2012
Noch romantische Gefühle?
17. Mai 2012 Kolumnen
An einem wolkenlosen Tag im März plauderte ich mit einer Schriftstellerin am See. Wir schauten auf die schneeverhangenen Berge, sprachen über Literatur und Menschen und tranken einen guten Weisswein. Der Autor sei in seinen Gedanken weniger verlässlich als im Schreiben, behauptete ich. «Ja», meinte sie, «beim Schreiben tritt etwas hervor, von dem man von vorneherein nichts weiss.» Immer wieder mussten wir die Stimme heben, pausenlos dröhnte der Verkehr am Quai entlang. Stoppen! Nachrücken! «Ach ja», sagte sie plötzlich, «ich bin keine Romantikerin mehr. Das ist vorbei. Ich nehme das Leben, wie es ist, und was nicht zu ändern ist, lasse ich. Was sein muss kann sein, was aber sein kann, muss nicht immer sein.»
Auf einmal bog ein roter Ferrari donnernd ein und parkierte vor dem Hotel. «Wir leben in einer selbstverliebten Zeit. In ihr gibt es keinen Platz mehr für Romantik», sagte meine Kollegin nachdenklich. Sie klang resigniert, was mich leicht überraschte. «Sind nicht eher die Hetze und die Gier nach Vergnügen schuld, die jedes romantische Gefühl wegputzen», antwortete ich. «Woran mag wohl ein Ferrari-Fahrer denken?», unterbrach sie mich. Verlegen suchte ich nach einer Antwort: «Bestimmt liebt er sein Auto. Vielleicht ist dies eine moderne Form von Romantik. Einen Ferrari zu fahren, ist doch eine emotionale Angelegenheit.» «Was für eine männliche Antwort!», lachte sie und steckte mich damit an. Wir beobachteten, wie der Fahrer leicht an den Wagen lehnte und eine Zigarette rauchte.
Sie hatte meinen ironischen Unterton sehr wohl verstanden und wechselte das Thema. «Frühling lässt sein blaues Band / wieder flattern durch die Lüfte …» wie ein singender Vogel flog auf einmal ein wenig Romantik hinzu. Der blaue Himmel verlief vom Pilatus zur Rigi, kein Kondensstreifen trübte ihn, nur gerade das Horn eines Dampfers, der gerade anlegte, zerriss die Stimmung für einen Augenblick. Ich nahm den Vers auf: «Süsse, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land.» Was habe doch das Gedicht für eine eigene Kraft, wir sollten aber unten an der Reuss weiterrezitieren, empfahl sie. Mit dem Blick auf die Wasservögel und auf den Fluss lasse sich die Stimmung besser bewahren.
Wir freuten uns darüber, dass wir das Gedicht auswendig aufsagen konnten, den einen Vers jeweils dem anderen weiterreichend: «Veilchen träumen schon / Wollen balde kommen.» Das sei von Mörike, unterbrach sie mich und fuhr gleich fort: «Horch, von fern ein leiser Harfenton! / Frühling, ja du bist’s! / Dich hab ich vernommen!»
Auf der Brücke beschleunigte ein Fahrer seinen Wagen und schloss lärmend eine Lücke in der Kolonne. Mir entfuhr; «Idiot!», vergass die Verwünschung aber schnell, denn unten an der Reuss herrschte eine Art Ferienstimmung. Wir sprachen am Wasser über die Schriftstellerei und machten uns ein paar Gedanken darüber, wie denn heute romantisches Glück in einem Text überhaupt beschwört und dargestellt werden könne, ohne dass es sofort kitschig und voller Metaphern wirke.
Nach dem anregenden Treffen fuhr ich nach Hause. Gegen Abend wanderte ich im Licht der untergehenden Sonne über den Panoramaweg am Hang über dem Tal. Ich schaute auf das immer noch wachsende Dorf, den See, die Berge. Buschwindröschen und Veilchen schmückten den schmalen Trampelpfad, sie lachten mich an, und schattenhalb blühte der Huflattich. Kleine Wunderwerke der Natur! Diesen Weg gehe ich oft, für mich ist er der Philosophenweg. Ich liess meine Gedanken über die Dächer des Dorfes schweifen. Manchmal lese ich auf einem Bänkchen in einem Buch. Diesmal blieb ich an einem Satz von Franz Tumler hängen: «Wir halten in uns Dinge für wichtig, die es nicht sind; und halten das Wichtige, das die andern sofort sehen und als unsere eigentliche Kraft oder Schwäche erkennen, oft nicht für der Rede wert.» Sollte jemand finden, mein Hang zu romantischer Dichtung seine Schwäche, dann würde ich es tatsächlich für nicht der Rede wert halten.
Der nächste Tag strahlte wieder wolkenlos. Kinder sprangen lachend und singend über den Panoramaweg. Werden sie in eine Welt hineinwachsen, die ihnen noch Raum für romantische Gefühle bietet? Ich beobachtete, wie sie bei einem frischen Erdloch stehen blieben, sich bückten, neugierig schauten und sich fragten, von welchem Tier es wohl stammen könnte. Als ich näher kam, schauten sie mich fragend an. Ich wusste nicht Bescheid. Ein Wiesel oder ein Marder? Ein grösseres Tier konnte es auf alle Fälle nicht sein.
Ich ging freudig meines Wegs und war glücklich, dass ich diese neugierig verspielten Kinder getroffen hatte. Jedes hatte ein Sträusschen Wiesenblumen in der Hand gehalten. Die Welt hatte für sie an diesem Tag einen eigenen Klang. Wie lange, dachte ich, widersteht ihr Gemüt der Sogwirkung der modernen Welt? Wird das Kind im Manne, in der Frau erhalten bleiben? Wird es ihnen vielleicht Spass machen, ein Gedicht auswendig zu lernen? Zwar wusste ich, «Poesie kommt immer zu spät oder zu früh, eine kräftige lebendige Gegenwart macht ihr den Platz streitig. Und das ist gut so», meinte Eichendorff, man soll zuerst die Poesie im Leben entdecken, ehe man sie in die Wörterwelt einsperrt**, aber mir spendet sie halt schon heilende Kraft, auch wenn ich sie nur in einem Buch finde.
