Wie der Mensch mit der Vergänglichkeit umgeht

Auf dem Weg zur Aussichtsterrasse eines Bergrestaurants begegnete ich einem Bekannten, der mir auf dem Abstieg entgegenkam. Ich blieb stehen, reichte ihm die Hand, und er wiederum fragte mich, wie es mir gehe. Auf diese Frage reagiere ich jeweils mit meiner inzwischen eingeübten Standardantwort: «Soviel ich weiss, gut!» Er erwiderte, das treffe den Nagel auf den Kopf. Er selber sei gerade noch einmal davongekommen. Unverhofft sei er ein halbes Jahr teilweise gelähmt gewesen, habe nach einem früheren Zeckenbiss unter den typischen Symptomen einer Borreliose gelitten. Als ich mein Essen bestellt hatte, blätterte ich im Speisesaal in der Zeitung und stiess auf eine Todesanzeige. Da stand unter anderem: «Trotz ungebrochenem Lebenswillen wurde er unerwartet aus unserer Mitte gerissen.» Später gesellte ich mich zu einem früheren Studienkollegen, der zufällig an einem der hinteren Tische Platz genommen hatte. Wir hatten uns einiges zu erzählen, bis ich von der Begegnung auf dem Wanderweg begann.

«Wozu leben wir eigentlich?», fragte ich beim Anstossen, und gab die Antwort gleich selber: «Zur Bereicherung von Wissen und Können und zur Lebensfreude!» «Und dennoch ist das Leben vom Tod überschattet», antwortete mein Kollege. An die Geschichte meines Bekannten anknüpfend sprachen wir lange über den Tod und was er für den Menschen bedeute. Der Tod lasse keinen Menschen los. Doch nicht jeder könne im Frieden mit sich selbst sterben, sagte er. Da holte ich spontan das Blatt mit den Todesanzeigen aus dem Zeitungshalter und las ihm eine vor. «Mit eindrücklichem Gleichmut hat sie ihre Krankheit ertragen. Mit bewundernswerter Ruhe hat sie ihren nahen Tod angenommen. Im Frieden mit sich.»

Eine solche Gelassenheit ist nicht allen Menschen vergönnt. Die Hinterbliebenen verraten mit der Charakterisierung, dass die Verstorbene geradezu eine stoische Haltung bewahrt hatte. Der Tod aber ist im Grunde ein Nichts, und was nachher kommt, kann niemand wissen. Darum ist das Nachdenken über den Tod „ein dämmerhaftes Denken“, wie der Philosoph Vladimir Jankélévitsch geurteilt hat. Weil der Mensch sterben muss und vor dem Tod Angst hat, braucht er gleichzeitig Krücken. Die Phantasie liefert ihm zum Beispiel eine. Der Glaube ist vielleicht auch eine, die hilfreich sein kann.

Nun wagte ich es, die These aufzustellen, dass das Nichts am Ende des Lebens die Vorbedingung für die Phantasie des Menschen sei, denn würde er nicht sterben, bräuchte er keine Einbildungskraft. Die mittelalterliche Theologie scheine diese Behauptung zu bestätigen, wenn sie sage, der Lohn im Himmel für ein ehrliches Leben auf Erden bestehe darin, Gottes Antlitz von Ewigkeit zu Ewigkeit anschauen zu dürfen. Wäre der Mensch unsterblich, könnte er auf derartige Versprechungen verzichten. Ohne Krankheit und Tod bräuchte er sich auch nicht um technische Errungenschaften zu bemühen. Da der Tod aber ist, versuche der Mensch, mit sich ringend, besser und angenehmer zu leben und eine Antwort auf die Frage zu finden, was der Sinn des Lebens sei. Die Geistesgeschichte zeuge davon, dass die Frage, ob das Leben weitergehe, bestimmend ins Leben eingreife. Deshalb könnten Religionen und esoterische Lehren miteinander wetteifern, um eine überzeugende Antwort anzubieten.

Der Tod allerdings darf nicht mit dem Sterben verwechselt werden. Darüber wie ein Mensch gestorben ist, kann man reden, tot sein aber heisst schlicht: nicht mehr sein. Denkt man an einen Toten, erinnert man sich immer an sein Leben. Im Roman «Das Haus der glücklichen Alten» von Valter Hugo Mâe trauert Antonio Jorge da Silva um seine Gattin Laura, die neben dem Altersheim auf dem Friedhof begraben liegt. Er getraut sich vorerst nicht allein ans Grab zu gehen. Die alten Männer, die sich im Haus zu einer Gruppe zusammenfinden, vertun ihre Tage und so wird ihr Getue zur Variation über das düstere Thema des Todes. Sie suchen Zerstreuung, Ablenkung, wenden sich Äusserlichkeiten zu, entfachen Streit, ja, beginnen sich sogar zu hassen. Sie können und möchten sich nicht mit dem Nichts beschäftigen.

Oft inszeniert der Mensch ein grandioses Welttheater, um vom Tod abzulenken. Weil unfassbar ist, was nach dem Ende des Lebens geschieht, bleibt eine grosse Lücke offen, das der Phantasie und dem Denken viel Spielraum gibt. Der Mensch erfindet Geschichten, Glaubenslehren, Theorien, Bekenntnisse, Mythologien, Komödien und Tragödien. Damit versucht er mit der Tatsache der Vergänglichkeit fertig zu werden. Auch wenn einer sagt, soviel er wisse, gehe es ihm gut, ist er nicht frei, nicht an den Tod zu denken.

