Schurkenstaaten und die Achse des Bösen

Wer die Welt in Schurkenstaaten und in Mächte, die eine Achse des Bösen bilden, einteilt, schafft Schurken und weckt das Böse. Der Mensch wird, was man von ihm erwartet. Er steuert sein Verhalten In Richtung Fremdbild, das zum Selbstbild werden kann. Welche Charaktereigenschaften verkörpert denn jemand, den andere als Schurke bezeichnen? Es ist auf jeden Fall fatal, wenn ein Mensch oder ein Volk auf eine negative Identität reduziert wird.

Als ich 1957 mit meinem Freund nach Heidelberg fuhr und wir zusammen durch den Odenwald nach Frankfurt wanderten, erlebte ich eine Überraschung. Abgesehen davon, dass die erste Wegstrecke über den Philosophenweg führte, der an Karl Jaspers erinnert, und dass Romantiker wie Eichendorff und Brentano in dieser Gegend ihre Lieder gedichtet hatten, marschierten wir im Geiste des «Taugenichts» durch die Gegend.

Nur gerade ein Dutzend Jahre waren seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen. Zu Hause fluchte Vater über die Deutschen. Er gebrauchte das Repertoire der schlimmen Stammtischsprüche. Seine Verurteilung prägte sich uns bereits im Kindesalter ein. Ich erwähne hier nichts davon. Später hörte ich sie wieder am Stammtisch. Da sprach man auch über «Tschinggen» abschätzig. Giovanni aus Belluno, der bei uns als Knecht arbeitete, lernte ich als einen liebenswerten, fleissigen Mann kennen.

Wir marschierten also zu Beginn der Sommerferien durch den Odenwald mit seinen alten Eichen-, Buchen- und Tannenbeständen. «Wer hat dich du schöner Wald aufgebaut so hoch da oben?» Während fünf Tagen wanderten wir an Bauernhöfen und Dörfern vorbei, fragten die Leute nach dem Weg und nach einer Unterkunft. Nach Vaters vorgefasster Meinung hätten wir eigentlich nur angeschnauzt werden sollen. Als wir am letzten Tag von einem Gewitter überrascht wurden, fanden wir kein Bett mehr in einem einfachen Gasthaus. Wir sahen wie Strolche aus. Unrasiert und durchnässt wie wir waren, traute man uns nicht. Vor Darmstadt beschlossen wir, in einem Viersternhotel zu übernachten. Wer bezahlt, ist kein Landstreicher. Wir hatten bald ein Bett.

Verschiedene Begegnungen mit den einfachen Leuten vermittelten uns ein völlig neues Deutschlandbild. Die Menschen waren hilfsbereit, freundlich, redeten mit uns in einem sympathischen Dialekt. Das Klischee des hässlichen Deutschen zersprang: Deutsche sind auf verschiedenartig deutsch, wurde mir damals bewusst. Vaters Wortgift konnte mir nichts mehr anhaben. Später fiel ich ihm ins Wort, wenn er, der die Schweizergrenze nicht überschritten hatte, die Deutschen erneut schlecht machte.

Die Wanderung durch den Odenwald war für mich ein Schlüsselerlebnis. Der Mensch passt in kein Schema. Ein Volk kann nicht auf eine Identität reduziert werden. Die Formulierung «Die Deutschen sind ?» ist schon im Ansatz falsch. Man kann weder Italiener, noch Jugoslawen, weder Muslime noch Katholiken in einer Formel einkapseln. «Die Schweizer sind?» Sie sind nicht einfach, sie sind immer mehr und vielfach: Ein Schweizer ist ein Zuger, er kann ein Urner in Zug sein, ein Katholik, ein Protestant, ein Jude, ein Suchender, ein Fragender, ein Unternehmer, ein Reicher, ein Armer, ein italienisch, deutsch, französisch, rätoromanisch oder eine andere Sprache Sprechender. Er ist unter Umständen eingebürgert, im Herzen aber Franzose geblieben. Unzählige Möglichkeiten gibt es. Wie sollte man alle Schweizerinnen und Schweizer, wie Schwarze, Chinesen, Japaner über einen Leisten schlagen? Jeder Mensch kann in wechselnde Identitäten schlüpfen.

Die Bush-Regierung bezeichnete einige Länder innerhalb der Staatengemeinschaft als Schurkenstaaten. Die Liste verändert sich laufend. Gewiss, es gibt Feinde, aber Feinde sind immer auf verschiedene Weise verschiedene Feinde. Der palästinensische Nationalismus und Widerstand wurzelt tief. Nicht alle Palästinenser sind Schurken oder Terroristen. Muslime lassen sich nicht mit Fundamentalisten gleichsetzen. Aber es gibt sie. Das Opus Dei vertritt eine fundamentalistische Version des Katholizismus, doch ein gläubiger Katholik ist gewiss nicht einfach Fundamentalist.

Vernünftiges, gewaltfreies Zusammenleben ist zum Scheitern verurteilt, wenn derart grob vereinfacht wird. Werden alle Jugendlichen aus dem Balkan in einen Topf geworfen und abgestempelt, reagieren sie ihre Aggressivität an anderen ab. Woher die Gewaltzunahme kommt, wird zuwenig differenziert gefragt. Eine Politik der Härte beantwortet keine Fragen. Sie wirft höchstens neue auf, schafft eine feindliche Stimmung, weckt Rachegelüste und fördert Gewaltbereitschaft.

Jahrelang haben Schweizer Politiker, statt der Integration das Wort zu reden, Trennlinien geschaffen. Sie haben mit vereinfachenden und groben Positionen versucht, niedere Instinkte in der Abwehr des Fremden zu wecken. Plötzlich zeigen sich alle überrascht und reagieren auf Gewalt an Schulen aufgeregt. Sie wird zum Medienereignis, das den Ruf nach Härte legitimiert. Die Spirale der Gewalt dreht noch rascher.

Glücklicherweise gibt es engagierte Schulbehörden, die inzwischen Präventivmassnahmen in Zusammenarbeit mit Fachstellen getroffen haben. Gewalt, die sich auszubreiten droht, könnte man früh erkennen. Sie kündet sich in Worten an. So hätte man auch Anzeichen für das Massaker erkennen können, das der Student in Blacksburg angerichtet hat. Die NZZ fragt im Artikel «Gewalt, die sich selber liebt» vom 21. April, zu Recht: «Bildet sich zuerst eine Gewalt im Wort und dann in der Tat?»