* Franz Tumler. Wie entsteht Prosa. Haymon tb.
** Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre. Hanser
Auf einmal bog ein roter Ferrari donnernd ein und parkierte vor dem Hotel. «Wir leben in einer selbstverliebten Zeit. In ihr gibt es keinen Platz mehr für Romantik», sagte meine Kollegin nachdenklich. Sie klang resigniert, was mich leicht überraschte. «Sind nicht eher die Hetze und die Gier nach Vergnügen schuld, die jedes romantische Gefühl wegputzen», antwortete ich. «Woran mag wohl ein Ferrari-Fahrer denken?», unterbrach sie mich. Verlegen suchte ich nach einer Antwort: «Bestimmt liebt er sein Auto. Vielleicht ist dies eine moderne Form von Romantik. Einen Ferrari zu fahren, ist doch eine emotionale Angelegenheit.» «Was für eine männliche Antwort!», lachte sie und steckte mich damit an. Wir beobachteten, wie der Fahrer leicht an den Wagen lehnte und eine Zigarette rauchte.
Sie hatte meinen ironischen Unterton sehr wohl verstanden und wechselte das Thema. «Frühling lässt sein blaues Band / wieder flattern durch die Lüfte …» wie ein singender Vogel flog auf einmal ein wenig Romantik hinzu. Der blaue Himmel verlief vom Pilatus zur Rigi, kein Kondensstreifen trübte ihn, nur gerade das Horn eines Dampfers, der gerade anlegte, zerriss die Stimmung für einen Augenblick. Ich nahm den Vers auf: «Süsse, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land.» Was habe doch das Gedicht für eine eigene Kraft, wir sollten aber unten an der Reuss weiterrezitieren, empfahl sie. Mit dem Blick auf die Wasservögel und auf den Fluss lasse sich die Stimmung besser bewahren.
Wir freuten uns darüber, dass wir das Gedicht auswendig aufsagen konnten, den einen Vers jeweils dem anderen weiterreichend: «Veilchen träumen schon / Wollen balde kommen.» Das sei von Mörike, unterbrach sie mich und fuhr gleich fort: «Horch, von fern ein leiser Harfenton! / Frühling, ja du bist’s! / Dich hab ich vernommen!»
Auf der Brücke beschleunigte ein Fahrer seinen Wagen und schloss lärmend eine Lücke in der Kolonne. Mir entfuhr; «Idiot!», vergass die Verwünschung aber schnell, denn unten an der Reuss herrschte eine Art Ferienstimmung. Wir sprachen am Wasser über die Schriftstellerei und machten uns ein paar Gedanken darüber, wie denn heute romantisches Glück in einem Text überhaupt beschwört und dargestellt werden könne, ohne dass es sofort kitschig und voller Metaphern wirke.
Nach dem anregenden Treffen fuhr ich nach Hause. Gegen Abend wanderte ich im Licht der untergehenden Sonne über den Panoramaweg am Hang über dem Tal. Ich schaute auf das immer noch wachsende Dorf, den See, die Berge. Buschwindröschen und Veilchen schmückten den schmalen Trampelpfad, sie lachten mich an, und schattenhalb blühte der Huflattich. Kleine Wunderwerke der Natur! Diesen Weg gehe ich oft, für mich ist er der Philosophenweg. Ich liess meine Gedanken über die Dächer des Dorfes schweifen. Manchmal lese ich auf einem Bänkchen in einem Buch. Diesmal blieb ich an einem Satz von Franz Tumler hängen: «Wir halten in uns Dinge für wichtig, die es nicht sind; und halten das Wichtige, das die andern sofort sehen und als unsere eigentliche Kraft oder Schwäche erkennen, oft nicht für der Rede wert.» Sollte jemand finden, mein Hang zu romantischer Dichtung seine Schwäche, dann würde ich es tatsächlich für nicht der Rede wert halten.
Der nächste Tag strahlte wieder wolkenlos. Kinder sprangen lachend und singend über den Panoramaweg. Werden sie in eine Welt hineinwachsen, die ihnen noch Raum für romantische Gefühle bietet? Ich beobachtete, wie sie bei einem frischen Erdloch stehen blieben, sich bückten, neugierig schauten und sich fragten, von welchem Tier es wohl stammen könnte. Als ich näher kam, schauten sie mich fragend an. Ich wusste nicht Bescheid. Ein Wiesel oder ein Marder? Ein grösseres Tier konnte es auf alle Fälle nicht sein.
Ich ging freudig meines Wegs und war glücklich, dass ich diese neugierig verspielten Kinder getroffen hatte. Jedes hatte ein Sträusschen Wiesenblumen in der Hand gehalten. Die Welt hatte für sie an diesem Tag einen eigenen Klang. Wie lange, dachte ich, widersteht ihr Gemüt der Sogwirkung der modernen Welt? Wird das Kind im Manne, in der Frau erhalten bleiben? Wird es ihnen vielleicht Spass machen, ein Gedicht auswendig zu lernen? Zwar wusste ich, «Poesie kommt immer zu spät oder zu früh, eine kräftige lebendige Gegenwart macht ihr den Platz streitig. Und das ist gut so», meinte Eichendorff, man soll zuerst die Poesie im Leben entdecken, ehe man sie in die Wörterwelt einsperrt**, aber mir spendet sie halt schon heilende Kraft, auch wenn ich sie nur in einem Buch finde.