Sonnenaufgang auf der Rigi

Die Linie des Horizonts glich einem riesigen Scherenschnitt: Die untere Hälfte stand noch im Dunkeln, war schwarz; über der gezackten, gezähnten und gekerbten Linie war es hingegen bereits hell. Ein oranger Schimmer lag über den Bergen, die dank ihrer Konturen leicht zu erkennen waren: Säntis, Glärnisch, Uri Rotstock, Titlis, die Berner Alpen mit Mönch und Jungfrau. Es würde einen herrischen Sonnenaufgang geben, denn der Himmel war klar, die Halbmondsichel glänzte in fahlem Licht, und nur ein feiner Seidendunst spannte sich vor dem westlichen Bergmassiv auf. Es war still, fast feierlich ruhig. Ich zählte fünf Menschen, die wie ich ganz langsam zum Gipfel gingen. Wenn sie nur nicht laut zu reden beginnen würden! Meine Befürchtungen waren unbegründet, denn auch sie erwarteten staunend die Wiedergeburt des Tages. Mich ergriff eine andächtige Stimmung. Langsam hellte es auf. Bleischwer schienen die Seen im Tal vor sich hinzudämmern. Entlang von Dorfstrassen leuchtete eine Perlenkette aus Lichtern. Der Lärm des einsetzenden Morgenverkehrs versuchte die Berglehne hochzuklettern.

Ein kalter Wind sauste um die Ohren und er raunte mir zu: «Du hast es gut, du darfst den Tag auf dem Berg geniessen.» Es war fast, als würde er den Hauch des Wunderbaren, des Ewigen in meine Richtung treiben. Ein Flugzeug stach himmelwärts. Der Kondensstreifen, den es, weiter steigend, hinter sich nach zog, erschien im Licht der Sonne wie ein Komet, der in umgekehrter Richtung ins Grosse und Weite wies. Das dunkle Blau im Westen begann sich zu verfärben. Es wechselte hinüber zu Grüntönen, die sich über Orange in ein immer saftiger werdendes Rot verwandelten. Dieses löste sich allmählich auf, denn die Sonne stieg höher. Bald würden erste Sonnenstrahlen sich über dem Horizont ausbreiten, und die Sonne selbst würde in ihrem Gold erscheinen. Doch liess sie sich Zeit, und hätte ich gesagt: «So gehe doch endlich auf!», wäre dies ein Zeichen gewesen, dass ich ihrer unwürdig bin. Ich stand in gedankenvoller Stille und Ruhe da und wartete auf das Ereignis.

Es konnte nur noch Minuten dauern, bis im schimmernden Rot der Sonnengott erscheinen würde. Ich drehte mich hin zu den Berner Alpen. Auf ihren Gipfeln würden die ersten Strahlen ein Leuchten auslösen. Und schon fiel das Licht in die höchsten Zacken, wanderte in grossen, und wie mir schien, schnellen Schritten nach unten. Nur die Eigernordwand blieb im Schatten. Der leichte Dunst liess jedoch die mächtigen Riesen nicht allzu scharf hervortreten. Bald erschien Helios, der Sonnengott, schimmerte zuerst durch die Zacken des Horizonts und schon breitete er sich in seinem vollen Glanz rascher aus, als ich es erwartet hatte. Schon bald beherrschte er den Himmel, seine Macht und Herrlichkeit blendete mich so sehr, dass ich seinen Aufstierg nur noch durch die gespreizten Finger verfolgen konnte. Dass die alten Griechen Helios, den Sonnengott, ohne den nichts blüht, als den Herrn der Welt verehrten, wunderte mich nicht.

Er bewies auch sofort, was er alles vermag. Er zähmte den kalten Wind, er veränderte das zweidimensionale Landschaftsbild in ein dreidimensionales. Die Welt um den Berg bekam Farbe und Tiefe. Die Täler öffneten sich. Durch einige von ihnen würden Strassen zu Pässen führen, andere aber ans «End der Welt». Tief unter dem Aussichtspunkt weideten Kühe, von Ferne hörte ich ein Bimmeln. Die bleigrauen Seen waren nun blau, lagen im Abstrahl der Hänge und glitzerten fleckenweise. Ja, ja, der alte Goethe hat schon recht, wenn er sagt: «Am farbigem Abglanz haben wird das Leben.»

Die Stille des Sonnenaufgangs begleitete mich durch den Tag bis zum Abend. Die fünf unbekannten Menschen, die mit mir den Sonnenaufgang feierten, erkannten, dass in der Stille Heilung zu finden ist. Wie hat es mir weh getan als ich bei anderer Gelegenheit mitten in eine schwatzende und lachende Tourstengruppe gerieht, die die Bahn frühmorgens auf den Berg gebracht hatte. Ich musste fliehen. Nur, wenn du mitten drin auf Distanz gehst, kommst du dir näher.

Michel Serres, einer meiner Säulenheiligen, entfloh einmal dem Lärm von Paris und suchte in Epidauros Stille. Da sitzt er in den Ruinen der griechischen Kultstätte, Asklepios, dem Heilgott, gewidmet, und bedenkt sein Leben. Plötzlich nähern sich Touristen: «O Schreck, eine Gruppe. Ich höre sie schon von weitem kommen. Aus grosser Entfernung schickt sie den Schmutz ihres Lärms voraus. Noch bevor ich sie von oben aus dem Tunnel der grünen Zweige treten sehe, dröhnt sie mir an die Ohren, hat die transparente Luft aufgezwirbelt. Zwei, zehn oder vierzig Menschen umgeben sich mit einer Schale aus Sprache und einer weiteren Hülle aus Gemurmel; vorne, seitlich und hinten … Da kommt es. Orchester. Sie reden, kreischen, diskutieren, schreien, lassen ihre Bewunderung hören … Die Götter, die Heilung, der Gleichklang der Organe mit den Dingen, das alles ist verschwunden … » (In: «Die fünf Sinne»). Es war ein Glück, dass ich mich diesmal in völliger Stille dem Ereignis des Sonnenaufgangs hingeben durfte.

Zur Verteidigung der Spatzen

Nachdem meine Kolumne «Keine Macht den Spatzen» in Form einer Fabel in der «Neuen Luzerner Zeitung» erschienen war, erhielt ich einen Brief mit vielen Fragen. Er war so humorvoll abgefasst, dass ich heute auf den Inhalt öffentlich öffentlich eingehen möchte. Der Name des Absenders tut hier nichts zur Sache, aber er hat meine Vorhaben autorisiert. Der eine oder andere Leser werde ihn vielleicht erkennen, aber das mache ihm nichts aus, lachte er, als wir uns getroffen haben. Ich musste ihm auch nicht erklären, dass schon die alten Fabeldichter gegenüber gewissen Tieren Vorurteile hegten. Der Esel wird als dumm, der Fuchs als schlau und der Löwe als stark, die Krähe sogar als eitel hingestellt. Die Verschlagenheit hat dem Fuchs aber einmal nichts genützt, als er mit seinem Freund, dem Esel, unterwegs einem Löwen begegnete. Wenn er ihn verschone, werde er den Esel in eine Grube führen, schmeichelte der Fuchs dem Löwen. Sobald der Esel im Loch gefangen war, knurrte der Löwe: «Ausgezeichnet, der Esel wird mir nicht entrinnen. Du bist zuerst an der Reihe!» Und er zerriss den Fuchs. So kann es Verrätern ergehen!

