda würde niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Das wäre ja die Abschaffung der Vernunft. Was zählt sind doch Argumente, denkst du. Und das war sogar bei der Waffenschutzinitiative der Fall.

Und nun hat auch das Wahljahr so richtig begonnen, wobei du schon heute weißt, dass du dich nicht auf eine bestimmte ultimative Forderung einlassen wirst, überlegst nur gerade, ob du dein Käppi mit dem Schweizerkreuz nicht besser entsorgen solltest. Du bist zwar ein zufriedener Schweizer, aber dir muss niemand sagen, wen du zu wählen hast. Du schaust dir dann schon noch die Köpfe an.

Schweizer wählen gerne trendige Mode. Oft sind es Modelle, in die Prominente schlüpfen und damit werben, verkauft aber werden sie weltweit. Und doch fühlen sich die Schweizer darin sicher, das Selbstwertgefühl platzt fast aus den Nähten. Herumstolzieren im globalisiert gestylten Kleid und auf Absätzen, die klipp, klapp auf den Asphalt schlagen. Das Schweizerkreuz auf der Stofftasche akzentuiert dafür ein wenig den Sonderfall. Neudeutsch wird dies «Swissness» genannt.

Schweizer wählen Schnäppchen. Am liebsten Aktionen und Drei für Zwei-Angebote. Trockenfleisch aus Malbun und Parmaschinken, möglichst günstig. Sie wählen eher Parmesan als Emmentaler. Italienische Käser arbeiten zu niedrigeren Löhnen als sie hierzulande gelten. Warum sollten Schweizer nicht wählen, was günstiger ist? Eine Fahrt nach Konstanz zahlt sich im Moment mehr denn je aus. Vom tiefen Euro profitieren und sparen beim Shoppen, heisst die Devise. Dafür reicht es noch für einen Schweinsbraten in einem deutschen Restaurant.

Schweizer wählen Billigflüge nach Antalya und reisen nach Side, nach Lara oder Belek. Sie fliegen mit Edelweiss nach Puerto Plata oder nach Varadero. Andere schnorcheln auf den Malediven oder reiten mit Kamelen bei Abu Dhabi durch die Wüste. Die Demonstrationen vor kurzem in Tunesien und Ägypten führten zu Annullierungen und so wird als Ersatz Marokko, Teneriffa oder Mallorca gewählt. Warum nicht doch noch Sharm el-Sheikh fahren? Mubarak hat dort seine Villa, und seine Wächter oder das Militär werden schon dafür sorgen, dass den ausländischen Touristen nichts passiert.

Schweizer wählen schöne Autos. Das Auto ist die nach aussen gestülpte Haut des Fahrers. Am Steuer ändert der Mensch sogar seine Persönlichkeit. Das Auto ist eine Körpermaske, und maskiert ist man um einiges bedeutender als ohne Maskerade. Kaum ins Auto eingestiegen, beginnt das Rollenspiel und das kleine Ich bläht sich auf. «Diese blöden Velofahrer! Verdammt, immer trifft es mich, der vor dem Fussgängerstreifen stoppen muss! Nur nicht abbremsen, einfach noch schnell durch. Hallo, ich bin doch vor dir, du Trottel, im Kreisel gewesen!»

Schweizer wählen «20 Minuten», doch die welsche Ausgabe lassen sie liegen, wenn der Zug aus Genf oder Lausanne kommt. Es gibt ja dann noch den «Blick am Abend». Viele informieren sich in den Klatschspalten. Klatsch betont, was in ist, wer gerade das Maul zerreisst und wer einen unschuldigen Menschen niedergeschlagen hat. Nichts gegen Klatsch, man ist dann im Bild und hat genügend Gesprächsstoff. Hoffentlich waren die Schläger keine Schweizer! Sind es Ausländer, bleibt die Welt in Ordnung. Man hat es ja immer gesagt! Populär ist, wer über die richtigen Vögel flucht. Schweizer schwingen gerne «die krude Keule des Populismus», stand in der NZZ. Sogar Akademikern würde es selten gelingen, ihn «mit dem Degen des differenzierten Arguments zu parieren».

Schweizer wählen, was auf der Bestsellerliste ganz oben angekommen ist. Sie wählen, was auf der Theke vor der Kasse liegt, ziehen vor, was laut angepriesen wird, flott daherkommt und auf den ersten zehn Seiten alle Klischees bedient. Boulevard in Romanform! Paradox eigentlich: Da hat der Kapitalismus unzählige Möglichkeiten geschaffen auszuwählen, und doch dominiert der Einheitsbrei und die Gleichmacherei mehr denn je. Und schon stellt sich die Frage: Haben die unglaublichen Wahlmöglichkeiten denn ein Mehr an Glück geschaffen? Auffällige Werbefarben und laute Töne sind keine Garantie für Vielfältigkeit und Originalität. Und wer mit dem Lautsprecher politisiert, löst noch lange keine Probleme.

