<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?>
<rss version="2.0" 
    xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
    xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
    xmlns:admin="http://webns.net/mvcb/"
    xmlns:rdf="http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#"
    xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:itunes="http://www.itunes.com/dtds/podcast-1.0.dtd">
	<channel>
<title>Andreas Iten: Kolumnen</title><link>http://www.andreas-iten.ch/index.php</link><description>Kolumnen</description><dc:language>de</dc:language><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><dc:rights>Copyright 2009 Andreas Iten</dc:rights><dc:date>2012-05-17T08:45:02+02:00</dc:date><admin:generatorAgent rdf:resource="http://www.realmacsoftware.com/" />
<admin:errorReportsTo rdf:resource="mailto:info@andreas-iten.ch" /><sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
<sy:updateBase>2000-01-01T12:00+00:00</sy:updateBase>
<lastBuildDate>Do., 17 Mai 2012 08:48:13 +0200</lastBuildDate><item><title>Noch romantische Gef&#xfc;hle?</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2012-05-17T08:45:02+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/f609b6da82c983ef2b1db691c6e88267-78.html#unique-entry-id-78</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/f609b6da82c983ef2b1db691c6e88267-78.html#unique-entry-id-78</guid><content:encoded><![CDATA[An einem wolkenlosen Tag im M&auml;rz plauderte ich mit einer Schriftstellerin am See. Wir schauten auf die schneeverhangenen Berge, sprachen &uuml;ber Literatur und Menschen und tranken einen guten Weisswein. Der Autor sei in seinen Gedanken weniger verl&auml;sslich als im Schreiben, behauptete ich. &laquo;Ja&raquo;, meinte sie, &laquo;beim Schreiben tritt etwas hervor, von dem man von vorneherein nichts weiss.&raquo; Immer wieder mussten wir die Stimme heben, pausenlos dr&ouml;hnte der Verkehr am Quai entlang. Stoppen! Nachr&uuml;cken! &laquo;Ach ja&raquo;, sagte sie pl&ouml;tzlich, &laquo;ich bin keine Romantikerin mehr. Das ist vorbei. Ich nehme das Leben, wie es ist, und was nicht zu &auml;ndern ist, lasse ich. Was sein muss kann sein, was aber sein kann, muss nicht immer sein.&raquo;<br />&nbsp;<br />Auf einmal bog ein roter Ferrari donnernd ein und parkierte vor dem Hotel. &laquo;Wir leben in einer selbstverliebten Zeit. In ihr gibt es keinen Platz mehr f&uuml;r Romantik&raquo;, sagte meine Kollegin nachdenklich. Sie klang resigniert, was mich leicht &uuml;berraschte. &laquo;Sind nicht eher die Hetze und die Gier nach Vergn&uuml;gen schuld, die jedes romantische Gef&uuml;hl wegputzen&raquo;, antwortete ich. &laquo;Woran mag wohl ein Ferrari-Fahrer denken?&raquo;, unterbrach sie mich. Verlegen suchte ich nach einer Antwort: &laquo;Bestimmt liebt er sein Auto. Vielleicht ist dies eine moderne Form von Romantik. Einen Ferrari zu fahren, ist doch eine emotionale Angelegenheit.&raquo; &laquo;Was f&uuml;r eine m&auml;nnliche Antwort!&raquo;, lachte sie und steckte mich damit an. Wir beobachteten, wie der Fahrer leicht an den Wagen lehnte und eine Zigarette rauchte.<br />&nbsp;<br />Sie hatte meinen ironischen Unterton sehr wohl verstanden und wechselte das Thema. &laquo;Fr&uuml;hling l&auml;sst sein blaues Band / wieder flattern durch die L&uuml;fte &hellip;&raquo; wie ein singender Vogel flog auf einmal ein wenig Romantik hinzu. Der blaue Himmel verlief vom Pilatus zur Rigi, kein Kondensstreifen tr&uuml;bte ihn, nur gerade das Horn eines Dampfers, der gerade anlegte, zerriss die Stimmung f&uuml;r einen Augenblick. Ich nahm den Vers auf: &laquo;S&uuml;sse, wohlbekannte D&uuml;fte / Streifen ahnungsvoll das Land.&raquo; Was habe doch das Gedicht f&uuml;r eine eigene Kraft, wir sollten aber unten an der Reuss weiterrezitieren, empfahl sie. Mit dem Blick auf die Wasserv&ouml;gel und auf den Fluss lasse sich die Stimmung besser bewahren.<br />&nbsp;<br />Wir freuten uns dar&uuml;ber, dass wir das Gedicht auswendig aufsagen konnten, den einen Vers jeweils dem anderen weiterreichend: &laquo;Veilchen tr&auml;umen schon / Wollen balde kommen.&raquo; Das sei von M&ouml;rike, unterbrach sie mich und fuhr gleich fort: &laquo;Horch, von fern ein leiser Harfenton! / Fr&uuml;hling, ja du bist&rsquo;s! / Dich hab ich vernommen!&raquo;<br />&nbsp;<br />Auf der Br&uuml;cke beschleunigte ein Fahrer seinen Wagen und schloss l&auml;rmend eine L&uuml;cke in der Kolonne. Mir entfuhr; &laquo;Idiot!&raquo;, vergass die Verw&uuml;nschung aber schnell, denn unten an der Reuss herrschte eine Art Ferienstimmung. Wir sprachen am Wasser &uuml;ber die Schriftstellerei und machten uns ein paar Gedanken dar&uuml;ber, wie denn heute romantisches Gl&uuml;ck in einem Text &uuml;berhaupt beschw&ouml;rt und dargestellt werden k&ouml;nne, ohne dass es sofort kitschig und voller Metaphern wirke.<br />&nbsp;<br />Nach dem anregenden Treffen fuhr ich nach Hause. Gegen Abend wanderte ich im Licht der untergehenden Sonne &uuml;ber den Panoramaweg am Hang &uuml;ber dem Tal. Ich schaute auf das immer noch wachsende Dorf, den See, die Berge. Buschwindr&ouml;schen und Veilchen schm&uuml;ckten den schmalen Trampelpfad, sie lachten mich an, und schattenhalb bl&uuml;hte der Huflattich. Kleine Wunderwerke der Natur! Diesen Weg gehe ich oft, f&uuml;r mich ist er der Philosophenweg. Ich liess meine Gedanken &uuml;ber die D&auml;cher des Dorfes schweifen. Manchmal lese ich auf einem B&auml;nkchen in einem Buch. Diesmal blieb ich an einem Satz von Franz Tumler h&auml;ngen: &laquo;Wir halten in uns Dinge f&uuml;r wichtig, die es nicht sind; und halten das Wichtige, das die andern sofort sehen und als unsere eigentliche Kraft oder Schw&auml;che erkennen, oft nicht f&uuml;r der Rede wert.&raquo; Sollte jemand finden, mein Hang zu romantischer Dichtung seine Schw&auml;che, dann w&uuml;rde ich es tats&auml;chlich f&uuml;r nicht der Rede wert halten.<br />&nbsp;<br />Der n&auml;chste Tag strahlte wieder wolkenlos. Kinder sprangen lachend und singend &uuml;ber den Panoramaweg. Werden sie in eine Welt hineinwachsen, die ihnen noch Raum f&uuml;r romantische Gef&uuml;hle bietet? Ich beobachtete, wie sie bei einem frischen Erdloch stehen blieben, sich b&uuml;ckten, neugierig schauten und sich fragten, von welchem Tier es wohl stammen k&ouml;nnte. Als ich n&auml;her kam, schauten sie mich fragend an. Ich wusste nicht Bescheid. Ein Wiesel oder ein Marder? Ein gr&ouml;sseres Tier konnte es auf alle F&auml;lle nicht sein.<br />&nbsp;<br />Ich ging freudig meines Wegs und war gl&uuml;cklich, dass ich diese neugierig verspielten Kinder getroffen hatte. Jedes hatte ein Str&auml;usschen Wiesenblumen in der Hand gehalten. Die Welt hatte f&uuml;r sie an diesem Tag einen eigenen Klang. Wie lange, dachte ich, widersteht ihr Gem&uuml;t der Sogwirkung der modernen Welt? Wird das Kind im Manne, in der Frau erhalten bleiben? Wird es ihnen vielleicht Spass machen, ein Gedicht auswendig zu lernen? Zwar wusste ich, &laquo;Poesie kommt immer zu sp&auml;t oder zu fr&uuml;h, eine kr&auml;ftige lebendige Gegenwart macht ihr den Platz streitig. Und das ist gut so&raquo;, meinte Eichendorff, man soll zuerst die Poesie im Leben entdecken, ehe&nbsp; man sie in die W&ouml;rterwelt einsperrt**, aber mir spendet sie halt schon heilende Kraft, auch wenn ich sie nur in einem Buch finde.<br />&nbsp;<br /><span class="anmerkung">* Franz Tumler. Wie entsteht Prosa. Haymon tb.<br />** R&uuml;diger Safranski: Romantik. Eine deutsche Aff&auml;re. Hanser</span>]]></content:encoded></item><item><title>Politische Phantomschmerzen</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2012-04-01T17:09:47+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/7989ab95461ed02cb536aee255dd2430-77.html#unique-entry-id-77</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/7989ab95461ed02cb536aee255dd2430-77.html#unique-entry-id-77</guid><content:encoded><![CDATA[Auch der modernen Forschung gibt das Ph&auml;nomen Phantomschmerzen noch immer R&auml;tsel auf. Da gibt es zum Beispiel den Unterschenkelamputierten, der t&auml;glich Schmerzen im Glied versp&uuml;rt, das gar nicht mehr vorhanden ist. Was soll dieser mysteri&ouml;se Schmerz ausgerechnet mit der Politik zu tun haben? Besch&auml;ftigt sie sich etwa auch mit Problemen, bei denen der reale Hintergrund schon abhanden gekommen ist, wenn eine Motion oder eine parlamentarische Initiative eingereicht wird. Darum m&ouml;chte ich diese Frage anhand der Flut von Vorst&ouml;ssen im eidgen&ouml;ssischen Parlament zu beantworten versuchen, mit denen die Verwaltung auf Trab gehalten wird. Sie verursachen hohe Kosten, und dennoch werden sie jeweils nach zwei Jahren zu 80 Prozent summarisch abgeschrieben und l&ouml;sen sich in Luft auf.<br /> <br />Es k&ouml;nnte sehr wohl sein, dass gewisse Vorst&ouml;sse, die sich erst noch oft &auml;hnlich sind, unter dem Einfluss von Phantomschmerzen eingereicht werden. Nat&uuml;rlich lassen sich diese nicht mit Elektrostimulation, Physiotherapie, Akupunktur oder Biofeedback behandeln, Methoden, die &uuml;brigens bei realen Schmerzen sehr wenig n&uuml;tzen. W&auml;hrend der letzten eidgen&ouml;ssischen Legislaturperiode wurden 7792 Vorst&ouml;sse eingereicht, w&auml;hrend es zwischen 2003-2007 &laquo;erst&raquo; 4346 waren. So ist etwa aktenkundig, dass der Nationalrat am 30. September 2010 14 Vorst&ouml;sse zum Thema Wolf behandelt hat. Das war wohl ein Dutzend zu viel. Immerhin mag schmerzlindernd sein, wenn der eine oder andere Vorstoss beim Einreichen in der Presse wenigstens erw&auml;hnt worden ist.<br /> <br />Haben am Ende die FDP-Liberalen ihre leidige Initiative &laquo;B&uuml;rokratie-Stopp&raquo; wegen chronischen Phantomschmerzen lanciert? Die Partei hat grosse M&uuml;he, die n&ouml;tigen Unterschriften zusammenzubringen. Selbst eingefleischte  Freisinnige unterschreiben nicht. Da n&uuml;tzt es auch nichts, wenn Nationalrat Otto Ineichen seine Ratskollegen st&auml;rker verpflichten will, damit jeder auch wirklich ein bestimmte Anzahl Unterschriften aus seinem Umkreis besorgt. Der wirblige Mann sollte wohl besser die Frage stellen, wie viele Vorst&ouml;sse unser politisches System denn noch vertr&auml;gt. Zudem bringt jedes Auftauchen eines B&auml;rs, jede Krise, jeder neue Skandal so manchen Bundespolitiker dazu, rasch eine Eingabe einzureichen. Dabei wird gleichzeitig nach griffigen Gesetzen gerufen, und gibt der Bundesrat nach, ger&auml;t der Staat jedes Mal tiefer in den Paragraphenwald. Auch beim Fall Hildebrand wird die Gesetzesmaschine unn&ouml;tigerweise wieder angeworfen.<br /> <br />Als die Initianten der &laquo;Anti-Minarett-Initiative&raquo; mit dem Sammeln der n&ouml;tigen Unterschriften begannen, beschlich mich ein komisches Gef&uuml;hl. Das Kribbeln in den Gliedern der Initianten habe ich f&ouml;rmlich gesp&uuml;rt. Doch damals wusste ich erst wenig &uuml;ber den medizinischen Fachbegriff. Ich erinnere mich, wie ich sagte, in der Schweiz w&uuml;rden Tausende Kircht&uuml;rme stehen, an Wegr&auml;ndern Kreuze und Kapellen, da ertrage es gewiss das eine oder andere Minarett. Schliesslich gelte Abraham nicht nur als Stammvater der Juden und Christen, sondern auch der Mohammedaner. Anfang M&auml;rz ist eine CVP-Nationalr&auml;tin, geplagt von frischen Phantomschmerzen, mit ihrer parlamentarischen Initiative in der grossen Kammer durchgekommen, die verlangt, dass unsere Verfassung f&uuml;r christliche Symbole eine Sonderstellung vorsieht. F&uuml;r was die Verfassung doch nicht alles herhalten soll!<br /> <br />Als der St&auml;nderat am 8. M&auml;rz zwei sich widersprechende Motionen zur gleichen Materie gegen den Widerstand des Bundesrates &uuml;berwies, war ich mehr als nur erstaunt: da soll der Bundesrat also die laufenden Gespr&auml;che &uuml;ber ein Agrar-Freihandelsabkommen abbrechen und andererseits in einem Bericht aufzeigen, wie eine schrittweise und kontrollierte Einf&uuml;hrung des Lebensmittelfreihandels mit der EU m&ouml;glich gemacht werden k&ouml;nnte. Als St&auml;nderat Felix Gutzwiller nach der Abstimmung in den Vorraum des Ratsaales st&uuml;rmte und auf Nationalrat Christophe Darbellay traf, soll er laut NZZ aufgeregt ausgerufen haben, das sei doch schizophren. Der Walliser, selber kein Verfechter des Agrarfreihandels, aber Mitverursacher der einen Motion, habe gelacht und geantwortet: &laquo;Das nennt man Politik!&raquo; Dennoch war die &Uuml;berweisung in heikler Angelegenheit eine schlaue L&ouml;sung, denn bei k&uuml;nftigen kontroversen Diskussionen  zum Agrarfreihandel kann sich nun jedes Ratsmitglied je nachdem auf die eine oder auf die andere Motion berufen.<br /> <br />Das beste Heilmittel dagegen verschrieb sich der 2003 verstorbene ehemalige CVP-Nationalrat und wortgewaltige Zuger Baudirektor Alois H&uuml;rlimann gleich selber. Mir hat er einmal gestanden, er habe w&auml;hrend seinen Jahren in Bundesbern (1963-1979) h&ouml;chstens drei vier Vorst&ouml;sse eingereicht, jeder weitere w&auml;re nutzlos gewesen. Vielleicht war dies eines seiner Rezepte, um entspannt zu bleiben und witzige Ansprachen zu halten. Aber dies allein war nicht der Grund, dass er viermal glorreich in den Nationalrat gew&auml;hlt wurde. Er war ein Tatmensch und ein guter Verkehrspolitiker. Einmal f&uuml;hrte er den Kantonsrat auf dem j&auml;hrlichen Ausflug zu einer fast fertig gestellten Br&uuml;cke und rief stolz: &laquo;Daf&uuml;r habt ihr heute Morgen den Baukredit bewilligt!&raquo; H&uuml;rlimanns Auftritt l&ouml;ste an Ort und Stelle ein grosses Gel&auml;chter aus, aber da einige Gesetzespuristen dabei doch Phantomschmerzen versp&uuml;rten, setzte es im Ratsaal ein Nachspiel ab. Er musste Red und Antwort stehen, was er wohl verschmerzt haben wird. Das Lachen jedenfalls verlor er zeitlebens nicht.]]></content:encoded></item><item><title>G&#xf6;tter im Exil</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2012-02-08T15:21:16+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/1ffef509c22e633e81d5e81527cd7f52-76.html#unique-entry-id-76</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/1ffef509c22e633e81d5e81527cd7f52-76.html#unique-entry-id-76</guid><content:encoded><![CDATA[Seit der Zeit, als die griechischen G&ouml;tter aus dem Olymp vertrieben wurden, leben sie im Exil. Heinrich Heine hat ihnen mit &laquo;Die G&ouml;tter im Exil&raquo; eine sp&ouml;ttische Erz&auml;hlung gewidmet, in der er berichtet, wie er sie an den Orten ihrer Verbannung gefunden habe. Jupiter zum Beispiel traf er im hohen Norden an, in einer j&auml;mmerlichen H&uuml;tte, sozusagen eingesargt in Eis und Schnee, neben ihm stand ein halbgerupfter Adler. Einst war er der M&auml;chtigste im griechischen G&ouml;tterhimmel, auch wenn er nicht etwa vorbildlich war. Vielmehr fiel er als Intrigant und Weiberheld auf. Hermes, der Gott der Diebe und der Kaufleute, tarnt sich mit einer Maske, und irrt als Heimatloser auf der Erde herum. Noch immer bet&auml;tigt er sich als gerissener Brieftr&auml;ger der G&ouml;tter. Und Pluto, der als Besch&uuml;tzer der Besch&uuml;tzer der Bodensch&auml;tze und des Reichtums galt, h&auml;lt sich nun in der Unterwelt versteckt und sitzt &laquo;warm bei seiner Proserpina&raquo;. Trotz des christlichen Anathemas, des Bannfluchs, habe sich seine Position in der Welt nicht ver&auml;ndert, meint der Dichter.<br /> <br />Heines Lachen &uuml;ber die exilierten G&ouml;tter ist ansteckend. Blickt man in die Welt, so hat man den Eindruck, die Sagenfiguren seien noch immer aktiv. Die modernen G&ouml;tter allerdings sind nur noch Halbg&ouml;tter, und viele von ihnen leben heute im Exil; sei es, weil sie unfreiwillig geschickt worden sind, oder weil sie sich eines Tages einfach davongeschlichen haben. Dem Kolumnisten wurde von einem Bekannten, der gerne wandert, kolportiert, er habe O, den einst m&auml;chtigen Herrscher an der Spitze einer Bank, hoch oben am Hornberg im Saanenland, in einer alten, wettergegerbten H&uuml;tte hocken gesehen. Zuerst sei ihm aber der d&uuml;nne Rauch aufgefallen, der aus dem Kamin stieg, und den der Wind auf das Dach dr&uuml;ckte. Dann habe er doch gewagt, einen Blick durch das Fenster zu werfen und realisiert, dass O nicht allein war, sondern mit E zusammen, der gestikulierte und wahrscheinlich bei O einen Rat geholt habe. Vielleicht habe er von O wissen wollen, wie er sein Kapital zu einem Zinssatz von 18 Prozent anlegen k&ouml;nne. Zwar sei E selber so schlau wie einst Pluto gewesen war, und doch w&uuml;rde O bestimmt einige gute Tipps vorr&auml;tig haben. Eigenartig habe es den Spion am Fenster ged&uuml;nkt, dass E in einer derart armseligen H&uuml;tte noch immer eine Fliege getragen habe, als wolle er auch einen Safe in der Unterwelt anst&auml;ndig gekleidet aufsuchen.<br /> <br />V, einst ein m&auml;chtiger Regierungsmann, kehrte nach seinem R&uuml;cktritt wieder aus dem Exil zur&uuml;ck und &uuml;bernahm die Spitze jener Bank, die einst O geleitet hatte. Hier geriet er mit einem anderen Halbgott in Streit und realisierte bald einmal, dass er nicht viel zu sagen hatte. Jedenfalls gelang es ihm nicht, sich gegen die plutonischen Kr&auml;fte durchzusetzen und die masslose Gier einzud&auml;mmen. So musste er kapitulieren, verlor sein Gesicht und &uuml;berlegte sich, ob es nicht besser gewesen w&auml;re, im stillen Exil zu verbleiben. Pluto ist ein m&auml;chtiger Verf&uuml;hrer, und da er, wie Heine berichtet, im Schattenreich noch immer die F&auml;den zieht, war es eben nicht leicht, ihm zu widerstehen. Als letzte Konsequenz blieb V nur der R&uuml;cktritt. Regieren war f&uuml;r ihn bedeutend einfacher gewesen, als die  plutonischen M&auml;chte zu b&auml;ndigen.<br /> <br />Heine hat recht, wenn er behauptet, Hermes &ndash; zwar im Exil &ndash; sei immer noch am Werk. Auch im Schattenreich der Finanzen zehrt er von seinem Vorleben und seinen Talenten. Hermes ist ja auch als Brieftr&auml;ger der G&ouml;tter bekannt. Somit l&auml;sst sich von ihm sagen: ein Zutr&auml;ger ist immer auch ein Wegtr&auml;ger. Gerade im j&uuml;ngsten Fall des nunmehr exilierten H trifft dies zu. Da kann man eine ganze Kette von Zutr&auml;gern und Wegtr&auml;gern namhaft machen. Einer ist zum Beispiel darunter, der hat sich sogar erfrecht zu l&uuml;gen und vor aller Augen behauptet, er habe der Regierungsfrau keine Dokumente vorgelegt. Das erwies sich dann als ein typisch hermetisches Versteckspiel. Von Journalisten zur Rede gestellt, griff er in die Trickkiste und korrigierte, davonschleichend, es seien eben keine Originalpapiere gewesen.<br /> <br />Dieser B wollte, einmal im Besitz der Daten von H, den Sturz des von den Meisten in unserem Land anerkannten Pr&auml;sidenten. Vom Sturz der Titanen erz&auml;hlen zahlreiche griechische Sagen, und selbst die Olympier liessen sich von Skandalen nicht einsch&uuml;chtern. B wusste nat&uuml;rlich, wie er h&auml;tte vorgehen k&ouml;nnen, damit die Verletzung des Bankgeheimnisses nicht ruchbar geworden w&auml;re. Er nahm aber um des Sieges willen in Kauf, dass sogar in deutschen Medien h&auml;mische Kommentare &uuml;ber die selbstwillige Verletzung des Bankgeheimnisses geschrieben wurden. H&auml;tte er das gestohlene Wissen den Oberw&auml;chtern der SNB n&auml;mlich weitergeben, w&auml;re H scharf zurecht gewiesen worden, die Institution aber h&auml;tte keine Kratzer abbekommen.<br /> <br />Da Halbg&ouml;tter oft sehr eifers&uuml;chtig sind und es nicht mit ansehen k&ouml;nnen, wenn ihnen andere machtvoll in die Quere kommen, entspann sich ein kleinschweizerischer olympischer Machtkampf. B st&uuml;rzte H. Und dieser gelungene Sturz l&ouml;ste bei B ein fast homerisches Lachen aus, bis sich A alias D&ouml;lf &ouml;ffentlich ermannte, ihm nahezulegen, ins Exil zu gehen. Was in diesem Fall nicht viel bedeuten w&uuml;rde, denn wir wissen jetzt, dass auch G&ouml;tter und Halbg&ouml;tter im Exil weiterhin t&auml;tig sind. Danke, Heinrich Heine!<br /> <br />Andreas Iten<br /> <br /><span class="anmerkung">*Heinrich Heine: Die G&ouml;tter im Exil. In: Heinrich Heine. S&auml;mtliche Werke, Band II. Winkler D&uuml;nndruck-Ausgabe.