* Franz Tumler. Wie entsteht Prosa. Haymon tb.
** Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre. Hanser
Politische Phantomschmerzen
01. April 2012 Kolumnen
Auch der modernen Forschung gibt das Phänomen Phantomschmerzen noch immer Rätsel auf. Da gibt es zum Beispiel den Unterschenkelamputierten, der täglich Schmerzen im Glied verspürt, das gar nicht mehr vorhanden ist. Was soll dieser mysteriöse Schmerz ausgerechnet mit der Politik zu tun haben? Beschäftigt sie sich etwa auch mit Problemen, bei denen der reale Hintergrund schon abhanden gekommen ist, wenn eine Motion oder eine parlamentarische Initiative eingereicht wird. Darum möchte ich diese Frage anhand der Flut von Vorstössen im eidgenössischen Parlament zu beantworten versuchen, mit denen die Verwaltung auf Trab gehalten wird. Sie verursachen hohe Kosten, und dennoch werden sie jeweils nach zwei Jahren zu 80 Prozent summarisch abgeschrieben und lösen sich in Luft auf.
Es könnte sehr wohl sein, dass gewisse Vorstösse, die sich erst noch oft ähnlich sind, unter dem Einfluss von Phantomschmerzen eingereicht werden. Natürlich lassen sich diese nicht mit Elektrostimulation, Physiotherapie, Akupunktur oder Biofeedback behandeln, Methoden, die übrigens bei realen Schmerzen sehr wenig nützen. Während der letzten eidgenössischen Legislaturperiode wurden 7792 Vorstösse eingereicht, während es zwischen 2003-2007 «erst» 4346 waren. So ist etwa aktenkundig, dass der Nationalrat am 30. September 2010 14 Vorstösse zum Thema Wolf behandelt hat. Das war wohl ein Dutzend zu viel. Immerhin mag schmerzlindernd sein, wenn der eine oder andere Vorstoss beim Einreichen in der Presse wenigstens erwähnt worden ist.
Haben am Ende die FDP-Liberalen ihre leidige Initiative «Bürokratie-Stopp» wegen chronischen Phantomschmerzen lanciert? Die Partei hat grosse Mühe, die nötigen Unterschriften zusammenzubringen. Selbst eingefleischte Freisinnige unterschreiben nicht. Da nützt es auch nichts, wenn Nationalrat Otto Ineichen seine Ratskollegen stärker verpflichten will, damit jeder auch wirklich ein bestimmte Anzahl Unterschriften aus seinem Umkreis besorgt. Der wirblige Mann sollte wohl besser die Frage stellen, wie viele Vorstösse unser politisches System denn noch verträgt. Zudem bringt jedes Auftauchen eines Bärs, jede Krise, jeder neue Skandal so manchen Bundespolitiker dazu, rasch eine Eingabe einzureichen. Dabei wird gleichzeitig nach griffigen Gesetzen gerufen, und gibt der Bundesrat nach, gerät der Staat jedes Mal tiefer in den Paragraphenwald. Auch beim Fall Hildebrand wird die Gesetzesmaschine unnötigerweise wieder angeworfen.
Als die Initianten der «Anti-Minarett-Initiative» mit dem Sammeln der nötigen Unterschriften begannen, beschlich mich ein komisches Gefühl. Das Kribbeln in den Gliedern der Initianten habe ich förmlich gespürt. Doch damals wusste ich erst wenig über den medizinischen Fachbegriff. Ich erinnere mich, wie ich sagte, in der Schweiz würden Tausende Kirchtürme stehen, an Wegrändern Kreuze und Kapellen, da ertrage es gewiss das eine oder andere Minarett. Schliesslich gelte Abraham nicht nur als Stammvater der Juden und Christen, sondern auch der Mohammedaner. Anfang März ist eine CVP-Nationalrätin, geplagt von frischen Phantomschmerzen, mit ihrer parlamentarischen Initiative in der grossen Kammer durchgekommen, die verlangt, dass unsere Verfassung für christliche Symbole eine Sonderstellung vorsieht. Für was die Verfassung doch nicht alles herhalten soll!
Als der Ständerat am 8. März zwei sich widersprechende Motionen zur gleichen Materie gegen den Widerstand des Bundesrates überwies, war ich mehr als nur erstaunt: da soll der Bundesrat also die laufenden Gespräche über ein Agrar-Freihandelsabkommen abbrechen und andererseits in einem Bericht aufzeigen, wie eine schrittweise und kontrollierte Einführung des Lebensmittelfreihandels mit der EU möglich gemacht werden könnte. Als Ständerat Felix Gutzwiller nach der Abstimmung in den Vorraum des Ratsaales stürmte und auf Nationalrat Christophe Darbellay traf, soll er laut NZZ aufgeregt ausgerufen haben, das sei doch schizophren. Der Walliser, selber kein Verfechter des Agrarfreihandels, aber Mitverursacher der einen Motion, habe gelacht und geantwortet: «Das nennt man Politik!» Dennoch war die Überweisung in heikler Angelegenheit eine schlaue Lösung, denn bei künftigen kontroversen Diskussionen zum Agrarfreihandel kann sich nun jedes Ratsmitglied je nachdem auf die eine oder auf die andere Motion berufen.
