Was wählen Schweizer eigentlich?

Es ist schwer, keine Satire zu schreiben. Difficile est satiram non scribere, meinte der Römer Juvenal (60-140 n. Chr.). Was Juvenal, der letzte der grossen Satiriker, ausspricht, gilt auch heute: Nicht nur zur Fastnachtszeit möchte man satirisch schreiben. Da grinst dich zum Beispiel von einem Abstimmungsplakat die schreckliche Fresse mit einem Gewehr in der Hand an, und du glaubst erst noch, eine solche Art von Propaganda würde niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Das wäre ja die Abschaffung der Vernunft. Was zählt sind doch Argumente, denkst du. Und das war sogar bei der Waffenschutzinitiative der Fall.

Und nun hat auch das Wahljahr so richtig begonnen, wobei du schon heute weißt, dass du dich nicht auf eine bestimmte ultimative Forderung einlassen wirst, überlegst nur gerade, ob du dein Käppi mit dem Schweizerkreuz nicht besser entsorgen solltest. Du bist zwar ein zufriedener Schweizer, aber dir muss niemand sagen, wen du zu wählen hast. Du schaust dir dann schon noch die Köpfe an.

Schweizer wählen gerne trendige Mode. Oft sind es Modelle, in die Prominente schlüpfen und damit werben, verkauft aber werden sie weltweit. Und doch fühlen sich die Schweizer darin sicher, das Selbstwertgefühl platzt fast aus den Nähten. Herumstolzieren im globalisiert gestylten Kleid und auf Absätzen, die klipp, klapp auf den Asphalt schlagen. Das Schweizerkreuz auf der Stofftasche akzentuiert dafür ein wenig den Sonderfall. Neudeutsch wird dies «Swissness» genannt.

Schweizer wählen Schnäppchen. Am liebsten Aktionen und Drei für Zwei-Angebote. Trockenfleisch aus Malbun und Parmaschinken, möglichst günstig. Sie wählen eher Parmesan als Emmentaler. Italienische Käser arbeiten zu niedrigeren Löhnen als sie hierzulande gelten. Warum sollten Schweizer nicht wählen, was günstiger ist? Eine Fahrt nach Konstanz zahlt sich im Moment mehr denn je aus. Vom tiefen Euro profitieren und sparen beim Shoppen, heisst die Devise. Dafür reicht es noch für einen Schweinsbraten in einem deutschen Restaurant.

Schweizer wählen Billigflüge nach Antalya und reisen nach Side, nach Lara oder Belek. Sie fliegen mit Edelweiss nach Puerto Plata oder nach Varadero. Andere schnorcheln auf den Malediven oder reiten mit Kamelen bei Abu Dhabi durch die Wüste. Die Demonstrationen vor kurzem in Tunesien und Ägypten führten zu Annullierungen und so wird als Ersatz Marokko, Teneriffa oder Mallorca gewählt. Warum nicht doch noch Sharm el-Sheikh fahren? Mubarak hat dort seine Villa, und seine Wächter oder das Militär werden schon dafür sorgen, dass den ausländischen Touristen nichts passiert.

Schweizer wählen schöne Autos. Das Auto ist die nach aussen gestülpte Haut des Fahrers. Am Steuer ändert der Mensch sogar seine Persönlichkeit. Das Auto ist eine Körpermaske, und maskiert ist man um einiges bedeutender als ohne Maskerade. Kaum ins Auto eingestiegen, beginnt das Rollenspiel und das kleine Ich bläht sich auf. «Diese blöden Velofahrer! Verdammt, immer trifft es mich, der vor dem Fussgängerstreifen stoppen muss! Nur nicht abbremsen, einfach noch schnell durch. Hallo, ich bin doch vor dir, du Trottel, im Kreisel gewesen!»

Schweizer wählen «20 Minuten», doch die welsche Ausgabe lassen sie liegen, wenn der Zug aus Genf oder Lausanne kommt. Es gibt ja dann noch den «Blick am Abend». Viele informieren sich in den Klatschspalten. Klatsch betont, was in ist, wer gerade das Maul zerreisst und wer einen unschuldigen Menschen niedergeschlagen hat. Nichts gegen Klatsch, man ist dann im Bild und hat genügend Gesprächsstoff. Hoffentlich waren die Schläger keine Schweizer! Sind es Ausländer, bleibt die Welt in Ordnung. Man hat es ja immer gesagt! Populär ist, wer über die richtigen Vögel flucht. Schweizer schwingen gerne «die krude Keule des Populismus», stand in der NZZ. Sogar Akademikern würde es selten gelingen, ihn «mit dem Degen des differenzierten Arguments zu parieren».

Schweizer wählen, was auf der Bestsellerliste ganz oben angekommen ist. Sie wählen, was auf der Theke vor der Kasse liegt, ziehen vor, was laut angepriesen wird, flott daherkommt und auf den ersten zehn Seiten alle Klischees bedient. Boulevard in Romanform! Paradox eigentlich: Da hat der Kapitalismus unzählige Möglichkeiten geschaffen auszuwählen, und doch dominiert der Einheitsbrei und die Gleichmacherei mehr denn je. Und schon stellt sich die Frage: Haben die unglaublichen Wahlmöglichkeiten denn ein Mehr an Glück geschaffen? Auffällige Werbefarben und laute Töne sind keine Garantie für Vielfältigkeit und Originalität. Und wer mit dem Lautsprecher politisiert, löst noch lange keine Probleme.

Bis vor vierzig Jahren haben die Männer noch keine Frauen gewählt. «Wollt ihr solche Frauen?», wurden die Männer seinerzeit gefragt. Das eine Abstimmungsplakat präsentierte ihnen eine magersüchtige, die Hände spreizende, keifende Frau, ein anderes schlicht und verständlich einen Teppichklopfer. Heute triumphiert in Bern der Teppichklopfer. Unser Land wird deswegen nicht schlechter regiert.
Nein, dir kann man nicht einhämmern, wen und was du zu wählen hast, und zugleich hoffst du, es ergehe anderen wie dir. Du möchtest ein Schweizer bleiben dürfen, der sich vorbehält zu wählen, wie und wen er will. Also brauchst du dein Käppi mit dem Schweizerkreuz und dem schönen Rigi-Signet nicht zu entsorgen.