Zurück zum langen Brief, der eine Lanze für die Spatzen brach. «Im Namen der Spatzen und als Gönner der Vogelwarte Sempach bin ich nach der Lektüre der Kolumne irritiert und verunsichert. Im Winter, wenn es viel Schnee hat, füttern wir die Spatzen. Im Dachteil unseres Hauses befinden sich vier Spatzennester, in denen die Vögel im Sommer zweimal brüten. Was», fragte der Briefschreiber, «soll ich nun tun, wenn die Spatzen so frech sind, wie in der Kolumne erwähnt?» Wenn ihn das seichte Sommerfernsehprogramm nicht störe, werde ihn das Tschilpen wohl auch nicht aus der Ruhe bringen. Die Menschen jedenfalls seien letztlich streitsüchtiger als die Spatzen, beruhigte ich ihn. Denn selbst die frechsten Spatzen würden nicht derart rechthaberisch das Gespräch an sich reissen, wie dies bei vielen Talkshows vorkomme.

Mit einem leidenschaftlichen Bekenntnis zu den Spatzen unter dem Hausdach hat der Brief begonnen. Der Schreiber fährt weiter, es stelle sich ihm aber ein gewichtigeres Problem: «Meine liebe Frau nennt mich seit jeher Spatz oder, wenn es um neue Schuhe geht, sogar Spatzeli. Wie soll ich, nachdem ich Ihre Abqualifizierung der Spatzen gelesen habe, ihr beibringen, mich nicht mehr Spatz oder Spatzeli zu rufen? Haben Sie für einen solch verzwickten Fall ein Rezept oder gar einen besseren Begriff parat, wie sie ihren Altgeliebten künftig nennen soll?»

Nun drehte ich den Spiess um und antwortete, er solle seiner Frau nicht verbieten, ihn Spatz zu rufen. Aber er müsse sie warnen, dass dies Folgen haben könnte. Denn selbst einer, der liebevoll «Spatzeli» genannt werde, könnte unter Umständen Spatzen-Eigenschaften entwickeln. Was dies bedeute, wisse jede Frau, habe sie doch auch schon beobachtet, wie Spatzen ganz gern aus fremden Töpfen picken.

So ging es weiter, und ich geriet in arge Verlegenheit. Der Mann fragte mich nämlich, ob Edith Piaf, der Spatz von Paris, nach meiner Einschätzung nicht eine bessere Bezeichnung verdient hätte wie auch der berühmte militärische Spatz und die feinen Spätzli, die es zum Rehpfeffer gibt? Und die «Rigispatzen» oder die «Ägerer Dorfspatzen»? Die seien doch hervorragende Musikanten, selbst wenn sie sich «Spatzen» nennen. Und weiter meinte er, den sprachbewussten Kolumnisten mit leichtem Unterton fragen zu müssen, ob er etwa für das gängige Sprichwort «Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach?» eine bessere Metapher vorschlagen könne. Ich gab mich geschlagen und streckte die Waffen.

So betrachtet, sei sein Brief eine ornithologische Ehrenrettung einer Vogelart, die viel Nutzen bringe, vor allem deshalb, weil Spatzen unzählige Fliegen und Mücken fressen. Ich gebe zu, dass Spatzen nur frech sind, wenn man sie verwöhnt hat. Denn in der Nähe von Tischen bei Hotels und Restaurants werfen die Gäste ihnen oft Brot zu. Das macht sie satt und frech.

Ich begreife natürlich, dass der Briefschreiber das Wort Spatz stets in Anführungszeichen setzte. Damit wollte er seine geliebten Hausgäste von meinen Spatzen abheben. Selbstironisch meinte er am Schluss, er habe halt ein «Spatzenhirni» und tue mir deshalb vielleicht unrecht. Dennoch hätte er «Spatzen», die ich von der Macht gern fernhalten möchte, lieber als Intriganten, Mitmischler, Hintermänner, Dunkelmänner oder als Drahtzieher bezeichnet. Meine Antwort war einfach: Mit einer Fabel kann man eine komplexe Situation knapp auf eine Pointe zuschreiben, ohne zu moralisieren, was mir übrigens ein anderer Leser bestätigt habe. Die Fabel habe auch den Vorteil, dass sie weder zeit- noch ortsgebunden ist. Nur schon, wenn seine Frau ihn Spatzeli nenne, stecke mehr darin, als wenn sie ihm einen langen Liebesbrief schreiben würde.

Keine Macht den Spatzen

Diesen Sommer sass ich auf dem Domplatz von Brixen unter dem Sommerdach eines Restaurants und schaute dem lebhaften Treiben zu. Die Menschen waren in Ferienstimmung, fotografierten die Fassade des Doms, schwatzten laut oder schlenderten quer über den Platz, wo Musiker gerade daran waren, sich auf ein Konzert vorzubereiten. Unter den Tischen und Bänken ruckten Tauben herum und suchten nach Essbarem. Eine von ihnen erwischte ein Stück Brot und pickte, etwas ungeschickt wie mir schien, Krumen heraus, ohne dass es zerbröckelte. Da stürzte plötzlich ein Spatz hinzu, packte das Bröckchen, entwischte damit auf den nahen Stuhl neben mir und flog von da auf einen Fenstersims. Ein zweiter verfolgte den Dieb und tat sich später auch gütlich an der Beute. Die Taube irrte umher, als wüsste sie nicht, was geschehen war, warf den Kopf bei jedem ihrer Schritte nach vorn, wie es Tauben eben tun, und wunderte sich dabei, dass das Brot weg war.