Das beste Heilmittel dagegen verschrieb sich der 2003 verstorbene ehemalige CVP-Nationalrat und wortgewaltige Zuger Baudirektor Alois Hürlimann gleich selber. Mir hat er einmal gestanden, er habe während seinen Jahren in Bundesbern (1963-1979) höchstens drei vier Vorstösse eingereicht, jeder weitere wäre nutzlos gewesen. Vielleicht war dies eines seiner Rezepte, um entspannt zu bleiben und witzige Ansprachen zu halten. Aber dies allein war nicht der Grund, dass er viermal glorreich in den Nationalrat gewählt wurde. Er war ein Tatmensch und ein guter Verkehrspolitiker. Einmal führte er den Kantonsrat auf dem jährlichen Ausflug zu einer fast fertig gestellten Brücke und rief stolz: «Dafür habt ihr heute Morgen den Baukredit bewilligt!» Hürlimanns Auftritt löste an Ort und Stelle ein grosses Gelächter aus, aber da einige Gesetzespuristen dabei doch Phantomschmerzen verspürten, setzte es im Ratsaal ein Nachspiel ab. Er musste Red und Antwort stehen, was er wohl verschmerzt haben wird. Das Lachen jedenfalls verlor er zeitlebens nicht.
Es könnte sehr wohl sein, dass gewisse Vorstösse, die sich erst noch oft ähnlich sind, unter dem Einfluss von Phantomschmerzen eingereicht werden. Natürlich lassen sich diese nicht mit Elektrostimulation, Physiotherapie, Akupunktur oder Biofeedback behandeln, Methoden, die übrigens bei realen Schmerzen sehr wenig nützen. Während der letzten eidgenössischen Legislaturperiode wurden 7792 Vorstösse eingereicht, während es zwischen 2003-2007 «erst» 4346 waren. So ist etwa aktenkundig, dass der Nationalrat am 30. September 2010 14 Vorstösse zum Thema Wolf behandelt hat. Das war wohl ein Dutzend zu viel. Immerhin mag schmerzlindernd sein, wenn der eine oder andere Vorstoss beim Einreichen in der Presse wenigstens erwähnt worden ist.
Haben am Ende die FDP-Liberalen ihre leidige Initiative «Bürokratie-Stopp» wegen chronischen Phantomschmerzen lanciert? Die Partei hat grosse Mühe, die nötigen Unterschriften zusammenzubringen. Selbst eingefleischte Freisinnige unterschreiben nicht. Da nützt es auch nichts, wenn Nationalrat Otto Ineichen seine Ratskollegen stärker verpflichten will, damit jeder auch wirklich ein bestimmte Anzahl Unterschriften aus seinem Umkreis besorgt. Der wirblige Mann sollte wohl besser die Frage stellen, wie viele Vorstösse unser politisches System denn noch verträgt. Zudem bringt jedes Auftauchen eines Bärs, jede Krise, jeder neue Skandal so manchen Bundespolitiker dazu, rasch eine Eingabe einzureichen. Dabei wird gleichzeitig nach griffigen Gesetzen gerufen, und gibt der Bundesrat nach, gerät der Staat jedes Mal tiefer in den Paragraphenwald. Auch beim Fall Hildebrand wird die Gesetzesmaschine unnötigerweise wieder angeworfen.
Als die Initianten der «Anti-Minarett-Initiative» mit dem Sammeln der nötigen Unterschriften begannen, beschlich mich ein komisches Gefühl. Das Kribbeln in den Gliedern der Initianten habe ich förmlich gespürt. Doch damals wusste ich erst wenig über den medizinischen Fachbegriff. Ich erinnere mich, wie ich sagte, in der Schweiz würden Tausende Kirchtürme stehen, an Wegrändern Kreuze und Kapellen, da ertrage es gewiss das eine oder andere Minarett. Schliesslich gelte Abraham nicht nur als Stammvater der Juden und Christen, sondern auch der Mohammedaner. Anfang März ist eine CVP-Nationalrätin, geplagt von frischen Phantomschmerzen, mit ihrer parlamentarischen Initiative in der grossen Kammer durchgekommen, die verlangt, dass unsere Verfassung für christliche Symbole eine Sonderstellung vorsieht. Für was die Verfassung doch nicht alles herhalten soll!
Als der Ständerat am 8. März zwei sich widersprechende Motionen zur gleichen Materie gegen den Widerstand des Bundesrates überwies, war ich mehr als nur erstaunt: da soll der Bundesrat also die laufenden Gespräche über ein Agrar-Freihandelsabkommen abbrechen und andererseits in einem Bericht aufzeigen, wie eine schrittweise und kontrollierte Einführung des Lebensmittelfreihandels mit der EU möglich gemacht werden könnte. Als Ständerat Felix Gutzwiller nach der Abstimmung in den Vorraum des Ratsaales stürmte und auf Nationalrat Christophe Darbellay traf, soll er laut NZZ aufgeregt ausgerufen haben, das sei doch schizophren. Der Walliser, selber kein Verfechter des Agrarfreihandels, aber Mitverursacher der einen Motion, habe gelacht und geantwortet: «Das nennt man Politik!» Dennoch war die Überweisung in heikler Angelegenheit eine schlaue Lösung, denn bei künftigen kontroversen Diskussionen zum Agrarfreihandel kann sich nun jedes Ratsmitglied je nachdem auf die eine oder auf die andere Motion berufen.
Das beste Heilmittel dagegen verschrieb sich der 2003 verstorbene ehemalige CVP-Nationalrat und wortgewaltige Zuger Baudirektor Alois Hürlimann gleich selber. Mir hat er einmal gestanden, er habe während seinen Jahren in Bundesbern (1963-1979) höchstens drei vier Vorstösse eingereicht, jeder weitere wäre nutzlos gewesen. Vielleicht war dies eines seiner Rezepte, um entspannt zu bleiben und witzige Ansprachen zu halten. Aber dies allein war nicht der Grund, dass er viermal glorreich in den Nationalrat gewählt wurde. Er war ein Tatmensch und ein guter Verkehrspolitiker. Einmal führte er den Kantonsrat auf dem jährlichen Ausflug zu einer fast fertig gestellten Brücke und rief stolz: «Dafür habt ihr heute Morgen den Baukredit bewilligt!» Hürlimanns Auftritt löste an Ort und Stelle ein grosses Gelächter aus, aber da einige Gesetzespuristen dabei doch Phantomschmerzen verspürten, setzte es im Ratsaal ein Nachspiel ab. Er musste Red und Antwort stehen, was er wohl verschmerzt haben wird. Das Lachen jedenfalls verlor er zeitlebens nicht.
