Berlusconi? Prezzémolo in tutto!

Einige Wochen vor der Wahl in Italien sassen wir im Restaurant Milano am Lago Maggiore bei gutem Essen und einem gesprächigen Wirt. Das Wort blieb an Berlusconi hängen. «Wird er die Wahl gewinnen? Was halten Sie von Ihrem Ministerpräsidenten?» Er zog den Korken und schüttelte den Kopf: «Berlusconi? Hm! Prezzémolo in tutto!» Er ging weg und kehrte mit einem gut gewürzten Risotto zurück. Petersilie auf dem Reis, prezzémolo heisst Petersilie. Zerkleinert würzt Petersilie jedes Gericht, als geteiltes Blatt schmückt sie den Teller. Ein schönes Bild, Peterli im allem, die Finger überall drin. Berlusconi mit seiner Medienmacht, mit seinen verschiedenen Verlagen und den Fernsehketten, mit den Journalisten, die nach dem Motto «Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’», lobhudeln.

Das Fernsehen hat den Geschmack in Italien verändert. Berlusconi trumpfte auf allen Sendern auf. Wer ihn nicht wähle, sei ein Coglione, ein Dummkopf, ein Hodensack, ein Schlappschwanz. Hierzulande würde man, etwas schonender, von Weichsinnigen sprechen. Nach der Wahl ist Italien gespalten. Es gibt die Berlusconiani und die Coglioni. Das Wort wird Geschichte machen. Noch der Enkel wird es zu hören bekommen: «Dein Grossvater war ein Coglione. Pass auf, Enrico, dass Du kein Hodensack bist. Wähle einen starken Führer, einer, der es zu etwas gebracht hat!»

«Enten legen ihre Eier in aller Stille. Hühner gackern dabei wie verrückt. Was ist die Folge?», fragte einst Henry Ford I.: «Alle Welt isst Hühnereier.» Berlusconi fand im italienischen Fernsehen jenes Fliessband, das seine Sprüche produzierte und verbreitete. Das Volk hätte ihn beinahe zum Sieger gekürt, und das trotz der ausfälligen, stillosen und verachtenden Beschimpfung seiner Gegner. Wer laut gackert, beeinflusst das Handeln.

Medienmacht schafft Wirklichkeit. Wen Medien übersehen, existiert nicht. Aufmerksamkeit ist alles. Präsent sein bringt Gewinn. Mc Donald ist überall präsent. Eine Partei, die einen Vorschlag macht, gackert: «Seht her, wir haben ein Ei gelegt! Schaut, wie schön es gemalt ist! Morgen legen wir ein neues! Das ganze Jahr ist Ostern. Das versprechen wir.» Ohne häufige Auftritte existieren weder Bundesräte noch die Parteipräsidentin und die Parteipräsidenten. «Wir kaufen den Bundesbrief für eine Million. Es ist uns ernst. Jawohl!» Sie sind in den Schlagzeilen. Sie existieren als Politiker.
Lernen wir Wählerinnen und Wähler etwas, wenn wir bemerken, dass, wer am lautesten gackert, Stimmen fängt? Instant-Politik ist Trumpf wie Instant-Kaffee für ein schnelles Frühstück. Zwanzig Minuten genügen, um informiert zu sein, die Zeit, die der Schnellzug von Luzern nach Zug benötigt. Schnell gelesen, schnell vergessen. Nur die laute Wiederholung schafft Gedächtnis.

Die schweizerischen Zeitungen beobachteten aus der Nähe und aus Distanz den italienischen Ministerpräsidenten, prüften seine Entscheide und kommentierten die Bilanz seiner fünfjährigen Regierungszeit. Auf dem Balkonsitz der Schweiz, ein kritische Blatt in der Hand, liess sich der Lauf der Dinge in Italien verfolgen. Da herrschte einer, der Staats- und Privatmacht zu seinem Vorteil mischte. Er wurde von Richtern der Korruption angeklagt. Er schlug zurück, nannte sie Kommunisten und Linke. So versuchte er die dritte Gewalt im Staat zu schwächen.

Berlusconi glaubte in seinem Machtwahn, das Politische stehe über dem Recht und er schuf jenes, das ihm diente. So kam er auf Idee, das Volk in Freund und Feind einzuteilen. Die anderen sind Coglioni. Ich, Silvio, dagegen, bin Euer Freund. Schaut doch, wie ich hochgekommen bin! Italiener macht es wie ich! Sorgt für Euch selber! Seid Egoisten! Stimmt mir zu! Ihr werdet es nicht bereuen.

Auf diesen Lockruf fielen auch Intellektuelle herein. Viele, die sonst das Wort führen, schwiegen. Der Schriftsteller Andrea De Carlo beantwortete die Frage von «Facts», warum sich italienische Intellektuelle nicht stärker gegen Berlusconi ausgesprochen hätten. «Die meisten Intellektuellen und Künstler positionieren sich zwar links, sind aber vor allem Opportunisten ... Meine Eltern waren während des Zweiten Weltkriegs in der antifaschistischen Resistenza. Sie erzählten mir oft: ‹Solange die Faschisten an der Macht waren, waren wir ganz wenige. Und nach der Befreiung behaupteten plötzlich Zehntausende, sie seien immer schon Antifaschisten gewesen.› Der Italiener spring im letzten Moment zum Sieger über.» Beim ungewissen Ausgang einer knappen Wahl könnte er ja auf die falsche Karte gesetzt haben.

Arrangiarsi, sich arrangieren, gehört zum Lebensmotto der Italiener. Das ist zweitausendjährige Tradition. Dass der Mensch ein Doppelgesicht hat, wussten schon die alten Römer. Janus ist der Gott mit den zwei Gesichtern. Die alten Griechen und die Römer erfanden aber noch einen anderen Gott, nämlich Proteus. Er ist der ewig wandelbare. Er verwandelt sich nach Bedarf in verschiedene Gestalten und arrangiert sich schlau. Er ist ein furbacchione, ein Pfiffikus. Proteus ist der höchste Opportunist. Diese Eigenschaft kommt auf der Sachebene dem Geld zu. Es erfüllt alle Wünsche und Bedürfnisse. Darum scheint unvermeidlich, zu lieben und anzustreben, was in jedem Augenblick sich wandelt und die unterschiedlichsten Wünsche befriedigt. Ein Mensch, der dies erreicht hat, fasziniert und wird bewundert. Es ist prezzémolo in tutto.