</span><br /> ]]></content:encoded></item><item><title>Das Ende der Ausschliesslichkeit</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2012-01-13T19:52:39+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/8e3b1aeaa785610ac563c1c9dff5949e-75.html#unique-entry-id-75</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/8e3b1aeaa785610ac563c1c9dff5949e-75.html#unique-entry-id-75</guid><content:encoded><![CDATA[Der Mensch ist in Geschichten verstrickt. Und will man genauer wissen, wer der andere ist, muss man seine Geschichten kennen. Frisch Verliebte fragen einander aus, bis sie den Eindruck haben, sie w&uuml;ssten nun alles vom Vis-&agrave;.vis. Taucht eine neue Geschichte auf, beginnt das Fragespiel von vorne. Eine solche Geschichte kann das Gegen&uuml;ber pl&ouml;tzlich in einem neuen Licht erscheinen lassen. &laquo;Aha, so war das mit deiner letzten Liebe. Davon hast du mir noch nichts erz&auml;hlt.&raquo; &laquo;Das war bis heute auch nicht n&ouml;tig, denn schliesslich ist unsere, die eben ihren Anfang genommen hat, einzigartig&raquo;, lautet dann die Antwort.<br /> <br />Ein altes Paar, das zusammen ein langes Leben bestanden hat, lebt auf einem Berg von Geschichten. Diese machen ihr Leben reich und lassen wiederholt die Frage zu: &laquo;Wei&szlig;t du noch?&raquo; Schon mit der Geburt standen sie auf zwei verschieden grossen Erinnerungsh&uuml;geln und haben Geschichten von ihren Vorfahren geerbt. Grosseltern, Eltern, Geschwister, nahe und entfernte Verwandte wurden ihre Begleiter durchs Leben. Das Paar wurde hineingeboren in ein Dorf, in eine Religion, in eine sp&auml;tere Berufswelt, vielleicht waren sich die Familien feind wie in &laquo;Romeo und Julia auf dem Dorf&raquo; bei Gottfried Keller.<br /> <br />Wir lesen sehr gerne Familiengeschichten oder Romane, die von ungew&ouml;hnlichen Zusammentreffen erz&auml;hlen. Oskar Peer schildert in seinem Roman &laquo;Das alte Haus&raquo;, wie ein junger strebsamer Mann in einem Dorf zum Aussenseiter wird, und wie er schliesslich das Haus seiner Herkunft anz&uuml;ndet. Damit allerdings hat er den Berg seiner Geschichte nicht abgetragen, vielmehr eine hinzugef&uuml;gt, eine d&uuml;stere zwar.<br /> <br />Mein Schwiegervater, der w&auml;hrend des Ersten Weltkriegs in Berlin festgehalten  wurde, sagte immer, man k&ouml;nne seiner eigenen Geschichte nicht entgehen, und selbst wenn einer nach Amerika fliehen w&uuml;rde, w&uuml;rde er sie mitnehmen. Viele Einwanderer und Fl&uuml;chtlinge kommen von ihren Herkunftsgeschichten nicht los. Obwohl sie unversehens in neue Geschichten geglitten sind, k&ouml;nnen sie den alten nicht entgehen. Das macht es oft schwierig, sich in einem Land zurechtzufinden und zu assimilieren.<br /> <br />So wie ein einzelner Mensch in Geschichten verstrickt ist, so auch ein Land oder ein Kontinent. Im Geschichtsunterricht erz&auml;hlte der Lehrer mit strahlenden Augen, wie sich die Eidgenossen gegen fremde V&ouml;gte gewehrt, wie sie sich ihrer durch den Burgenbruch entledigt haben. Im &laquo;Weissen Buch von Sarnen&raquo; wurden diese Geschichten festgehalten. Sie dienten damals der inneren Festigung der alten Orte, denn die Eidgenossen sahen sich von aussen bedroht. Also mussten sie sich eine Identit&auml;t geben und gr&uuml;ndeten sie auf die heldenhaften Vorfahren.<br /> <br />Die Geschichte eines Landes wird immer wieder neue geschrieben. Neue Quellenfunde ver&auml;ndern das Bild, und der Blick auf die Vergangenheit wandelt sich. National gesinnte Menschen aber wollen von ihrem verkl&auml;rten Bild nicht abr&uuml;cken. Als der Schlussbericht der Kommission von Jean-Fran&ccedil;ois Bergier &laquo;Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg&raquo;* ver&ouml;ffentlicht wurde, stiess er auf starken Widerspruch. Und sp&auml;ter noch liess ein Politiker  seine Getreuen wissen, der Bericht &laquo;sei schlicht falsch&raquo;. Aber die umfangreiche Schrift wies nach, dass die Schweiz die Kriegsjahre nicht derart musterg&uuml;ltig und lupenrein bew&auml;ltigt hatte. Nun sah sich unser Land auf einmal mit einer Vergangenheit konfrontiert, &laquo;die so in das vorherrschende Geschichtsbild nicht Eingang fand&raquo; (19).<br /> <br />In unsicheren Zeiten wie den unsrigen scheint es besonders geboten zur&uuml;ckzuschauen und zu fragen, woher wir kommen, wer wir sind. Die Schweizer Geschichte liefert Anhaltspunkte f&uuml;r die Identit&auml;t in einer neuen Zeit. Aber diese kann nicht mit einem &laquo;Weissen Buch&raquo; befestigt werden. Vielmehr beruht sie auf einem Konsens &uuml;ber die Grunds&auml;tze von Freiheit, Fairness und materieller Gerechtigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte Vertrauen in die Beh&ouml;rden. Die Institutionen genossen hohes Ansehen. Die schwierigen Jahre hatten zudem die Menschen gelehrt, dass Gl&uuml;ck und Lebensqualit&auml;t nicht nur an materiellen Werten zu messen sind. Mit dem Streben nach materiellem Gewinn aber drehte ganz allm&auml;hlich der Wind.<br /> <br />Der Mensch begann sich auf eigene Interessen zu konzentrieren. Je st&auml;rker am Arbeitsplatz nur noch Top-Leistung z&auml;hlte, desto mehr schaute jeder f&uuml;r sich. Leistung versprach Erfolg. Vor allem mit dem Einsetzen der Globalisierung begannen viele Arbeitnehmer zu nomadisieren. Fremde Menschen kamen zu uns ins Land. Eine multikulturelle Gesellschaft etablierte sich und verunsicherte vor allem die leistungsschw&auml;cheren Menschen. Jeder, der neu dazukam, hatte wiederum eine eigene Geschichte. Die gefestigte Identit&auml;t des Landes von fr&uuml;her &ndash; wir sind wir &ndash; begann zu br&ouml;ckeln.<br /> <br />Die Reaktionen der Menschen auf die gesellschaftlichen Ver&auml;nderungen sind unterschiedlich. Die einen werden Patrioten, ja sogar Nationalisten. Andere entdecken in der Differenz der unterschiedlichen Geschichten eine Bereicherung. Sie akzeptieren Unterschiede, die fortan zur Gesellschaft unseres Landes geh&ouml;ren werden, das sich sowieso nicht mehr dem Druck der internationalen Konkurrenz entziehen kann. Das Grundgef&uuml;ge einer neuen Identit&auml;t entsteht, falls ein Konsens herrscht, dass wir das Rad der Zeit nicht zur&uuml;ckdrehen k&ouml;nnen, was nicht nur f&uuml;r die Schweiz, sondern f&uuml;r jedes demokratische Land gilt. Mit dem Beginn der Globalisierung ist gleichzeitig das Ende der Ausschliesslichkeit eingel&auml;utet worden.<br /> <br /><span class="anmerkung">* Die Schweiz, der Nationalismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht der Unabh&auml;ngigen Expertenkommission Schweiz &ndash; Zweiter Weltkrieg. Pendo 2002.</span>]]></content:encoded></item><item><title>Ein Buch als Weihnachtsgeschenk?</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-12-30T17:05:35+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6039cc0836986d4854807bf1a09106f3-74.html#unique-entry-id-74</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6039cc0836986d4854807bf1a09106f3-74.html#unique-entry-id-74</guid><content:encoded><![CDATA[K&uuml;rzlich schmunzelte ich wieder einmal ganz besonders, als ich den Cartoon &laquo;Rabenaus wundersame Erlebnisse&raquo; in der NLZ anschaute. Der drollige Kerl mit dem grossen Wasserkopf und der roten Nasen versucht m&uuml;hsam seinen wackligen Tisch ins Gleichgewicht zu bringen. &laquo;Mist&raquo;, sagt er und starrt dabei auf das Tischbein, das er bereits mit einem Buch gest&uuml;tzt hat. Dennoch wackelt der Tisch und so meint er, er m&uuml;sse noch eines kaufen. Kauft es, legt es unter das Bein und st&ouml;hnt: &laquo;Der Tisch wackelt immer noch.&raquo; Soll er doch wackeln, denkt dabei vielleicht der Buchh&auml;ndler, so kauft er wenigstens ein Buch, denn der Absatz stockt. Allein im Oktober ist er um mehr als zw&ouml;lf Prozent bei der Belletristik eingebrochen.<br /> <br />&laquo;B&uuml;cher drucke ich immer gern&raquo;, sagte mir ein renommierter Buchdrucker. An einer Feier wurde uns beiden ein sch&ouml;ner Bildband &uuml;berreicht. Da fl&uuml;sterte er mir zu: &laquo;Schon wieder eines f&uuml;rs B&uuml;chergestell&hellip;&raquo; Auch f&uuml;r ihn h&auml;tte Rabenau also eine kleine Bildgeschichte zeichnen k&ouml;nnen, etwa so: Da hantiert der Wasserkopf gerade in einem Raum, in dem volle B&uuml;cherregale stehen. &laquo;Mist, schon wieder nur ein Buch.&raquo; Er legt es auf einen Stapel, der neben dem B&uuml;chergestell in die H&ouml;he w&auml;chst und fragt: &laquo;H&auml;lt der noch?&raquo; Da st&uuml;rzt im dritten Bildchen die Beige um: &laquo;Verdammt, warum schenken sie einem immer B&uuml;cher?&raquo; Im vierten Bildchen, endlich, tritt seine Frau hinzu, und Rabenaus Held schenkt ihr das Buch: &laquo;Blumen welken schnell, B&uuml;cher bleiben.&raquo; Doch die Frau r&uuml;mpft die Nase.<br /> <br />Der l&auml;chelnde Leser von Rabenaus wundersamen Erlebnissen versteht den leisen Spott des Zeichners. Er fragt sich sogar, ob er selber gemeint sein k&ouml;nne. &laquo;Wer liest hat mehr vom Leben&raquo;, so hat einmal ein Werbespruch der Verleger gelautet. Ist es nicht immer noch eine sch&ouml;ne Idee, die Partnerin oder sich selber auf Weihnachten mit einem guten Roman zu beschenken? Der Roman zielt auf das Wesentliche einer Person und ihr Schicksal. Das wusste schon Aristoteles, der um 355 v. Chr. eine Poetik geschrieben hat.<br /> <br />Der Grieche sagt, es sei nicht Aufgabe des Dichters mitzuteilen, was wirklich geschehen ist. Das sei die Aufgabe der Historiker. Sie m&uuml;ssten auch Details wiedergeben, die nicht wichtig seien. Der Dichter aber besch&auml;ftige sich in seinem Werk mit dem, was nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit und Notwenigkeit geschehen k&ouml;nne. So erhalte ein Werk eine philosophische Tiefe. &laquo;Daher&raquo;, sagt er, &laquo;ist Dichtung etwas Philosophisches und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.&raquo; Dieser Erkenntnis hat sp&auml;ter auch der romantische Dichter Novalis* beigepflichtet, wenn er sagt, es sei mehr Wahrheit in den M&auml;rchen als in gelehrten Chroniken. Ein guter Historiker m&uuml;sse notwendig auch ein Dichter sein.<br /> <br />Ein schriftstellerisches Werk zehrt von der Lebenserfahrung der Autorin oder des Autors, wie auch von der Recherche in Archiven und von der genauen Kenntnis der Schaupl&auml;tze eines Ereignisses. Ich m&ouml;chte dies mit einem Roman von Maria Barbal** kurz belegen. Die katalanische Autorin hat mit &laquo;Wie ein Stein im Ger&ouml;ll&raquo; ein wunderbar ruhiges Buch geschrieben, das in der Zeit des Franco-Regimes spielt. Die Autorin sagt selber, sie habe mit diesem Roman den vielen namenlosen Menschen eine Stimme geben wollen, die von der Geschichte mitgerissen worden seien.<br /> <br />Der Roman erz&auml;hlt das Leben einer Generation. Ein M&auml;dchen wird in die katalanischen Pyren&auml;en zur kinderlosen Tante geschickt. Es arbeitet im Haushalt und auf dem Feld und lernt sp&auml;ter einen jungen Mann kennen. Conxa, die junge Frau, verliebt sich in Jaume, heiratet ihn gegen den Widerstand der Familie und schenkt drei Kindern das Leben. Ihr Mann schliesst sich einer republikanischen Bewegung an. Als der spanische B&uuml;rgerkrieg ausbricht, wird er verhaftet und von den Faschisten umgebracht. Conxa wird der Boden unter den F&uuml;ssen weggezogen, sie f&uuml;hlt sich getrieben und sagt schliesslich, sie f&uuml;hle sich wie ein Stein im Ger&ouml;ll.  <br /> <br />Die Erz&auml;hlung von Maria Barbal ist wie ein individuelles Panorama im faschistischen Regime. Die genauen historischen Details und Jahrzahlen interessieren weniger als das Schicksal der betroffenen Menschen. Barbal schildert  die Folgen des Gewaltregimes: Menschen verlieren ihre Identit&auml;t, ihre Sprache und Kultur, sie werden innerhalb der eigenen Gesellschaft heimatlos, das Selbstverst&auml;ndliche ihrer Existenz wird ausgel&ouml;scht. Die Autorin st&ouml;sst zum Kern eines durch &auml;ussere Gewalt verpfuschten Lebens vor, und dieser Vorgang wiederholt sich in jeder Diktatur.<br /> <br />Zur&uuml;ck zu unserem kleinen Kerl, zu Rabenau im Cartoon: Da haben wir es nun mit einem Nichtleser zu tun, dem vorgeworfen wird, er ben&uuml;tze ein Buch bloss als Unterlage, verkenne also seinen Wert oder handle wie der Buchdrucker, der es nach der Feier einfach im Gestell versorgt hat. Vielleicht kommt sogar ein Nichtleser auf die Idee, seiner Frau oder Freundin &ndash; Frauen lesen lieber und h&auml;ufiger als M&auml;nner &ndash; auf Weihnachten ein gutes Buch zu schenken.<br /> <br />Am 6. Dezember titelte die NLZ einen Artikel mit &laquo;Schweizer Kinder sind Lesemuffel.&raquo; Darin werden die neusten Ergebnisse einer vergleichenden Schweizer Pisa-Studie referiert. Die Ergebnisse seien ern&uuml;chternd, sagt der Experte. Bei Nichtlesern sinkt die Leistung im Sprachunterricht und die F&auml;higkeit einen richtigen Texte zu schreiben, nimmt ab. Wo aber sollen die Kinder die Freude am Lesen entdecken, wenn das Buch bloss als Unterlage f&uuml;r einen wackligen Tisch dient?<br /> <br /><span class="anmerkung">*  Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Insel Verlag<br />** Marian Barbal: Wie ein Stein im Ger&ouml;ll. Roman. Taschenbuch Diana Verlag, 6. Auflage.</span>]]></content:encoded></item><item><title>&#xdc;ber Wahrhaftigkeit und Populismus</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-11-25T17:25:00+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/9128050f76d5adaefab18548e090c8ec-73.html#unique-entry-id-73</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/9128050f76d5adaefab18548e090c8ec-73.html#unique-entry-id-73</guid><content:encoded><![CDATA[&laquo;Wahrhaftigkeit z&auml;hlte niemals zu den politischen Tugenden, und die L&uuml;ge galt immer als ein erlaubtes Mittel in der Politik&raquo;, schreibt Hannah Arendt.* Christoph Blocher gestand laut NLZ vom 31. Oktober ein, seine Partei habe im Wahlkampf Fehler gemacht, m&ouml;glicherweise sei sie mit dem Plakat &uuml;ber die Masseneinwanderung zu pr&auml;sent gewesen. Mit diesem Eingest&auml;ndnis gibt er einen taktischen Fehler zu. Somit ging es bei dem Plakat nicht um die Wahrheit, sondern um die richtige Taktik. Taktik wird als ist ein erlaubtes Mittel in der Politik eingesetzt. Nur geraten die Akteure damit rasch in Gefahr, Tatsachen zu verf&auml;lschen, sie  verk&uuml;rzt wiederzugeben, meist  um die  Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.<br /> <br />Die Einwanderung zum Beispiel hat viele Gr&uuml;nde. Der Hauptgrund ist wohl doch die Wachstumsspirale in unserem Land, die sich unaufhaltsam weiterdrehte. Vor mehr als zwanzig Jahren fuhr ein Unternehmer der Baubranche, den ich pers&ouml;nlich kannte, jeden Fr&uuml;hling in den Kosovo, um Arbeiter zu rekrutieren. Er umwarb besonders gern t&uuml;chtige Bauerns&ouml;hne, weil er die einfachen Menschen als zuverl&auml;ssige Arbeitskr&auml;fte sch&auml;tzte. Im Winter brauchte er sie nicht mehr und schickte sie nach Hause zur&uuml;ck. Nach Jahren auf dem Bau suchten sich die meisten Arbeit in einer Fabrik, blieben hier und heirateten. Das war noch, bevor es das Freiz&uuml;gigkeitsabkommen gab.<br /> <br />Damals begann der grosse Bauboom als Folge eines dynamischen wirtschaftlichen Wachstums. Nun waren auch hochqualifizierte Fachkr&auml;fte gefragt, die im eigenen Land nicht zu finden waren. So wurden sie im Ausland angeworben. Und da die Fixkosten des Staates im Gesundheitswesen, bei den Sozialwerken und vielen anderen staatlichen Aufgaben stark wuchsen, ben&ouml;tigte die Schweiz Wachstum, um das Steuerpotential zu erh&ouml;hen. So konnten sich viele Kantone und Gemeinden sogar Steuersenkungen leisten.<br /> <br />Gern wird verschwiegen, dass die eingewanderten Fachkr&auml;fte unserem Land sehr hohe Ausbildungskosten ersparen. Bezahlt hat sie der Staat, in dem die ausl&auml;ndischen Spezialisten herangebildet worden sind. Es handelt sich dabei um Betr&auml;ge, die in die Milliarden gehen. Allein ein Ausbildungsjahr f&uuml;r einen zuk&uuml;nftigen Lehrer an der P&auml;dagogischen Hochschule kostet den Kanton vierzigtausend Franken.<br /> <br />Es war also in erster Linie die Wachstumsspirale, die f&uuml;r die Zuwanderung von fremden Menschen verantwortlich ist. Das Plakat mit den gespenstisch marschierenden Stiefeln ger&auml;t so in die N&auml;he der Verwischung wahrer Tatsachen. Somit ist es denkbar, dass bei den W&auml;hlern die Frage aufkommt, wie es denn um die Wahrhaftigkeit steht, die hinter einer solchen Propaganda steckt.  <br /> <br />Der Politiker ist nicht zur Wahrheit verpflichtet, er kann ja schweigen, aber redet er, dann muss, was er sagt, wahr sein, den Tatsachen entsprechend. Eine kleine L&uuml;ge gen&uuml;gte, und Elisabeth Kopp sah sich im Dezember 1988 gezwungen, den R&uuml;cktritt aus dem Bundesrat bekanntzugeben. Der Einzige, der l&uuml;gen darf oder durfte, ist Silvio Berlusconi, weil ihn seine eigenen Massenmedien immer wieder deckten und es ihm gelang, Parlamentarier anderer Parteien anzuwerben, so auch der in der Schweiz gew&auml;hlte Antonio Razzi, der urspr&uuml;nglich der Gruppe &laquo;Italien der Werte&raquo; von Di Pietro angeh&ouml;rte.<br /> <br />Auf der Suche nach einer Definition des Populismus, kommt man nicht darum herum zu sagen, es handle sich dabei um eine Politik, die die L&uuml;ge oder die Halbwahrheit jederzeit als legitimes Mittel zum Erreichen politischer Zwecke einsetzt. Der Populismus braucht sich um die politische Tugend der Wahrhaftigkeit nicht zu k&uuml;mmern, geht er doch von Devise aus: Die Hunde bellen und die Karawane schreitet weiter. Hernach erkl&auml;rt er den Kritiker f&uuml;r unzust&auml;ndig, der von Politikern Wahrhaftigkeit fordert. Erkl&auml;re ihn als unzust&auml;ndig, und seine Waffe wird stumpf!<br /> <br />Warum aber hat der Populismus Erfolg und warum ist die Wahrhaftigkeit kein Thema in der &ouml;ffentlich verhandelten politischen Ethik? Eine Antwort k&ouml;nnte lauten: Die Fakten, die ein Populist vorbringt, k&ouml;nnten tats&auml;chlich so sein, wie er behauptet. Ohne die N&auml;he zur Realit&auml;t verf&auml;ngt auch der Populismus nicht. Dem Gegnern, der populistische Aussagen zu widerlegen versucht, geht es wie einem Wirt, der um seinen Ruf k&auml;mpft, weil er einmal ein zu z&auml;hes Entrecote serviert hat. Er muss mindestens dreizehn Mal ein sehr zartes auf den Tisch bringen, bis der Rufschaden beseitigt ist. Unterdessen ist der Populist bereits beim n&auml;chsten Thema.<br /> <br />Populisten halten nichts von einem Intellektuellen, der ihr Versteckspiel durchschaut und versucht aufzukl&auml;ren. Sie nennen ihn einen Gutmenschen oder Sch&ouml;ngeist. Damit ist er gebrandmarkt und ausser Gefecht gesetzt. Darum scheut sich manch ein Intellektueller, den Kampfplatz des Populismus zu betreten. Zum Gl&uuml;ck ist es dann die Torheit der Taktiker selber, die sich mit ihren unwahren Behauptungen &uuml;bernehmen. Ich selber teile mich Menschen in meinen &laquo;Ansichten&raquo; mit, freilich offenbar nur solchen, die sich die M&uuml;he machen, hie und da auch Kritisch-Kompliziertes nicht nur zu &uuml;berfliegen. Jedenfalls sagte mir j&uuml;ngst ein Leserbriefschreiber, er lese meine Artikel nicht. Er erkl&auml;rte mich f&uuml;r unzust&auml;ndig.<br /> <br /><span class="anmerkung">* Hannah Arendt: Wahrheit und L&uuml;ge in der Politik. Serie Piper 1987, M&uuml;nchen.</span>]]></content:encoded></item><item><title>November mit leichter Melancholie</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-10-16T19:54:14+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/d2adb611f38ed5dcb330b94e3468168b-71.html#unique-entry-id-71</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/d2adb611f38ed5dcb330b94e3468168b-71.html#unique-entry-id-71</guid><content:encoded><![CDATA[Der November nimmt mit Allerheiligen und Allerseelen seinen Anfang. An diesen Tagen gedenken viele der verstorbenen Angeh&ouml;rigen. Ein Lebensmensch, den man verloren hat, ist immer gegenw&auml;rtig, nur verliert er in der Gesch&auml;ftigkeit des Alltags oft an Konturen. Allerseelen macht aber auch bewusst, dass der Mensch sterblich ist. Wenn die Bl&auml;tter fallen und die B&auml;ume kahl dastehen, schleicht sich leise Melancholie ins Gem&uuml;t. Die K&auml;lte und der Nebel lassen selbst die  Reihe von sch&ouml;nen Herbsttagen vergessen. Es wird bald Winter werden. Wir g&ouml;nnen der Natur ihre Ruhe, den Murmeltieren ihren Schlaf und den Eichh&ouml;rnchen ihr Nest.