Götter im Exil
08. Februar 2012 Kolumnen
Seit der Zeit, als die griechischen Götter aus dem Olymp vertrieben wurden, leben sie im Exil. Heinrich Heine hat ihnen mit «Die Götter im Exil» eine spöttische Erzählung gewidmet, in der er berichtet, wie er sie an den Orten ihrer Verbannung gefunden habe. Jupiter zum Beispiel traf er im hohen Norden an, in einer jämmerlichen Hütte, sozusagen eingesargt in Eis und Schnee, neben ihm stand ein halbgerupfter Adler. Einst war er der Mächtigste im griechischen Götterhimmel, auch wenn er nicht etwa vorbildlich war. Vielmehr fiel er als Intrigant und Weiberheld auf. Hermes, der Gott der Diebe und der Kaufleute, tarnt sich mit einer Maske, und irrt als Heimatloser auf der Erde herum. Noch immer betätigt er sich als gerissener Briefträger der Götter. Und Pluto, der als Beschützer der Beschützer der Bodenschätze und des Reichtums galt, hält sich nun in der Unterwelt versteckt und sitzt «warm bei seiner Proserpina». Trotz des christlichen Anathemas, des Bannfluchs, habe sich seine Position in der Welt nicht verändert, meint der Dichter.
Heines Lachen über die exilierten Götter ist ansteckend. Blickt man in die Welt, so hat man den Eindruck, die Sagenfiguren seien noch immer aktiv. Die modernen Götter allerdings sind nur noch Halbgötter, und viele von ihnen leben heute im Exil; sei es, weil sie unfreiwillig geschickt worden sind, oder weil sie sich eines Tages einfach davongeschlichen haben. Dem Kolumnisten wurde von einem Bekannten, der gerne wandert, kolportiert, er habe O, den einst mächtigen Herrscher an der Spitze einer Bank, hoch oben am Hornberg im Saanenland, in einer alten, wettergegerbten Hütte hocken gesehen. Zuerst sei ihm aber der dünne Rauch aufgefallen, der aus dem Kamin stieg, und den der Wind auf das Dach drückte. Dann habe er doch gewagt, einen Blick durch das Fenster zu werfen und realisiert, dass O nicht allein war, sondern mit E zusammen, der gestikulierte und wahrscheinlich bei O einen Rat geholt habe. Vielleicht habe er von O wissen wollen, wie er sein Kapital zu einem Zinssatz von 18 Prozent anlegen könne. Zwar sei E selber so schlau wie einst Pluto gewesen war, und doch würde O bestimmt einige gute Tipps vorrätig haben. Eigenartig habe es den Spion am Fenster gedünkt, dass E in einer derart armseligen Hütte noch immer eine Fliege getragen habe, als wolle er auch einen Safe in der Unterwelt anständig gekleidet aufsuchen.
V, einst ein mächtiger Regierungsmann, kehrte nach seinem Rücktritt wieder aus dem Exil zurück und übernahm die Spitze jener Bank, die einst O geleitet hatte. Hier geriet er mit einem anderen Halbgott in Streit und realisierte bald einmal, dass er nicht viel zu sagen hatte. Jedenfalls gelang es ihm nicht, sich gegen die plutonischen Kräfte durchzusetzen und die masslose Gier einzudämmen. So musste er kapitulieren, verlor sein Gesicht und überlegte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, im stillen Exil zu verbleiben. Pluto ist ein mächtiger Verführer, und da er, wie Heine berichtet, im Schattenreich noch immer die Fäden zieht, war es eben nicht leicht, ihm zu widerstehen. Als letzte Konsequenz blieb V nur der Rücktritt. Regieren war für ihn bedeutend einfacher gewesen, als die plutonischen Mächte zu bändigen.
Heine hat recht, wenn er behauptet, Hermes – zwar im Exil – sei immer noch am Werk. Auch im Schattenreich der Finanzen zehrt er von seinem Vorleben und seinen Talenten. Hermes ist ja auch als Briefträger der Götter bekannt. Somit lässt sich von ihm sagen: ein Zuträger ist immer auch ein Wegträger. Gerade im jüngsten Fall des nunmehr exilierten H trifft dies zu. Da kann man eine ganze Kette von Zuträgern und Wegträgern namhaft machen. Einer ist zum Beispiel darunter, der hat sich sogar erfrecht zu lügen und vor aller Augen behauptet, er habe der Regierungsfrau keine Dokumente vorgelegt. Das erwies sich dann als ein typisch hermetisches Versteckspiel. Von Journalisten zur Rede gestellt, griff er in die Trickkiste und korrigierte, davonschleichend, es seien eben keine Originalpapiere gewesen.
Dieser B wollte, einmal im Besitz der Daten von H, den Sturz des von den Meisten in unserem Land anerkannten Präsidenten. Vom Sturz der Titanen erzählen zahlreiche griechische Sagen, und selbst die Olympier liessen sich von Skandalen nicht einschüchtern. B wusste natürlich, wie er hätte vorgehen können, damit die Verletzung des Bankgeheimnisses nicht ruchbar geworden wäre. Er nahm aber um des Sieges willen in Kauf, dass sogar in deutschen Medien hämische Kommentare über die selbstwillige Verletzung des Bankgeheimnisses geschrieben wurden. Hätte er das gestohlene Wissen den Oberwächtern der SNB nämlich weitergeben, wäre H scharf zurecht gewiesen worden, die Institution aber hätte keine Kratzer abbekommen.