Diese kleine Episode ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Als wäre es eine Fabel, zog ich daraus die Lehre: Sei aufmerksam und beweglich und hüte dich vor Spatzen, wenn du etwas Kostbares hortest. Mir fiel dies alles wieder ein, als ich in einer italienischen Zeitung las, Papst Franziskus habe dem argentinischen Journalisten Jorge Milia anvertraut, wie schwierig der Anfang seines Pontifikats gewesen sei. Es gebe im Vatikan viele Padroni, altgediente Herren eben, die auf ihren Pfründen sitzen. Seine Agenda sei von den Sekretären bestimmt worden. Er aber habe dies geändert: «Sono io, che decido! Ich bin es, der entscheidet!» Und er schwänzte auch gleich ein feierliches Konzert, bei dem einer der Padroni für ihn einen Thron im Saal hingestellt hatte. Gleichzeitig betonte der Papst, er, Jorge Milia, könne sich nicht vorstellen, wie el viejo, der Alte, der emeritierte Vorgänger, demütig und weise sei. Jorge Milia veröffentlichte das Gespräch auf der Website «Terre d'America», aber bestimmt nicht ohne Zustimmung des Papstes.

Papst Benedikt XVI., in seiner Weisheit, durchschaute die Padroni leider lange nicht. Er hatte kaum eine Ahnung vom Treiben der vatikanischen Spatzen. Er sorgte sich vor allem um die Reinheit des Glaubens. Der neue Papst hingegen wählte die Form des Telefonats, um seine Mitarbeiter indirekt wissen zu lassen, was ihn am Anfang seines Pontifikats gestört hat.

In der italienischen Politik wimmelt es nur so von Spatzen, die tschilpen, was das Zeug hält. Der grosse Vogel hat sie um sich geschart, von dem sie sowieso abhängig sind. Und immer, wenn ihm ein Entscheid, sei es der eines Gerichts oder derjenige der Regierung, nicht passt, hacken die Spatzen drauflos. Ich habe in den diesjährigen Ferien von keinem Italiener ein positives Urteil über die einheimische Politik vernommen. Der Sommer 2013 wird mir diesbezüglich als einer der schlimmsten in Erinnerung bleiben, obwohl ich ihn sehr genossen habe, denn das Wetter war strahlend. Am Meer wehte immer ein erfrischender Wind, der Fisch schmeckte und der Schweizer Pavillon an der Biennale, mit einer Installation des Walliser Künstlers Valentin Carron, hat mir sehr gefallen.

Schlimm war der italienische Sommer vor allem wegen des ewigen Parteiengezänks. Weil die Regierung dauernd durch Drohung eingeschüchtert wird, sie werde gestürzt, wenn sie sich nicht entscheide, wie Berlusconi es wolle, ist das Land im Grunde genommen unregierbar und für Investoren wenig attraktiv geworden. Da sagte zum Beispiel der Innenminister und Vizepräsident, Angelino Alfano von Berlusconis Partei, er habe nicht gewusst, dass die Frau des Regimekritikers Mukhtar Ablyazov dem Diktator Kasachstans ausgeliefert worden sei, obwohl die Zeitungen nachweisen konnten, dass Alfano gelogen hat. Der Regierungspräsident Enrico Letta war gezwungen, ihm eine weisse Weste zu attestieren, denn die Spatzen tschilpten schon, sie würden die Regierung stürzen, falls er nicht dazu bereit sei.

Doch als wäre das nicht genug, bezeichnete der Vizepräsident der Senatskammer, Roberto Calderoli von der Lega, die schwarze Integrationsministerin Cécile Kyenge als Orang-Utan. Worauf gleich einige lokale Grössen nachhakten und dem Senator nach dem Mund redeten. Man brauche sich doch nicht so aufzuregen, schliesslich sei Kyenge nicht vergewaltigt worden. Eine dumme Stimme glaubte, die Ministerin in den Dschungel zurückschicken zu müssen. Immerhin begannen sich ein paar zu empören.So gab zum Beispiels ein Gastwirt Calderoli Lokalverbot. Schliesslich sah sich dieser gezwungen, sich öffentlich zu entschuldigen. Das tat er im Senat und überreichte dabei der Ministerin einen Blumenstrauss. Auf die Frage, was sie mit den Blumen mache, antwortete sie souverän: «Ich lasse sie zur Madonna des Guten Rates tragen.»

Rassistische Äusserungen sind Blumen des Bösen und gedeihen in einem aufgeheizten, fremdenfeindlichen Klima. Wie gut, dass es in Schweiz eine Rassismus-Strafnorm gibt. Und was würde ein Fabeldichter hinter solche Erfahrungen setzen? Achtet darauf, dass die Spatzen nicht an die Macht kommen!

Schreiben in dürftiger Zeit

Josef Stalin soll 1932 vor ausgewählten Moskauer Schriftstellern in einem Trinkspruch gesagt haben: «Unsere Panzer sind wertlos, wenn die Seelen, die sie lenken müssen, aus Ton sind. Deshalb sage ich: Die Produktion von Seelen ist wichtiger als die von Panzern …» Künftig erwarte er von ihnen, dass sie vom arbeitenden Sowjet-Menschen schreiben würden und damit vom Ruhm des kommunistischen Aufbaus. Auf einen kurzen Nenner gebracht: «Schriftsteller sind Ingenieure der menschlichen Seele.» Ingenieure arbeiten nach vorgegebenen Plänen, bauen Brücken und Häuser nach statischen Berechnungen und stehen im Dienst des Bauherrn. Stalins Kulturpolitik erstickte die Literatur und machte sie zur Magd des Sowjet-Staates.

Haben die längst verstorbenen russischen Schriftsteller, von denen wir heute höchstens noch Maxim Gorki kennen, und die sich an Stalins zynische Trinkspruch-Vorgabe halten sollten, etwas Kreatives zustande gebracht? Wohl kaum. Ansätze einer freien, jungen Sowjetliteratur wurden damals erstickt, ihre Autoren vertrieben, totgeschwiegen oder sie fielen den Säuberungen zum Opfer. Anna Achmatowa, Michael Bulgakow und Ossip Mandelstam, die bleibende Werke hinterlassen haben und an jenem Oktoberabend 1932 nicht dabei waren, litten besonders unter Stalins Repression.