<br /> <br />Ich liebe die Melancholie der Landschaft, wenn in den B&auml;umen der Nebel h&auml;ngt, und hat er sich am Tag verzogen, das Glitzern des Raureifs in den kahlen B&auml;umen. Sie offenbaren nun erst recht ihren wahren Charakter. Die Bl&auml;tter drapieren die &Auml;ste und Zweige nicht mehr. Nun tritt das Gest&auml;nge hervor. Was ein Mensch ist, erkennt man oft erst, wenn er gestorben, wenn er kahl und kalt von uns gegangen ist. Da erfasst man pl&ouml;tzlich unter welchem Stern er angetreten ist und wohin ihn der Lebensdrang gef&uuml;hrt, der ihn zum Guten oder B&ouml;sen gesteuert hat.<br /> <br />Tomas Transtr&ouml;mer, der neuerkorene schwedische Nobelpreistr&auml;ger f&uuml;r Literatur schildert in dem Gedicht &laquo;Tief in Europa&raquo;, wie &laquo;er&raquo; &ndash; es ist das lyrische Ich, das spricht - im Bett eines Hotels liegt, w&auml;hrend die Stadt ringsum erwacht und der stumme L&auml;rm und das graue Licht hereinstr&ouml;mt. Das bringt ihn auf einen neuen Gedanken: &laquo;Belauschte Horizonte. Sie wollen etwas sagen, die Toten. / Sie rauchen, aber essen nicht, sie atmen nicht, haben aber dennoch eine Stimme.&raquo; Mit einfachen Bildern erinnert der Dichter, dass die Toten gegenw&auml;rtig sind. Sie haben ihre Stimme nicht verloren. Sie reden mit uns, wenn wir an sie denken. Was sie sagen, verr&auml;t der Dichter nicht. Die Stimme der Toten ist nicht immer angenehm. Sie lobt oder tadelt uns, sie redet uns ins Gewissen und sagt, dass das Leben, das wir f&uuml;hren, nicht durchwegs gut ist.<br /> <br />Die zwei Verszeilen von Transtr&ouml;mer sprechen nicht nur von Menschen, die uns vielleicht nahe gestanden sind, denn sie haben sogar immer noch eine Stimme. Die Historiker, die Memoirenschreiber oder Familienangeh&ouml;rige geben Verstorbenen oft ihre Stimme zur&uuml;ck. K&uuml;rzlich habe ich von Sandra Kalniete die Geschichte ihrer Familie &laquo;Mit Ballschuhen im sibirischen Winter&raquo;* gelesen. Sie erz&auml;hlt aus pers&ouml;nlicher Betroffenheit von zwei Familien, die im Zweiten Weltkrieg nach Sibirien deportiert und unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit in verschiedenen Kolchosen jenseits des Urals gezwungen worden sind. Sie wurden gedem&uuml;tigt und entw&uuml;rdigt. Sie lebten im Dreck und in der eisigen K&auml;lte und mussten t&auml;glich ihr Plansoll erf&uuml;llen. Es ist ein Zufall, doch der Titel von Transt&ouml;mers Gedicht und seine zweite Strophe passt zum autobiographischen Bericht von Sandra Kalniete, die als Enkelin den Mitgliedern der Familie eine bleibende Stimme gegeben hat. Diese spricht stellvertretend f&uuml;r Millionen von geschundenen Menschen.<br /> <br />Es ist November. Der November ist ein melancholischer Monat, es ist die Zeit im Jahreslauf, in der viele Menschen sterben. Der Melancholie darf sich der Mensch aber nicht einfach &uuml;berlassen. Der  Philosoph Hans Saner** unterscheidet zwei Arten von Melancholie. Er spricht von einer sentimentalen und einer kognitiven. W&auml;hrend die rein gef&uuml;hlsbetonte f&uuml;r den Menschen gef&auml;hrlich ist, weil sie in Bitternis und Depression des Gem&uuml;ts und damit in eine Entfremdung von der Lebenswelt f&uuml;hrt, sch&auml;rft die kognitive Melancholie den Blick f&uuml;r die wahren Verh&auml;ltnisse des Lebens. Sie lehrt, die Illusionen zu durchschauen und f&uuml;hrt auf den Weg eines erhellenden Erkenntnisprozesses.<br /> <br />Es stimmt uns oft traurig, wie es im Leben zu und her geht, besonders wenn ein junger Menschen stirbt und uns scheint, die verteilende Gerechtigkeit komme zu kurz. In kognitiver Melancholie erkennt der Einzelne, was zu tun w&auml;re. Oft ruft sie zu einem freiwilligen gesellschaftlichen und politischen Engagement auf. Viele Menschen finden mit dem Einsatz f&uuml;r andere oder einem Ehrenamt in einem Verein einen befriedigenden Lebenssinn.<br /> <br />Die kognitive Melancholie macht hellh&ouml;rig f&uuml;r Ereignisse, die dem Menschen pers&ouml;nlich zustossen k&ouml;nnen. Mit gesch&auml;rftem Blick erkennt er, dass sich nie alle Erwartungen erf&uuml;llen werden und mancher Plan misslingt. Die vom Verstand geleitete Melancholie lehrt das Leben richtig einsch&auml;tzen. So weiss der Mensch, dass er zwar gut sein soll, aber auch klug. Ein Guter, der nicht klug ist, wird &uuml;bert&ouml;lpelt, aber ein Kluger, der nicht gut ist, bringt anderen Menschen Verderben.<br /> <br />Es ist November. Der Sommer hat sich verabschiedet. Der Herbst ruft den Winter. Die N&auml;chte werden l&auml;nger, die Gedanken richten sich nach innen. Die Autos fahren unabl&auml;ssig vorbei. &laquo;Der stumme L&auml;rm und das graue Licht str&ouml;men herein / und heben mich sachte aufs n&auml;chste Niveau: Der Morgen. // Belauschte Horizonte. Sie wollen etwas sagen, die Toten. / Sie rauchen, aber essen nicht, sie atmen nicht, haben aber noch ihre Stimme.&raquo;<br /> <br /><span class="anmerkung">* Sandra Kalniete: Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee. Die Geschichte meiner Familie. Verlag Herbig. M&uuml;nchen. Zweite deutschsprachige Auflage 2009.<br />** Hans Saner: Melancholie und Leichtsinn. Grenzstimmungen der Vernunft. In: Der Schatten der Orpheus. Lenos 2009.</span>]]></content:encoded></item><item><title>Eine Schaukel f&#xfc;r jedes Parlament</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-09-14T07:44:29+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/e62d10e1784f24d30c855e2f65689ef4-70.html#unique-entry-id-70</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/e62d10e1784f24d30c855e2f65689ef4-70.html#unique-entry-id-70</guid><content:encoded><![CDATA[Hugo K&uuml;kelhaus (1900 bis 1984), der zuerst ein vielseitiger Schreiner war, anschliessend Soziologie, Philosophie und Logik studierte, sp&auml;ter in  verschiedenen Berufen gearbeitet hat, betonte in einem seiner brillanten Vortr&auml;ge, in jedes Parlament geh&ouml;re eine Schaukel, damit jeder Politiker, der dort ein- und ausgeht, die Pendelschwingungen k&ouml;rperlich erlebt, sp&uuml;rt wie das Hin- und Herschaukeln in der Mitte ausschwingt. Darauf stellt sich Ruhe ein. Nun ist er frei, nachzudenken oder ein wenig zu phantasieren, was er realisieren m&ouml;chte. Sollte er aber meinen, der Wendepunkt sei das Zentrum, dann wird er die n&ouml;tige Balance sowieso nicht finden, sondern h&auml;ngt jenem Aktivismus nach, der ihn st&auml;ndig veranlasst, Anfragen an den Bundesrat zu richten, Motionen und Interpellationen einzureichen oder Initiativen zu starten.<br /> <br />F&uuml;r K&uuml;kelhaus ist das Schaukeln eine Metapher f&uuml;r die Gegenl&auml;ufigkeit des Lebens. Diese Ansicht belegt er zugleich mit der Doppelhelix, der Doppelspirale, die aus zwei Str&auml;ngen besteht, die wider einander laufen. Die sich aufw&auml;rts windende Spirale geht vom Endpunkt her wieder abw&auml;rts, &auml;hnlich wie die Welle, die an ein flaches Meerufer treibt. Der Beobachter hat den Eindruck, die Welle w&uuml;rde nur in einer Richtung laufen. Die Welle aber ist gegenl&auml;ufig wie die Doppelhelix. Die eine l&auml;uft zum Ufer und unter der Oberfl&auml;che, unsichtbar, fliesst sie zur&uuml;ck ins grosse Wasser. Kommt ein Sturm auf und peitscht das Meer, klatschen die Wellen ans Ufer. Hat er sich ausgetobt, kehrt tiefe Stille ein. Das ist jener wunderbare Moment, wo der Beobachter beruhigt das glitzernde und funkelnde Wasser betrachtet, gleichsam jener Augenblick, wo die Phantasie ungest&ouml;rt kreativ sein kann.<br /> <br />Schaukel und Welle sind wie ein Sinnbild f&uuml;r das Leben, das in sich gegenl&auml;ufig ist. Der Mensch lebt zwischen zwei Polen. Sein Leben ist ambivalent, aber es tendiert doch immer wieder zur ruhigen Mitte. Kein Mensch kann sich auf Dauer im Extrem bewegen. Fanatiker oder Menschen, die sich einbilden, nur der eigene  Standpunkt sei der einzig richtige, bleiben beharrlich der &Uuml;bertreibung verhaftet.<br /> <br />Auch die Politik ist gegenl&auml;ufig, doch wenn es zu einem Kompromiss zwischen den Parteien kommt, gibt es ein bisschen Ruhe. Die Frage eines Journalisten, ob ohne starke Mitte ein Land nicht gesund sei, bejaht Thomas H&uuml;rlimann und sagt: &laquo;Eine Demokratie lebt aus der Mitte. Wenn die Mitte zur Leerstelle wird, &uuml;bernehmen die Fl&uuml;gel, sprich die Ideologen (das Sagen) &ndash; und dann gute Nacht&raquo;*. Die Schweiz verdankt ihren Erfolg einer ausgewogenen Politik der Mitte. Darum sind Konsens, Kompromiss und Konkordanz zu Leitbegriffen der schweizerischen Politik geworden. Sie deuten darauf hin, dass es um L&ouml;sungen geht. Das ist oft alles andere als einfach, m&uuml;ssen doch verh&auml;rtete Meinungen zuerst aufgeweicht und all die verschiedenen Meinungen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Sind sich St&auml;nderat und Nationalrat in einer Sachfrage nicht einig, kommt es am Ende zu einer Differenzbereinigung zwischen den R&auml;ten. Ohne diesen Dialog, bei dem das bessere Argument gewinnt, findet das Parlament keine konstruktiven L&ouml;sungen.<br /> <br />Kompromisse kommen freilich nur zustande, wenn politische Gegner unsere moderne Welt von einem Gesichtspunkt des Unterschieds erfahren k&ouml;nnen. Werden sich die Streitenden bewusst, dass das Leben gegenl&auml;ufig ist und sich zwischen Polen abspielt, sind sie eher bereit, die eigene vorgefasste Meinung aufzugeben, sich dem Gegner zu n&auml;hern, ihm zuzuh&ouml;ren. Heute aber scheint es immer schwieriger, selbst in Sachfragen eine Einigung zu erzielen. &laquo;Wenn ihr uns mit eurer Meinung nicht folgt, dann werden wir dem Gesch&auml;ft XY nicht zustimmen. H&auml;ttet ihr uns das letzte Mal Recht gegeben, w&uuml;rden wir keine neue Initiative starten.&raquo; So t&ouml;nt es. Dabei f&uuml;hren das W&ouml;rtchen &laquo;wenn&raquo; und das W&ouml;rtchen &laquo;h&auml;tte&raquo; nur ganz selten die Gegner zusammen, vor allem dann nicht, wenn ein unerf&uuml;llbare Bedingung daran gekn&uuml;pft wird. Das Verharren auf dem eigenen Standpunkt, selbst dann, wenn eine &uuml;bergeordnete Rechtsordnung dagegen spricht, kommt einer Verweigerung des Dialogs gleich.<br /> <br />Der Rechtsstaat ist ein hohes demokratisches Gut, der sich aber etwa mal quer zur Volksmeinung stellt. Das lateinische Wort &laquo;vox populi, vox dei&raquo; (Volkes Stimme sei Gottes Stimme) ist keine brauchbare Begr&uuml;ndung f&uuml;r das Verharren in der eigenen Ideologie. Es war der Faschismus, der mit dem Schlagwort von der Vox dei operiert hat. Und was dabei heraus gekommen ist, k&ouml;nnen wir beispielhaft  bei den Historikern nachlesen.<br /> <br />F&uuml;r K&uuml;kelhaus waren die Natur und ihre physikalischen Gesetze eine Lehrmeisterin, denn die Natur sucht nach ausgewogenen L&ouml;sungen, wie wir etwa an einem Baum ablesen k&ouml;nnen. Es ist der Stamm, der die ausladenden &Auml;ste zusammenh&auml;lt. Auch eine ausgewogene Politik wird von der Mitte getragen, vom Konsens und vom Kompromiss. Pole bilden nur die Eckpunkte, aus denen her sich vern&uuml;nftige L&ouml;sungen einpendeln sollten.<br /> <br />So wie die Tugend, nach Aristoteles, als mittleres Verhalten darauf zielt, die rechte Mitte zu treffen, so muss auch die Politik bedacht sein, den Ausgleich zwischen Extremen zu schaffen. K&uuml;kelhaus hat sich bestimmt erhofft, dass jeder Parlamentarier auf seiner Schaukel &ndash; am besten mit geschlossenen Augen &ndash; sp&uuml;rt, wie er allm&auml;hlich in der Mitte ausschwingt. Wenn er zur&uuml;ck an den Sitzungstisch oder in den Ratsaal geht, wird er sich daran erinnern.<br /> <br /><span class="anmerkung">* Thomas H&uuml;rlimann in einem Interview im &laquo;Der kleine Bund&raquo; vom 2. Juli 2011.</span><br /> ]]></content:encoded></item><item><title>Zwanzig Jahre Weg der Schweiz</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-08-04T11:09:30+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6da3f73002ba322f9731bb97843a4905-69.html#unique-entry-id-69</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6da3f73002ba322f9731bb97843a4905-69.html#unique-entry-id-69</guid><content:encoded><![CDATA[Wer auf einem Teilst&uuml;ck oder auf dem ganzen Weg der Schweiz wandert, den fesselt der Anblick der Umgebung. Im stillen, glatten See spiegeln sich die Berge. Sie strecken die Gipfel ins Wasser. Wenn es sich kr&auml;uselt, ziehen sie sich zur&uuml;ck. Peitscht es gar der F&ouml;hn auf, klatschen m&auml;chtige Wellen ans felsige Ufer. Urgewaltig umranden der Gitschen, der Urirotstock, die Bauenst&ouml;cke auf der einen, der Fronalpstock und der Roph&auml;en auf der anderen Seite den Urnersee.<br /> <br />Vor kurzem nahm ich endlich das letzte Teilst&uuml;ck unter die F&uuml;sse, das zwischen Brunnen und Sisikon liegt. Ich stieg im angenehm k&uuml;hlen Wald hinauf nach Morschach und nach einem Halt bis zur Wasserscheide, wo der steile Weg zum herrlich in einer Landschaftsmuschel eingebetteten Sisikon hinunterf&uuml;hrt. Mit der Zeit &uuml;ber Weg und Steg sp&uuml;rte ich die Knochen bei jedem Schritt. Wolken zogen am Himmel vorbei, die den See hell- und dunkelgr&uuml;n befleckten. Ruhig glitten die Dampfer und die Motorboote dahin.<br /> <br />Am 4. Mai 1991 wurde der Weg der Schweiz eingeweiht. Ich durfte als Standsvertreter von Zug dabei sein und von Bauen nach Fl&uuml;elen wandern. Die Kantone waren durch Regierungen und die Pr&auml;sidentinnen und Pr&auml;sidenten der kantonalen Parlamente vertreten. Kurz nach Bauen geriet ich in eine erregte Diskussion. Offenbar trug ich den Stolz des Innerschweizers zu sehr auf der Zunge.<br /> <br />Die damalige Basler Grossratspr&auml;sidentin warf ein, sie k&ouml;nne mit der Geburtszahl 1291 nichts anfangen. Die Schweiz bestehe erst seit 1848. Vorher habe es verschieden &laquo;Schweizen&raquo; gegeben. Das Dreil&auml;ndereck Basel sei eine ebenso wichtige Region wie die Urschweiz gewesen. Was ich nicht etwa bestritt. Aber doch griff ich sie mit der verbalen Hellebarde an und behauptete, ohne die Urkantone w&uuml;rde es die Schweiz, wie wir sie heute kennen, nicht geben. H&auml;tte sich das Land aus  der Basler Ecke entwickelt, w&uuml;rde wohl ein anderer Geist durch das Land wehen. Gewiss sei der Staat ein neuzeitliches Produkt. In der Urschweiz sei aber der Same gestreut worden, der die Eidgenossenschaft habe keimen lassen. Um den Vierwaldst&auml;ttersee habe keine herrschaftliche Familie dominiert wie die Stockalper in Brig mit ihrem unbeschr&auml;nkten Einfluss. Die Macht in der Innerschweiz sei schon fr&uuml;h von Genossenschaften und von Gemeinden &uuml;bernommen worden und diese h&auml;tten sich gegen einseitige obrigkeitliche Herrschaftsanspr&uuml;che gewehrt. Hier, auf diesem Boden &ndash; ich zeigte sogar darauf &ndash; sei die Idee der &laquo;Vergemeindlichung&raquo; der Macht entstanden. Der revolution&auml;re Geist der Waldst&auml;tte habe schliesslich zur 8-&ouml;rtigen und dann 13-&ouml;rtigen Eidgenossenschaft gef&uuml;hrt.<br /> <br />Wir zankten uns verbissen weiter. Es entstand ein Streit der Meinungen, ein Glaubenskrieg, der kein Ende finden wollte. Nach der Bernerstrecke, die am See entlang durch die Tunnel der alten Strasse f&uuml;hrt, schlich ich mich davon, holte fr&ouml;hlichere Kollegen ein. Es war schliesslich ein eidgen&ouml;ssischer Festtag. Die Grossratspr&auml;sidentin h&auml;tte nur den gl&auml;nzenden Aufsatz von Peter Blickle* im Jubil&auml;umsband &laquo;Innerschweiz und fr&uuml;he Eidgenossenschaft&raquo; lesen m&uuml;ssen, dann h&auml;tte sie mich verstanden und vielleicht meine Argumente akzeptiert. Dieses leider viel zu wenig gew&uuml;rdigte Werk stellt eine fundierte, ja gl&auml;nzende Darstellung der fr&uuml;hen Schweizergeschichte dar.<br /> <br />Mir schien die Baslerin habe sich vom gerade grassierenden Ruf: &laquo;Siebenhundert Jahre sind genug&raquo; anstecken lassen, den ein Philosoph der Nordwestschweiz in die Welt gesetzt hat. Das Gerede von &laquo;Gen&uuml;geln&raquo; an der Schweiz beeindruckte mich nicht, wusste ich doch, dass der Weg, auf dem wir wanderten, dieses &uuml;berleben w&uuml;rde. Auch heute sp&uuml;re ich keine Heimatm&uuml;digkeit bei meinen Gespr&auml;chspartnern. Dass dann 1992, als das Motto &laquo;La suisse n&rsquo;existe pas&raquo; am Pavillon der Weltausstellung von Sevilla prangte, im St&auml;nderat eine heftige Debatte ausbrach, hatte damit zu tun, dass es nicht verstanden wurde. Die Ausstellungsmacher wollten sagen, die Schweiz existiere nicht so, wie sie sich manche Kreise denken. Sie ist immer viel mehr. Die Teile sind mehr als das Ganze.<br /> <br />In den letzten Jahren habe ich gewisse Teilst&uuml;cke des Wegs der Schweiz mehrmals abgewandert. Meine Lieblingsstrecken liegen nahe am Wasser. J&uuml;ngst sass ich mit dem ehemaligen Bundesrat Samuel Schmid im Zwyssighaus in Bauen. Wir unterhielten uns &uuml;ber die Schweiz, die uns verbindet. Und dass diese sich nicht mit der Suisse miniature einer modernen Swissness deckt und auch nicht mit der Igelschweiz, brauche ich nicht auszuf&uuml;hren. Alberik Zwyssig, dem Komponisten des Schweizerpsalms, erwiesen wir nach dem vorz&uuml;glichen Essen die Reverenz.<br /> <br />Bei jeder Wanderung auf dem abwechslungsreichen Weg gedenke ich auch Karl Bolfing, meinem verehrten Lehrer am Seminar Rickenbach. Er war der Pionier und erste Pr&auml;sident der Stiftung &laquo;Weg der Schweiz&raquo;. Vor zwanzig Jahren &uuml;berreichte er beim Start in Bauen den eingeladenen G&auml;sten einen Rucksack und einen Wanderstock. Seither haben j&auml;hrlich um die zweihunderttausend Wanderer den Weg unter die F&uuml;sse genommen. Feiern hingegen sind fl&uuml;chtig und fast schon vergessen. Der Grund der Feier aber bleibt bestehen. Daf&uuml;r, dass der Weg weiter gut unterhalten wird, sorgt die Stiftung mit ihrem derzeitigen Pr&auml;sidenten Josef Dittli und sie verdient den Dank der Wanderer.<br /> <br /><span class="anmerkung">* Peter Blickle. Friede und Verfassung. Voraussetzung und Folgen der fr&uuml;hen Eidgenossenschaft von 1291. In: Innerschweiz und fr&uuml;he Eidgenossenschaft. Jubil&auml;umsschrift 700 Jahre Eidgenossenschaft, Band 1: Verfassung- Kirche &ndash; Kunst. Walter Verlang 1990.</span>]]></content:encoded></item><item><title>Dem Land etwas zur&#x26;uuml;ckgeben</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-07-01T10:28:39+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/4945abab53c3108270339ed2ba1b01ca-68.html#unique-entry-id-68</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/4945abab53c3108270339ed2ba1b01ca-68.html#unique-entry-id-68</guid><content:encoded><![CDATA[Auch wer sein Land liebt, &uuml;bt gelegentlich Kritik, schaut dabei auf andere Staaten und w&uuml;nscht sich, die eigene Heimat schlage nicht etwa deren politische Neuausrichtung ein. Er muss zum Beispiel zur Kenntnis nehmen, wie sich Ungarn eine Verfassung gegeben hat, die ein autorit&auml;res Regime erm&ouml;glicht. Er wundert sich, dass im europ&auml;ischen Vorzeigeland Finnland die rechtspopulistischen &laquo;Wahren Finnen&raquo; im April die Wahlen gewonnen haben. Ein Blick auf Italien wiederum, das mir selber n&auml;her liegt, ist einerseits erheiternd und andererseits niederschmetternd. Ich bleibe also bei unserem s&uuml;dlichen Nachbarn, nicht nur, weil ich bald zwei Wochen an der Adria verbringen werde.