Da Halbgötter oft sehr eifersüchtig sind und es nicht mit ansehen können, wenn ihnen andere machtvoll in die Quere kommen, entspann sich ein kleinschweizerischer olympischer Machtkampf. B stürzte H. Und dieser gelungene Sturz löste bei B ein fast homerisches Lachen aus, bis sich A alias Dölf öffentlich ermannte, ihm nahezulegen, ins Exil zu gehen. Was in diesem Fall nicht viel bedeuten würde, denn wir wissen jetzt, dass auch Götter und Halbgötter im Exil weiterhin tätig sind. Danke, Heinrich Heine!
Andreas Iten
*Heinrich Heine: Die Götter im Exil. In: Heinrich Heine. Sämtliche Werke, Band II. Winkler Dünndruck-Ausgabe.
Heines Lachen über die exilierten Götter ist ansteckend. Blickt man in die Welt, so hat man den Eindruck, die Sagenfiguren seien noch immer aktiv. Die modernen Götter allerdings sind nur noch Halbgötter, und viele von ihnen leben heute im Exil; sei es, weil sie unfreiwillig geschickt worden sind, oder weil sie sich eines Tages einfach davongeschlichen haben. Dem Kolumnisten wurde von einem Bekannten, der gerne wandert, kolportiert, er habe O, den einst mächtigen Herrscher an der Spitze einer Bank, hoch oben am Hornberg im Saanenland, in einer alten, wettergegerbten Hütte hocken gesehen. Zuerst sei ihm aber der dünne Rauch aufgefallen, der aus dem Kamin stieg, und den der Wind auf das Dach drückte. Dann habe er doch gewagt, einen Blick durch das Fenster zu werfen und realisiert, dass O nicht allein war, sondern mit E zusammen, der gestikulierte und wahrscheinlich bei O einen Rat geholt habe. Vielleicht habe er von O wissen wollen, wie er sein Kapital zu einem Zinssatz von 18 Prozent anlegen könne. Zwar sei E selber so schlau wie einst Pluto gewesen war, und doch würde O bestimmt einige gute Tipps vorrätig haben. Eigenartig habe es den Spion am Fenster gedünkt, dass E in einer derart armseligen Hütte noch immer eine Fliege getragen habe, als wolle er auch einen Safe in der Unterwelt anständig gekleidet aufsuchen.
V, einst ein mächtiger Regierungsmann, kehrte nach seinem Rücktritt wieder aus dem Exil zurück und übernahm die Spitze jener Bank, die einst O geleitet hatte. Hier geriet er mit einem anderen Halbgott in Streit und realisierte bald einmal, dass er nicht viel zu sagen hatte. Jedenfalls gelang es ihm nicht, sich gegen die plutonischen Kräfte durchzusetzen und die masslose Gier einzudämmen. So musste er kapitulieren, verlor sein Gesicht und überlegte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, im stillen Exil zu verbleiben. Pluto ist ein mächtiger Verführer, und da er, wie Heine berichtet, im Schattenreich noch immer die Fäden zieht, war es eben nicht leicht, ihm zu widerstehen. Als letzte Konsequenz blieb V nur der Rücktritt. Regieren war für ihn bedeutend einfacher gewesen, als die plutonischen Mächte zu bändigen.
Heine hat recht, wenn er behauptet, Hermes – zwar im Exil – sei immer noch am Werk. Auch im Schattenreich der Finanzen zehrt er von seinem Vorleben und seinen Talenten. Hermes ist ja auch als Briefträger der Götter bekannt. Somit lässt sich von ihm sagen: ein Zuträger ist immer auch ein Wegträger. Gerade im jüngsten Fall des nunmehr exilierten H trifft dies zu. Da kann man eine ganze Kette von Zuträgern und Wegträgern namhaft machen. Einer ist zum Beispiel darunter, der hat sich sogar erfrecht zu lügen und vor aller Augen behauptet, er habe der Regierungsfrau keine Dokumente vorgelegt. Das erwies sich dann als ein typisch hermetisches Versteckspiel. Von Journalisten zur Rede gestellt, griff er in die Trickkiste und korrigierte, davonschleichend, es seien eben keine Originalpapiere gewesen.
Dieser B wollte, einmal im Besitz der Daten von H, den Sturz des von den Meisten in unserem Land anerkannten Präsidenten. Vom Sturz der Titanen erzählen zahlreiche griechische Sagen, und selbst die Olympier liessen sich von Skandalen nicht einschüchtern. B wusste natürlich, wie er hätte vorgehen können, damit die Verletzung des Bankgeheimnisses nicht ruchbar geworden wäre. Er nahm aber um des Sieges willen in Kauf, dass sogar in deutschen Medien hämische Kommentare über die selbstwillige Verletzung des Bankgeheimnisses geschrieben wurden. Hätte er das gestohlene Wissen den Oberwächtern der SNB nämlich weitergeben, wäre H scharf zurecht gewiesen worden, die Institution aber hätte keine Kratzer abbekommen.
Da Halbgötter oft sehr eifersüchtig sind und es nicht mit ansehen können, wenn ihnen andere machtvoll in die Quere kommen, entspann sich ein kleinschweizerischer olympischer Machtkampf. B stürzte H. Und dieser gelungene Sturz löste bei B ein fast homerisches Lachen aus, bis sich A alias Dölf öffentlich ermannte, ihm nahezulegen, ins Exil zu gehen. Was in diesem Fall nicht viel bedeuten würde, denn wir wissen jetzt, dass auch Götter und Halbgötter im Exil weiterhin tätig sind. Danke, Heinrich Heine!
Andreas Iten
*Heinrich Heine: Die Götter im Exil. In: Heinrich Heine. Sämtliche Werke, Band II. Winkler Dünndruck-Ausgabe.
