Farbenspiele vor Bundesratswahl

Die Demission von Bundesrat Pascal Couchepin war überfällig. Er übernahm nach dem Rücktritt von Bundesrätin Ruth Dreifuss das Departement des Innern mit der Ankündigung, die Sozialwerke zu sanieren. Ist ihm dies gelungen? An grossen Worten und Gesten fehlte es nicht. Die Rücktrittsankündigung fiel ins mediale Sommerloch. Das war ein Glücksfall für die Medien. Es gab tatsächlich viel zu sagen, zu schreiben, zu spekulieren und zu kommentieren. Einige Kandidaten, die in den Vordergrund gerückt wurden, galten als valabel. Aber das Wort valabel ist im Duden nicht zu finden. Wird von einem Kandidaten gesagt, er sei valabel, bedeutet dies wohl: «Vielleicht findet man noch einen besseren?»

Das lateinische valere wurde in vielen Wendungen und Bedeutungen gebraucht, etwa in «vale!» «Lebe wohl!» Wenn ein Römer dieses Wort beim Abschied gebrauchte, hoffte er, der Gast gehe gesegnet von dannen. Das darf man für einen scheidenden Bundesrat auch hoffen. Das Wort valere bedeutet aber auch kräftig, gesund sein und sich wohlbefinden. Gebräuchlich ist das abgeleitete Wort Valenz und meint, eine Person oder eine Sache habe Wert oder Gültigkeit. In der Sprachwissenschaft hingegen meint Valenz, «fähig eines Wortes, besonders eines Verbs zur Bildung eines vollständigen Satzes» (Grosser Duden). Taucht also das oft verwendete Wort vom valablen Kandidaten auf, ist Vorsicht geboten. Dahinter könnte ja statt eines Urteils eine Frage stecken.

Das Kandidatenkarussell drehte sich den ganzen Sommer über, als wäre beständig Chilbi. Es tauchten Namen auf und verschwanden wieder. Für die Parteipräsidenten spielte die Farbe der Kandidaten die grösste Rolle. Wie viel grün oder rot oder sonnengelb hat er am Hut? Ist er schwarz oder blau? Welche Valeurs überwiegen? In der Malerei und der Kunstbetrachtung bezeichnet das Wort die Abstufung einer oder mehrerer Farben, Licht oder Schatten in einem Bild. Man durfte also den Parteipräsidenten nicht allzu sehr aufs Maul schauen, denn sie konnten nicht quantifizieren, wie viel Rot ein bürgerlicher Kandidat haben dürfe, damit er noch wählbar sei. Am Deutlichsten wurde Toni Brunner, der drohte seine Partei werde sich aus dem Bundesrat zurückzuziehen, wenn ein zweitklassiger Kandidat gewählt werde, und meinte natürlich, wenn die Farbe nicht stimme.

Diese Spiele verdrossen den sonst in staatspolitischen Fragen neugierigen Leser. ER verschwand in die Ferien, las keine Zeitung mehr und wusste, dass ER nach zwanzig Tagen vor einem Stapel sitzen würde, den ER dann rasch abgebaut hätte. So, wohlgemut und in friedlicher Stimmung, sass ER eines Abends auf der Terrasse eines Restaurants. Es war sehr warm, aber ein leichter Wind erfrischte ihn. Der Dreiviertelmond schimmerte durch die Pinienzweige und auf den Blättern der falschen Olivenbäume lag ein bleicher Glanz. Nichts ahnend sass ER bei einem Glas. Auf einmal wurde ER angesprochen: «He du, bist du auch da?» «Ja freilich! Ich bin jedes Jahr hier!» ER lud den Bekannten zu einem Glas Prosecco ein und bestellte gleich noch einen halben Liter «alla spina», vom Fass also. Walter sagte, er wisse wohl, dass er mit ihm nicht über Politik reden sollte. Sie hätten unterschiedliche Auffassungen, und dann glaubte er sagen zu müssen, ER sei ein wenig rot angepinselt. Das brachte ihn in Harnisch und ER definierte sich als einen liberalen Bürgerlichen, mit Sympathie für die Grün-Liberalen.

Ein Wort gab das andere. Das Gespräch nahm an Lautstärke zu, erklomm heitere Höhen, und als ER sah, dass es Walter behagte, mit ihm zu diskutieren, bestellte ER eine weitere Karaffe. Sie kamen auf die Bundesratswahlen zu sprechen. Walter sagte, er leide, wie übrigens auch das halbe oder ganze Volk, an einer Politikverdrossenheit. Es werde ihm Übel, wenn er dem Gezänk zuhöre. Dass sich sogar Bundesräte in die Nachfolge von Pascal Couchepin eingemischt hätten, wertete er als Indiz, dass die Entscheidungsebenen durcheinander geraten seien. Der Bundesrat habe sich längst von den Medien anstecken lassen. Sie verlangten zu allem und jedem sofort eine Meinung, bedacht oder noch in Gärung. Walter, der sich als kleiner Bankangestellter bezeichnete, was eindeutig eine Untertreibung ist, zählte Beispiele auf, die ausführlich zu erwähnen, die Leserinnen und Leser langweilen würden. Die Bundesratswahlen liefen, fügte er bei, darauf hinaus, dass derjenige gewählt würde, der sich auch in einer fremden Fraktion am Besten einfärben lasse.

Das war das Stichwort zur Frage nach dem Profil eines Bundesrats. Sie, die sich da im Gedankenwettbewerb ereiferten, waren sich rasch einig. Im Bundeshaus fehle ein Staatsmann. Eine solche Persönlichkeit zu wählen, sei freilich nicht denkbar, wenn die Farbtupfer mehr zählten als das Format. Ein Staatsmann bewege sich nicht auf der Ebene des parteipolitischen Gezänks. Er habe stets die Sache und das Ganze des Staats im Auge. Er besitze eine Vision des Landes und werfe einen Blick in die Zukunft. Bundesräte seien in den letzten Jahren zu einer Art Sortimentsdirektoren degradiert worden, die wie Migrosbosse schauen müssten, dass die Gestelle immer gefüllt seien. Ein Staatsmann sei kein Befehlsempfänger von Verbänden oder Banken. Wohin eine solche Haltung führe, habe man ja jetzt erlebt. «Du solltest einmal eine Kolumne zum Bergriff der Bürgerlichkeit schreiben!» Das werde ER gelegentlich tun, denn bürgerlich sei nicht einer, der einfach an der Steuerschraube drehe oder Wirtschaftsinteressen vertrete. Auf die Bundesratswahlen zurückkommend zitierte ER die Auffassung der alten Römer: «Das Amt sucht den Mann und nicht umgekehrt.» Das gelte heute freilich auch für Frauen.