<br /> <br />Im k&uuml;rzlich erschienenen Buch &laquo;Circus Italia&raquo;* lesen sich gewisse Passagen, als w&uuml;rde die Autorin, die ZEIT-Korrespondentin Birgit Sch&ouml;nau, zugleich gewisse Entwicklungen in der Schweiz nachzeichnen. Unter anderem schildert sie differenziert, wie Flavio Tosi, B&uuml;rgermeister von Verona und Mitglied der Lega Nord, mit harter Hand regiert und am liebsten alle Ausl&auml;nder wegweisen w&uuml;rde. Die Arbeiten, die diese verrichten, k&ouml;nnten schliesslich auch von Italienern erledigt werden. Kleine und mittlere Unternehmer unterst&uuml;tzen vorwiegend die fremdenfeindliche Lega. Auch der Pastafabrikant Gianluca Rana, der Bandnudeln und Lasagne, Ravioli und Tortellini in alle Welt verkauft, erkennt in seiner Lega-Parteimitgliedschaft keinen Widerspruch zur Tatsache, dass er in seinem Betrieb zahlreiche Ausl&auml;nder besch&auml;ftigt. Achselzuckend beantwortet er eine diesbez&uuml;gliche Frage der Journalistin: &laquo;Die Politik betreibt ihr eigenes Marketing. Wir Unternehmer aber tun alles f&uuml;r die Integration unserer ausl&auml;ndischen Arbeitnehmer. Denn wer sich integriert f&uuml;hlt, arbeitet besser. So einfach ist das.&raquo; Ja, so einfach l&auml;sst sich mit Widerspr&uuml;chen leben, falls es profitabel ist.<br /> <br />Einer wie Rana &uuml;berl&auml;sst den Lokalpolitikern ihre Marketing-Auftritte. Schliesslich muss er f&uuml;r sich selbst schauen. Doch sogar Berlusconi stecken viele Italiener weg. Ach je, man muss ihn halt zum eigenen Vorteil benutzen, sagt der Aristokrat und Milliard&auml;r Gian Marco Moratti, dessen Frau Letizia als B&uuml;rgermeisterin von Mailand nicht wiedergew&auml;hlt worden ist. Berlusconi hatte mit seinem aggressiven Wahlkampf und seinen Spr&uuml;chen Moratti geschadet. Berlusconis missionarischer Eifer ist auf das Niveau eines Bonmots abgesunken. Als Johannes Paul II. ihm eine Audienz gew&auml;hrte, sagte er l&auml;chelnd: &laquo;Wir zwei tragen beide eine siegreiche Idee in die Welt. Sie das Christentum und ich den AC Milano.&raquo;<br /> <br />Die Zeitung &laquo;La Repubblica&raquo; berichtete anfangs April, der fr&uuml;here Pr&auml;sident der Industriellenvereinigung Confindustria und heutige Ferrari Chef, Luca Cordero di Montezemolo, habe in einer Rede bedauert, dass Italiens Zivilgesellschaft im Laufe der letzten Jahre verschwunden sei. Wie sollte sie nicht? Seit Jahren werden die Institutionen schlecht gemacht, doch, sagte er, die Unternehmer, die grossen Banken und vor allem viele Intellektuelle schauten dem Treiben schweigend, teilweise angeekelt zu. Entweder engagierten sie sich wieder f&uuml;r das Land oder es gerate an den Rand des Abgrunds.<br /> <br />Der liberale Staat ist auf eine starke Zivilgesellschaft angewiesen. Sie tr&auml;gt die Mitverantwortung f&uuml;r das Gedeihen des Landes. Heute stellen wir aber einen R&uuml;ckzug ins Private fest. Der Chefredaktor der Berlusconi nahen Zeitung &laquo;Il Foglio&raquo;, Giuliano Ferrara, sagte einmal, auf Recht und Gesetz zu pochen, sei ein Gesch&auml;ft f&uuml;r Fanatiker ohne Humor und Esprit. So eine Aussage m&uuml;sste eine Unzahl von Reaktionen ausl&ouml;sen. Sie darf nicht einfach hingenommen werden.<br /> <br />Wer mit dem italienischen Vergr&ouml;sserungsglas auf unsere Gesellschaft blickt, entdeckt bei uns &auml;hnliche Tendenzen. Der Club der Egoisten, Spekulanten und Zyniker hat zugenommen. Es wird auf die Classe politique eingedroschen, so dass immer weniger B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger bereit sind, Verantwortung im Staat zu &uuml;bernehmen. Parteien haben M&uuml;he, geeignete Kandidatinnen und Kadidaten f&uuml;r ein politisches Amt auf Gemeindeebene zu finden. &laquo;I bi doch n&ouml;d bl&ouml;&ouml;d!&raquo;, lautet etwa die Antwort auf eine Anfrage.<br /> <br />Als der Slogan &laquo;Mehr Freiheit und Selbstverantwortung, weniger Staat&raquo; in den 90er Jahren den Siegeszug antrat, wurde das Wort Selbstverantwortung geflissentlich ausgeblendet. Die Fesseln des Staates sollten gesprengt werden. Aber es wurden immerhin gute Rahmenbedingungen geschaffen. Ein Mann, der davon profitierte, war Hansj&ouml;rg Wyss, der die Firma Synthes erfolgreich gef&uuml;hrt und nun mit grossem Gewinn verkauft hat. Er &auml;usserte sich anfangs Juni in einem Interview in der NZZ ** wie Montezemolo in Italien. Er glaubt, dass sich viel zu wenig reiche Leute als M&auml;zene bet&auml;tigen w&uuml;rden. Auch die Schweizer Industrie sei ein hoffnungsloser Fall. &laquo;Nur die beiden Grossbanken geben noch etwas Geld. Die Kulturbudgets der Schweizer Institutionen sind l&auml;cherlich tief. Spenden liegt den Schweizern einfach nicht im Blut.&raquo; Er habe im Land gute Jahre gehabt, nun wolle er der Gesellschaft etwas zur&uuml;ckgeben.<br /> <br />Es gibt sie also noch, die Unternehmer, die kulturelle und soziale Werke unterst&uuml;tzen. Sie f&uuml;hlen sich wie fr&uuml;here Generationen des wohlhabenden B&uuml;rgertums f&uuml;r das Funktionieren des Staates und der Gesellschaft pers&ouml;nlich verantwortlich. Wo Unternehmer nicht selber t&auml;tig werden k&ouml;nnen, treten sie als M&auml;zene auf. Sie halten nichts von einer &laquo;Ohne-mich-Gesellschaft&raquo;. Was dennoch bedauerlich ist, sie schweigen zum unverantwortlichen politischen Marketing.<br /> <br /><span class="anmerkung">* Circus Italia. Aus dem Inneren der Unterhaltungsdemokratie. BV Berlin Verlag, 2011.                                      <br />** NZZ. Fokus der Wirtschaft, 11. Juni 2011. Hansj&ouml;rg Wyss &uuml;ber die Gr&uuml;nde des   Verkaufs von Synthes und seine zahlreichen wohlt&auml;tigen Projekte</span>]]></content:encoded></item><item><title>Auswandern und einwandern</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-06-09T16:41:22+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/5c5a83e479543b074c4e464ab268054e-66.html#unique-entry-id-66</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/5c5a83e479543b074c4e464ab268054e-66.html#unique-entry-id-66</guid><content:encoded><![CDATA[Auf dem Weg vom Sattel nach Schwyz steht die Kapelle, die das Ehepaar Franz Xaver und Lena Wiget-Schuler erbauen liess. Als die Strasse 1999 verbreitert wurde, musste die Kapelle verschoben und abgesenkt werden, zugleich entstand ein Rastplatz. Die Kapelle ist der Muttergottes gewidmet, im Innern geschm&uuml;ckt mit einer Nachbildung der Maria vom Wesemlin in Luzern. Auf einer Eisenplakette von 1959 spricht das Ehepaar Wiget der Muttergottes den Dank daf&uuml;r aus, dass sie nach einer st&uuml;rmischen Schiffspassage &uuml;ber den Atlantik heil in der neuen Heimat ankamen. Den Tod vor Augen hatten die beiden Auswanderer, die auf der R&uuml;ckreise nach einem Urlaub waren, gelobt, zu Ehren der Muttergottes eine Kapelle bauen zu lassen.<br /> <br />Die Wigets wanderten 1930 nach Amerika aus, nicht etwa getrieben von  Abenteuerlust oder Fernweh, sondern aus purer Not. In unserem Land fehlten jegliche wirtschaftlichen Perspektiven. Zwischen 1920 und 1930 verliessen alleine 1500 Menschen, meist aus der b&auml;uerlichen Bev&ouml;lkerung, den Kanton Schwyz. Insgesamt, ist auf der kurzen Inschrift bei der Kapelle vermerkt, habe es innerhalb von f&uuml;nfzig Jahren drei grosse Auswanderungssch&uuml;be gegeben. Die Menschen suchten eine neue Heimat, die ihnen Arbeit bieten konnte. Damals war Amerika das gelobte Land. Mein Grossonkel Josef Nussbaumer wanderte nach Mexiko City aus. Er, der Bruder meiner Grossmutter, fand als gelernter Uhrmacher sein Auskommen und er&ouml;ffnete sp&auml;ter ein eigenes Gesch&auml;ft. Mit seiner Nicht, Maria Nussbaumer, habe ich noch immer Kontakt, wir schreiben uns hie und da eine Mail.<br /> <br />In der Schweiz herrscht heute Hochkonjunktur, die gut qualifizierte Arbeitskr&auml;fte anzieht. Wir sind in der gl&uuml;cklichen Lage, dass es unserem Land wirtschaftlich ausgezeichnet geht, und doch sind wir zugleich in der ungl&uuml;cklichen, dass es zu wenig Schweizer gibt, die die offenen Stellen besetzen k&ouml;nnen. W&auml;hrend den fr&uuml;heren Hochkonjunkturjahren wurden im Ausland  vorwiegend Arbeitskr&auml;fte rekrutiert, die einfache Arbeiten zu verrichten bereit waren. Die Einwanderer von heute sind meist gut ausgebildete Fachkr&auml;fte, die sowohl an Universit&auml;ten als auch in industriellen Betrieben und im Dienstleitungssektor dringend gebraucht werden. Doch in den letzten Jahren hat sich ihnen gegen&uuml;ber eine Abwehrhaltung entwickelt.   <br /> <br />Die Abwehr gegen ausl&auml;ndische Arbeitskr&auml;fte ist reine Symptombek&auml;mpfung. Bildlich gesprochen nimmt sie sich aus wie  Pillenschlucken bei Kopfweh. Will es nicht aufh&ouml;ren, geht der Mensch zum Apothekerschrank und sucht nach einem Schmerzmittel. Er schluckt etwa eine Treupel-Tablette. Treupel enth&auml;lt Aspirin. Und trommeln die Schmerzen am n&auml;chsten Tag noch immer im Kopf, bek&auml;mpft er sie mit einem Treupel forte. Vergehen sie immer noch nicht, greift der Geplagte zu einem noch st&auml;rkeren Mitteln. Bis er endlich zum Arzt  geht. Der misst  den Blutdruck. Aufgepasst, er ist zu hoch! Der Arzt spricht mit dem Patienten und dieser gelangt zur Einsicht, dass er sein Leben endlich &auml;ndern sollte, als er vernimmt. &laquo;Damit Sie das Kopfweh wegbringen, m&uuml;ssen Sie die Ursachen bek&auml;mpfen. Sie leiden unter Stress.&raquo;<br /> <br />Der erbitterte Streit um die &Uuml;berfremdung ist eine Symptombek&auml;mpfung. Die &bdquo;Streitr&ouml;sser&ldquo; sollten sich einem Stresstest unterziehen m&uuml;ssen, der von ihnen fordert, Antwort auf die Frage zu geben, warum so viele Ausl&auml;nder in die Schweiz einwandern. Bald w&uuml;rde jedem klar, was der eigentlich Ausl&ouml;ser ist: Es ist das Streben nach Wachstum. &laquo;Im Wachstum liegt das Heil des Landes, ohne Wachstum l&auml;uft nichts&raquo;, heisst es sec. Wer aber Wachstum verlangt, sollte an die Nebenwirkungen denken. Haben Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser schon einen Politiker geh&ouml;rt, der das Wachstum ablehnt oder es energisch begrenzen m&ouml;chte? Eine solche Haltung w&uuml;rde wohl bei der Mehrzahl der W&auml;hler schlecht ankommen.<br /> <br />Es scheint immer einfacher, die Symptome einer Krankheit zu bek&auml;mpfen als deren Ursachen. Aber Symptombek&auml;mpfer bel&uuml;gen sich selber. Sie reden sich krank und stecken damit andere Menschen an. Ihre Propaganda erreicht, dass am Ende das ganze Land am gleichen Symptom zu leiden glaubt und nur noch hofft, mit Pillen dem beklagten &Uuml;bel abhelfen zu k&ouml;nnen. Da dies aber nicht gelingt, lassen sich immer neue Symptome finden, wie etwa die Personenfreiz&uuml;gigkeit mit der EU oder ein Fall f&uuml;r die Boulevardmedien, weil ein R&uuml;ckkehrer in seiner alten Heimat zum Sozialschmarotzer geworden sei. Und alles gipfelt dann in einem s&uuml;ffigen Wort: &laquo;Helfen Sie, die sch&ouml;ne Schweiz vor der &Uuml;berfremdung zu retten.&raquo; Das posaunte schon James Schwarzenbach zu Beginn der 1970er Jahre ins Land hinaus.<br /> <br />Wenn diejenigen, die daf&uuml;r zust&auml;ndig sind, die Ausl&auml;nderfrage f&uuml;r den Wahlkampf 2011 zu &laquo;pr&auml;parieren&raquo;, sich energisch f&uuml;r die Begrenzung des Wachstums in der Schweiz einsetzen, dann haben sie in meinen Augen an Ehrlichkeit gewonnen. Falls sie sich aber als Symptombek&auml;mpfer profilieren, kann ich sie nicht achten. Als Wirtschaftsvertreter wissen sie sehr wohl, wie sich die Beschr&auml;nkung des Wachstums l&auml;ngerfristig auswirken k&ouml;nnte. W&uuml;rden allein im Kanton Zug einige Tausend Fachkr&auml;fte mit Familien abwandern, entst&uuml;nde eine Immobilienkrise. Sowohl die Industrie als auch der Dienstleistungssektor w&uuml;rden einbrechen. Ade dem best&auml;ndigen Drehen an der Steuerschraube! Darum pl&auml;diere ich f&uuml;r eine sachliche Ursachenbek&auml;mpfung und wende mich gegen eine Politik, die Symptomschmerzen mit Treupel forte bek&auml;mpft. Ich verachte die propagandistische Pharmazeutik und denke an das Ehepaar Wiget und seine Kapelle.<br />]]></content:encoded></item><item><title>Ein Trinkgeld f&#x26;uuml;r ein L&#x26;auml;cheln</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-04-29T17:27:37+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/57bff076a73c1d226ae216986c360ae3-65.html#unique-entry-id-65</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/57bff076a73c1d226ae216986c360ae3-65.html#unique-entry-id-65</guid><content:encoded><![CDATA[In den vergangenen Tagen war ich dabei, eine neue Kolumne &uuml;ber Schweizer Werte zu schreiben. Bald einmal musste ich einsehen, dass  ich den Platz von mindestens drei Kolumnen ben&ouml;tigen w&uuml;rde, sollte eine wirklich &uuml;berzeugende Abhandlung entstehen. Also gab ich das Unterfangen besser auf, packte daf&uuml;r das Buch*: &laquo;Bei n&auml;herem Hinsehen. Beobachtungen zu Georg Christoph Lichtenbergs Sudelb&uuml;chern&raquo; ein und ging auf eine Lesefahrt nach Basel. Lichtenberg, der ber&uuml;hmte Physiker in G&ouml;ttingen, hatte nicht nur Experimente durchgef&uuml;hrt, sondern auch Tageb&uuml;cher geschrieben, die er Sudelb&uuml;cher nannte. Lesen im Zug ist eigentlich sehr anregend. Nicht nur ein Buch hatte ich mit dabei, sondern auch Briefe mit guten W&uuml;nschen. Da fand ich zum Beispiel eine Passage, die lautete: &laquo;Ich w&uuml;nsche Ihnen weiterhin (&hellip;) auch eine Fortsetzung des Geniessens und Erfreuens, wie es Ihre Kolumnen so oft vermitteln.&raquo; Diese Briefzeilen ver&auml;nderten meine Gem&uuml;tsverfassung derart, dass ich beschloss, die Nachbetrachtung zur Waffen-Initiative und zur Behauptung, ihre Annahme w&uuml;rde Schweizer Werte zerst&ouml;ren, endg&uuml;ltig sein zu lassen.<br /> <br />Als Georg Christoph Lichtenberg auf einer Reise in Hannover angelangt war, schrieb er am 9. April 1772  dem Ehepaar Dietrich, in deren Haus er wohnte: &laquo;Vor allen Dingen gr&uuml;sse mir die beyden Jungfern K&ouml;chinnen Marie und Regine, ich esse zuweilen gerne etwas gutes, deswegen lasse ich keine K&ouml;chin ungegr&uuml;sst &hellip;&raquo; Mehr als 200 Jahre sp&auml;ter halten wir es mit Lichtenberg, essen gerne gut, aber vergessen dann oft ein Merci. Das ist unverzeihlich. Darum m&ouml;chte ich den K&ouml;chen und den K&ouml;chinnen einmal &ouml;ffentlich mit folgender h&uuml;bschen Episode danken.<br /> <br />Kurz vor Weihnachten sass ich im Railjet, der von Wien kam und nach Z&uuml;rich fuhr. In Innsbruck war ich zugestiegen und hatte mir f&uuml;r einmal den Luxus geleistet, in der Abteilung &laquo;Premium&raquo; zu reisen. Da fand ich meine Ruhe und konnte lesen. Eine junge h&uuml;bsche Frau kam und fragte mich, was ich w&uuml;nsche. Sie tat es mit &ouml;sterreichischem Charme, stellte sich mit hochgeschn&uuml;rtem Busen leicht provozierend vor mich hin und l&auml;chelte. Ich durchschaute sie: Sie dachte bestimmt, da sitze wieder ein &auml;lterer Herr, der sich gerne von einer sch&ouml;nen Frau bedienen lasse. Ich bestellte einen S&uuml;ssmost. Sie stutzte, verstand mich nicht und so sagte ich schliesslich: &laquo;Bringen Sie mir einen Apfelsaft.&raquo; Das tat sie gerne.<br /> <br />Als ich das Glas leer getrunken hatte, erschien sie wieder und fragte, was sie mir, dem Herrn, wie sie mich nannte, servieren d&uuml;rfe. Ich erkl&auml;rte ihr, dass ich ein gutes Fr&uuml;hst&uuml;ck genossen h&auml;tte, noch w&uuml;rde der Magen nicht knurren, aber nach dem  Arlbergpass sollte sie mich bitte nochmals fragen. Was dann auch geschah. Sie k&ouml;nne mir heisse Frankfurter W&uuml;rstel offerieren. Aber dieses Angebot behagte mir gerade nicht. Hingegen nickte ich, als sie mir Chili con Carne anbot. &laquo;M&ouml;chten Sie dazu ein Glas Wein?&raquo;, fragte sie. Das war mir willkommen, und schon kurze Zeit sp&auml;ter stand ein Glas Zweigelt auf dem Klapptischchen.<br /> <br />Sp&auml;ter brachte sie mir ein Dessert und einen Kaffee, war immer sehr nett und gespr&auml;chig. Wie sie denn heisse, wollte ich wissen. Sie nannte mir ihren Namen, und ich wiederum schlug den Bogen zum Essayisten Simic. Ob sie denn ihren ber&uuml;hmten Namensvetter kenne. &laquo;Nein, mein Herr! Aber in Wien gibt es sehr viele Leute mit diesem Namen.&raquo; Als wir am Z&uuml;richsee entlang fuhren, trat sie wieder vor mich hin und fragte mit der noch immer gleichen Freundlichkeit nach meinen W&uuml;nschen. Ich bestellte noch einmal einen Apfelsaft, aber sie sch&uuml;ttelte den Kopf. Ob sie mir nicht etwas Besseres servieren d&uuml;rfe, zum Beispiel einen Gl&uuml;hwein? Ich bejahte befriedigt. Sie ging zur&uuml;ck in die Bordk&uuml;che, brachte nach ein paar Minuten ein Glas und entschuldigte sich zugleich, der Gl&uuml;hwein sei nicht ganz perfekt, sie habe leider keinen Zimt mit dabei.<br /> <br />Kurz vor Thalwil wollte ich zahlen. Erstaunt sah sie mich an. In dieser Bahnklasse sei die Verpflegung inbegriffen, sagte sie. Ein Trinkgeld aber nehme sie gewiss. Sie bejahte. Nun fragte ich sie leicht verschmitzt, wie viel denn ihr Service wert sei. &laquo;Noch nie hat mir jemand eine solche Frage gestellt. Ich weiss es nicht.&raquo; Was sie jeweils auf die Hand bekomme. Zwei, drei Euros oder auch mal einen F&uuml;nferschein, meinte sie und eilte weg. Sie komme aber gleich wieder, sie m&uuml;sse noch einen anderen Gast bedienen. Unterdessen entnahm ich meiner Geldtasche einen blauen Schein, und als sie erschien, streckte ich ihn hin. Sie nahm ihn, tat so, als ob sie den Schein k&uuml;ssen wollte und bedankte sich derart herzlich, dass mir ihre Freude nachging und zu meinem sch&ouml;nsten Weihnachtsgeschenk wurde.<br /> <br />Ich habe mir vorgenommen, nur noch denjenigen Serviceangestellten ein rechtes Trinkgeld zu geben, die mir auch ein L&auml;cheln schenken. Ein guter Service ist viel wert, und das Trinkgeld  am Schluss  ist eine Art Bewertung. Werte h&auml;ngen davon ab, wie Menschen eine Sache oder eine Dienstleistung bewerten. Wer dankt, dr&uuml;ckt seine Wertsch&auml;tzung aus. Zur&uuml;ck zu Lichtenberg. Am 24. Januar 1775 schrieb er an Dietrichs Frau Christiane: &laquo;Was macht denn Marie? Wenn sie artig ist, so gr&uuml;ssen Sie sie doch in meinem Namen. Wenn Dietrich sagt, Sie sollten es nicht thun, so gr&uuml;ssen Sie sie dreymal und wenn er b&ouml;ss werden sollte, sechsmal und so weiter.&raquo; Lichtenbergs Gr&uuml;sse an Marie sollten der Dienstmagd beweisen, dass der Abgereiste ihr gegen&uuml;ber Dankbarkeit empfand.<br /> <br />Bei n&auml;herem Hinsehen sind kleine Werte manchmal gross, und grosse sind oft nicht so gross, wie sie scheinen. Im zwischenmenschlichen Bereich jedenfalls z&auml;hlen die kleinen doppelt. Ein L&auml;cheln, das eine Zugfahrt &uuml;berdauert, bleibt ein Wert und ermuntert einen, auch einer anderen freundlichen Person f&uuml;r einen guten  Service ein reichliches Trinkgeld zu geben.<br /> <br /><span class="anmerkung">* Horst Gravenkamp: Bei n&auml;herem Hinsehen. Beobachtungen zu Georg Christoph Lichtenbergs Sudelb&uuml;chern. G&ouml;ttingen 2011</span>]]></content:encoded></item><item><title>Prometheisches Feuer in Japan</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-04-06T11:00:34+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/4dce913202513b7b369ce136de7f800d-64.html#unique-entry-id-64</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/4dce913202513b7b369ce136de7f800d-64.html#unique-entry-id-64</guid><content:encoded><![CDATA[Das Erbeben in Japan und der anschliessende Tsunami sind Naturkatastrophen. Die schrecklichen Folgen, die Sch&auml;den am Atomkraftwerk Fukushima, wurden aber von Menschhand riskiert, auch wenn die Fachleute beim Bau die Erdbeben- und Tsunamigefahr ber&uuml;cksichtig haben, &auml;hnlich wie z. B. in den Niederlanden, wo man &uuml;ber Jahrhunderte D&auml;mme gegen die unberechenbaren Sturmfluten erstellt hat.