Ja, die Kreativität hält sich nicht an vorgegebene Grenzen. Sie überschreitet das Gewöhnliche und das Erwartete, benimmt sich ähnlich wie der Hofnarr, für den die Narrenfreiheit galt, und der somit (meist) ungestraft Kritik an den herrschenden Verhältnissen über konnte, die sein Herrscher gar nicht gerne hörte. Kritik stört, dass wissen alle, die von einem Sachverhalt sagen: So ist es zwar, aber es könnte auch anders sein. Der Schriftsteller ist eben kein Ingenieur der Seele. Das konnte sich nur ein Stalin oder ein Kulturminister der späteren DDR ausdenken.

In einer Demokratie herrsche Freiheit, glaubt man zumindest. Dennoch gilt die Narrenfreiheit nicht mehr allzu viel. Der Mainstream fährt über sie her und walzt sie platt. Heisst das Losungswort gerade Deregulierung, werden andersdenkende Stimmen unterdrückt oder totgeschwiegen. Dafür eignet sich ein Generalbass, der alles übertönt, und falls eine kritische oder kreative Stimme nicht zu unterdrücken ist, helfen Begriff wie Moralismus oder Gutmenschtum nach, um sie mundtot zu machen.

In einer früheren Kolumne habe ich einmal geschrieben: «Lesen will ich nicht. Lesen ist beschwerlich, und ich muss dabei auch noch denken. Mag ich nicht.» Das war natürlich ironisch gemeint. Ich lese immer noch viel, und manchmal denke ich dabei sogar etwas. Lesen entlastet einem im Tempo des Alltags. Gelegentlich treffe ich im Bus einen Bankangestellten, der täglich mehr als eine Stunde unterwegs zur Arbeit ist. Er nutzt die Zeit zum Lesen, nicht einfach ein Schmöker, sondern ein Buch von einer Schriftstellerin oder einem Schriftsteller, die etwas zu sagen haben, die ein Fenster öffnen, in eine andere, reale Welt. Ich spüre jeweils, wie dieser Leser Ruhe ausstrahlt und doch arbeitet er in einem hektischen Betrieb.

Wir leben in einer ziemlich dürftigen Zeit. Es fehlt im Grunde genommen ein echter gesellschaftlicher Diskurs über die Werte des Lebens. Schlagzeilen und Werbung immunisieren eine kritische Auseinandersetzung. Dabei ist es offensichtlich, dass die Individualisierung nicht etwa das starke Individuum hervorgebracht hat, sondern den angepassten Konsummenschen. Das «Warenangebot» ist zum modernen Ingenieur der Seele geworden. Der Mensch muss sich also in Acht nehmen, dass seine Seele nicht Ton wird, die sich nach dem Gesetz des Marktes richtet. Darin liegt eine neue Unfreiheit. Sie hetzt und treibt und stresst und führt am Ende in die Wachstumsfalle. Der Diktator ist aber nicht mehr Stalin.

In dieser dürftigen Zeit fehlt es an Bedächtigkeit und Langsamkeit. Die Angst zu kurz zu kommen, treibt den Menschen an, und wer das Tempo nicht mithält, sieht sich als Verlierer. Gibt es einen Ausweg? Ja, aber er ist beschwerlich. Man lese zum Beispiel das Buch eines kritischen Geistes.

Als sich der Dramatiker Rolf Hochhuth 1965 in die sozialpolitische Debatte in Deutschland einmischte, ärgerte sich der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard sehr und sagte in einer Rede: «Die sprechen von Dingen, von denen sie von Tuten und Blasen keine Ahnung haben … Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an.» Ein solches Verdikt eines Mächtigen muss einen Schriftsteller nicht beeindrucken. Kollegen wie Heinrich Böll oder Martin Walser haben Hochhuth mit witzigen Wortspielen verteidigt. Auch 2013 sollen Autoren ungeniert bellen, ja kläffen, wie ein Schnauzer, aufmüpfig und mit Lust an der Provokation und dem Leser Werke überlassen, mit denen er nur langsam vorankommt.

Der Bauch der Philosophen und Politiker

Ein Grossteil unserer Entscheidungen werden intuitiv gefällt. Man nennt sie Bauchentscheide. Da stellt sich bloss noch die Frage, was das für ein Bauch ist, der entscheidet und in welchem Verhältnis er zum Denken steht. Der französische Philosoph Michel Onfray hat ein Werk über den «Bauch der Philosophen» geschrieben, darunter über so berühmte Denker wie Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche und Jean Paul Sartre.

Immanuel Kant betrank sich einmal in einer Kneipe in Königsberg, torkelte später nach Hause, doch er fand sein Haus nicht mehr. Dieses Erlebnis muss ihm zünftig in die Knochen gefahren sein, so sehr, dass er später, berühmt geworden, eine Theorie der Sinne entwarf und ein «hygienisches System» erarbeitete, dessen Postulat lautet: Beherrsche deine Natur, sonst wird sie dich beherrschen. Kant tafelte gerne gut und richtete sein Leben nach der Uhr. Die Königsberger wussten wie spät es war, wenn sie Kant auf seinem täglichen Spaziergang sahen.

Die Ernährung bestimmt das Verhalten, dessen ist sich Michel Onfray sicher. Nietzsches Philosophie mit ihren emotional heftigen Gedankengängen lässt sich wohl nicht nur auf die Ernährung zurückführen, aber erstaunlich ist die folgende Aussagen schon: «… ich habe bis zu meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen – moralisch ausgedrückt, unpersönlich, selbstlos, altruistisch, zum Heil der Köche und anderer Mitchristen.»