Das Ende der Ausschliesslichkeit
13. Januar 2012 Kolumnen
Der Mensch ist in Geschichten verstrickt. Und will man genauer wissen, wer der andere ist, muss man seine Geschichten kennen. Frisch Verliebte fragen einander aus, bis sie den Eindruck haben, sie wüssten nun alles vom Vis-à.vis. Taucht eine neue Geschichte auf, beginnt das Fragespiel von vorne. Eine solche Geschichte kann das Gegenüber plötzlich in einem neuen Licht erscheinen lassen. «Aha, so war das mit deiner letzten Liebe. Davon hast du mir noch nichts erzählt.» «Das war bis heute auch nicht nötig, denn schliesslich ist unsere, die eben ihren Anfang genommen hat, einzigartig», lautet dann die Antwort.
Ein altes Paar, das zusammen ein langes Leben bestanden hat, lebt auf einem Berg von Geschichten. Diese machen ihr Leben reich und lassen wiederholt die Frage zu: «Weißt du noch?» Schon mit der Geburt standen sie auf zwei verschieden grossen Erinnerungshügeln und haben Geschichten von ihren Vorfahren geerbt. Grosseltern, Eltern, Geschwister, nahe und entfernte Verwandte wurden ihre Begleiter durchs Leben. Das Paar wurde hineingeboren in ein Dorf, in eine Religion, in eine spätere Berufswelt, vielleicht waren sich die Familien feind wie in «Romeo und Julia auf dem Dorf» bei Gottfried Keller.
Wir lesen sehr gerne Familiengeschichten oder Romane, die von ungewöhnlichen Zusammentreffen erzählen. Oskar Peer schildert in seinem Roman «Das alte Haus», wie ein junger strebsamer Mann in einem Dorf zum Aussenseiter wird, und wie er schliesslich das Haus seiner Herkunft anzündet. Damit allerdings hat er den Berg seiner Geschichte nicht abgetragen, vielmehr eine hinzugefügt, eine düstere zwar.
Mein Schwiegervater, der während des Ersten Weltkriegs in Berlin festgehalten wurde, sagte immer, man könne seiner eigenen Geschichte nicht entgehen, und selbst wenn einer nach Amerika fliehen würde, würde er sie mitnehmen. Viele Einwanderer und Flüchtlinge kommen von ihren Herkunftsgeschichten nicht los. Obwohl sie unversehens in neue Geschichten geglitten sind, können sie den alten nicht entgehen. Das macht es oft schwierig, sich in einem Land zurechtzufinden und zu assimilieren.
So wie ein einzelner Mensch in Geschichten verstrickt ist, so auch ein Land oder ein Kontinent. Im Geschichtsunterricht erzählte der Lehrer mit strahlenden Augen, wie sich die Eidgenossen gegen fremde Vögte gewehrt, wie sie sich ihrer durch den Burgenbruch entledigt haben. Im «Weissen Buch von Sarnen» wurden diese Geschichten festgehalten. Sie dienten damals der inneren Festigung der alten Orte, denn die Eidgenossen sahen sich von aussen bedroht. Also mussten sie sich eine Identität geben und gründeten sie auf die heldenhaften Vorfahren.
Die Geschichte eines Landes wird immer wieder neue geschrieben. Neue Quellenfunde verändern das Bild, und der Blick auf die Vergangenheit wandelt sich. National gesinnte Menschen aber wollen von ihrem verklärten Bild nicht abrücken. Als der Schlussbericht der Kommission von Jean-François Bergier «Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg»* veröffentlicht wurde, stiess er auf starken Widerspruch. Und später noch liess ein Politiker seine Getreuen wissen, der Bericht «sei schlicht falsch». Aber die umfangreiche Schrift wies nach, dass die Schweiz die Kriegsjahre nicht derart mustergültig und lupenrein bewältigt hatte. Nun sah sich unser Land auf einmal mit einer Vergangenheit konfrontiert, «die so in das vorherrschende Geschichtsbild nicht Eingang fand» (19).
In unsicheren Zeiten wie den unsrigen scheint es besonders geboten zurückzuschauen und zu fragen, woher wir kommen, wer wir sind. Die Schweizer Geschichte liefert Anhaltspunkte für die Identität in einer neuen Zeit. Aber diese kann nicht mit einem «Weissen Buch» befestigt werden. Vielmehr beruht sie auf einem Konsens über die Grundsätze von Freiheit, Fairness und materieller Gerechtigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte Vertrauen in die Behörden. Die Institutionen genossen hohes Ansehen. Die schwierigen Jahre hatten zudem die Menschen gelehrt, dass Glück und Lebensqualität nicht nur an materiellen Werten zu messen sind. Mit dem Streben nach materiellem Gewinn aber drehte ganz allmählich der Wind.
Der Mensch begann sich auf eigene Interessen zu konzentrieren. Je stärker am Arbeitsplatz nur noch Top-Leistung zählte, desto mehr schaute jeder für sich. Leistung versprach Erfolg. Vor allem mit dem Einsetzen der Globalisierung begannen viele Arbeitnehmer zu nomadisieren. Fremde Menschen kamen zu uns ins Land. Eine multikulturelle Gesellschaft etablierte sich und verunsicherte vor allem die leistungsschwächeren Menschen. Jeder, der neu dazukam, hatte wiederum eine eigene Geschichte. Die gefestigte Identität des Landes von früher – wir sind wir – begann zu bröckeln.
Die Reaktionen der Menschen auf die gesellschaftlichen Veränderungen sind unterschiedlich. Die einen werden Patrioten, ja sogar Nationalisten. Andere entdecken in der Differenz der unterschiedlichen Geschichten eine Bereicherung. Sie akzeptieren Unterschiede, die fortan zur Gesellschaft unseres Landes gehören werden, das sich sowieso nicht mehr dem Druck der internationalen Konkurrenz entziehen kann. Das Grundgefüge einer neuen Identität entsteht, falls ein Konsens herrscht, dass wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen können, was nicht nur für die Schweiz, sondern für jedes demokratische Land gilt. Mit dem Beginn der Globalisierung ist gleichzeitig das Ende der Ausschliesslichkeit eingeläutet worden.