<br /> <br />Wie gingen denn fr&uuml;here Kulturen mit Katastrophen um? Die Griechen erfanden einen Mythos f&uuml;r das Grauen, dass jedes schreckliche Ungl&uuml;ck in ihnen ausl&ouml;ste. Prometheus, der Sohn des Titanen Iapetos, k&auml;mpfte listig und geistreich gegen G&ouml;ttervater Zeus. Auf Erden formte er Menschen aus Ton nach seinem Bilde. Er stattete sie mit den n&ouml;tigen Eigenschaften aus, nach seinem Bilde, und wollte ihnen im Umgang mit den G&ouml;ttern helfen. Dann versuchte er, verf&uuml;hrt durch die eigene Klugheit, Zeus zu betr&uuml;gen. Da verh&auml;ngte dieser eine Strafe &uuml;ber die Menschen. Er versagte ihnen die g&ouml;ttliche Gabe des Feuers und liess sie darben und frieren. Prometheus aber stahl die Glut, indem er einen Riesenfenchel am vorbeirasenden Sonnenwagen entz&uuml;ndete. Er hatte das Feuer zwar zur&uuml;ckgeholt. Doch die sterblichen Menschen standen von nun an im Widerstreit mit der vorgegebenen g&ouml;ttlichen Ordnung. Sie wollten selber Sch&ouml;pfer sein. Sie gebrauchten das Feuer f&uuml;r ihre Zwecke, schmiedeten das Eisen und forschten weiter, bis sie auf das Uran stiessen, das radioaktiv und spaltbar ist. Dabei waren die alten Griechen &uuml;berzeugt, Atome (atomos = altgriechisch f&uuml;r unteilbar) w&uuml;rden sich nicht teilen lassen. Das gewaltigste und gef&auml;hrlichste Feuer, das Ph&auml;nomen der Kernspaltung, wurde 1938 in einem deutschen Labor entdeckt.<br /> <br />In der Zeit von &laquo;Sturm und Drang&raquo;, als sich das Maschinenzeitalter abzuzeichnen begann, verfasste der junge Goethe einen Hymnus auf Prometheus. Darin verspottete er Zeus:<br /><br />Bedecke deinen Himmel, Zeus,<br />Mit Wolkendunst!<br />Und &uuml;be, Knaben gleich,<br />Der Disteln k&ouml;pft,<br />An Eichen dich und Bergesh&ouml;hn!<br />Musst mir meine Erde<br />Doch lassen stehn,<br />Und meine H&uuml;tte,<br />Die du nicht gebaut,<br />Und meinen Herd,<br />Um dessen Glut<br />Du mich beneidest.<br /><br />In kr&auml;ftigen Bildern und starken Rhythmen endet das Gedicht:<br /><br />Hier sitz&rsquo; ich, forme Menschen<br />Nach meinem Bilde,<br />Ein Geschlecht, das mir gleich sei,<br />Zu leiden, weinen,<br />Geniessen und zu freuen sich,<br />Und dein nicht zu achten,<br />Wie ich.<br /><br />Der Hymnus wurde im Laufe der Zeit verschieden interpretiert. Es geht einerseits um das Gegensatzpaar Zeus und Prometheus, aber er dr&uuml;ckt  doch auch den Hochmut der Menschen aus, die im Begriff waren, die Dampfmaschine zu konstruieren, Elektrizit&auml;t zu erzeugen und tief in die Grundgesetze der Natur einzudringen.<br /> <br />Das Feuer ist ambivalent. Das wussten die Griechen. Es n&uuml;tzt, wenn es gut geh&uuml;tet wird, es richtet Schaden an, wenn es ausbricht. Der Blitz kann einen Menschen oder einen Geb&auml;udebrand ausl&ouml;sen. Da erfand der Mensch den Blitzableiter. Als er dann aber die Atome zu  spalten begann, erschrak er erst nach Hiroshima.<br /> <br />Im Prometheus-Mythos steckt die fr&uuml;he Ahnung, was geschehen kann, falls der Mensch aus der Ordnung der Natur f&auml;llt, falls er frevelt. Zeus&rsquo; Strafe traf Prometheus. Er &uuml;bergab ihn Hephaistos, dem Gott der Schmiedenkunst, der ihn an einen Felsen im Kaukasus kettete. T&auml;glich landete ein Adler und riss St&uuml;cke aus der nachwachsende Leber. Das Feuer hatte von nun an ein doppeltes Gesicht: Es schenkte dem Menschen einerseits W&auml;rme und andererseits b&uuml;rdete es ihm die Last der Freiheit auf. Fortan musste er verantworten, was er mit dem Feuer anstellte.   <br /> <br />Das prometheische Handeln des Menschen erweist sich seit der Atomkatastrophe in Japan wieder einmal mehr als verh&auml;ngnisvoll. Es f&uuml;hrt  an die Grenzen des Fortschritts, eines  Fortschritts, der masslos und uners&auml;ttlich geworden ist. Der Philosoph Karl L&ouml;with (1897-1973) meinte seinerzeit, es gebe ein Art Wettlauf zwischen dem faktischen Fortschritt und dem progressiven Verlangen danach. Denn je mehr erreicht werde, desto mehr werde gefordert und erstrebt. &laquo;Und solange wir nicht unser gesamtes Verh&auml;ltnis zur Welt, und damit zur Zeit, von Grund auf revidieren, sondern mit der biblischen Sch&ouml;pfungsgeschichte und den christlichen Begr&uuml;ndern der modernen Naturwissenschaften voraussetzen, dass die Welt der Natur f&uuml;r den Menschen da ist, ist nicht abzusehen, wie sich an dem Dilemma des Fortschritts etwas &auml;ndern sollte.&raquo;*<br /> <br />L&ouml;withs Pessimismus ist gerechtfertigt. Erst wenn sich die Katastrophe einstellt, beginnt der Mensch  &uuml;ber die Folgen nachzudenken und sein Verhalten zu &uuml;berpr&uuml;fen. Vor genau f&uuml;nfzig Jahren, 1961, hat Karl L&ouml;with vor den Folgen des forcierten Fortschritts gewarnt. Seine warnende Stimme verhallte im Leeren &ndash; wie die vieler anderer. Niemals wird der Mensch das progressive Verlangen nach Fortschritt aufgeben, bevor die sch&auml;dlichen Folgen gr&ouml;sser sind als die Vorteile.<br /> <br />Vor einer so gewaltigen Katastrophe wie in Fukushima versagt die menschliche Sprache. Unermessliches Leid l&auml;sst sich nicht mit sprachlichen Mitteln beschreiben und somit  bew&auml;ltigen. Das wussten die Griechen, und sie verliehen ihm im Mythos Gestalt. G&auml;be es einen Prometheus-Felsen in Japan, dann br&auml;uchte es wohl mehr als ein paar Ketten.<br /> <br /><span class="anmerkung">Karl L&ouml;with: S&auml;mtliche Schriften. Band 2. Weltgeschichte und Heilsgeschichte. Stuttgart 1983.</span>]]></content:encoded></item><item><title>Was w&#x26;auml;hlen Schweizer eigentlich?</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-03-09T19:28:03+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/befff80ca7a5c13d67df33689e15eeb2-63.html#unique-entry-id-63</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/befff80ca7a5c13d67df33689e15eeb2-63.html#unique-entry-id-63</guid><content:encoded><![CDATA[Es ist schwer, keine Satire zu schreiben. Difficile est satiram non scribere, meinte der R&ouml;mer Juvenal (60-140 n. Chr.). Was Juvenal, der letzte der grossen Satiriker, ausspricht, gilt auch heute: Nicht nur zur Fastnachtszeit m&ouml;chte man satirisch schreiben. Da grinst dich zum Beispiel von einem Abstimmungsplakat die schreckliche Fresse mit einem Gewehr in der Hand an, und du glaubst erst noch, eine solche  Art von Propaganda w&uuml;rde niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Das w&auml;re ja die Abschaffung der Vernunft. Was z&auml;hlt sind doch Argumente, denkst du. Und das war sogar bei der Waffenschutzinitiative der Fall.<br /> <br />Und nun hat auch das Wahljahr so richtig begonnen, wobei du schon heute wei&szlig;t, dass du dich nicht auf eine bestimmte ultimative Forderung einlassen wirst, &uuml;berlegst nur gerade, ob du dein K&auml;ppi mit dem Schweizerkreuz nicht besser entsorgen solltest. Du bist zwar ein zufriedener  Schweizer, aber dir muss niemand sagen, wen du zu w&auml;hlen hast. Du schaust dir dann schon noch die K&ouml;pfe an.<br /> <br />Schweizer w&auml;hlen gerne trendige Mode. Oft sind es Modelle, in die Prominente schl&uuml;pfen und damit werben, verkauft aber werden sie weltweit. Und doch f&uuml;hlen sich die Schweizer darin sicher, das Selbstwertgef&uuml;hl platzt fast aus den N&auml;hten. Herumstolzieren im globalisiert gestylten Kleid und auf Abs&auml;tzen, die klipp, klapp auf den Asphalt schlagen. Das Schweizerkreuz auf der Stofftasche akzentuiert daf&uuml;r ein wenig den Sonderfall. Neudeutsch wird dies &laquo;Swissness&raquo; genannt.<br /> <br />Schweizer w&auml;hlen Schn&auml;ppchen. Am liebsten Aktionen und Drei f&uuml;r Zwei-Angebote. Trockenfleisch aus Malbun und Parmaschinken, m&ouml;glichst g&uuml;nstig. Sie w&auml;hlen eher Parmesan als Emmentaler. Italienische K&auml;ser arbeiten zu niedrigeren L&ouml;hnen als sie hierzulande gelten. Warum sollten Schweizer nicht w&auml;hlen, was g&uuml;nstiger ist? Eine Fahrt nach Konstanz  zahlt sich im Moment mehr denn je aus. Vom tiefen Euro profitieren und sparen beim Shoppen, heisst die Devise. Daf&uuml;r reicht es noch f&uuml;r einen Schweinsbraten in einem deutschen Restaurant.<br /> <br />Schweizer w&auml;hlen Billigfl&uuml;ge nach Antalya und reisen nach Side, nach Lara oder Belek. Sie fliegen mit Edelweiss nach Puerto Plata oder nach Varadero. Andere schnorcheln auf den Malediven oder reiten mit Kamelen bei Abu Dhabi durch die W&uuml;ste. Die Demonstrationen vor kurzem in Tunesien und &Auml;gypten f&uuml;hrten zu Annullierungen und so wird als Ersatz Marokko, Teneriffa oder Mallorca gew&auml;hlt. Warum nicht doch noch Sharm el-Sheikh fahren? Mubarak hat dort seine Villa, und seine W&auml;chter oder das Milit&auml;r werden schon daf&uuml;r sorgen, dass den ausl&auml;ndischen Touristen nichts passiert.<br /> <br />Schweizer w&auml;hlen sch&ouml;ne Autos. Das Auto ist die nach aussen gest&uuml;lpte Haut des Fahrers. Am Steuer &auml;ndert der Mensch sogar seine Pers&ouml;nlichkeit. Das Auto ist eine K&ouml;rpermaske, und maskiert ist man um einiges bedeutender als ohne Maskerade. Kaum ins Auto eingestiegen, beginnt das Rollenspiel und das kleine Ich bl&auml;ht sich auf. &laquo;Diese bl&ouml;den Velofahrer! Verdammt, immer trifft es mich, der vor dem Fussg&auml;ngerstreifen stoppen muss! Nur nicht abbremsen, einfach noch schnell durch. Hallo, ich bin doch vor dir, du Trottel, im Kreisel gewesen!&raquo;<br /> <br />Schweizer w&auml;hlen &laquo;20 Minuten&raquo;, doch die welsche Ausgabe lassen sie liegen, wenn der Zug aus Genf oder Lausanne kommt. Es gibt ja dann noch den &laquo;Blick am Abend&raquo;. Viele informieren sich in den Klatschspalten. Klatsch betont, was in ist, wer gerade das Maul zerreisst und wer einen unschuldigen Menschen niedergeschlagen hat. Nichts gegen Klatsch, man ist dann im Bild und hat gen&uuml;gend Gespr&auml;chsstoff. Hoffentlich waren die Schl&auml;ger keine Schweizer! Sind es  Ausl&auml;nder, bleibt die Welt in Ordnung. Man hat es ja immer gesagt! Popul&auml;r ist, wer &uuml;ber die richtigen V&ouml;gel flucht. Schweizer schwingen gerne &laquo;die krude Keule des Populismus&raquo;, stand in der NZZ. Sogar Akademikern w&uuml;rde es selten gelingen, ihn &laquo;mit dem Degen des differenzierten Arguments zu parieren&raquo;.<br /> <br />Schweizer w&auml;hlen, was auf der Bestsellerliste ganz oben angekommen ist. Sie  w&auml;hlen, was auf der Theke vor der Kasse liegt, ziehen vor, was laut angepriesen wird, flott daherkommt und auf den ersten zehn Seiten alle Klischees bedient. Boulevard in Romanform! Paradox eigentlich: Da hat der Kapitalismus unz&auml;hlige M&ouml;glichkeiten geschaffen auszuw&auml;hlen, und doch dominiert der Einheitsbrei und die Gleichmacherei mehr denn je. Und schon stellt sich die Frage: Haben die unglaublichen Wahlm&ouml;glichkeiten denn ein Mehr an Gl&uuml;ck geschaffen? Auff&auml;llige Werbefarben und laute T&ouml;ne sind keine Garantie f&uuml;r Vielf&auml;ltigkeit und Originalit&auml;t. Und wer mit dem Lautsprecher politisiert, l&ouml;st noch lange keine Probleme.<br /> <br />Bis vor vierzig Jahren haben die M&auml;nner noch keine Frauen gew&auml;hlt. &laquo;Wollt ihr solche Frauen?&raquo;, wurden die M&auml;nner seinerzeit gefragt. Das eine Abstimmungsplakat pr&auml;sentierte ihnen eine magers&uuml;chtige, die H&auml;nde spreizende, keifende Frau, ein anderes schlicht und verst&auml;ndlich einen Teppichklopfer. Heute triumphiert in Bern der Teppichklopfer. Unser Land wird deswegen nicht schlechter regiert.<br />Nein, dir kann man nicht einh&auml;mmern, wen und was du zu w&auml;hlen hast, und zugleich hoffst du, es ergehe anderen wie dir. Du m&ouml;chtest ein Schweizer bleiben d&uuml;rfen, der sich vorbeh&auml;lt zu w&auml;hlen, wie und wen er will. Also brauchst du dein K&auml;ppi mit dem Schweizerkreuz und dem sch&ouml;nen Rigi-Signet nicht zu entsorgen. ]]></content:encoded></item><item><title>Hochdeutsch im Kindergarten?</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-02-14T19:15:43+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/410c52c26ab944cdb3e2181f0131c5c5-62.html#unique-entry-id-62</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/410c52c26ab944cdb3e2181f0131c5c5-62.html#unique-entry-id-62</guid><content:encoded><![CDATA[Mit dem Schlagwort Kuschelp&auml;dagogik wurde vor nicht allzu langer Zeit die Schule als Wahlkampfthema erkannt und seither wird es aus taktischen Gr&uuml;nden dauernd wiederholt. Erfolgreiche Taktik ist die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung einer Behauptung oder eines eing&auml;ngigen Wortes, ohne auf Argumente dagegen einzugehen. Wer von Kuschelp&auml;dagogik spricht, erhebt zugleich den Vorwurf, dass die Sch&uuml;ler von heute verh&auml;tschelt w&uuml;rden. Die Politik sei deshalb gefordert, von der Schule wieder mehr Leistung zu verlangen.<br /> <br />Vor kurzem ist die neuste Pisa-Studie erschienen. Diesmal ging es explizit um die Lesef&auml;higkeit der 15-J&auml;hrigen. Da haben die Schweizer Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler gegen&uuml;ber fr&uuml;heren Erhebungen Fortschritte gemacht. Und doch ist der Abstand zur Spitze geblieben, darum sollte vermehrt bei der Sprach- und Lesef&ouml;rderung angesetzt werden. In den F&auml;chern Mathematik und Naturwissenschaften stiegen sie hingegen aufs Podest.  Was mir aufgefallen ist: Keiner, der den Vorwurf der Kuschelp&auml;dagogik erhoben hat, anerkannte die erzielten Fortschritte. Ganz bestimmt w&uuml;rden die Lehrerinnen und Lehrer daf&uuml;r mal ein Lob verdienen.<br /> <br />Und da wird nun pl&ouml;tzlich im Widerspruch zum Schlagwort der Kuschelp&auml;dagogik gefordert, dass im Kindergarten ausschliesslich kuschelige Mundart gebraucht wird. Die Lektionen in Hochdeutsch sollen wieder abgeschafft werden. Wie k&ouml;nnen sonst Kindergartenkinder  Geborgenheit und Heimat finden, wird geklagt. Bevor die mundartliche Sprachentwicklung ihr festes Fundament habe, d&uuml;rfe man die Kinder nicht mit hochdeutschen W&ouml;rtern verunsichern. Da begann ich mich an die Sprachentwicklung meiner &auml;lteren Tochter zu erinnern, und h&ouml;rte mich auch anderswo ein wenig um.<br /> <br />Als ich vor Jahren mit meiner Familie ein Jahr in Berlin weilte, war Teresa gerade f&uuml;nfj&auml;hrig. Sie besuchte einen Kinderhort und spielte mit den gleichaltrigen Kindern. Gelegentlich begleitete ich sie auf den Spielplatz, auf den Buddelplatz, wie er in Berlin genannt wird und schaute dem Spiel der Kinder zu. Immer wieder &uuml;berraschte mich mein T&ouml;chterchen mit ihrem Geplauder: &laquo;Kiek mal, Theres, dat it ne Stullle&raquo;, sagte ein M&auml;dchen. &laquo;Ne glob ick nich, dit is wie ne Schrippe.&raquo; Ich bewunderte die Kleine, mit der wir zu Hause schweizerdeutsch sprachen, und die derart echt den berlinerischen Tonfall traf. Auf dem Heimweg wollte ich erfahren, was denn eine Stulle und eine Schrippe sei. &laquo;Das isch &auml; Brotschiebe mit Anke, Papi, und e Schrippe isch &auml;s B&uuml;rli.&raquo;<br /> <br />Vor einigen Wochen diskutierte ich mit einer Journalistin und fragte sie, was sie davon halte, dass im Kindergarten wieder ausschliesslich Mundart gesprochen werden soll. &laquo;Davon halte ich gar nichts&raquo;, meinte sie. Die Mundart setze sich umgangssprachlich bei Schweizern sowieso durch. Dann erz&auml;hlte sie mir, dass sie zur ersten Generation geh&ouml;re, die mit einem Fernsehapparat in der Stube gross geworden sei. Hochdeutsch habe sie schon im Vorschulalter reden k&ouml;nnen, und sie sei nicht etwa in einem bildungsb&uuml;rgerlichen Quartier aufgewachsen. &laquo;F&uuml;r uns F&uuml;nf- und Sechsj&auml;hrige&raquo;, f&uuml;hrte sie aus, &laquo;hat Hochdeutsch eine bestimmte Funktion gehabt. Es war die Sprache des eher Exotischen, des etwas Aussergew&ouml;hnlichen gewesen.&raquo; Sie h&auml;tten auf Schweizerdeutsch &laquo;g&rsquo;m&uuml;tterlet&raquo;, dagegen auf Hochdeutsch &laquo;g&rsquo;indianerlet&raquo;, so wie sie es am Deutschen Fernsehen geh&ouml;rt h&auml;tten, mit dem stummen &laquo;r&raquo; an Wortenden und dem vorne, am Gaumen ausgesprochenen &laquo;k&raquo; und &laquo;ch&raquo;. Etwa so: &laquo;Wi&auml; f&uuml;hren Krieg gegen die Kaubois.&raquo;<br /> <br />Sie erz&auml;hlte auch von einer Studienkollegin, die als Deutsche im Primarschulalter in die Schweiz, nach Burgdorf, gekommen sei. In der Schule habe sie sich aber schnellstens abgew&ouml;hnen m&uuml;ssen, deutsches Hochdeutsch zu sprechen. Rasch habe sie sich unserer alemannischen Standard-Hochsprache angepasst, um nicht geh&auml;nselt zu werden. Wer ein solches &laquo;Gst&uuml;rm&raquo; um Mundart im Kindergarten mache, beleidige die nat&uuml;rliche Intelligenz unserer Kinder. Es mache ihnen doch Spass hochdeutsch zu parlieren. Das k&ouml;nne sie auch bei ihrem Patenkind beobachten, das noch nicht in die Schule gehe.<br /> <br />Die Empfehlung, im Kindergarten einige Lektionen auf Hochdeutsch zu halten, ist wissenschaftlich abgest&uuml;tzt, sie entspricht zudem einer allt&auml;glichen Erfahrung. Wer das Gl&uuml;ck hat, zweisprachig aufzuwachsen, wird sp&auml;ter nicht m&uuml;hsam und krampfhaft versuchen m&uuml;ssen, den mundartlich gef&auml;rbten Akzent in seinem Franz&ouml;sisch oder Italienisch auszumerzen, was &uuml;brigens nur musikalisch begabten Menschen gelingt.<br /> <br />Kuschelige Mundart ist heimelig. Doch Kinderg&auml;rtnerinnen brauchen genug Handlungsspielraum, wann und wie sie diese gebrauchen. Die Welt von Heute verlangt sprachliche Flexibilit&auml;t. Unter anderen klagen Lehrmeisterinnen und Lehrmeister, dass die Schulabg&auml;nger nicht einmal mehr einen Bewerbungsbrief in korrekter Hochsprache schreiben k&ouml;nnten. Warum also nicht jene sensible Phase der Sprachentwicklung ausn&uuml;tzen, in der das Sprechen am Leichtesten gelernt und eingepr&auml;gt wird? Kinder sollten nicht dauernd in einer Kuschelsprache angesprochen werden, die manchmal so richtig kindisch klingt. Von Schlagworten, die taktisch wiederholt werden, sollte man das eigene Denken und Beobachten nicht ausser Kraft setzen lassen.]]></content:encoded></item><item><title>Wer ist integriert?</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2011-01-02T10:08:27+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/b8b45d5748437e18d86a520535d6774c-61.html#unique-entry-id-61</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/b8b45d5748437e18d86a520535d6774c-61.html#unique-entry-id-61</guid><content:encoded><![CDATA[Begriffe, die leicht &uuml;ber jede Zunge kommen, werden selten klar und eindeutig gebraucht. So verh&auml;lt es sich etwa mit dem Wort Gl&uuml;ck, das bei jedem Jahreswechsel h&auml;ufig kursiert. Jeder versteht darunter etwas anderes. &Auml;hnlich verh&auml;lt es sich auch mit dem Begriff der Integration, der ja vor der letzten eidgen&ouml;ssischen Abstimmung in aller Munde war. Dazu liess sich in der &laquo;Weltwoche&raquo; auch der Multimillion&auml;r Gunter Sachs vernehmen, der in St. Moritz lebt. Richtig integriert sei ein Ausl&auml;nder erst, wenn er perfekt Schweizerdeutsch spreche. Am Ende seiner Ausf&uuml;hrungen meinte er: &laquo;Eines m&ouml;chte ich unserem Volk von Br&uuml;dern (h&uuml;t bin i en Papirli-Schwyzer) noch aus Erfahrung und von Herzen sagen: Dem schwyzerd&uuml;tschen Charme k&ouml;nnen sich die Michels schwerlich entziehen.&raquo; T&auml;uscht sich der Neu-St. Moritzer da vielleicht nicht doch ein wenig? Es kommt wohl schon darauf an, wie das von ihm geliebte Schwyzerd&uuml;tsch in den Ohren klingt.<br /> <br />Aus der Erg&auml;nzung richtig im oben zitierten Satz ist herauszulesen, dass Gunter Sachs unter Integration eigentlich Assimilation versteht. Mancher Zugezogene spricht zwar gut Schweizerdeutsch und ist dennoch nicht assimiliert. Die Schweiz gen&uuml;gt ihm als Aufenthalts- oder Niederlassungsland, um Gesch&auml;fte oder Karriere zu machen. Aber assimiliert ist er eben gerade nicht, weil er sich &uuml;berhaupt nicht f&uuml;r seine Wohngemeinde und das weitere Umfeld interessiert.<br /> <br />Sehr viele Deutsche in der Schweiz sprechen nicht Schwyzerd&uuml;tsch und sind doch integriert. Sie arbeiten, verdienen ihr Leben, zahlen Steuern, erziehen ihre Kinder, geben dem Land durch ihre Arbeit Impulse und tragen ihren Teil zum Wachstum der Gesellschaft bei. Sie f&uuml;hlen sich einbezogen, eingegliedert in unsere Gesellschaft. Warum sollte ein T&uuml;rke, der mit Erfolg einen Kebab Betrieb f&uuml;hrt, und nur gerade seine zwei tausend schweizerdeutschen W&ouml;rter kennt, um auch Schweizer Jugendliche bedienen zu k&ouml;nnen, und der sich im &Uuml;brigen nichts zu Schulden kommen l&auml;sst, sich und seine Familie selber durchbringt, ja sogar genug Ehrgeiz besitzt, damit es seine Kinder im Gastland zu etwas bringen, nicht integriert sein? Wollte er sich einb&uuml;rgern lassen, m&uuml;sste er freilich besser Deutsch sprechen.