Jean Paul Sartre wiederum, der Getriebene, hielt es in späten Lebensjahren kaum mehr aus ohne Aufputschmittel, Alkohol und Tabak. Ihm widerstand jegliche Nahrung, bei der man auf dem Teller die natürliche Form des Fleisches und der Frucht erkennen konnte. Er ass Früchte nur, wenn sie zu Brei verarbeitet waren, das Fleisch zu Würsten. Im Rausch und im Traum peinigten ihn Krabben, Polypen und Langusten. Wie den Hühnerschenkel verachtete er auch die Schalentiere. Michel Onfray folgert: « - man verachtet die Schalentiere nicht ungestraft: Hütet euch vor einem Menschen, der es dem Hummer gegenüber an Achtung fehlen lässt.» Sartres Kernaussagen im Drama «Die Eingeschlossenen»: «Die Hölle, das sind die anderen» (L'enfer c'est les autres), entstammt wohl seinem Bauchgefühl.

Nun ist es natürlich recht gewagt, über den Bauch der Politiker ähnliche Mutmassungen anzustellen, so etwa ihr Essverhalten zu untersuchen. Sie werden sich hoffentlich nicht alle mit einem Schnellimbiss zufrieden geben, denn eines scheint sicher, die Gastronomie ist die Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln. Ich erinnere mich, wie der ehemalige Zuger Regierungsrat Alois Hürlimann feuchtfröhlich ausgerufen hat: «An einem Bankett werden mehr Probleme gelöst als in stundenlangen Sitzungen.» Heute, scheint es, werden oft sehr lange Sitzungen abgehalten. Jedenfalls dauerte es Jahre, bis der Gegenvorschlag zur Abzocker-Initiative zustande gekommen war. Nebenbei: Seit man bei einem Bankett keine Zigarren mehr rauchen darf, hat sich Vieles auch in der Politik verändert.

Was man sicher ohne Beleidigung sagen darf: Es kommt schon darauf an, was und wie ein Philosoph oder Politiker isst. Sein Bauchgefühl wird ein anderes sein, wenn er die Blutwurst einem Gemüseteller vorzieht, die Schweinshaxe einem Birchermüesli, die Kutteln einer Lauchsuppe, den samtenen Rotwein einem Mineralwasser. Er wird nicht das Gleiche empfinden, wenn er für sich allein in einer stillen Ecke isst oder sich eher an die diätetische Regel hält: «Iss niemals allein!» Wie wird sich erst sein Bauchgefühl entwickeln, wenn er durch den Bahnhof rennt und einen Hamburger verdrückt?

Wer sich vom Bauchgefühl leiten lässt, ohne es dem Urteil der Vernunft zu unterstellen, kann auch mal irren, zudem beeinflusst die Ernährung das Denken, wie eben aufgezeigt. Bei mancher der vielen Initiativen, über die wir in den nächsten Jahren abstimmen werden, rechnen die Initianten damit, das Bauchgefühl des Volkes kitzeln zu können. Die Initiative selbst aber entspringt knallhartem strategischem Denken und Spekulieren. Zu Beginn geht es den meisten Initiativkomitees um die Frage, wie sich mit der Lancierung am besten Stimmen fangen lässt und dem Parteivolk nach dem Mund (nach dem Bauch) geredet werden kann. Die Taktik wird also nicht vom Bauch diktiert, sondern von der berechnenden Macht. Die geplante Verteuerung der Autovignette verursacht vielen Autofahrern Magenbeschwerden, also sagt die Taktik: Wir ergreifen das Referendum.

Der Soziologe Peter Atteslander behauptet: «Wir glauben nur, was wir sehen – leider sehen wir nur, was wir sehen wollen.» Abgewandelt sage ich: Der Bauch fühlt nur, was ihm behagt – leider folgen wir nur seinem Behagen. Entspricht, was der Bauch gern hätte, dem, was Bürgerinnen und Bürger von den Politikern erwarten? Sie wünschen sich doch eine gestaltende und nicht bloss eine reagierende Politik; eine Staatskunst also, doch eine solche würde einen gastrosophischen Diskurs voraussetzen.

Wo sind denn da die Neidbürger?

Ich gestehe: Ich habe der Abzocker-Initiative zugestimmt, obwohl mir bewusst war, dass sie nur symbolischen Wert hat. Mein Entscheid wurde aber nicht etwa von Neid oder gar Wut beeinflusst. Laut gewissen Kommentaren, die vor allem auch in deutschen Blättern über die Gründe der Annahme mutmassten, müsste ich nämlich ein Neid- oder gar ein Wutbürger sein. Aber ich beneide einen Abzocker nicht, wie sollte ich? Einkommensmaximierung war nie meine Absicht. Ich mochte mein Leben nicht auf Geld ausrichten. Millionen zu verwalten, wäre mir zu mühsam und ich würde erst noch vom Lesen eines guten Buches abgehalten. Übrigens sind zwei Menschen meist dann aufeinander neidisch, wenn sie auf der gleichen Stufe stehen. Ein Millionär neidet einem anderen vielleicht den Einfluss; ein Angestellter misst sich mit einem gleichgestellten Kollegen oder mit einem, der gerade nur einen Tritt höher steht. Der Besitzer eines Fiats 500 möchte vielleicht einen VW Golf fahren, aber doch keinen Lamborghini. Die wuchtige Zustimmung hat nicht mit dem Neid der Besitzlosen zu tun, sondern mit dem Gerechtigkeitsgefühl der Schweizer Stimmberechtigten.

Kommentatoren und Schreiber von Leserbriefen machen es sich zu einfach, wenn sie die Gegner der Minder-Initiative als Neidbürger qualifizieren. Diese Zuschreibung entlastet sie vom Nachdenken über die Gründe der Zustimmung. Das vorschnell vergebene Etikett «Neidbürger» gibt vor, dass sich Menschen von einem einzigen Gefühl leiten lassen. Wie sollte ein Bürger neidisch auf die Ospels und Grübels sein? Nein, ein solches Fazit ist zu simpel.

Ein Leserbriefschreiber meinte kürzlich, der Zorn habe bei der Abstimmung gesiegt, dabei sei aber wenig gewonnen worden. Diese Aussage ist nicht falsch. Wenn der Verfasser aber folgert: «Wir dürfen nicht zulassen, dass Abstimmungen zu Neiddebatten mutieren», dann liegt er falsch. Zorn kann zur inneren Triebfeder fürs Handeln werden. Zorn packt einen jedoch nicht aus heiterem Himmel. Er wächst ganz allmählich. Der gut Bürger, der Citoyen, hat in den letzten Jahren oft registriert, wie gewissen Banker «gschirret händ» und mit ihrem Tun den Ruf unseres Landes schädigten. Das tat weh. Weshalb sollte er nicht zornig werden? Und doch ist der Zorn nicht auf dem Mist des Neids gewachsen. War Gottes Zorn nicht auch begründet, als er Gericht über Sodom und Gomorra hielt und Lots Frau zu einer Salzsäuren erstarren liess?