* Die Schweiz, der Nationalismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg. Pendo 2002.
Ein altes Paar, das zusammen ein langes Leben bestanden hat, lebt auf einem Berg von Geschichten. Diese machen ihr Leben reich und lassen wiederholt die Frage zu: «Weißt du noch?» Schon mit der Geburt standen sie auf zwei verschieden grossen Erinnerungshügeln und haben Geschichten von ihren Vorfahren geerbt. Grosseltern, Eltern, Geschwister, nahe und entfernte Verwandte wurden ihre Begleiter durchs Leben. Das Paar wurde hineingeboren in ein Dorf, in eine Religion, in eine spätere Berufswelt, vielleicht waren sich die Familien feind wie in «Romeo und Julia auf dem Dorf» bei Gottfried Keller.
Wir lesen sehr gerne Familiengeschichten oder Romane, die von ungewöhnlichen Zusammentreffen erzählen. Oskar Peer schildert in seinem Roman «Das alte Haus», wie ein junger strebsamer Mann in einem Dorf zum Aussenseiter wird, und wie er schliesslich das Haus seiner Herkunft anzündet. Damit allerdings hat er den Berg seiner Geschichte nicht abgetragen, vielmehr eine hinzugefügt, eine düstere zwar.
Mein Schwiegervater, der während des Ersten Weltkriegs in Berlin festgehalten wurde, sagte immer, man könne seiner eigenen Geschichte nicht entgehen, und selbst wenn einer nach Amerika fliehen würde, würde er sie mitnehmen. Viele Einwanderer und Flüchtlinge kommen von ihren Herkunftsgeschichten nicht los. Obwohl sie unversehens in neue Geschichten geglitten sind, können sie den alten nicht entgehen. Das macht es oft schwierig, sich in einem Land zurechtzufinden und zu assimilieren.
So wie ein einzelner Mensch in Geschichten verstrickt ist, so auch ein Land oder ein Kontinent. Im Geschichtsunterricht erzählte der Lehrer mit strahlenden Augen, wie sich die Eidgenossen gegen fremde Vögte gewehrt, wie sie sich ihrer durch den Burgenbruch entledigt haben. Im «Weissen Buch von Sarnen» wurden diese Geschichten festgehalten. Sie dienten damals der inneren Festigung der alten Orte, denn die Eidgenossen sahen sich von aussen bedroht. Also mussten sie sich eine Identität geben und gründeten sie auf die heldenhaften Vorfahren.
Die Geschichte eines Landes wird immer wieder neue geschrieben. Neue Quellenfunde verändern das Bild, und der Blick auf die Vergangenheit wandelt sich. National gesinnte Menschen aber wollen von ihrem verklärten Bild nicht abrücken. Als der Schlussbericht der Kommission von Jean-François Bergier «Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg»* veröffentlicht wurde, stiess er auf starken Widerspruch. Und später noch liess ein Politiker seine Getreuen wissen, der Bericht «sei schlicht falsch». Aber die umfangreiche Schrift wies nach, dass die Schweiz die Kriegsjahre nicht derart mustergültig und lupenrein bewältigt hatte. Nun sah sich unser Land auf einmal mit einer Vergangenheit konfrontiert, «die so in das vorherrschende Geschichtsbild nicht Eingang fand» (19).
In unsicheren Zeiten wie den unsrigen scheint es besonders geboten zurückzuschauen und zu fragen, woher wir kommen, wer wir sind. Die Schweizer Geschichte liefert Anhaltspunkte für die Identität in einer neuen Zeit. Aber diese kann nicht mit einem «Weissen Buch» befestigt werden. Vielmehr beruht sie auf einem Konsens über die Grundsätze von Freiheit, Fairness und materieller Gerechtigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte Vertrauen in die Behörden. Die Institutionen genossen hohes Ansehen. Die schwierigen Jahre hatten zudem die Menschen gelehrt, dass Glück und Lebensqualität nicht nur an materiellen Werten zu messen sind. Mit dem Streben nach materiellem Gewinn aber drehte ganz allmählich der Wind.
Der Mensch begann sich auf eigene Interessen zu konzentrieren. Je stärker am Arbeitsplatz nur noch Top-Leistung zählte, desto mehr schaute jeder für sich. Leistung versprach Erfolg. Vor allem mit dem Einsetzen der Globalisierung begannen viele Arbeitnehmer zu nomadisieren. Fremde Menschen kamen zu uns ins Land. Eine multikulturelle Gesellschaft etablierte sich und verunsicherte vor allem die leistungsschwächeren Menschen. Jeder, der neu dazukam, hatte wiederum eine eigene Geschichte. Die gefestigte Identität des Landes von früher – wir sind wir – begann zu bröckeln.
Die Reaktionen der Menschen auf die gesellschaftlichen Veränderungen sind unterschiedlich. Die einen werden Patrioten, ja sogar Nationalisten. Andere entdecken in der Differenz der unterschiedlichen Geschichten eine Bereicherung. Sie akzeptieren Unterschiede, die fortan zur Gesellschaft unseres Landes gehören werden, das sich sowieso nicht mehr dem Druck der internationalen Konkurrenz entziehen kann. Das Grundgefüge einer neuen Identität entsteht, falls ein Konsens herrscht, dass wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen können, was nicht nur für die Schweiz, sondern für jedes demokratische Land gilt. Mit dem Beginn der Globalisierung ist gleichzeitig das Ende der Ausschliesslichkeit eingeläutet worden.
* Die Schweiz, der Nationalismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg. Pendo 2002.