<br /> <br />Und wie steht es mit den vielen Ausl&auml;ndern, die nur Englisch sprechen, und sogar in den F&uuml;hrungsetagen der Banken und in den Niederlassungen internationaler Unternehmen von den Schweizern verlangen, dass sie die englische Sprache beherrschen? Sie wohnen in Zug oder Luzern, schicken ihre Kinder in englische Privatschulen und verkehren unter ihresgleichen. Verlegen sind sie, wenn sie Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch sprechen sollten. Sind sie nun integriert, einbezogen in die gesellschaftliche Einheit dieses Landes oder eben gerade nicht? Nat&uuml;rlich tragen sie zu unserem Wohlstand bei, besuchen Konzerte im KKL, Ausstellungen und Messen in Z&uuml;rich und Basel und nehmen auf ihre Art am gesellschaftlichen Leben des Landes teil. Aber Schweizerb&uuml;rger wollen sie nicht werden.<br /> <br />Johannes Mario Simmel, der jahrelang in Zug lebte, war geb&uuml;rtiger  &Ouml;sterreicher. Er sprach kein Schweizerdeutsch. Als er von Monaco nach Zug umgezogen war, r&uuml;hmte er seinen neuen Aufenthaltsort &uuml;ber alles. Zug gefiel ihm sehr, und weil er jahrelang ein Bestsellerautor war, gefiel er uns Zugern auch. Er bewunderte nicht nur den Sonnenuntergang, sondern war ausdr&uuml;cklich zufrieden, dass man mit ihm hierzulande keinen Starkult betrieb. So konnte er in Ruhe schreiben. Daf&uuml;r bezahlte er reichlich Steuern. Damit schien er einbezogen in die Gesellschaft. Jedenfalls erregte er keinen Anstoss, sondern trug mit seinem Beitrag dazu bei, dass das Gemeinwesen gesellschaftliche und kulturelle Aufgaben erf&uuml;llen konnte. Wie aber steht es denn mit den einfachen ausl&auml;ndischen Arbeitern, die ihren Dienst ohne Murren und meist mit niedrigen L&ouml;hnen versehen? Sind die etwa nicht integriert, nur weil sie nach Jahren immer noch gebrochen Deutsch sprechen oder das charmante Schwyzerd&uuml;tsch nicht richtig verstehen?<br /> <br />Mir scheint, wir sollten den Begriff der &laquo;Integration&raquo; nicht zu eng auslegen. Falls ein Ausl&auml;nder unsere Sprache spricht und rege am Brauchleben teilnimmt, sollten wir eher sagen, er sei assimiliert. Die meisten jugendlichen Ausl&auml;nder der zweiten und dritten Generation sind es. Sie spielen in Vereinen mit, johlen wie ihre Schweizer Kollegen, wenn der FC Luzern oder der EV Zug gewinnt. Ausl&auml;nder verlieben sich in Schweizerm&auml;dchen, genauso wie sich ein Schweizer in eine Ausl&auml;nderin verliebt. Das war schon nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall, als vermehrt &Ouml;sterreicherinnen und Italienerinnen in unseren Fabriken arbeiteten.<br /> <br />Wir d&uuml;rfen uns nicht vom politischen Ges&auml;usel irritieren lassen, dass nur integriert sei, der Mundart spricht. Wie sollte die Schweiz in der globalisierten Welt bestehen k&ouml;nnen, ohne die zahlreichen Ausl&auml;nderinnen und Ausl&auml;nder? Wir sind nun einmal ein multikulturelles Land geworden. Unsere zentrale Aufgabe besteht darin, eine neue Vielheit in der Einheit zu schaffen. Warum polemisieren diejenigen, die es anders sehen als ich, nicht gegen die reichen Amerikaner und Russen, die in Parallelgesellschaften leben? Warum f&uuml;hlt sich der &laquo;&Auml;geritaler&raquo; bem&uuml;ssigt, einen Beitrag English text on page 5 zu bringen, wo auf dem Titelbild die Morgartensch&uuml;tzen im Stroh liegen? Und warum tut er dies nicht auch auf T&uuml;rkisch? Da stimmt doch einfach etwas nicht. Offensichtlich erliegen die vielen englischsprechenden Menschen dem Charme des Schwyzerd&uuml;tsch auch nicht und sie sind dankbar, wenn ihnen das &laquo;&Auml;geri Valley&raquo; mit seinem Brauchtum in ihrer Muttersprache n&auml;her gebracht wird. Und dass ein Gunter Sachs seine Br&uuml;der als Deutsche Michels anredet, besitzt nicht viel vom Charme der Bourgeoisie, wie Arrogante eben selten besonders charmant sind.]]></content:encoded></item><item><title>Vom T&#x26;ouml;rggelen zum Torkeln</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-12-10T11:31:47+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/7027ddca083d3ed324da26fd3d555183-60.html#unique-entry-id-60</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/7027ddca083d3ed324da26fd3d555183-60.html#unique-entry-id-60</guid><content:encoded><![CDATA[Gl&uuml;ckliche Umst&auml;nde f&uuml;hrten mich vor ein paar Wochen zum Guggerhof im Tirol. Dort findet zur Erntezeit das sogenannte T&ouml;rggelen statt. Fr&uuml;her  wurde der Brauch vor allem im Eisack-Tal an der Brennerroute gepflegt. Inzwischen ist er aber auch ins Nordtirol &uuml;bergeschwappt. Ich erkundigte mich am Ort, woher denn der Begriff <em>t&ouml;rggelen</em> komme. Er lasse sich von Torggl ableiten und bedeute eigentlich die Weinpresse, die in einem Raum steht, wo fr&uuml;her auch das Erntedankfest gefeiert wurde. Da trank und ass man t&uuml;chtig, sang und spielte. Auf den Tisch kamen neben Wein und Most, saftige Koteletten und Rippchen, Speck und Hartw&uuml;rste, Kraut aus der eigenen Produktion, K&auml;se, N&uuml;sse und Kastanien. Zur Nachspeise wurden gef&uuml;llte Krapfen aufgetragen. Schliesslich, gab es zur Verdauung einen Nussler, einen Nussschnaps.<br /> <br />Wieder zu Hause, ging ich dem alten Brauch weiter nach. Das Deutsche W&ouml;rterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm belehrte mich, dass das Wort auf das lateinische torculare zur&uuml;ckgehe, was keltern bedeute. Davon leite sich wiederum das Wort torkeln ab, das f&uuml;r einen schwankenden Gang gebraucht werde, wenn einer nach einem weinseligen Fest heimw&auml;rts torkelt. Schon Martin Luther hat den Begriff gebraucht: &laquo;Da gehen sie daher, torkeln auff den gassen von einer wand zu der andern.&raquo;<br /> <br />Doch nun zur&uuml;ck auf den Guggerhof: Vom Hof, der an einem Hang liegt, hatte ich einen sch&ouml;nen Blick ins Tal. In der Umgebung wachsen Rebst&ouml;cke, alte Obst-, Nuss- und Kastanienb&auml;umen. Vor dem blumengeschm&uuml;ckten Haus erfreut ein gepflegter Garten die G&auml;ste. Solche Gutsh&ouml;fe, wie der Guggerhof einer ist, mit get&auml;felten Stuben und geschnitzten Decken, mit einem Herrgottswinkel und Portr&auml;ts von Vorfahren an den W&auml;nden, erhalten von der Obrigkeit eine Erlaubnis, um w&auml;hrend der Erntezeit selber G&auml;ste bewirten zu d&uuml;rfen.<br /> <br />Als ich eintrat, ging es schon laut zu und her. Ich fand einen Eckplatz an einem der gut besetzten Tische. Mir gegen&uuml;ber sassen Innsbrucker Herrschaften. Die Haarpracht der einen Frau erinnerte mich an alte Gem&auml;lde mit Samson und seiner M&auml;hne. Ein anderes Ehepaar kam aus Bregenz. Die Leute am Tisch begannen mich in ein Gespr&auml;ch zu verwickeln, und ich geriet ins Erz&auml;hlen. Schon bald stiess ich mit den Leuten auf ihr Wohl an und am Ende duzten wir uns.<br /> <br />Der Mann aus Bregenz entpuppte sich als Bewunderer der Schweiz. Er sollte meine Zunge noch mehr lockern, als er nicht aufh&ouml;ren wollte, unser Land zu loben und Fragen zu stellen. Wie denn die direkte Demokratie funktioniere, wollte er wissen. Es w&uuml;rden ja Ende November wieder sehr umstrittene Abstimmungen stattfinden. Die Schweizer seien aber schlau, ja meist raffiniert. Er spielte nat&uuml;rliche auf unser Verh&auml;ltnis mit der EU an. Das Abseitsstehen lohne sich halt doch. Ich mochte aber nicht auf dieses Thema eingehen, denn bald herrschten am Tisch v&ouml;llig unterschiedliche Meinungen zur die Europ&auml;ischen Gemeinschaft.<br /> <br />Der Bregrenzer, der offensichtlich &uuml;ber den Bodensee guckte, gelegentlich eine Schweizer Zeitung liest, wollte unbedingt mehr &uuml;ber das Erfolgsrezept seines Nachbarlandes wissen, und ich holte ein bisschen aus, betonte, unsere Politik werde von der Mitte gesteuert, und diese bestimme auch die politischen Entscheidungsprozesse. Deshalb w&uuml;rden die Verh&auml;ltnisse stabil bleiben. Der Tischnachbar wollte mir nicht recht glauben, denn gerade jetzt komme doch ein scharfer Wind von  Rechts und von Links. &laquo;Ach&raquo;, antwortete ich, &laquo;das l&auml;sst sich alles mit einem reinigenden Gewitter vergleichen. Viel ver&auml;ndern werden die beiden polarisierenden Parteien nicht. Am Ende bleibt die Mitte doch am Ruder, und das ist auch n&ouml;tig.&raquo; Der Bregenzer sch&uuml;ttelte ungl&auml;ubig den Kopf und auch die Innsbrucker nahmen mir meine Behauptung nicht ab. Es brauchte also weitere Argumente, und deshalb sprach ich &uuml;ber die Konkordanzregierung und dar&uuml;ber, dass jeder Gesetzesentwurf so ausgestaltet werden m&uuml;sse, dass er auch ein Referendum &uuml;berstehe. Zudem fuhr ich fort, unterscheide das Volk scharfsichtig zwischen Parlament und Regierung. In kantonale Regierungen w&uuml;rden keine extremen Parteipolitiker gew&auml;hlt. Erfolgreich seien immer nur Kandidatinnen und Kandidaten, die zur Zusammenarbeit mit anderen Parteien bereit seien. Wer sich quer lege, werde bei der ersten Gelegenheit abgew&auml;hlt. Eine Politik der Mitte sei es, die unser Land zusammenhalte. Somit heisse das das schweizerische Erfolgsrezept &laquo;Mitte und Mass&raquo;.<br /> <br />Die Innsbruckerin widersprach. Von aussen betrachtet, sehe die Situation in der Schweiz aber anders aus. Freilich habe sie Recht, und es sei ja auch gut, dass an den R&auml;ndern Wind herrsche, sonst schlafe die Mitte ein, meinte ich nur. Das geschehe immer dann, wenn die Mitteparteien zu lange erfolgreich regiert h&auml;tten. In der Mitte aber herrsche der Kompromiss, der Ausgleich um der Sache willen. Mit einer Regierung, die nur aus Polparteien bestehen w&uuml;rde, k&auml;me es zum totalen Stillstand. Unsere Nachbarn, die nach fast jeder Legislaturperiode die Regierung auswechseln w&uuml;rden, torkelten von links nach rechts, und von dort wieder zur&uuml;ck. Dieser Wechsel verunsichere vor allem die Wirtschaft. Bei uns w&uuml;rden die Gegens&auml;tze in der Mitte ausbalanciert.<br /> <br />Auf dem Weg ins G&auml;stehaus f&uuml;hlte ich den leichten Schwips. Er kam mehr vom Reden als vom Alkohol. Dabei erinnerte ich mich, wie ich vor Jahren einmal weinselig heimw&auml;rts geschwankt war. Dabei knickte ich auf dem Trottoir links ein und geriet, Gegensteuer gebend, rechts an die Wand und kam kaum mehr vorw&auml;rts. Da klopfte ich mir in Gedanken auf die Brust: &laquo;Wer in der Mitte geht und nicht torkelt, ist schneller am Ziel.&raquo; Hatte ich im Guggerhof also nicht Recht mit dem, was ich ausf&uuml;hrte?]]></content:encoded></item><item><title>Auch G&#x26;ouml;tter verschwinden</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-11-18T19:56:12+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/b16de4742b973dec77b09fa2e7900efb-59.html#unique-entry-id-59</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/b16de4742b973dec77b09fa2e7900efb-59.html#unique-entry-id-59</guid><content:encoded><![CDATA[Auf der Insel Lesbos, wo ich k&uuml;rzlich meine Ferien verbracht habe,  entdeckte ich an den H&auml;usern Stromz&auml;hler der Firma Landis&Gyr. Sie l&ouml;sten nostalgische Gef&uuml;hle und &Uuml;berlegungen aus, denn der Name das Zuger Industrieunternehmens ist f&uuml;r die &auml;ltere Generation noch immer wie eine Legende &ndash; &auml;hnlich wie es einem mit manchem Namen der griechischen G&ouml;tter ergeht, die auch nur noch in Geschichten weiter existieren. Derjenige von Landis&Gyr hat gl&uuml;cklicherweise &uuml;berlebt, dank der gleichnamigen Zuger Kulturstiftung.<br /> <br />Lesbos ist eine sch&ouml;ne, aber karge Insel. Vom Massentourismus blieb sie bis heute verschont. Die D&ouml;rfer sind intakt und weisen eine gut erhaltene, traditionelle Architektur auf, wie sie zum Beispiel noch im Goms anzutreffen ist. Molyvos mit seinen engen Gassen und den gut in den nat&uuml;rlichen Abhang eingepassten H&auml;usern hat mich bezaubert. In Skala Sikamineas wiederum ass ich einen Hummer. Das Meer leuchtete und die kleine weisse Kirche auf einem Felsen reflektierte das Sonnenlicht. Am Strand von Eresos stand ich auf dem hohen, steilen Riff, von dem die antike Dichterin Sappho in den Tod gesprungen sein soll. Von ihren G&ouml;tterhymnen, Hochzeits- und Liebeslieder ist das Meiste verloren gegangen. Folgender sch&ouml;ne Vierzeiler wird ihr zugeschrieben: &laquo;Es tauchte der Mond schon unter - / Das Siebengestirn &ndash; nun Mitte / der Nacht &ndash; es verstreicht die Stunde - / Ich selbst aber schlafe allein.&raquo;<br /> <br />Durch uralte Olivenhaine und Kiefernw&auml;lder fuhr unsere Reisegruppe an einem andern Tag nach Agiasos und stieg dann auf den tausend Meter hohen Olymbos (nicht zu verwechseln mit dem ber&uuml;hmten Olymp, auf dem Zeus, der h&ouml;chste griechische Gott und Feind aller Irdischen, herrschte). Ich hingegen erkundete den Ort, wo die orthodoxen und traditionellen Werte besonders gepflegt werden. In der pr&auml;chtigen Kirche fand gerade eine Taufe statt. Die Priester bereiteten sie mit langen Gebeten und Ges&auml;ngen vor. Endlich war es so weit: Der etwa viermonatige Knabe wurde entkleidet. Der Mesner sch&uuml;ttete Wasser in das Taufbecken. Die Patin hielt den Knaben, der so sch&ouml;n wie Adonis war, &uuml;ber den Kessel: Der Pope salbte ihn an allen sensiblen K&ouml;rperstellen, dann tauchte er ihn dreimal bis zum Hals ins Wasser. Wenn er  ihn wieder emporhob, l&auml;chelte der Knabe und zeigte stolz seine junge M&auml;nnlichkeit. Er sah aus wie das Jesuskind, das wir auf italienischen Gem&auml;lden der Renaissance bewundern. Kaum war dieser Teil der Zeremonie beendet, steckten die Frauen den T&auml;ufling mit einer gewissen Hast in sch&ouml;ne Kleider. Der Pope nahm nun das Weihrauchfass und schritt dreimal um das Taufbecken. Als w&uuml;rde er alle vier Himmelsrichtungen abschreiten, schwang er, zwischendurch  innehaltend, das Weihrauchfass. Er r&auml;uchert die im Taufbecken abgestreifte Erbs&uuml;nde aus, ging mir durch den Kopf. Der Mutter mit dem Knaben gebot er, sie solle sich immer vis-&agrave;-vis von ihm aufstellen. Nach Abschluss dieser Liturgie hiess er sie nach vorne, zur wundert&auml;tigen Gottesmutterikone gehen. Dreimal musste sie den Boden ber&uuml;hren und dreimal das Gnadenbild k&uuml;ssen.<br /> <br />W&auml;hrend unseren Reisepausen, und wenn wir nicht gerade einen Jass klopften, besch&auml;ftigte ich mich mit den G&ouml;ttern Griechenlands. Sie alle sind verschwunden, und h&auml;tten Dichter nicht von ihnen erz&auml;hlt, g&auml;be es keine &Uuml;berlieferungen, dann w&auml;ren sie l&auml;ngst im sternenreichen &Auml;on untergegangen, h&auml;tten nicht &uuml;berlebt. Wie die sch&ouml;ne Helena zum Beispiel, die zum Ausl&ouml;ser des Trojanischen Kriegs wurde. Sp&auml;ter brachte Odysseus die List mit dem ber&uuml;hmten Pferd vor, um Troja einzunehmen. Ohne die Hilfe von Hermes und der G&ouml;ttin Pallas Athene w&auml;re der listenreiche Held allerdings nicht von Troja nach Ithaka zur&uuml;ck, zu seiner Penelope gelangt. Oder Zeus, der sich einmal in einen Stier verwandelte, und auf seinem breiten R&uuml;cken Europa trug, die Tochter von K&ouml;nig Agenor, damit er sich mit ihr an einen idyllischen Ort vergn&uuml;gen konnte. Hera, seine eifers&uuml;chtige Gattin z&uuml;rnte ihm und es kam zu olympischen Streitigkeiten.<br /> <br />Auf einmal ging die Phantasie mit mir durch. Pl&ouml;tzlich dachte ich an die G&ouml;tter unserer Zeit, von denen in der Boulevardpresse jeden Tag zu lesen ist; an Shootingstars, die einen Schweif hinter sich nach ziehen; an Silvio Berlusconi und seine Frau Veronica Lario, die einen olympischen Streit entfachte, als ihr Mann einem h&uuml;bschen 18-j&auml;hrigen M&auml;dchen zum Geburtstag einen teuren Anh&auml;nger geschenkt hatte und in seinen Palast Gespielinnen einlud. Noch immer streitet Veronica mit ihrem Noch-Gatten, der sich nicht sich davon stehlen kann, in Gestalt eines Stiers.<br /> <br />Dann fiel mir Apoll ein, der Daphne, einer sch&ouml;nen Nymphe, nachstellte. Als sie nicht mehr aus noch ein wusste vor Ersch&ouml;pfung, bat sie ihren Vater, Flussgott Peneios, um Hilfe, und verwandelte sich in einen Lorbeerbaum. Wenn ich den Sprung in die Jetztzeit mache, kommt mir der Meteorologe J&ouml;rg Kachelmann in den Sinn. H&auml;tte sich die damalige Geliebte, an jenem besagten Winterabend, in eine Orchidee oder in einen Kaktus verwandelt, g&auml;be es f&uuml;r die Boulevardzeitungen nichts zu berichten.<br /> <br />Als mir Hephaistos, der griechische Gott des Feuers, der K&uuml;nste und des Schmiedehandwerks einfiel, musste ich den Gedanken abwehren, an Christoph Blocher zu denken. Der Kunstsammler schmiedet ja noch immer Pl&auml;ne und sorgt damit f&uuml;r heftige Debatten. Aber - Sie wissen es auch - im Halbschlaf geht einem gar vieles durch den Kopf, Je mehr man sich gegen aufsteigende Bilder und Namen zu wehren beginnt, desto bedrohlicher besetzen sie die Einbildungskraft. Mein Wachtraum fand dann doch ein gutes Ende. Ich sagte mir, genauso wie die griechischen G&ouml;tter verschwunden sind, werden die Stars und die Gr&ouml;ssen unserer Zeit verschwinden.<br /> <br />Die Dichterin Sappho wird &uuml;berleben. Seit ich ihre Lebensgeschichte und viele der ihr zugeschriebenen Gedichte und Ratschl&auml;ge gelesen habe, &uuml;bt sie sogar einen gewissen Einfluss auf mich aus, werde ich doch k&uuml;nftig ihren Rat ernst nehmen: &laquo;Macht sich in deinem Herzen Zorn breit, nimm sie in acht, die eifernde Zunge.&raquo; Im Augenblick auf mich gem&uuml;nzt: Nimm die eifernde Schreibhand von den Computertasten!]]></content:encoded></item><item><title>Von einem&#x2c; der nicht Million&#x26;auml;r werden wollte</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-10-22T10:49:08+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/576a6d1fe65639c67b4e5f4927613ecb-58.html#unique-entry-id-58</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/576a6d1fe65639c67b4e5f4927613ecb-58.html#unique-entry-id-58</guid><content:encoded><![CDATA[&laquo;Was dem Kl&uuml;ger- und Weiserwerden der Menschen entgegen steht, ist, unter anderem, die K&uuml;rze ihrer Lebensdauer: alle dreissig Jahre kommt ein neues Geschlecht zur Welt, das von nichts weiss und vorne anzufangen hat&raquo;, schreibt Arthur Schopenhauer in &laquo;Senilia. Gedanken im Alter.&raquo;* Gerade darum ist es wichtig, Geschichten zu erz&auml;hlen und die Erinnerungskultur zu pflegen. Die sch&ouml;ne und zugleich einzige Prosaerz&auml;hlung von Julian Dillier (1922-2001, bekannter Mundartlyriker, Radio- und Theatermann), &laquo;Frau Bartsch&raquo;**, erz&auml;hlt unter anderem, wie zwei Frauen in einem Kolonialwarenladen die Mitmenschen durchhecheln und das lokale Geschehen verhandeln. Die Leserin und der Leser erhalten ein farbiges Bild, wie es fr&uuml;her in einem Dorf zu- und hergegangen ist. In &laquo;Frau Bartsch&raquo; werden Geschichten aufbewahrt, wie wir sie heute einander kaum mehr erz&auml;hlen, wenn wir uns f&uuml;r den t&auml;glichen Bedarf in Grossverteilern eindecken.<br /> <br />Einmal erz&auml;hlte Anni Seiler, die Rathaussekret&auml;rin, Frau Bartsch, wie gern sich doch der Obwaldner Landschreiber von Ah als Graue Eminenz selber lobte. Er habe eine Schublade eingerichtet mit der Aufschrift &laquo;Gesch&auml;fte, die sich von selbst erledigen&raquo;. Wahrscheinlich waren die Regierungsr&auml;te, seine Vorgesetzten, f&uuml;r ihn wie eine Schublade, von Ah hingegen sah sich selber als Kommode. Manches Gefecht hat er mit dem Landammann ausgefochten, aber stets daf&uuml;r gesorgt, dass sie sich nachher wieder vertragen konnten. Nach jeder Auseinandersetzung im Rathaus hat er ihn in den &laquo;Schl&uuml;ssel&raquo; oder in die &laquo;Metzgern&raquo; begleitet, wo sie immer etwa den gescheiten Rechtsanwalt L&uuml;thold antrafen. Mit ihm setzte sich der Landammann zum vierh&auml;ndigen Spiel ans Klavier. Der Landschreiber behauptete vor seinen B&uuml;rokollegen stolz, dieses Spiel sei nur dank seiner geschickten Regie m&ouml;glich geworden, &laquo;denn auf diese Weise habe er den stockkonservativen Amstalden mit dem &uuml;berzeugten Liberalen L&uuml;thold zum gemeinsamen Spiel gezwungen. Sie h&auml;tten aber nicht bemerkt, dass sie bei ihrem gemeinsamen Gesang vor der Polizeistunde in sch&ouml;ner Harmonie die gleiche Stimme gesungen h&auml;tten.