Die Mehrheit des Volkes ärgerte sich schon lange über die Selbstbedienungsmentalität gewisser Manager, deren Verhalten als ungerecht und unmoralisch empfunden wurde. Wer nun aber das Argument der Moral ins Spiel brachte, wurde als Moralist abgestempelt. Bürgerinnen und Bürger begannen sich um das soziale Klima im Land zu sorgen. Wenn die Einkommensschere weiter auseinandergeht, driftet die Gesellschaft auseinander. Vollendete Tatsachen werden geschaffen, zugleich der Nährboden für Populisten, die den Volkswillen als virtuelles Bild heranziehen, um das eigene Machtstreben zu kaschieren.

Ich bin überzeugt, dass es nicht die Neidbürger waren, die der Abzocker-Initiative zum Durchbruch verhalfen. Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wägen ein Ja oder ein Nein gründlich ab, bevor sie den Abstimmungszettel ausfüllen und in die Urne werfen.

Als ich an dieser Kolumne arbeitete, las ich das Interview mit Hans Adelmann in der «Neuen Luzerner Zeitung» vom 8. März. Adelmann ist der jüngere Halbbruder des Multimilliardärs Frank Stronach, der gerade daran ist, die österreichische Politik aufzumischen. Adelmann wohnt als pensionierter Schulhausabwart in der Ostschweiz. Er schildert, wie ihn das einfache Leben zufrieden und frei gemacht hat. Er brauche, sagt er, Frank nicht neidisch zu sein. Dem Journalisten erzählt er im Interview die eine oder andere Episode: Auf dem Jakobsweg sei ihm eine Lerche begegnet, die ihn mit ihrem Gesang mehrere Kilometer begleitet habe. «Die Reisen, die ich als junger Mann mit Rucksack und Schlafsack unternommen habe, gehören zu den schönsten Erinnerungen … Ich bin über 2000 Mal auf die Hundwiler Höhe gestiegen, habe den Berg und den Wald und das Firmament gesehen und gefühlt, dass ich nicht allein bin.» Im Vergleich mit seinem Halbbruder, der in der Welt herum hetzt, sei er zur Einsicht gelangt, dass ein einfaches Leben einen besseren Blick für das Wesentliche erlaube.

Im Leben eines Menschen kann sich übrigens die Perspektive verändern. Derjenige, der auf einem hohen Geldberg sitzt, realisiert eines Tages wie er den einfachen Mann und die einfache Frau beneidet, die den Blick für das Wesentliche im Leben bewahrt haben. Und oft reift in ihm die Erkenntnis: «Wer alles verrechnet – verrechnet sich am Ende selbst»*.

* Roland Reuss. Das Ende der Hypnose. Vom Netz und zum Buch. Stroemfeld 2012

Knigges Werk ist mehr als ein Benimmratgeber

Vor einigen Wochen in einem Zürcher Tram: Zwei Frauen, vermutlich Mutter und Tochter, nahmen vis-à-vis Platz und assen einen Apfel. Es knackte und krachte bei jedem Biss, sie sprachen und schmatzten gleichzeitig. Der Geruch der Äpfel streifte meine Nase. Zu Hause ass ich später einen der Sorte Pink Lady und er roch ähnlich wie die im Tram. Es war nicht gerade ladylike, was ich mir hatte anhören und ansehen müssen. Wie der Bursche im Bus, der es sich im Viererabteil bequem machte, als würde er zu Hause auf dem Sofa liegen. Die Frauen im Tram und der junge Mann im Bus fanden ihr Verhalten absolut in Ordnung. Jugendliche, die in Zügen pöbeln und Schäden anrichten, schämen sich nicht. «Nein zum Blankoscheck für unbezahlbare Familienpolitik» und daneben entdecken wir ein plärrendes «Staatskind». Auch Politpropagandisten schämen sich nicht, wenn sie hetzen und lügen wie auf dem Extrablatt, das in alle Haushaltungen flatterte. Es hat sich wenig geändert, seit vor 225 Jahren Adolph Freiherr von Knigges «Über den Umgang mit Menschen» erschienen ist. Die Peinlichkeits- und die Schamgrenzen werden noch immer überschritten.

Seit der Erstausgabe von 1788 gingen Tausende von «Knigges» über den Ladentisch der Buchhandlungen. Es gibt inzwischen einen Business-, einen Golf- und einen Hütten-Knigge. Angeboten wird auch ein Knigge für Kids und für Katzen, dank dem man «Miezes wahres Wesen und die richtigen Umgangsformen mit ihr» erkennen und erlernen kann. Mit einem Knigge-Test können sich der vornehme Herr und die Dame selber prüfen, ob sie die Benimmregeln beherrschen. Modernen Managern werden heutzutage Seminare mit ähnlichem Inhalt angeboten. Für in unserem Land Lebende gibt es einen Schweizer-Knigge. Was würde der alte Freiherr von Knigge zur Inflation dieser Benimm-Bücher sagen? Und wie würde er auf essende Menschen im Tram reagieren? Würde er einfach wegschauen, wie ich es getan habe?

Freiherr von Knigge geht es nicht darum, wie wir reagieren, wenn wir während eines Banketts vom Tischnachbarn gefragt werden, ob er nicht den Fisch auf unseren Teller laden dürfe, nur weil er keinen Fisch mag, es geht also nicht um einfache Benimm-Regeln. Das Lehrbuch ist sehr viel breiter und tiefer angelegt. Es ist eine der ersten grossen Schriften über den Umgang der Menschen untereinander. Knigge lebte in der Zeit der Aufklärung. Er ging vom mündigen Bürger aus, der den Umgang mit seinesgleichen vernünftig und würdevoll gestalten sollte. Der Prozess der Zivilisation hatte Fortschritte gemacht. Schon seit längerer Zeit assen die Menschen mit Löffel, Gabel und Messer. Dem Philosophen Knigge aber genügten simple Hinweise auf das gute Benehmen nicht.

