Zur Verteidigung der Spatzen

Nachdem meine Kolumne «Keine Macht den Spatzen» in Form einer Fabel in der «Neuen Luzerner Zeitung» erschienen war, erhielt ich einen Brief mit vielen Fragen. Er war so humorvoll abgefasst, dass ich heute auf den Inhalt öffentlich öffentlich eingehen möchte. Der Name des Absenders tut hier nichts zur Sache, aber er hat meine Vorhaben autorisiert. Der eine oder andere Leser werde ihn vielleicht erkennen, aber das mache ihm nichts aus, lachte er, als wir uns getroffen haben. Ich musste ihm auch nicht erklären, dass schon die alten Fabeldichter gegenüber gewissen Tieren Vorurteile hegten. Der Esel wird als dumm, der Fuchs als schlau und der Löwe als stark, die Krähe sogar als eitel hingestellt. Die Verschlagenheit hat dem Fuchs aber einmal nichts genützt, als er mit seinem Freund, dem Esel, unterwegs einem Löwen begegnete. Wenn er ihn verschone, werde er den Esel in eine Grube führen, schmeichelte der Fuchs dem Löwen. Sobald der Esel im Loch gefangen war, knurrte der Löwe: «Ausgezeichnet, der Esel wird mir nicht entrinnen. Du bist zuerst an der Reihe!» Und er zerriss den Fuchs. So kann es Verrätern ergehen!

Zurück zum langen Brief, der eine Lanze für die Spatzen brach. «Im Namen der Spatzen und als Gönner der Vogelwarte Sempach bin ich nach der Lektüre der Kolumne irritiert und verunsichert. Im Winter, wenn es viel Schnee hat, füttern wir die Spatzen. Im Dachteil unseres Hauses befinden sich vier Spatzennester, in denen die Vögel im Sommer zweimal brüten. Was», fragte der Briefschreiber, «soll ich nun tun, wenn die Spatzen so frech sind, wie in der Kolumne erwähnt?» Wenn ihn das seichte Sommerfernsehprogramm nicht störe, werde ihn das Tschilpen wohl auch nicht aus der Ruhe bringen. Die Menschen jedenfalls seien letztlich streitsüchtiger als die Spatzen, beruhigte ich ihn. Denn selbst die frechsten Spatzen würden nicht derart rechthaberisch das Gespräch an sich reissen, wie dies bei vielen Talkshows vorkomme.

Mit einem leidenschaftlichen Bekenntnis zu den Spatzen unter dem Hausdach hat der Brief begonnen. Der Schreiber fährt weiter, es stelle sich ihm aber ein gewichtigeres Problem: «Meine liebe Frau nennt mich seit jeher Spatz oder, wenn es um neue Schuhe geht, sogar Spatzeli. Wie soll ich, nachdem ich Ihre Abqualifizierung der Spatzen gelesen habe, ihr beibringen, mich nicht mehr Spatz oder Spatzeli zu rufen? Haben Sie für einen solch verzwickten Fall ein Rezept oder gar einen besseren Begriff parat, wie sie ihren Altgeliebten künftig nennen soll?»

Nun drehte ich den Spiess um und antwortete, er solle seiner Frau nicht verbieten, ihn Spatz zu rufen. Aber er müsse sie warnen, dass dies Folgen haben könnte. Denn selbst einer, der liebevoll «Spatzeli» genannt werde, könnte unter Umständen Spatzen-Eigenschaften entwickeln. Was dies bedeute, wisse jede Frau, habe sie doch auch schon beobachtet, wie Spatzen ganz gern aus fremden Töpfen picken.

So ging es weiter, und ich geriet in arge Verlegenheit. Der Mann fragte mich nämlich, ob Edith Piaf, der Spatz von Paris, nach meiner Einschätzung nicht eine bessere Bezeichnung verdient hätte wie auch der berühmte militärische Spatz und die feinen Spätzli, die es zum Rehpfeffer gibt? Und die «Rigispatzen» oder die «Ägerer Dorfspatzen»? Die seien doch hervorragende Musikanten, selbst wenn sie sich «Spatzen» nennen. Und weiter meinte er, den sprachbewussten Kolumnisten mit leichtem Unterton fragen zu müssen, ob er etwa für das gängige Sprichwort «Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach?» eine bessere Metapher vorschlagen könne. Ich gab mich geschlagen und streckte die Waffen.

So betrachtet, sei sein Brief eine ornithologische Ehrenrettung einer Vogelart, die viel Nutzen bringe, vor allem deshalb, weil Spatzen unzählige Fliegen und Mücken fressen. Ich gebe zu, dass Spatzen nur frech sind, wenn man sie verwöhnt hat. Denn in der Nähe von Tischen bei Hotels und Restaurants werfen die Gäste ihnen oft Brot zu. Das macht sie satt und frech.

Ich begreife natürlich, dass der Briefschreiber das Wort Spatz stets in Anführungszeichen setzte. Damit wollte er seine geliebten Hausgäste von meinen Spatzen abheben. Selbstironisch meinte er am Schluss, er habe halt ein «Spatzenhirni» und tue mir deshalb vielleicht unrecht. Dennoch hätte er «Spatzen», die ich von der Macht gern fernhalten möchte, lieber als Intriganten, Mitmischler, Hintermänner, Dunkelmänner oder als Drahtzieher bezeichnet. Meine Antwort war einfach: Mit einer Fabel kann man eine komplexe Situation knapp auf eine Pointe zuschreiben, ohne zu moralisieren, was mir übrigens ein anderer Leser bestätigt habe. Die Fabel habe auch den Vorteil, dass sie weder zeit- noch ortsgebunden ist. Nur schon, wenn seine Frau ihn Spatzeli nenne, stecke mehr darin, als wenn sie ihm einen langen Liebesbrief schreiben würde.