&raquo;<br /> <br />Rechtsanwalt Albert L&uuml;thold  war aber auch mein Schwiegervater, und er  hatte in den &laquo;Metzgern&raquo; wirklich immer einen guten Spruch auf Lager, der dann landauf und landab gegangen ist. &laquo;Es m&auml;nschelet, es m&auml;nschelet bis zum Rathuus und uf d&rsquo;St&auml;ge, wiiter darf m&auml;rs n&uuml;mme s&auml;ge.&raquo; Als der Obwaldner Ludwig von Moos 1959 in den Bundesrat gew&auml;hlt wurde, behauptete er, das sei ein Bundesrat mit Zukunft. Auf die Frage, wie er das meine, spottete Albert L&uuml;thold, der Mann habe bis jetzt noch kaum etwas geleistet.<br /> <br />Eine seiner Geschichten hat mich das ganze Leben hindurch begleitet. Albert L&uuml;thold sass, wie wir wissen, gern im &laquo;Schl&uuml;ssel&raquo; oder in den &laquo;Metzgern&raquo;. Dort traf er oft auch etwa Gymnasiasten aus dem Kollegium Sarnen. Mein Schwiegervater war sehr musikalisch, und so setzte er sich oft vergn&uuml;gt ans Klavier und begleitete ihre Stundentenlieder, und dann tranken sie noch ein Bier und sangen &laquo;Ergo bibamus &hellip;&raquo;. Einmal fragten ihn die Studenten, was er denn als Rechtsanwalt verdiene. Zuerst z&ouml;gerte er ein bisschen. Aber die jungen M&auml;nner, die sich entschlossen hatten, selber Jus zu studieren, liessen nicht locker. Nach einigem Hin und Her meinte er: &laquo;Ich verdiene achtzigtausend Franken.&raquo; F&uuml;r damalige Verh&auml;ltnisse war das sehr viel Geld. Die Studenten sahen ihn zweifelnd an, sie glaubten ihm nicht. Er aber sagte: &laquo;Dreissigtausend Franken verdiene ich, f&uuml;nfzigtausend ist mir die Freiheit wert.&raquo; Bestimmt werden sie anschliessend nochmals miteinander angestossen haben<br /> <br />Albert L&uuml;tholds Antwort habe ich mir zu Eigen gemacht habe, nicht dass ich unzufrieden bin, mit dem, was ich mit meinen beruflichen T&auml;tigkeiten verdient habe. Nein, die pfiffige Antwort, die vor sechzig Jahren in den &laquo;Metzgern&raquo; gefallen ist, lehrte mich, nicht immer noch mehr zu wollen. Denn ein grosser Besitz engt die Freiheit ein. Er zwingt den Menschen dazu, sich allzu sehr damit zu besch&auml;ftigen.<br /> <br />Mein Schwiegervater hat mir seinerzeit noch eine andere Geschichte erz&auml;hlt. Einer seiner Cousins, ein Million&auml;r, habe ihn wegen seines breiten Allgemeinwissens, seines Humors und seiner Lebensweisheit beneidet. Einmal kamen beide auf das Geld zu sprechen. Da sagte der reiche Cousin bedeutungsschwer: &laquo;Was w&auml;re ich denn ohne meine Million?&raquo; Damit hatte er die Identit&auml;tsfrage angesprochen. Er empfand sich selber als einer, der ohne seine Million nichts gelten w&uuml;rde, und sp&uuml;rte dennoch, dass Geld allein noch keine Identit&auml;t stiftet. Wer die eigene Identit&auml;t von Millionen auf dem Konto ableitet, sp&uuml;rt sp&auml;testens dann, dass sie seinem Leben keinen besonderen Sinn und Gehalt geben, sobald sie ihm zu entgleiten drohen oder er ihnen entgleitet.<br /> <br />Albert L&uuml;thold ist vor zwei Generationen verstorben. Vielleicht wird seine kleine Geschichte &uuml;ber die Wertung der eigenen Freiheit anstelle eines riesigen Verm&ouml;gens weiterleben, weil ich sie nun erz&auml;hlt habe. Sie erheitert dem einen oder andern das Gem&uuml;t, wenn er sich ebenfalls nicht zu den Million&auml;ren z&auml;hlen darf. Aber auch er kann sich an Blumen erfreuen, am Glitzern des Wassers am Ufer des Sees und am Licht des Vollmonds, wenn es in den Bl&auml;ttern eines Baumes spielt.<br /> <br /><span class="anmerkung">*    Arthur Schopenhauer: Senilia. Gedanken im Alter, M&uuml;nchen 2010<br />**   Julian Dillier. Frau Bartsch. Alpnach 2010</span>]]></content:encoded></item><item><title>Taktik ist nur die halbe Politik</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-09-21T14:24:16+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/f0f7c395a2b3640db55e0a25b7f73cbc-57.html#unique-entry-id-57</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/f0f7c395a2b3640db55e0a25b7f73cbc-57.html#unique-entry-id-57</guid><content:encoded><![CDATA[Das M&auml;rchen vom &laquo;Der Wolf und die sieben Geisslein&raquo; ist eigentlich nichts anderes als die Geschichte einer raffinierten Taktik: Bevor der  Wolf zum zweiten Mal an der Haust&uuml;r klopfte, frass er Kreide, damit seine Stimme fein genug wurde. Doch das gen&uuml;gte immer noch nicht. Die Geisslein erkannten ihn an den schwarzen Pfoten. Erst nachdem er sie mit Teig und Mehl weiss gef&auml;rbt hatte, liessen sie ihn eintreten, weil sie meinten, die Mutter sei mit dem Futter zur&uuml;ck. Der Wolf fand ihre Verstecke und frass sie alle auf. Aber es unterlief ihm dennoch ein Fehler, weil er das Kleinste nicht fand, das sich im &laquo;Zytg&auml;nterli&raquo; versteckt hatte. Es konnte sich bei der verzweifelten Mutter bemerkbar machen, als der Wolf, vollgefressen wie er war, draussen schnarchte. Sie schnitt ihm den Bauch auf und eines ums andere der Geschwister sprang heraus. Auch  Politiker &uuml;bersehen meist irgendeine Kleinigkeit, ihre Reden zeugen davon. Das Volk aber, im &laquo;Zytg&auml;nterli&raquo;, durchschaut die Taktik. Vor den Bundesratswahlen war es nicht anders.<br /> <br />Politiker d&uuml;rfen nicht l&uuml;gen, aber man kann sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen. Der Bundesrat hat seine Strategie zum Verh&auml;ltnis Schweiz-Europ&auml;ische Union festgelegt. Er pl&auml;diert f&uuml;r die Fortf&uuml;hrung des bilateralen Wegs, l&auml;sst aber die Frage von Experten pr&uuml;fen, wie er sich in Zukunft gegen&uuml;ber der EU verhalten soll, m&ouml;glichst klug. Staatssekret&auml;r Michael Amb&uuml;hl nahm in der NZZ vom 21.8.2010 eine n&uuml;chterne Standortbestimmung vor. Der bilaterale Weg sei, so seine Meinung, eine gute und effiziente L&ouml;sung; f&uuml;r unser Land optimal und er lasse noch immer gen&uuml;gend Spielraum f&uuml;r Verhandlungen. Also brauche man von ihm nicht abzuweichen. Diese Auffassung teilt die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung.<br /> <br />Die Aufgabe des Bundesrates besteht darin, m&ouml;glichst gen&uuml;gend Vorteile f&uuml;r ein Land herauszuholen. So verfolgte der Bundesrat zur Zeit des Zweiten Weltkrieges eine Politik zwischen Anpassung und Widerstand und bewahrte damit das Land vor kriegerischen  &Uuml;bergriffen durch Nazi-Deutschland. Dass diese Anpassung in verschiedenen Bereichen nur dank Kompromissbereitschaft erlangt worden ist, darf man dem damaligen Bundesrat wohl nicht allzu sehr ankreiden. Er versuchte vor allem die Neutralit&auml;t und Souver&auml;nit&auml;t zu wahren, ohne dabei eine der Kriegsparteien zu br&uuml;skieren.<br /> <br />Doch nun zur&uuml;ck zu unserer Zeit! Im Rahmen der Finanzmarktkrise agierte der Bundesrat ebenfalls im Interesse des Landes, um den Schaden m&ouml;glichst tief zu halten. Er schloss sogar einen Staatsvertrag mit den USA ab und weichte das Bankgeheimnis auf, ein Bankgeheimnis, das er vorher mit Z&auml;hnen und Klauen verteidigt hatte. Allein mit Taktik w&auml;re ihm dies nicht gelungen.<br /> <br />Sobald der Expertenbericht zum Verh&auml;ltnis der Schweiz zur EU vorliegt, wird die lebhafte &ouml;ffentliche Debatte weitergehen. Eigentlich kann unser Land froh sein, dass es die entscheidende Frage vorl&auml;ufig nicht beantworten muss, die lautet: Wie verh&auml;lt sich die Schweiz, falls die Nachteile innerhalb des europ&auml;ischen Wirtschaftsraums die Vorteile &uuml;berwiegen? Diese Frage plagt uns also im Augenblick nicht, aber eines Tages k&ouml;nnte sie uns durchaus auf dem Magen liegen. Bereits weist die Euroschw&auml;che darauf hin, vor welchen Problemen die Schweizerische Exportwirtschaft stehen k&ouml;nnte. Werden zum Beispiel weitere Arbeitspl&auml;tze ausgelagert?<br /> <br />Wir Schweizer sind Pragmatiker, und unsere Politiker halten nicht viel vom Visionen, denn noch immer haben sich sachbezogene L&ouml;sungen finden lassen. F&uuml;r die meisten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger ist die Frage, die ich weiter oben gestellt habe, rein utopisch, denn sie gehen davon aus, dass sie sich nicht stellen wird. Warum soll man sich im Voraus dar&uuml;ber Gedanken machen? Was aber, wenn wir nicht mehr um die Frage herumkommen? K&ouml;nnte eine bestimmte Taktik helfen, um sich geschickt aus der Klemme zu ziehen, sollte es einmal existenziell werden?<br /> <br />In meinem Alter glaube ich das Verhalten der Menschen zu kennen, und doch misstraue ich ihnen, ob sie sich auf Schw&uuml;re und Ideale berufen werden, wenn sich das Verh&auml;ltnis der Schweiz zur EU verschlechtern wird. Karl Marx, der zwar kaum salonf&auml;hig ist, vertritt die Auffassung, dass die materiellen Grundlagen das Bewusstsein bestimmen und, wenn sie sich &auml;ndern, sich auch die Menschen und ihre Moral ver&auml;ndern. Lassen Sie es mich mit Bertold Brecht bildhafter sagen: &laquo;Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral&raquo;. Das Gleiche l&auml;sst sich allerdings lateinisch eleganter ausdr&uuml;cken: &laquo;Primum vivere de&iuml;nde philosophari&raquo;, also zuerst leben, dann philosophieren.<br /> <br />In der Politik geht es um das &laquo;Primum vivere&raquo;. Die Schweiz hat auf dem eingeschlagenen bilateralen Weg keine schlechten Erfahrungen gemacht. Nach wie vor profitiert sie von deren Vorteilen. Dem Land geht es mitten in einem Europa der grossen Defizite und der Spannungen gut.  <br /> <br />Der Staatsphilosoph Niccol&ograve; Machiavelli meinte, Menschen seien nicht von Natur aus schlecht, sondern schlecht in der Art, wie sie ihre Ambitionen verfolgen. Sie seien nie wirklich gut und nie wirklich b&ouml;se, doch man m&uuml;sse ihnen in jedem Fall misstrauen. Der F&uuml;rst (il Principe) wolle unter allen Umst&auml;nden die Macht erhalten, so passe er sich jeder ver&auml;nderten Situation an. Wie also wird sich die &ouml;ffentliche Meinung ver&auml;ndern, wenn die Nachteile des Alleingangs sp&uuml;rbarer werden als seine Vorteile? Dann werden wohl fr&uuml;here Beteuerungen keine Rolle mehr spielen. Und sogar die Banken und die M&auml;chtigen werden sagen, dass man den EU-Beitritt wagen sollte. Am Ende l&auml;uft alles auf die Brechtsche Formel hinaus. Der B&uuml;rger aber hockt im &laquo;Zytg&auml;nterli&raquo; und wartet, bis er abstimmen kann.]]></content:encoded></item><item><title>Vorurteile tr&#x26;uuml;ben die Wahrnehmung</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-08-19T19:33:03+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/b7437710f0f85b8eb69163d680a4a721-56.html#unique-entry-id-56</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/b7437710f0f85b8eb69163d680a4a721-56.html#unique-entry-id-56</guid><content:encoded><![CDATA[Zum 1. August erf&uuml;llte ich mir einen Wunsch. Ich fuhr mit dem Panoramawagen der Rh&auml;tischen Bahn die Berninastrecke ins Puschlav, bis hinunter nach Tirano. Zuerst gelangte ich &uuml;ber die Albulastrecke ins Engadin, das im leuchtenden Gr&uuml;n der L&auml;rchen lag. Sp&auml;ter funkelte der Moteratschgletscher im Licht der nachmitt&auml;glichen Sonne. In Tirano, wo ich &uuml;bernachtete, bummelte ich durch die Stadt, schlenderte am Schloss der Salis vorbei und machte einen Sprung in die Geschichte des Veltlins. Auf der Piazza Cavour liess ich mir einen Zigeunerspiess bringen und f&uuml;hlte mich wohl. Bei einem Espresso las ich dann in einer italienischen Zeitung und realisierte einmal mehr, wie turbulent es in Berlusconis Reich zu- und hergeht.  <br /> <br />Am andern Tag fuhr ich zur&uuml;ck. Es war eine 1. August-Fahrt der besonderen Art. &Uuml;berall hingen Fahnen. Das Schweizerkreuz leuchtete kr&auml;ftiger als die Geranien an den B&uuml;ndnerh&auml;usern. In Disentis verbrachte ich eine weitere Nacht, beschloss an die Feier zu gehen, doch der Wetterbericht verhiess nichts Gutes. Am Tag darauf plante ich, &uuml;ber die Oberalp nach Fl&uuml;elen und mit der Gallia nach Luzern zu fahren. Es war kein Reisewetter mehr, zudem sollte mir eine recht &auml;rgerliche Begegnung den Tag verderben, aber davon konnte ich ja noch nichts wissen.<br /> <br />Ich durfte im Zug sitzen bleiben, als dieser noch rangiert wurde. Er fuhr in den Tunnel, stand dort eine Weile, und hielt dann auf Perron 3. Jetzt traten verschiedene Fahrg&auml;ste ins Abteil. Ein Ehepaar liess sich schr&auml;g vis-&agrave;-vis von mir nieder. Der Mann schaute sich um, r&uuml;mpfte die Nase und sagte zu seiner Frau: &laquo;Da stinkt es! Da riecht es nach Zigarettenrauch!&raquo; Mit b&ouml;sem Blick schaute er mich an und sagte dann un&uuml;berh&ouml;rbar, dazu mit einer Geste: &laquo;Das kommt von denen da dr&uuml;ben.&raquo; Er meinte mich und die Frau, ganz in Weiss gekleidet, mir gegen&uuml;ber. Eine ausl&auml;ndische Touristin. Ich fuhr ihn an, wie es sonst nicht meine Art ist. Was er mir denn unterstelle? Ich sei Nichtraucher. H&auml;tte die Touristin alles verstanden, w&auml;re sie wohl etwas gar perplex gewesen. Nach einer Weile vernahm ich ein Sorry. Ich schwieg. Seine Frau tadelte fl&uuml;sternd ihren Mann, soviel habe ich noch mitbekommen. Irgendwann beruhigte ich mich wieder, mit Blick in die Berge.<br /> <br />Ich bin ein Nichtraucher. Ich habe fr&uuml;her jeweils am Stammtisch einen Kielstumpen  geraucht und an Banketten gern eine Zigarre, mit der gr&uuml;nen Bauchbinde, die den Hinweis gibt, dass es eine schwarze sei.  Wenn mich dann ein Konservativer versuchte zu necken, antworte ich jeweils: &laquo;Ich rauche einen schwarzen Stumpen, damit wieder einer weniger ist.&raquo; Da war ich noch Parteipolitiker.<br /> <br />Fehlurteile und falsche Vorstellungen entstehen immer dann, wenn Fakten nicht gepr&uuml;ft werden und keine genaue Recherche vorangegangen ist. In einem Interview &uuml;ber die Heimatmythen und die schweizerische Identit&auml;t behauptete ein bekannter Schweizerpolitiker, dessen Namen hier nichts zur Sache tut: &laquo;Der Bergier-Bericht ist schlicht falsch. Er profitiert davon, dass ihn niemand liest, weil er so dick ist.&raquo;  Der Bericht sei verfasst worden, um die Schweiz bei den Leuten schlechtzureden. Wie aber sollten Historiker, die ihre Aussagen auf Fakten st&uuml;tzen, eine Grundlage liefern, damit man die Schweiz schlechtmachen kann? Die Erkenntnisse des Bergier-Berichts zur Rolle der Schweiz w&auml;hrend des Zeiten Weltkriegs leisten einen wichtigen und seri&ouml;sen Beitrag zur Erinnerungskultur unseres Landes.<br /> <br />Diejenigen L&auml;nder, die nach dem Zweiten Weltkrieg der Pflicht nicht nachgekommen sind, die Vergangenheit aufzuarbeiten, leben mit einer Lebensl&uuml;ge weiter. &Ouml;sterreichs Politiker haben nach dem Krieg zum Beispiel lange versucht, glauben zu machen, das Land sei Hitlers erstes Opfer gewesen. Die Mitt&auml;terschaft wurde verdr&auml;ngt. Man muss nur wieder einen Dokumentarfilm anschauen, der zeigt, wie Menschenmassen der einmarschierenden deutschen Wehrmacht zujubelten.<br /> <br />In Italien lebt der Mythos weiter, Mussolini sei im Grunde ein guter Politiker gewesen, keineswegs mit Hitler vergleichbar, obwohl auch er verantwortlich war f&uuml;r Millionen Tote. Der Mythos vom kollektiven Widerstand der Italiener wird noch immer propagiert und die dunkle Seite des Mussoliniregimes bagatellisiert. Jedenfalls ist der Duce wieder &laquo;salonf&auml;hig&raquo; geworden.<br /> <br />Der Luzerner Geschichtsprofessor Aram Mattioli hat ein kenntnisreiches Buch &uuml;ber die Folgen verdr&auml;ngter Geschichtsforschung in Italien geschrieben. &laquo;Viva Mussolini! Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis&raquo;.* Der Historiker weist darin nach, wie Berlusconi mit seinem Daherreden die Verbrechen der Mussolini-Zeit gezielt verharmlost. Mattioli schreibt: &laquo;Schliesslich geht es im Krieg der Erinnerungen nicht bloss um die Vergangenheit. Auf dem Schlachtfeld der Geschichte werden aktuelle Richtungsdebatten ausgefochten, die sich um G&uuml;ter wie nationale Identit&auml;t, kulturelle Definitionsmacht, Leitwerte, politische Legitimation und neue Mehrheiten drehen.&raquo; Die Abwertung des Bergier-Berichts verfolgt &auml;hnliche Ziele.<br /> <br />Bevor man diesen Bericht angreift, sollte man genau hinschauen. Da wird nicht die Schweiz schlecht gemacht, vielmehr wird deutlich, was auch in der Schweiz h&auml;tte passieren k&ouml;nnen, wenn eine gewisse Elite an die Macht gekommen w&auml;re. Mich bringen Menschen in Rage, wenn sie einfach etwas aus der Luft heraus behaupten. Es muss sich gar nicht etwa nur um den vermeintlichen Rauch in einem Zugsabteil handeln, genauso gut kann es auch ein aus der Luft gegriffenes Urteil &uuml;ber den Bergier-Bericht sein. Dass dieser f&uuml;r den namentlich nicht genannten Politiker zu dick ist, leuchtet aber ein.<br /> <br /><span class="anmerkung">* Aram Mattioli: &laquo;Viva Mussolini!&raquo; Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis. Z&uuml;rich 2010.</span>]]></content:encoded></item><item><title>Sind alle B&#x26;uuml;rgerlichen b&#x26;uuml;rgerlich?</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-07-29T10:08:04+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6205273173b9da9c8972447c85dea325-55.html#unique-entry-id-55</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6205273173b9da9c8972447c85dea325-55.html#unique-entry-id-55</guid><content:encoded><![CDATA[Die Frage, die im Titel meiner Kolumne steckt, sollte wahrscheinlich exakter lauten: &laquo;Sind alle, die sich b&uuml;rgerlich nennen, b&uuml;rgerlich?&raquo; Jene Reisegruppe, die wegen der Aschenwolke &uuml;ber Europa nicht sofort aus &Auml;gypten heimreisen konnte und sich mit der Aufforderung &laquo;Leuenberger, hol uns nach Hause!&raquo; oder &auml;hnlich vernehmen und abbilden liess, kann ich nicht zu den B&uuml;rgerlichen z&auml;hlen. Weshalb, werde ich sp&auml;ter begr&uuml;nden.<br /> <br />Der Begriff B&uuml;rgerlichkeit wurde in der Vergangenheit immer wieder diskutiert. So stiess ich k&uuml;rzlich auf einen geharnischten Artikel in der damaligen LNN vom18. November 1995 aus der Feder von Alfons M&uuml;ller-Marzohl, dem fr&uuml;heren Nationalrat. Die Nationalr&auml;tinnen Judith Stamm und Rosmarie Dormann waren an einer Delegiertenversammlung der CVP angegriffen worden: &laquo;Wir vermissen von den beiden Frauen eine Politik im b&uuml;rgerlichen Sinn und Geiste&raquo;, wurden sie kritisiert. Alfons M&uuml;ller-Marzohl verteidigte die Politikerinnen und f&uuml;hrte unter anderem aus, b&uuml;rgerlich sei ein gef&auml;hrlicher Begriff. Er sei unscharf, schwammig und eigne sich trefflich f&uuml;r politische Manipulationen. Er selber k&ouml;nne niemals b&uuml;rgerlich sein, da sich die Vertreter der damaligen Auto-Partei auch b&uuml;rgerlich nennen d&uuml;rften.<br /> <br />Die Begriffe, mit denen man die politischen Lager von einander abzugrenzen versucht, sind immer schwammig: Sowohl die Schemata rechts/links, wie auch liberal/konservativ und eben b&uuml;rgerlich/sozialistisch bilden grobe Zuordnungen, keineswegs starre Kategorien. Ein echter Liberaler verh&auml;lt sich in vielen Bereichen konservativ, ein Gr&uuml;ner wiederum agiert auch durchaus b&uuml;rgerlich. Warum sollte ein Konservativer nicht eine gr&uuml;ne Weste tragen d&uuml;rfen oder ein Freisinniger einen roten Fleck auf dem Gilet haben? Darf ein Sozialdemokrat nicht auch leicht blau sein? Allerdings, w&uuml;rde ein fr&uuml;herer Kollege nun sagen, sei Blau keine Farbe, sondern ein Zustand.