Ein Umweg war nicht vorgesehen

Mitte April war ich eingeladen, an der Buchtaufe von «Anna Gelante» in Tallinn teilzunehmen. Mein kleiner Roman, 2002 erschienen, ist unterdessen ins Estnische übersetzt worden, ausgerechnet in eine der schwierigsten europäischen Sprachen. Anschliessend reiste ich nach Helsinki zu einer weiteren Lesung und freute mich auf Rovaniemi, hoch oben in Lappland, wo ich mit dem Botschaftsrat Beat Bürgi an der Universität auftreten sollte. Alles verlief nach Plan, bis mir am Vorabend mitgeteilt wurde, nicht nur unser Flug sei gestrichen worden, sondern alle Flugzeuge stünden am Boden. Der isländische Vulkan mit dem klingenden Namen wollte es so.

Ich sass also fest. Und es wurde mir bald einmal klar, dass ich nur auf dem Seeweg, ganz bestimmt nicht direkt, wieder in die Schweiz gelangen würde. Ich erinnerte mich an jenen Satz von Hans Blumenberg, den ich immer wieder gerne zitiere: «Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren.» Wie sollte ich zurück, in die Schweiz gelangen? Warten, hockend oder stehend? Nein, das war nicht mein Ding. Ganz bestimmt nicht so wie jener Mann, der in der Lobby des Hotels auf einem Stuhl schlief und manchmal laut schnarchte.

Es blieben mir also einige freie Tage, und ich begann mich auf kreative Umwege zu begeben: Ich entdeckte sogar ein ausgezeichnetes Restaurant, in dem Jean Sibelius, der berühmte finnische Komponist, jeweils getafelt hatte. Später trank ich im Café «Fazer», wo feiner Schokoladenduft das Lokal durchzog und gabelte mir zartes Gebäck auf die Zunge. Dieses finnische Unternehmen war von Karl Fazer, einem ausgewanderten Thurgauer Chocolatier und Bäcker, vor Generationen gegründet worden, und es habe in ganz Skandinavien einen ähnlich guten Ruf wie die Firma Sprüngli bei uns, liess ich mir sagen.

Schauen, Eindrücke sammeln, ohne gewisse Details aus einem «Dumont» zu entnehmen, die Stadt Helsinki einfach auf mich wirken lassen, wieder einmal ganz Flaneur sein, ein paar Eindrücke im Tagebuch festhalten, dem Meer entlang spazieren und mich von der Geschäftigkeit des Treibens nicht beirren lassen, am Abend sogar ins Opernhaus, wo die «Die lustige Witwe» von Franz Lehar auf Finnisch gegeben wurde, das war doch gut. Ich verstand kein Wort, ausser etwa Namen wie Vilja oder Maxim. Das Vilja-Lied hatte ich in jungen Jahren gesungen und mich dazu am Klavier begleitet. Da purzelten einige Verse aus dem Gedächtnis und ich sollte etwas später auf dem Weg ins Hotel summen: «Vilja, oh Vilja, du Waldmädelein…» und: «Ach, das Studium der Weiber ist schwer, nimmt uns Männer verteufelt auch her…» Ich sang etwa gleich lückenhaft, wie wenn von mir die zweite Strophe des Schweizerpsalms verlangt worden wäre. Auf der Bühne wurde unterdessen getanzt, mit Gläsern angestossen und geflirtet. Ein bisschen à la Finnisch, vermutete ich, nicht so süss wie bei uns oder in Österreich.

Am nächsten Tag fuhr ich nach Turku, und am übernächsten besuchte ich das moderne Kunstmuseum Kiasma in der Hauptstadt. Ich schlenderte leicht irritiert durch die Säle, bis auf einmal auf einer Leinwand ein Helikopter hochstieg, und ich mich in die Schweiz zurückversetzt glaubte. Richtig, bei näherem Zuschauen kreiste er über Grindelwald und näherte sich dem Agassizhorn, das seinen Namen von Jean Louis Rodolphe Agazziz erhalten hat, einem berühmten Glaziologen, 1807 in Môtier geboren, und der 1846 in die USA auswanderte. In der Fremde trat er allerdings als arger Rassist auf. Diesem Agassiz galt das Video. Gedreht hat es die schweizerisch-haitische Künstlerin Sasha Huber. Mit ihrer Installation wollte die Künstlerin bewirken, dass das fast viertausend Meter hohe Horn umgetauft werde. Künftig sollte es Rentyhorn heissen, zum Andenken an Renty, einen afrikanischen Sklaven. Nach der Abschaffung der Sklaverei wurde Agassiz zu einem Vordenker der Apartheid. Das Gesuch der Aktionskünstlerin wurde aber von Grindelwald heftig abgelehnt. Ich lächelte als ich das gemeindliche Verdikt im Saal las. Unverhofft war ich mitten in der helvetischen Bürokratie.

Am Sonntagnachmittag bestieg ich die Fähre nach Travemünde. Kurz nach Abfahrt war die See unruhig. Die Wellen warfen Schaumkronen, die dann in der gewaltigen Wassermasse zerflossen. Dann aber fuhr die Fähre in ruhigem Gewässer. Auch ich wurde ruhiger und las in Theodor Storms «Der Schimmelreiter». Als das Schiff nach der 27-stündigen Fahrt endlich anlegte, stand ich verloren in der Masse der Wartenden, die auch nicht wussten, wie es weitergehen sollte. Wie würde ich selber weiter kommen?

Nach einer guten Stunde hatte sich der Knäuel entwirrt, und ich sass bereits im Zug nach Lübeck. Dort kam ich um halb elf an. Fand ein Hotelzimmer in der Nähe des Bahnhofs, stellte das Gepäck ab, eilte anschliessend zum Taxistand und fragte nach einem Restaurant, wo ich spät noch etwas Warmes essen konnte. Bald sass ich in der historischen Gaststätte «Schiffergesellschaf zu Lübeck» und war verblüfft. Der hohe Raum, dessen Diele von schwarzen, schweren Balken getragen wurde, kam mir wie ein mächtiges Chorgestühl vor, mit all den reichen Schnitzereien und mit Wappen.

Ich war also im Lübeck der Buddenbroocks von Thomas Mann. Am nächsten Morgen blieben mir nur gerade zwei Stunden für einen ersten Augenschein. Ich kaufte im «Mann-Museum» Thomas Manns lange Erzählung «Mario und der Zauberer» und begann unterwegs nach Basel zu lesen. Dabei stiess ich auf die Stelle: «Wahrscheinlich kann man vom Nichtwollen seelisch nicht leben…» Ja, wie wollte ich nun endlich nach Hause!