Bis vor vierzig Jahren haben die Männer noch keine Frauen gewählt. «Wollt ihr solche Frauen?», wurden die Männer seinerzeit gefragt. Das eine Abstimmungsplakat präsentierte ihnen eine magersüchtige, die Hände spreizende, keifende Frau, ein anderes schlicht und verständlich einen Teppichklopfer. Heute triumphiert in Bern der Teppichklopfer. Unser Land wird deswegen nicht schlechter regiert.
Nein, dir kann man nicht einhämmern, wen und was du zu wählen hast, und zugleich hoffst du, es ergehe anderen wie dir. Du möchtest ein Schweizer bleiben dürfen, der sich vorbehält zu wählen, wie und wen er will. Also brauchst du dein Käppi mit dem Schweizerkreuz und dem schönen Rigi-Signet nicht zu entsorgen.

Hochdeutsch im Kindergarten?

Mit dem Schlagwort Kuschelpädagogik wurde vor nicht allzu langer Zeit die Schule als Wahlkampfthema erkannt und seither wird es aus taktischen Gründen dauernd wiederholt. Erfolgreiche Taktik ist die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung einer Behauptung oder eines eingängigen Wortes, ohne auf Argumente dagegen einzugehen. Wer von Kuschelpädagogik spricht, erhebt zugleich den Vorwurf, dass die Schüler von heute verhätschelt würden. Die Politik sei deshalb gefordert, von der Schule wieder mehr Leistung zu verlangen.

Vor kurzem ist die neuste Pisa-Studie erschienen. Diesmal ging es explizit um die Lesefähigkeit der 15-Jährigen. Da haben die Schweizer Schülerinnen und Schüler gegenüber früheren Erhebungen Fortschritte gemacht. Und doch ist der Abstand zur Spitze geblieben, darum sollte vermehrt bei der Sprach- und Leseförderung angesetzt werden. In den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften stiegen sie hingegen aufs Podest. Was mir aufgefallen ist: Keiner, der den Vorwurf der Kuschelpädagogik erhoben hat, anerkannte die erzielten Fortschritte. Ganz bestimmt würden die Lehrerinnen und Lehrer dafür mal ein Lob verdienen.

Und da wird nun plötzlich im Widerspruch zum Schlagwort der Kuschelpädagogik gefordert, dass im Kindergarten ausschliesslich kuschelige Mundart gebraucht wird. Die Lektionen in Hochdeutsch sollen wieder abgeschafft werden. Wie können sonst Kindergartenkinder Geborgenheit und Heimat finden, wird geklagt. Bevor die mundartliche Sprachentwicklung ihr festes Fundament habe, dürfe man die Kinder nicht mit hochdeutschen Wörtern verunsichern. Da begann ich mich an die Sprachentwicklung meiner älteren Tochter zu erinnern, und hörte mich auch anderswo ein wenig um.

Als ich vor Jahren mit meiner Familie ein Jahr in Berlin weilte, war Teresa gerade fünfjährig. Sie besuchte einen Kinderhort und spielte mit den gleichaltrigen Kindern. Gelegentlich begleitete ich sie auf den Spielplatz, auf den Buddelplatz, wie er in Berlin genannt wird und schaute dem Spiel der Kinder zu. Immer wieder überraschte mich mein Töchterchen mit ihrem Geplauder: «Kiek mal, Theres, dat it ne Stullle», sagte ein Mädchen. «Ne glob ick nich, dit is wie ne Schrippe.» Ich bewunderte die Kleine, mit der wir zu Hause schweizerdeutsch sprachen, und die derart echt den berlinerischen Tonfall traf. Auf dem Heimweg wollte ich erfahren, was denn eine Stulle und eine Schrippe sei. «Das isch ä Brotschiebe mit Anke, Papi, und e Schrippe isch äs Bürli.»

