Christoph wird uns fehlen

Der Mann sorgt für Aufregung. Erst kürzlich liess er uns aus dem Türkenland wissen, dass die Anti-Rassismus-Strafnorm abgeändert werden sollte. Geschichtsprofessor Yusuf Halacoglu und der Nationalist Dogu Perinçek, die während ihren Auftritten in der Schweiz den Völkermord an den Armeniern 1915 leugneten, sollten nicht von der schweizerischen Justiz verfolgt werden dürfen. Es brauche eine Gesetzesänderung, denn die Meinungsfreiheit sei höher zu werten. Blochers Botschaft schlug hohe Wellen in der sonst so sanften, ausgewogenen Schweiz. Wie viele Türken sind doch in unserem Land bereits integriert und hoffen, eingebürgert zu werden.

Als die Erklärung des Justizministers zu uns herüber kam, gaben sich die Exponenten fast aller Parteien empört, ja schockiert. Es herrschte eine «Arena-taugliche» Aufregung. Und davon hatten alle etwas: Die Journalisten, die darüber schreiben konnten, das Fernsehen, das die Kontroverse anzuheizen versuchte und die Politiker, die neue Schlagzeilen produzierten. Sogar wir gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürger spürten den Puls höher schlagen.

Der Urheber des Protestes flog zurück in die Schweiz, hielt eine Pressekonferenz und meinte mit gespieltem Erstaunen, er könne nicht verstehen, weshalb im eigenen Land wegen seiner Äusserung derart Aufregung herrsche. Die Türken jedenfalls hätten Freude an ihm gehabt. Er habe den Weg für gute Geschäfte mit dem Land geebnet. Dieses, meine ich, überstrahlt doch jede Aufregung.

Die Türken wurden immer dann geliebt, wenn Goethes berühmte Verszeilen aus «Hermann und Dorothea» galten: «Nichts Bessers weiss ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / Wenn hinten, weit, in der Türkei, / Die Völker aufeinanderschlagen.» Seit Goethes Idylle ist die Welt anders geworden. Global vernetzt!

Fliegt ein Bundesrat mit einem Heer von Journalisten in ein fremdes Land, werden seine Äusserungen, Versprechungen und Auftritte zeitgleich ins Bild gesetzt. Provoziert einer bewusst mit einer Aussage, dann flimmern und flunkern nicht nur die Fernsehbilder, sondern flattern auch die Nerven. Da sind Kommentare gefragt. Ein Politiker, der für Aufregung sorgt, wird so sehr nützlich. Man kann an ihm Anstoss nehmen, sich empören. Pascal Couchepin beherrscht das Empörtsein meisterhaft. Und er sagte denn auch, es sei für ihn unfassbar, dass ein Bundesrat sich so äussern könne. Empören zahlt sich aus. Man kann ein Lebenszeichen von sich geben, und ohne ein solches existiert ein Politiker nicht.

Tritt Christoph einmal von der politischen Bühne ab, wird er uns fehlen. Ich bekenne, dass ich den Titel dieser Kolumne stibitzt habe. Ich will mich nicht des Plagiats überführen lassen. Deshalb mache ich meinen Diebstahl transparent. Ich habe nämlich eine Glosse in «La Repubblica» gelesen. Sie erschien in der Rubrik «Belpaese», «schönes Land», am 26. September. Der Titel lautete: «Silvio mi manchi».

Die Glosse erzählt von einem Besuch des inzwischen abgewählten Berlusconi in Neapel. Eine Frau legte ein Bekenntnis ab. «Vede, per me Silvio è il massimo …», und zwar – ich übersetze gleich den weiteren Text –, «als Mann und Politiker. Er weiss mit den Frauen umzugehen, hat Kraft, Charisma. Er ist schön, reich, intelligent, leider hat er ein bisschen schütteres Haar (calvo). Als er nach Bagnoli kam, gelang es meiner Mutter blitzschnell, sich dort einzureihen, wo der Santino vorbei kommen würde. Ich selber konnte ihm bei anderer Gelegenheit die Hand drücken. Ich habe es nicht vergessen. Ich erinnere mich noch an seinen Duft … (profumo). Er war so gut.»

Silvio Berlusconi unterhielt die Italiener ausgezeichnet. Es gab keinen Auftritt, der nicht für eine Überraschung oder Aufregung sorgte, der Ärger bei der Opposition auslöste, die Verehrer und die eigenen Fernsehsender vergnügte. Einfach drollig, dieser Cavaliere! Sofort hat sich ein Komitee gebildet, das den Ausruf der neapolitanischen Dame aufnahm und klitzeklein abänderte. Das Komitee nennt sich: «Silvio ci manchi!», «Silvio fehlt uns!» Prodis nüchterne Sachpolitik hat keinen Unterhaltungswert. Da hat man sich über Jahre daran gewöhnt, dass Politik etwas Leichtfüssiges darstellt und Sorgen Wolken gleich verdunsten, und da kommt der unaufgeregte Prodi. Er bietet keine Shows, fröhlichen Feste, keine Sprüche und Witze. Er lässt das Gesicht nicht liften. Er sagt auch nicht vor dem Spiegel: «Romano, Du gefällst mir!»

Eines Tages wird uns also auch Christoph fehlen. Seit fünfzehn Jahren sorgt er für Aufregung und Empörung. Ihm kann nichts passieren, denn Empörung fordert Reaktionen heraus. Genau das, was ihn im Gespräch hält und erst noch allen dient. Wer sich empört, spürt sich. Er weiss, dass er ist. Die Medien leben davon.

Es gibt dennoch einen grossen Unterschied zwischen dem schweizerischen und dem italienischen Milliardär. Ich bezweifle nämlich, dass Christoph ein ähnlich feines, lang nachwirkendes Parfüm benützt wie Silvio. Das würde ihn im Albisgüetli und bei den «liebe Manne u Froue» eher suspekt machen. Ich glaube auch nicht, dass ihn ein nüchterner Schweizer, als santino, als kleinen Heiligen, verehrt. Aber… er wird uns einmal fehlen! Die Politik wird unaufgeregter werden. Die lieb gewordene Gewohnheit, sich aufzuregen, werden wir langsam ablegen müssen.