In drei Teilen beschreibt er den Umgang mit Leuten von verschiedenen «Gemütsarten, Temperamenten und Stimmungen des Geistes und des Herzens», den Umgang unter Eheleuten und den Umgang mit den Grossen der Welt und mit «Leuten von allerlei Ständen und im bürgerlichen Leben». Dazu schreibt er etwa: «Nicht zum Spekulieren, zum Wirken ist diese Welt» oder: «Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Mut.» Dass die Superreichen der übrigen Bevölkerung den Mund verbieten, erfahren wir täglich. Wer vor der Finanzmarktkrise die unverschämte Spekulation kritisiert hat, erntete ein mildes oder böses Lächeln und wurde als Gutmensch beschimpft.

Den Jünglingen rät Knigge, dass es sie besser kleidet, wenn sie bescheiden, schüchtern und still sind, als «nach der Art unserer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam und plauderhaft». Kommt Ihnen irgendetwas bekannt vor? Knigge setzt sich aber auch mit der Sprache der Menschen auseinander und meint, man solle keine Gemeinplätze in die Rede einflechten, etwa wie, dass die «Gesundheit ein unschätzbares Gut» sei. Zu den heutigen Abzockern würde er wohl sagen, man solle beachten, dass die Menschen «selten ein solches Übergewicht ohne Murren und Neid» ertragen.

Das Buch ist eine Fundgrube für kluge Empfehlungen. Und da wir alle Fehler machen, befolgen wir am besten Knigges Rat, humorvoll zu bleiben, denn «wahrer Humor und echter Witz lassen sich nicht erzwingen, nicht erkünsteln, aber sie wirken, wie das Umschweben eines höheren Genius, wonnevoll und erwärmend.»

Kavallerie: Warum wir nicht darüber lachen konnten

Der grosse russische Schriftsteller Lev Tolstoi antwortete einmal Gräfin Alexandra Tolstaja, einer Verwandten, auf ihren Vorwurf, er schreibe ihr zu selten: «Les peuples heureux n’ont pas d’histoire», was ich bewusst frei übersetze: Wenn die Leute glücklich seien, gibt es eben nichts zu erzählen. Tolstoi schrieb damals an seinem grossen Roman «Krieg und Frieden» und er war bei der Niederschrift sehr konzentriert und glücklich. Der Gräfin bloss mitzuteilen, dass er an einem Roman schreibe, war ihm keine Nachricht wert, zumal Schriftsteller selten verraten, woran sie gerade arbeiten.

Tolstois Satz beherzigen auch die Journalisten. Sie stürzen sich gerne auf schlechte Nachrichten. Denn zu viele von den guten, wie etwa, dass Kate, die Frau von Prinz William, schwanger sei, ermüden nur die Royalisten nicht. Manchmal werden aber Nachrichten dramatisiert, die es nicht wert sind. So wurde etwa Peer Steinbrücks scherzhafte Drohung vor bald vier Jahren, die Kavallerie nach Helvetien loszuschicken, nicht nur in den Printmedien in den Rang einer schlechten Nachricht erhoben. Kein Medium forderte uns Bürger auf, darüber zu lachen. Steinbrücks salopper Spruch wäre in Deutschland kaum genüsslich wiederholt worden, falls von Beginn an in Helvetien ein grosses Gelächter angestimmt worden wäre.

Nun ist Peer Steinbrück Kanzlerkandidat der Deutschen Sozialdemokraten und wir werden wohl bis zu den Wahlen immer wieder lesen, wie sich der SPD-Politiker seinerzeit in der Wortwahl vergriffen hat. Steinbrück hingegen wird sich in der Aufregung der Schweizer sonnen und die Reitertruppe während seinen Wahlauftritten wieder aufmarschieren lassen, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Über andere witzeln, bringt immer Lacher hervor. Ein Lacherfolg prägt sich dem Redner ein, und vielleicht hält er es dann wie jener Lehrer, der an den Rand seines Skripts schrieb: Hier pflege ich den folgenden Witz zu machen.

Dass wir Schweizer über die Sprüche von Peer Steinbrück nicht lachen, scheint ein Hinweis auf unsere Verunsicherung zu sein. Nur wenn wir uns gegen die EU ereifern, sind wir stark. Die Mehrheit der Schweizer erträgt nicht einmal die Forderung Christophe Darbellays, über eine neue EWR-Abstimmung nachzudenken. Wir weichen solchen Diskussionen lieber aus. Wir sind schliesslich «un peuple heureux», ein glückliches Volk, das froh ist, wenn es die alten Heldenmythen aufwärmen kann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten Schweizer an der Geschichte der unerschrockenen Aktivgeneration festhalten. Als 2002 der umfangreiche, quellengestützte Bergier-Bericht vorlag, behaupteten Exponenten, denen der Westfälische Frieden als das wichtigste historische Vertragswerk unserer Geschichte gilt, der Bericht entspreche nicht den Tatsachen. Dabei wies er gerade nach, wie unser Land während des Zweiten Weltkriegs in die europäische Geschichte verstrickt war. Jahrzehnte nach dem Kriegsende war es an der Zeit, über die Rolle der Schweiz zu debattieren. Ohne diese Geschichtsschreibung könnten wir Schweizer uns immer noch dem trügerischen Schein hingeben, wir seien Musterknaben gewesen.

Seit der Finanzmarktkrise staunt jener Teil der naiven Schweizer – ich gehöre auch dazu –, wie es einigen Grossbanken gelang, den Ruf der Schweiz zu beschädigen. Wir machen im Moment für Ausländer keine «bella figura». Diese Tatsache überträgt den Druck auf das Land, und so begreife ich endlich, warum über den scherzhaften Spruch von der Kavallerie nicht gelacht wurde oder gelacht werden darf. Vielleicht sind wir im Begriff, den Humor zu verlieren, was meist tiefere, aber erklärbare Zusammenhänge hat.