Wie der Mensch mit der Vergänglichkeit umgeht

Auf dem Weg zur Aussichtsterrasse eines Bergrestaurants begegnete ich einem Bekannten, der mir auf dem Abstieg entgegenkam. Ich blieb stehen, reichte ihm die Hand, und er wiederum fragte mich, wie es mir gehe. Auf diese Frage reagiere ich jeweils mit meiner inzwischen eingeübten Standardantwort: «Soviel ich weiss, gut!» Er erwiderte, das treffe den Nagel auf den Kopf. Er selber sei gerade noch einmal davongekommen. Unverhofft sei er ein halbes Jahr teilweise gelähmt gewesen, habe nach einem früheren Zeckenbiss unter den typischen Symptomen einer Borreliose gelitten. Als ich mein Essen bestellt hatte, blätterte ich im Speisesaal in der Zeitung und stiess auf eine Todesanzeige. Da stand unter anderem: «Trotz ungebrochenem Lebenswillen wurde er unerwartet aus unserer Mitte gerissen.» Später gesellte ich mich zu einem früheren Studienkollegen, der zufällig an einem der hinteren Tische Platz genommen hatte. Wir hatten uns einiges zu erzählen, bis ich von der Begegnung auf dem Wanderweg begann.

«Wozu leben wir eigentlich?», fragte ich beim Anstossen, und gab die Antwort gleich selber: «Zur Bereicherung von Wissen und Können und zur Lebensfreude!» «Und dennoch ist das Leben vom Tod überschattet», antwortete mein Kollege. An die Geschichte meines Bekannten anknüpfend sprachen wir lange über den Tod und was er für den Menschen bedeute. Der Tod lasse keinen Menschen los. Doch nicht jeder könne im Frieden mit sich selbst sterben, sagte er. Da holte ich spontan das Blatt mit den Todesanzeigen aus dem Zeitungshalter und las ihm eine vor. «Mit eindrücklichem Gleichmut hat sie ihre Krankheit ertragen. Mit bewundernswerter Ruhe hat sie ihren nahen Tod angenommen. Im Frieden mit sich.»

Eine solche Gelassenheit ist nicht allen Menschen vergönnt. Die Hinterbliebenen verraten mit der Charakterisierung, dass die Verstorbene geradezu eine stoische Haltung bewahrt hatte. Der Tod aber ist im Grunde ein Nichts, und was nachher kommt, kann niemand wissen. Darum ist das Nachdenken über den Tod „ein dämmerhaftes Denken“, wie der Philosoph Vladimir Jankélévitsch geurteilt hat. Weil der Mensch sterben muss und vor dem Tod Angst hat, braucht er gleichzeitig Krücken. Die Phantasie liefert ihm zum Beispiel eine. Der Glaube ist vielleicht auch eine, die hilfreich sein kann.

Nun wagte ich es, die These aufzustellen, dass das Nichts am Ende des Lebens die Vorbedingung für die Phantasie des Menschen sei, denn würde er nicht sterben, bräuchte er keine Einbildungskraft. Die mittelalterliche Theologie scheine diese Behauptung zu bestätigen, wenn sie sage, der Lohn im Himmel für ein ehrliches Leben auf Erden bestehe darin, Gottes Antlitz von Ewigkeit zu Ewigkeit anschauen zu dürfen. Wäre der Mensch unsterblich, könnte er auf derartige Versprechungen verzichten. Ohne Krankheit und Tod bräuchte er sich auch nicht um technische Errungenschaften zu bemühen. Da der Tod aber ist, versuche der Mensch, mit sich ringend, besser und angenehmer zu leben und eine Antwort auf die Frage zu finden, was der Sinn des Lebens sei. Die Geistesgeschichte zeuge davon, dass die Frage, ob das Leben weitergehe, bestimmend ins Leben eingreife. Deshalb könnten Religionen und esoterische Lehren miteinander wetteifern, um eine überzeugende Antwort anzubieten.

Der Tod allerdings darf nicht mit dem Sterben verwechselt werden. Darüber wie ein Mensch gestorben ist, kann man reden, tot sein aber heisst schlicht: nicht mehr sein. Denkt man an einen Toten, erinnert man sich immer an sein Leben. Im Roman «Das Haus der glücklichen Alten» von Valter Hugo Mâe trauert Antonio Jorge da Silva um seine Gattin Laura, die neben dem Altersheim auf dem Friedhof begraben liegt. Er getraut sich vorerst nicht allein ans Grab zu gehen. Die alten Männer, die sich im Haus zu einer Gruppe zusammenfinden, vertun ihre Tage und so wird ihr Getue zur Variation über das düstere Thema des Todes. Sie suchen Zerstreuung, Ablenkung, wenden sich Äusserlichkeiten zu, entfachen Streit, ja, beginnen sich sogar zu hassen. Sie können und möchten sich nicht mit dem Nichts beschäftigen.

Oft inszeniert der Mensch ein grandioses Welttheater, um vom Tod abzulenken. Weil unfassbar ist, was nach dem Ende des Lebens geschieht, bleibt eine grosse Lücke offen, das der Phantasie und dem Denken viel Spielraum gibt. Der Mensch erfindet Geschichten, Glaubenslehren, Theorien, Bekenntnisse, Mythologien, Komödien und Tragödien. Damit versucht er mit der Tatsache der Vergänglichkeit fertig zu werden. Auch wenn einer sagt, soviel er wisse, gehe es ihm gut, ist er nicht frei, nicht an den Tod zu denken.