Wir sehen uns

Immer zu Wochenbeginn lädt die Moderatorin zur Sendung «Kulturplatz» des Schweizer Fernsehens ein und schliesst ihre Ansage mit dem Satz «Wir sehen uns». Wie dies allerdings ablaufen soll, ist schleierhaft. Sind wir denn alle geladene Gäste? Wir Fernsehzuschauer sehen die Moderatorin, folgen der Sendung, schauen und hören zu, aber die Akteure in den einzelnen Beiträgen können uns gar nicht sehen, sie beobachten höchstens sich selber oder die Leute im Hintergrund von der Technik. Die Ansagerin dreht sich also mit dem «Pluralis majestatis» um sich selber. Ihr und den Auftretenden gelten sowohl das Wir als auch das Uns. Sie dort drüben auf der Mattscheibe sieht uns eben gerade nicht, und auch jene sehen uns nicht, die dann befragt oder porträtiert werden. Wir, als Zuschauer, bleiben anonym. Vielleicht lassen wir dafür die Einschaltquote steigen.

Jedes Mal, wenn ich diesen Satz «Wir sehen uns» höre, überlege ich mir, was er wohl aussagen will. Nein, ich unterziehe ihn nicht einer tiefenpsychologischen Analyse. Noch viel weniger möchte ich psycho-edukativ wirken. Das würde nichts bringen, denn solche und ähnliche Sätze werden oft allzu leicht dahergesagt. Dennoch scheint es mir einleuchtend und logisch, dass es der Sprache gelingt, eine Wirklichkeit zu schaffen, die keinen Bezug zur Realität hat. Entspricht die Sprachwahl der Erlebnislage, könnte freilich hinter der Ansage doch mehr stecken, als ich meine.

Dass sich die Sprache selber zum Problem werden kann, erahnt der Leser beim Aufschnappen von Titeln aus dem Boulevard oder beim Überfliegen der Blätter, die ihn nachzuahmen versuchen. Da rieselt gerade leise der erste Schnee, und schon rieselt für den Journalisten das grosse Geld, denn er verwendet das Verb «rieseln» im Zusammenhang mit dem Spielzeug, das in China für unser Weihnachtsfest billig produziert worden ist. Eigentlich eine schöne Assoziation und doch «klottert» das gute alte Rieseln in diesem Fall.

Vor Jahren las ich folgenden Satz auf einem Plakat: «Une Bière ist jamais eifersüchtig». Ich gebe ja zu, dass die französischen Wörter zwischen den deutschen viel charmanter wirken als modisch englische. Aber ich stutzte doch kurz, als ich den sprachlichen Mischmasch unterwegs entdeckt hatte. Wollte der Grafiker sagen: «Saufe ruhig dein Bier, darauf wird deine Frau nicht eifersüchtig!»? Aber schon war ich ihm in der Falle gegangen. Ich betrachtete das abgebildete Glas mit dem gelben Saft und dem weissen Schaum lange. Das Plakat an der nächsten Säule pries mir «Une Blonde» an. Im Bahnhofbufett hätte ich beinahe automatisch ein helles Bier bestellt. Im letzten Moment hörte ich meinen Kopf sagen: «Lass dich nicht verführen!» So bestellte ich ein Fläschchen Rivella.

Werbefachleute haben den Auftrag, den Verstand mit Schlagworten zu unterwandern und Automatismen auszulösen, die das Kaufverhalten der Konsumenten steuern. Je besser mir ein Produktenamen im Gedächtnis haftet, desto schneller habe ich das Erzeugnis bestellt. Muss ich mich im Restaurant rasch entscheiden, was ich trinken möchte, fällt mir Coca Cola ein. Dabei habe ich doch lieber einen Sauren Most.

Die Propaganda ist darauf aus dem Menschen ein U für ein X vorzumachen. Prahlte nicht einmal ein Werbefachmann, mit einer Million mache er aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat. Der frühere österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky spöttelte einmal: «Es ist die gemeinsame Sprache, die uns Österreicher von den deutschen Nachbarn trennt.» Ob ein Deutscher oder ein Österreicher das Gleiche sagt, ist es nicht das Gleiche. Und erst, wenn ein Sonderfall-Schweizer redet. Ein Schweizer versteht unter dem Begriff «Bankgeheimnis» etwas ganz anderes als ein Österreicher. Vraniskys Aussage ist witzig und enthält eine Prise Wahrheit aus der Schnupftabakdose.

Silvio Berlusconi trichtert seinen Landsleuten dank der eigenen Medien ein, wer ihn angreife und seine Skandalgeschichten ausschlachte, der beleidige das Volk. «Ich und das Volk müssen zum Rechten schauen», betont er immer wieder. Falls man den Umfragewerten überhaupt trauen darf, würden ihn noch immer über 60% der Stimmberechtigten wählen. «Meno male, Silvio c’è!» Nicht schlecht, dass es Silvio gibt! Das Schlagwort, von ihm selbst erfunden, suggeriert, dass Silvio Berlusconi für Italien besser ist als alle anderen Politiker!

Dass Wort und Wirklichkeit nicht deckungsgleich sind, ist gewiss. «Es ist die Funktion der Ironie, darauf hinzuweisen, dass ein Wort noch anderes meinen kann, als wofür es im Moment verwendet wird, dass Sprache die Wirklichkeit nie abdeckt und nie mit ihr gleichgesetzt werden darf und sie darüber hinaus eine grössere und reichere Potenz besitzt, als im Moment zur Sprache kommt. Damit weist Ironie auf Nicht-Berücksichtigstes hin, auf noch nicht erschlossenes Terrain und damit auf Zukunft.»* Hugo Loetscher zitiert Robert Musil: «Ironie ist: einen Klerikalen so darstellen, dass neben ihm ein Bolschewik getroffen ist.» Oder aktuell: Berlusconi, dass neben ihm auch ein Anderer gemeint sein könnte.

Wappnen wir uns zum Neuen Jahr also mit Ironie. Blicken wir nicht zuerst auf die «Wirklichkeit», die uns so gern vermittelt wird, sondern auf unsere unmittelbare Nähe, auf das, was wir selber sehen, wahrnehmen und beurteilen können. Vielleicht werden wir uns dann nicht vom Sog der Missstimmung an fremde, unbekannte Ufer spülen lassen. Es kommt im Leben des Einzelnen sowieso immer darauf an, wie er es mit den eigenen Verhältnissen hält. Darauf kann der Mensch einwirken, sie gestalten, ihnen den persönlichen Stempel aufdrücken. Im kleinen Kreis sagen wir sehr wohl: «Wir sehen uns. Wir helfen uns. Wir vergnügen uns. Wir lieben uns. Wir geben uns die Hand …» Unter Menschen, die sich schätzen, redet man nicht ins Leere. Da gibt es ein wahres Gegenüber.

*Hugo Loetscher: Vom Erzählen erzählen. Poetikvorlesungen. Diogenes 1999.