Vor einigen Wochen diskutierte ich mit einer Journalistin und fragte sie, was sie davon halte, dass im Kindergarten wieder ausschliesslich Mundart gesprochen werden soll. «Davon halte ich gar nichts», meinte sie. Die Mundart setze sich umgangssprachlich bei Schweizern sowieso durch. Dann erzählte sie mir, dass sie zur ersten Generation gehöre, die mit einem Fernsehapparat in der Stube gross geworden sei. Hochdeutsch habe sie schon im Vorschulalter reden können, und sie sei nicht etwa in einem bildungsbürgerlichen Quartier aufgewachsen. «Für uns Fünf- und Sechsjährige», führte sie aus, «hat Hochdeutsch eine bestimmte Funktion gehabt. Es war die Sprache des eher Exotischen, des etwas Aussergewöhnlichen gewesen.» Sie hätten auf Schweizerdeutsch «g’mütterlet», dagegen auf Hochdeutsch «g’indianerlet», so wie sie es am Deutschen Fernsehen gehört hätten, mit dem stummen «r» an Wortenden und dem vorne, am Gaumen ausgesprochenen «k» und «ch». Etwa so: «Wiä führen Krieg gegen die Kaubois.»

Sie erzählte auch von einer Studienkollegin, die als Deutsche im Primarschulalter in die Schweiz, nach Burgdorf, gekommen sei. In der Schule habe sie sich aber schnellstens abgewöhnen müssen, deutsches Hochdeutsch zu sprechen. Rasch habe sie sich unserer alemannischen Standard-Hochsprache angepasst, um nicht gehänselt zu werden. Wer ein solches «Gstürm» um Mundart im Kindergarten mache, beleidige die natürliche Intelligenz unserer Kinder. Es mache ihnen doch Spass hochdeutsch zu parlieren. Das könne sie auch bei ihrem Patenkind beobachten, das noch nicht in die Schule gehe.

Die Empfehlung, im Kindergarten einige Lektionen auf Hochdeutsch zu halten, ist wissenschaftlich abgestützt, sie entspricht zudem einer alltäglichen Erfahrung. Wer das Glück hat, zweisprachig aufzuwachsen, wird später nicht mühsam und krampfhaft versuchen müssen, den mundartlich gefärbten Akzent in seinem Französisch oder Italienisch auszumerzen, was übrigens nur musikalisch begabten Menschen gelingt.

Kuschelige Mundart ist heimelig. Doch Kindergärtnerinnen brauchen genug Handlungsspielraum, wann und wie sie diese gebrauchen. Die Welt von Heute verlangt sprachliche Flexibilität. Unter anderen klagen Lehrmeisterinnen und Lehrmeister, dass die Schulabgänger nicht einmal mehr einen Bewerbungsbrief in korrekter Hochsprache schreiben könnten. Warum also nicht jene sensible Phase der Sprachentwicklung ausnützen, in der das Sprechen am Leichtesten gelernt und eingeprägt wird? Kinder sollten nicht dauernd in einer Kuschelsprache angesprochen werden, die manchmal so richtig kindisch klingt. Von Schlagworten, die taktisch wiederholt werden, sollte man das eigene Denken und Beobachten nicht ausser Kraft setzen lassen.

Wer ist integriert?

Begriffe, die leicht über jede Zunge kommen, werden selten klar und eindeutig gebraucht. So verhält es sich etwa mit dem Wort Glück, das bei jedem Jahreswechsel häufig kursiert. Jeder versteht darunter etwas anderes. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Begriff der Integration, der ja vor der letzten eidgenössischen Abstimmung in aller Munde war. Dazu liess sich in der «Weltwoche» auch der Multimillionär Gunter Sachs vernehmen, der in St. Moritz lebt. Richtig integriert sei ein Ausländer erst, wenn er perfekt Schweizerdeutsch spreche. Am Ende seiner Ausführungen meinte er: «Eines möchte ich unserem Volk von Brüdern (hüt bin i en Papirli-Schwyzer) noch aus Erfahrung und von Herzen sagen: Dem schwyzerdütschen Charme können sich die Michels schwerlich entziehen.» Täuscht sich der Neu-St. Moritzer da vielleicht nicht doch ein wenig? Es kommt wohl schon darauf an, wie das von ihm geliebte Schwyzerdütsch in den Ohren klingt.

Aus der Ergänzung richtig im oben zitierten Satz ist herauszulesen, dass Gunter Sachs unter Integration eigentlich Assimilation versteht. Mancher Zugezogene spricht zwar gut Schweizerdeutsch und ist dennoch nicht assimiliert. Die Schweiz genügt ihm als Aufenthalts- oder Niederlassungsland, um Geschäfte oder Karriere zu machen. Aber assimiliert ist er eben gerade nicht, weil er sich überhaupt nicht für seine Wohngemeinde und das weitere Umfeld interessiert.

