Die Mehrdeutigkeit von Leben und Gesellschaft

Im Museum Bruder Klaus in Sachseln werden Kunstwerke gezeigt, die die Kulturförderungekommission des Kantons Obwalden in den letzten acht Jahren erworben hat. Die Ausstellung präsentiert einen Ausschnitt aus dem künstlerischen Schaffen Obwaldens und der Zentralschweiz. Darunter finden sich Werke namhafter Künstler, die eine Werkschau gestatten. Sie folgt keinem einheitlichen oder eindeutigen Stil, wie wir es von grossen europäischen Epochen, wie z. B. der Gotik oder dem Barock, gewohnt sind. Die Arbeiten stellen den Betrachter vor die Auseinandersetzung mit der Mehrdeutigkeit des Dasein und der Individualität des Erlebens und Gestaltens in der modernen Zeit. Im Unterschied zur Welt der Eindeutigkeit, wie sie von Politikern und Predigern heraufbeschworen wird, sind die Werke vielgestaltig und kommen ohne Schablonen und Floskeln aus. Die Künstler werfen, sensibel ahnend, einen Blick in die Zukunft und geben dem Besucher zu bedenken, dass nur derjenige zu bestehen vermag, der sich auf die Mehrdeutigkeit von Leben und Gesellschaft einlässt. Die Kunst repräsentiert kein geschlossenes Weltbild, kein definierbares Heimatgefühl. Sie antwortet auch nicht auf die Frage, was «Heimat» eigentlich ist. Sie lehnt die patriotische Gestik ab. Sie sagt auch nicht, welche Werte gültig sind. Werden Menschen dargestellt, dann sind es fragende, unsichere wie die Selbstporträts von Charles Wyrsch oder die queren Köpfen einer Jassrunde von Doris Windlin. Zu Eugen Bollins «Begegnungen» steht im Katalog vermerkt, dass der Maler aus Bewusstsein und Unbewusstem schöpfe, und er dabei «das Erreichte in seiner Kunst in Frage» stelle.

Ja, das ist es. Die moderne Kunst stellt sich selbst in Frage und sucht zeitgemässe, oft ironisierende Antworten. Die Abbildungen und Plastiken aus früherer Zeit - wie z.B. in der benachbarten Kirche – scheinen jedoch nicht an sich selber zu zweifeln und flüchten sich da und dort in die schöne Gebärde. Die ältere Kunst scheint eindeutig. Blickt man aber in das gemalte Antlitz von Bruder Klaus, dem im Parterre des Museums eine Abteilung gewidmet ist, begegnet man Künstlern, die seinerzeit auch Fragen aufgeworfen haben. Es sind Gesichter geworden, die fromme Menschen in alten Zeiten irritiert haben könnten. Heute haben wir uns an die Bildnisse gewöhnt. Da gibt es nicht mehr viel zu fragen. Die Kunstwerke der Moderne aber lösen Formen und Konturen auf. Sie führen den Betrachter in die Leere, so als wäre auch der Himmel leer und nicht mit Heiligen bevölkert.

Wäre die Welt vor hundertfünfzig Jahren – in der Zentralschweiz vor fünfzig Jahren – stehen geblieben, hätte es wohl kaum mehr etwas zu fragen gegeben. Da hätte es schlicht und einfach geheissen: Entweder-Oder. Entweder hältst du das Wunder für wahr oder du bist ein Ketzer. Heute gibt es das Entweder-Oder nicht mehr, sondern das Sowohl-als-auch und das vieldeutige Vielleicht.

Der moderne Mensch von heute, das verdeutlicht die kleine Ausstellung, muss lernen, sich mit der Mehrdeutigkeit abzufinden. Moderne Kunst stellt zum Leidwesen vieler eine Welt dar, in der sich die Werte auflösen. Sie verheisst eine ungewisse Zukunft und stellt die Identität in Frage. Umso mehr gewinnen die Fragen nach dem Woher und dem Wohin des menschlichen Lebens an Dringlichkeit. All die Antworten, die früher einfach verbindlich waren, können den modernen Menschen nicht mehr befriedigen.

Natürlich stellten Künstler vergangener Jahrhunderte auch Fragen, wenn sie nicht gerade eine Auftragsarbeit übernommen hatten. Doch die Antworten waren meist vorgegeben. So wurde das Gedicht «Das Senfkorn» der Zisterzienser Nonne Mechtild von Magdeburg (1212 – 1283) der Mystik zugeordnet und dadurch für das alltägliche Leben irrelevant. Das Gedicht aber entzog schon damals der Eindeutigkeit den Boden:

Der Weg trägt dich
in eine wunderbare Wüste,
die sich breit, weit
endlos dehnt.
Die Wüste hat weder Zeit noch Ort,
sie ist auf besondere Weise.


Das Gut dieser Wüste
hat nie ein Fuss durchquert,
geschaffne Vernunft
kam nie dahin:
Es ist, und weiss doch niemand, was.
Es hier, es dort,
es fern, es nah,
es tief,
es hoch,
es ist derart,
dass es ist weder dies noch das.

Die Wüste, die sich für Mechtild von Magdeburg auftut, ist das Jenseits, der Raum, den wir, in christlicher Tradition, Himmel nennen. Er hat weder Zeit noch Ort. Nie hat ein Fuss jemals diese Wüste durchquert. «Franz Buchers grossformatige Bilder sind seismographische Aufzeichnungen innerer Landschaften», lässt uns der Katalog wissen. Sie sind derart, dass sie weder dies noch das sind, was ebenfalls auf andere Werke in der Ausstellung zutrifft. Jörg Niederberger meint: «Meine Malereien sind Farblandschaften, in denen man sich verlieren kann.» Das Sich-verlieren-können führt in eine Wüste, die nie ein Fuss durchquert hat. Es gibt in diesem Farbspektrum keine Eindeutigkeit. Die Farben verfliessen ineinander. Sie verbinden und vermischen eigentlich unvereinbare Sphären. Keine Spur führt an ein Ziel. Wohin treibt die Welt, was wird die Zukunft bringen? Wer dabei in der Eindeutigkeit haften bleibt, lebt an der Zeit vorbei. Er lebt in Antworten und nicht in Fragen.

Die Ausstellung «KÜR» im Museum Bruder Klaus dauert bis Mitte Juni. Es ist erfreulich, dass der Kanton Obwalden sein Ankäufe ausstellt. Damit werden die Künstler ausgezeichnet und zugleich wird ihr Schaffen gefördert, wie Landammann Hans Hofer betont. «KÜR» bedeutet für den Kurator, Urs Sibler, nicht «Pflicht», sondern freie Wahl.