Sehr viele Deutsche in der Schweiz sprechen nicht Schwyzerdütsch und sind doch integriert. Sie arbeiten, verdienen ihr Leben, zahlen Steuern, erziehen ihre Kinder, geben dem Land durch ihre Arbeit Impulse und tragen ihren Teil zum Wachstum der Gesellschaft bei. Sie fühlen sich einbezogen, eingegliedert in unsere Gesellschaft. Warum sollte ein Türke, der mit Erfolg einen Kebab Betrieb führt, und nur gerade seine zwei tausend schweizerdeutschen Wörter kennt, um auch Schweizer Jugendliche bedienen zu können, und der sich im Übrigen nichts zu Schulden kommen lässt, sich und seine Familie selber durchbringt, ja sogar genug Ehrgeiz besitzt, damit es seine Kinder im Gastland zu etwas bringen, nicht integriert sein? Wollte er sich einbürgern lassen, müsste er freilich besser Deutsch sprechen.

Und wie steht es mit den vielen Ausländern, die nur Englisch sprechen, und sogar in den Führungsetagen der Banken und in den Niederlassungen internationaler Unternehmen von den Schweizern verlangen, dass sie die englische Sprache beherrschen? Sie wohnen in Zug oder Luzern, schicken ihre Kinder in englische Privatschulen und verkehren unter ihresgleichen. Verlegen sind sie, wenn sie Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch sprechen sollten. Sind sie nun integriert, einbezogen in die gesellschaftliche Einheit dieses Landes oder eben gerade nicht? Natürlich tragen sie zu unserem Wohlstand bei, besuchen Konzerte im KKL, Ausstellungen und Messen in Zürich und Basel und nehmen auf ihre Art am gesellschaftlichen Leben des Landes teil. Aber Schweizerbürger wollen sie nicht werden.

Johannes Mario Simmel, der jahrelang in Zug lebte, war gebürtiger Österreicher. Er sprach kein Schweizerdeutsch. Als er von Monaco nach Zug umgezogen war, rühmte er seinen neuen Aufenthaltsort über alles. Zug gefiel ihm sehr, und weil er jahrelang ein Bestsellerautor war, gefiel er uns Zugern auch. Er bewunderte nicht nur den Sonnenuntergang, sondern war ausdrücklich zufrieden, dass man mit ihm hierzulande keinen Starkult betrieb. So konnte er in Ruhe schreiben. Dafür bezahlte er reichlich Steuern. Damit schien er einbezogen in die Gesellschaft. Jedenfalls erregte er keinen Anstoss, sondern trug mit seinem Beitrag dazu bei, dass das Gemeinwesen gesellschaftliche und kulturelle Aufgaben erfüllen konnte. Wie aber steht es denn mit den einfachen ausländischen Arbeitern, die ihren Dienst ohne Murren und meist mit niedrigen Löhnen versehen? Sind die etwa nicht integriert, nur weil sie nach Jahren immer noch gebrochen Deutsch sprechen oder das charmante Schwyzerdütsch nicht richtig verstehen?

Mir scheint, wir sollten den Begriff der «Integration» nicht zu eng auslegen. Falls ein Ausländer unsere Sprache spricht und rege am Brauchleben teilnimmt, sollten wir eher sagen, er sei assimiliert. Die meisten jugendlichen Ausländer der zweiten und dritten Generation sind es. Sie spielen in Vereinen mit, johlen wie ihre Schweizer Kollegen, wenn der FC Luzern oder der EV Zug gewinnt. Ausländer verlieben sich in Schweizermädchen, genauso wie sich ein Schweizer in eine Ausländerin verliebt. Das war schon nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall, als vermehrt Österreicherinnen und Italienerinnen in unseren Fabriken arbeiteten.

Wir dürfen uns nicht vom politischen Gesäusel irritieren lassen, dass nur integriert sei, der Mundart spricht. Wie sollte die Schweiz in der globalisierten Welt bestehen können, ohne die zahlreichen Ausländerinnen und Ausländer? Wir sind nun einmal ein multikulturelles Land geworden. Unsere zentrale Aufgabe besteht darin, eine neue Vielheit in der Einheit zu schaffen. Warum polemisieren diejenigen, die es anders sehen als ich, nicht gegen die reichen Amerikaner und Russen, die in Parallelgesellschaften leben? Warum fühlt sich der «Ägeritaler» bemüssigt, einen Beitrag English text on page 5 zu bringen, wo auf dem Titelbild die Morgartenschützen im Stroh liegen? Und warum tut er dies nicht auch auf Türkisch? Da stimmt doch einfach etwas nicht. Offensichtlich erliegen die vielen englischsprechenden Menschen dem Charme des Schwyzerdütsch auch nicht und sie sind dankbar, wenn ihnen das «Ägeri Valley» mit seinem Brauchtum in ihrer Muttersprache näher gebracht wird. Und dass ein Gunter Sachs seine Brüder als Deutsche Michels anredet, besitzt nicht viel vom Charme der Bourgeoisie, wie Arrogante eben selten besonders charmant sind.