<br /> <br />Alfons M&uuml;ller-Marzohl stellte vor f&uuml;nfzehn Jahren zu Recht fest, dass der Begriff B&uuml;rgerlichkeit oft grobmaschig verwendet werde. Viele nennen sich b&uuml;rgerlich, die es im Grund gar nicht sind, wie die inzwischen fast verschwundene Partei, die sich nur auf das Auto fokussiert hat. Seit jeher  wurde B&uuml;rgersinn mit  sozialer Verantwortung und Bereitschaft zum Engagement verkn&uuml;pft, was gewisse Politiker v&ouml;llig ausklammern, die f&uuml;r sich zwar beanspruchen, b&uuml;rgerlich zu sein.<br /> <br />Der Philosoph Odo Marquard* schreibt in einem Essay: &laquo;In unserer gegenw&auml;rtigen Welt steht es nicht deswegen schlimm, weil es zu viel, sondern deswegen, weil es zu wenig b&uuml;rgerliche Gesellschaft gibt; denn problematisch ist in unserer Gegenwartswelt nicht die B&uuml;rgerlichkeit, sondern die Verweigerung der B&uuml;rgerlichkeit &hellip;&raquo; Diese Aussage l&auml;sst aufhorchen und zwingt einen zu fragen, was man denn unter B&uuml;rgerlichkeit verstehen soll?<br /> <br />Ich habe zu Beginn meiner Kolumne jenen &Auml;gyptenreisenden, deren R&uuml;ckflug mehrmals abgesagt worden ist und die deshalb den Staat um Hilfe gerufen haben, die b&uuml;rgerliche Gesinnung abgesprochen. (Allerdings war nie ganz klar, ob dieser Aufruf an Bundesrat Leugenberger als Witz oder eher als Boulevard Posse abzutun sei.) War  der Aufruf aber ernstgemeint, dann hat es den Schweizer Touristen z&uuml;nftig an B&uuml;rgersinn gemangelt. Da gibt es doch noch die Selbstverantwortung. Der Staat ist nicht dazu da, alle individuellen und gesellschaftlichen Probleme des Zusammenlebens zu l&ouml;sen. Er ist kein Grossverteiler, und die Politiker sind nicht Sortimentsleiter, die daf&uuml;r verantwortlich sind, dass die Regale stets aufgef&uuml;llt werden.<br /> <br />Im Slogan &laquo;Mehr Freiheit, weniger Staat&raquo; wurde der Begriff Verantwortung heraus gebrochen. Seit Jahren existiert nur die Verk&uuml;rzung. Aus der Eigenverantwortung kann niemand entlassen werden. Verantwortung tragen nach dem Mass des K&ouml;nnens, ist f&uuml;r die B&uuml;rgerlichkeit zentral. Freiheit ist kein Gegenbegriff zum Staat. Es ist die staatliche Rechtsordnung, die unsere Freiheit garantiert und ihren Missbrauch ahndet. Allerdings hat in den letzten Jahren ein Gesinnungswandel stattgefunden: Der Begriff Staat wurde immer wieder abgewertet. Gewisse Kreise meinten voreilig, daraus lasse sich der Schluss ziehen, dass alles erlaubt sei, wenn es nur Gewinn bringt. Die Finanzmarktkrise hat deutlich gemacht, wie wichtig der Staat als Klammer f&uuml;r die Gesellschaft ist.<br /> <br />Freiheit und Staat sind also keine Gegens&auml;tze. Aber sowohl viel Staat als auch zu viel Freiheit f&uuml;hren zu einer unb&uuml;rgerlichen Haltung. Wer zu viel Staat fordert, &uuml;bertr&auml;gt die Verantwortung auf das Gemeinwesen. Er macht ihn zu einer Art Heilsagentur f&uuml;r die L&ouml;sung unserer Probleme. Wer allein die Markt- und die gesellschaftlich Freiheit preist, vernachl&auml;ssigt die solidarische Verantwortung. B&uuml;rgerliche Politik versucht, Staat und Freiheit  in eine Gleichgewichtslage zu bringen. Sie ist besorgt, dass das labile Gleichgewicht nicht kippt.<br /> <br />Ger&auml;t eine Gesellschaft aus dem Gleichgewicht, kann sowohl das politische Wollen als auch das Wirken der f&uuml;hrenden Kr&auml;fte nichts mehr ausrichten. In diesen Wochen l&auml;sst sich eine solche Entwicklung an der Situation Griechenlands verfolgen. Die griechische Politik hat ihre Handlungsfreiheit verloren, weil die f&uuml;hrenden Kreise, Politiker und Wirtschaftsf&uuml;hrer, den Staat in den Bankrott schlittern und verlottern liessen und dem Volk lange suggerierten, er werde es schon richten. Nun sind die Griechen vom EU-Notkredit und vom internationalen W&auml;hrungsfond abh&auml;ngig und nicht mehr frei, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Sie f&uuml;hlen sich gedem&uuml;tigt.<br /> <br /><span class="anmerkung">* Odo Marquard: Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays. Aus: Apologie der B&uuml;rgerlichkeit. S. 247ff., Philipp Reclam 2003</span>]]></content:encoded></item><item><title>Warum lassen wir uns von Fussball begeistern?</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-07-02T19:02:15+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/7ee0be04347fe03b4d1eb1eb1c8185c0-54.html#unique-entry-id-54</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/7ee0be04347fe03b4d1eb1eb1c8185c0-54.html#unique-entry-id-54</guid><content:encoded><![CDATA[Warum habe ich wieder so viele WM-Spiele verfolgt, sogar solche, bei denen ich eigentlich nur noch auf den Schlusspfiff wartete? Nun sitze ich da, immer noch  mit viereckigen Augen, und suche nach stichhaltigen Gr&uuml;nden, weshalb ich den Live-&Uuml;bertragungen nicht widerstehen konnte, hockte sogar bei sch&ouml;nstem Wetter vor dem Kasten, obwohl ich der Gesundheit zuliebe gescheiter Wanderungen unternommen h&auml;tte. Doch auf eine  Warum-Frage gibt es selten eine befriedigende Antwort.<br /> <br />Ich wurde gefragt, woher das denn komme, dass die Fussballbegeisterung alle Schichten erfasse, ja sogar Professoren und Geistliche Herren. Ich argumentierte dann recht allgemein, wie: Fussball bietet Spannung. Wer das Spiel liest, versteht die Taktik des Trainers. Fussball weckt Emotionen. Man kann &uuml;ber die Schiedsrichter schimpfen, die H&auml;nde verwerfen. Es ist doch eine Augenweide, wie etwa die Spanier oder Argentinier mit dem Ball jonglieren. Jedes Spiel bietet anschliessend Gespr&auml;chsstoff.<br /> <br />Mit diesen Argumenten konnte ich auch den Fussballmuffel, der mir die Frage stellte, nicht &uuml;berzeugen. So musste ich noch bessere Gr&uuml;nde finden, damit ich auch nach den Gruppenspielen meine verschlafenen Augen rechtfertigen konnte. In der Nacht, nachdem Valon Behrami im Spiel der Schweizer gegen Chile die rote Karte gezeigt bekommen hatte, konnte ich nicht schlafen und fragte mich, was denn der Fussball einer Nation und deren Menschen &uuml;berhaupt bedeutet. Was bewegt Milliarden Menschen dazu, vor dem Fernseher zu sitzen? Andere Sportarten sind auch spannend, aber sie mobilisieren nicht derart viele Zuschauer.<br /> <br />In einem Artikel las ich vom Auftritt und dem Verhalten der franz&ouml;sischen Fussballmannschaft in S&uuml;dafrika, als sie den Einzug in den Achtelfinal verpasst hatte. &laquo;Das ist das neue Bild der Bleus: gespalten, entzaubert, ohne Spielwitz und ganz ohne Grandeur. Und dieses Bild bewegt die Franzosen umso mehr, als es ein nationales Grundgef&uuml;hl wiedergibt. Frankreich steckt gerade in einer Sinn- und Identit&auml;tskrise&raquo;*. Aha, dieser Kommentar ist wohl der Schl&uuml;ssel zu einer befriedigenden Antwort: Fussball spiegelt das Befinden eines Landes und ganz  allgemein des menschlichen Verhaltens. Frankreichs Stars hielten dem Staatspr&auml;sidenten Nicolas Sarkosy und zugleich der Nation vor, wie es eigentlich um das Land steht.<br /> <br />In den Spielen einer Fussballweltmeisterschaft kommt alles zusammen, was menschliches Dasein umfasst. Ein Spiel gelingt, wenn es Kr&auml;fte mobilisiert, die aus zentralen Lebensbereichen gespeist werden. So wird es f&uuml;r einen Moment zum Abbild des Bem&uuml;hens, mit dem Leben zurechtzukommen, nach Erfolg zu streben, sich durchzusetzen. Gewiss es ist ein <em>Spiel</em>. Der Mensch ist ein homo ludens, ein spielendes Wesen.  Somit g&ouml;nnt man jeder Mannschaft, welche die kreative Ballkunst beherrscht, am Ende den Sieg.<br /> <br />Fussballspielen ist aber auch ein hartes St&uuml;ck <em>Arbeit</em>. Ohne intensives Training, Disziplin und Leistungswille gibt es keinen Erfolg. Es sind nur wenige, die als Spieler in die erweiterte Nationalmannschaft aufgenommen werden, und am Ende stehen nur elf auf dem Platz. Fussballer demonstrieren, dass mit Talent allein nichts erreicht werden kann.<br /> <br />Zum erfolgreichen Fussball geh&ouml;rt der <em>Kampf</em>. Dem k&auml;mpferischen Einsatz l&auml;sst sich ablesen, wie sich Menschen verhalten, wenn es um sehr viel geht. Und schauen wir richtig hin, dann erfahren wir, wie der Kampf die Menschen ver&auml;ndert: Sie br&uuml;llen sich an und beschimpfen den Gegner. Im WM-Final 2006 hat sich Zin&eacute;dine Zidane zu jenem Kopfstoss hinreissen lassen, der den italienischen Gegenspieler Marco  Materazzi niederstreckte. Daf&uuml;r kriegte der Franzose die rote Karte. Materazzi hatte vorher Zidane mehrmals beleidigt. Im Kampf um den Ball stecken auch alle die Tricks, wie absichtliche T&auml;uschung des Schiedsrichters mit einer theatralischen Schwalbe und heuchlerisches H&auml;ndehochhalten bei einem Foul.  <br /> <br />Ein weiteres Grundph&auml;nomen des Daseins ist die <em>Verbundenheit</em>. Vor dem Anpfiff bilden viele Mannschaften einen Kreis und spornen sich gegenseitig an. Jenen Mannschaften, denen es gelingt, Ausnahmetalente auf das gemeinsame Ziel einzuschw&ouml;ren, sind n&auml;her beim Sieg als eine eigensinnige, selbstverliebte Truppe von Stars. Und schliesslich geh&ouml;rt zum menschlichen Leben auch das <em>Ausscheiden</em>. Eine Mannschaft muss mit der Niederlage fertig werden, sozusagen &laquo;sterben&raquo; k&ouml;nnen. Verlierer gehen mit gesenktem Haupt vom Platz.<br /> <br />Das Fussballspiel auf h&ouml;chstem Niveau spiegelt also das menschliche Leben. Darum packt es uns und bewegt emotionell. W&auml;hrend anderthalb Stunden erleben wir Spiel, Arbeit, Kampf, Verbundenheit und Ausscheiden, all das, was jedem Menschen im Lauf seines Lebens widerf&auml;hrt. Die Moderatoren und Kommentatoren sprechen nicht von ungef&auml;hr oft in der Mehrzahl, betonen, dass  <em>wir</em>  gewonnen,  <em>wir</em>  verloren haben.<br /> <br />Als die italienische Mannschaft ebenfalls nach den Gruppenspielen ausschied, schimpften die in der Heimat laut: Vergogna! Schande!. Die italienischen Gazetten behaupteten, die Mannschaft habe dem Land den Spiegel vorgehalten und bewiesen, wie Italien l&auml;ngst auf den Weg der Mittelm&auml;ssigkeit gegangen sei. Die grossen Stars waren auf einmal nur noch i bolliti, die Gesottenen. Alle zusammen taugen gerade noch f&uuml;r einen Bollito misto. Und die Schweizer Mannschaft? Sie war hervorragend in der Verteidigung. Doch sie zeigte wenig Mut und Kreativit&auml;t im Angriff. Und wie steht es mit unserem Schweizbild?<br /> <br /><span class="anmerkung">* Oliver Meiler, Marseille: Tages-Anzeiger, Republik der Gangs, 22. Juni 2010.</span><br />]]></content:encoded></item><item><title>Zuflucht bei Epikur</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-06-19T15:47:53+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/e2dcec4f379845746e62634bb4cdf06e-53.html#unique-entry-id-53</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/e2dcec4f379845746e62634bb4cdf06e-53.html#unique-entry-id-53</guid><content:encoded><![CDATA[Bald werde ich in die Ferien verreisen. Ich werde mich unter Pinien und am Meer erholen, &uuml;ber den feinen Sandstrand gehen und der leichten Welle zuschauen, wie sie eine Schnurlinie in den Sand zieht, die von der n&auml;chsten wieder verwischt und neu gezogen wird. Ich werde morgen fr&uuml;h am Strand beobachten, wie Kinder und Frauen Muscheln sammeln. Unter dem Sonnenschirm werde ich lesen, im Gep&auml;ck unter anderem, quasi wie ein Amuse-Gueule, Aphorismen von Epikur, mit denen ich mich in den ersten Ferientagen von dem politischen Gez&auml;nk daheim erholen will.<br /> <br />Von der Sommersession 2010 haben sich viele B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger irritiert abgewendet. Und was in den Medien dar&uuml;ber geschrieben wurde, war schon eher schwer zu verdauen. Nieten seien am Regieren, schrieb zynisch eine Wochenzeitung. Man konnte Kommentare lesen, die von Begriffen wie Pirouetten, Spitzkehren, Tollk&uuml;hnheiten und &uuml;ber destabilisierende Trauerspiele nur so strotzten. Und schon hiess es: Kehrt Max G&ouml;ldi aus Libyen zur&uuml;ck, wird endg&uuml;ltig abgerechnet.<br /> <br />W&auml;hrend den Verhandlungen &uuml;ber den Staatsvertrag mit den USA in Sachen UBS veranstalteten beide R&auml;te einen Zickzackkurs, ein echtes Wischiwaschi. &laquo;Nein, den lausigen Vertrag nehmen wir nicht an.&raquo; Dann die Kehrtwende: &laquo;Doch aus wirtschaftlichen Gr&uuml;nden stimmen wir ihm zu.&raquo; Dann wieder: &laquo;Nein, wir lehnen ihn ab, doch halt, unter  Bedingungen stimmen wir zu.&raquo; Am Abend, als der Vertrag im Nationalrat vorerst keine Mehrheit erhalten hatte, l&auml;chelte ein SVP-Nationalrat in die Kamera und meinte: &laquo;Ach, das sind halt so die Spiele.&raquo; In der NLZ vom 12. Juni sagte der Bankier Konrad Hummler: &laquo;Spieltheoretisch funktioniert ein solches Hin und Her nur, wenn das Resultat bereits klar ist.&raquo; Er sagte voraus, dass der Vertrag angenommen werde.<br /> <br />Die Beobachter draussen im Land hatten lange geglaubt, unseren Schweizer Politikern sei es durchaus ernst, als sie ihre Vorschl&auml;ge, aber auch Drohungen den Medien verk&uuml;ndeten, und so werde es bei einem Nein bleiben. Die Session hat unterdessen mit der Zustimmung beider R&auml;te zum UBS-Abkommen geendet, und all diese Pirouetten zuvor haben die Glaubw&uuml;rdigkeit von Parlamentarierinnen und Parlamentariern noch mehr angekratzt. &laquo;Was ist nur los in diesem Bern?&raquo;<br /> <br />&laquo;Basta, es reicht mir!&raquo;, dachte ich und suchte nach positiven Schlagzeilen f&uuml;r unser Land. Gottlob, gab es die Fussballweltmeisterschaft in S&uuml;dafrika. Sepp Blatter, ein Walliser, sprach zur Er&ouml;ffnung vor der Welt&ouml;ffentlichkeit. Und dann: &laquo;Kleines Land, grosser Sieg&raquo; Und: &laquo;Stolz ein Eidgenosse zu sein.&raquo; Der oft geschm&auml;hte ehemalige Bundesrat Josef Deiss, ein Freiburger, wurde als Pr&auml;sident der Uno-Vollversammlung gew&auml;hlt. Und unser Land musste sich nicht wie ein gerupftes Huhn vorkommen.<br /> <br />Ich aber begann zu packen. Mit ins Gep&auml;ck sollte auch Epikur. Der griechische Philosoph lebte zwischen 341 und 270 v. Chr. Er musste wegen politischen Querelen und Streitigkeit vorerst aus Athen fl&uuml;chten, konnte sp&auml;ter zur&uuml;ckkehren, kaufte sich einen grossen Garten und gab, auf und ab wandelnd, auserw&auml;hlten Zeitgenossen und Sch&uuml;lern Unterricht. Er lehrte sie jenes Streben zu nutzen, das die Seele zur Ruhe bringt. Auch in Athen gab es lautes Parteiengez&auml;nk. So schrieb Epikur einem seiner Freunde, er solle sich nicht der Politik zuwenden: &laquo;Der Politiker und Staatslenker hat nichts als Arbeit und Sorge, wenig Ehre, viel Undank und zum Schluss wom&ouml;glich noch Verfolgung und Tod. Darum wird der Weise sich h&uuml;ten, sich mit der Regierung eines Staates abzugeben.&raquo;<br /> <br />Aber irgendjemand muss ja schliesslich den Staat lenken, auf der Kommandobr&uuml;cke stehen, sich also opfern, H&auml;me einstecken oder sich gefallen lassen, als Niete bezeichnet zu werden. Dem sich wacker schlagenden Bundesrat geht es &auml;hnlich. Und dennoch wird es wieder bessere Zeiten geben. Wie sie zum Beispiel Altbundesrat Josef Deiss eben erleben darf. Und so wird man Hans Rudolf Merz dereinst ehrenvoll verabschieden und betonen, er habe die Staatsfinanzen ins Lot gebracht.<br /> <br />Sobald es wieder um die Sache geht, wird es ruhiger im Land. Manchmal freilich kehrt die Ruhe erst nach den nationalen Wahlen ein, wenn neue K&ouml;pfe mit gesammelten Vorschusslorbeeren an die Arbeit gehen. Die Neuen sollten auf Epikurs Rat h&ouml;ren und sich nicht abh&auml;ngig machen von all dem &Uuml;berfl&uuml;ssigen und Sch&auml;dlichen, was t&auml;glich verbreitet wird. Wahrscheinlich z&auml;hlte schon bei den Griechen die &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit mehr als die Sache.<br /> <br />Wenn ich wie Epikur glaube, es komme darauf an, abzuw&auml;gen und zu unterscheiden, was zutr&auml;glich oder abtr&auml;glich ist, um alles m&ouml;glichst richtig zu beurteilen, so wird man mich einen Sch&ouml;ngeist nennen, mir unterstellen, mir fehle es an Realit&auml;tssinn. Dennoch gebe ich den Glauben nicht auf, dass Politik im Grunde nur weiter f&uuml;hrt, falls besonnene Leute differenzieren und die Sache in den Vordergrund stellen.<br /> <br />Epikur ist eine Art Viatikum, eine Wegzehrung, Ich bin dem Rat des Philosophen gefolgt, so oft ich nur konnte, weil er mich noch etwas anderes gelehrt hat: &laquo;Es ist nicht m&ouml;glich, lustvoll zu leben, ohne das man vernunftgem&auml;ss, sch&ouml;n und gerecht lebt, noch vernunftgem&auml;ss, sch&ouml;n und gerecht ohne lustvoll zu leben.&raquo; Das ist mein Ferienmotto, und deshalb lasse ich mir keine Schweizerzeitungen ans Meer nachschicken.]]></content:encoded></item><item><title>Mir hat die Pracht des Kirschbaums gefehlt</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-05-20T19:49:56+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/29c37c03038f0d46c06ed3f113efe5ff-52.html#unique-entry-id-52</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/29c37c03038f0d46c06ed3f113efe5ff-52.html#unique-entry-id-52</guid><content:encoded><![CDATA[Der fr&uuml;here Abt Georg Holzherr von Einsiedeln sagte jeweils an Auffahrt: &laquo;Die Zuger kommen, es regnet!&raquo; Auch wenn es nicht st&auml;ndig regnete: Einen Sch&ouml;pfl&ouml;ffel voll Wasser hatte der Himmel am Auffahrtstag immer vorgesehen. Setzte zu Beginn des Wonnemonats eine sch&ouml;ne Wetterperiode ein und breitete sich Lebenslust und Freude aus, sagte Vater warnend: &laquo;Wartet nur auf Pankraz, Bonifaz und die kalte Sophie, die werden sich schon noch melden!&raquo; In diesem Jahr fielen die Eisheiligen auf das Auffahrtwochenende. Kein Wunder, dass es kalt und regnerisch war. W&auml;re es nur von Mamertus bis zur kalten Sophie regnerisch gewesen, h&auml;tten mich die vier Heiligen nicht entt&auml;uscht. Sie h&auml;tten einfach ihrem Namen Ehre gemacht. Und was in Volkes Mund so gel&auml;ufig ist, findet man gerne best&auml;tigt. Nun aber dauert das schlechte Wetter an und verdirbt mir die gute Laune. Mir fehlt der Mai, die Gef&uuml;hlsseite leidet unter einem Defizit.<br /> <br />Der diesj&auml;hrige Mai hat mir eine der gr&ouml;ssten Freuden im Lauf der Jahreszeiten verdorben, und deshalb ist meine Gef&uuml;hlsbilanz negativ. Sie wird es voraussichtlich so lange bleiben, bis sie durch m&ouml;glichst lange Sch&ouml;nwetterperioden ausgeglichen ist. Was mir aber 2010 nicht mehr zur&uuml;ckgegeben werden kann, ist der bl&uuml;hende Kirschbaum vor dem Fenster meines Arbeitsplatzes, wo ich meine Kolumnen schreibe. Wie oft habe ich ihn doch schon im &uuml;ppigsten Bl&uuml;tenrausch bewundert, ja sogar besungen! &Ouml;ffnete ich dann das Fenster, konnte ich sogar das  Bienensummen vernehmen und beobachten, wie sie eifrig von Bl&uuml;te zu Bl&uuml;te flogen.<br /> <br />Auch dieses Jahr schien ich wieder in den Genuss des bl&uuml;henden Baumes zu kommen. Die Knospen trieben, und als unten, um den Zugersee, die Kirschb&auml;ume schon fast verbl&uuml;ht waren, kam der meine hier auf &uuml;ber siebenhundert Metern H&ouml;he, erst etwa vierzehn Tage sp&auml;ter, wie jedes Jahr, an die Reihe. Schon bald w&uuml;rde er im sch&ouml;nsten Kleid dastehen, als festliches Zeichen, dass wir in der warmen Jahreszeit angekommen sind. Aber dann setzte die Regenperiode ein. Sie st&ouml;rte mich vorerst nicht. Ich sagte zu jedem Bekannten, den ich traf: &laquo;Es ist gut, dass es regnet!&raquo; Und jeder nickte und erg&auml;nzte: &laquo;Der Wind hat die B&ouml;den ausgetrocknet.&raquo; Doch nun, nach Mitte Mai, hadere ich mit dem schlechten Wetter. Es hat mir den Zauber der Bl&uuml;tenpracht vorenthalten, den ich jedes Jahr geniesse. Der Kirschbaum bl&uuml;hte zwar, aber ohne Sonnenlicht gelang es ihm nicht zu strahlen. So blieb sein k&ouml;stliches Weiss matt und ged&auml;mpft, und je l&auml;nger es regnete, desto mehr kam es mir wie ein trauriges Grau vor.<br /> <br />Auf der Suche nach besserem Wetter fl&uuml;chtete ich in den S&uuml;den. Am Tag der kalten Sophie trat ich in eine Wallfahrtskirche, wo eine Hochzeit stattfand. Vorne im Chor kniete das Paar. Gerade war es so weit, dass sich die Brauleute ewige Liebe schworen und nickten, als der Priester sagte, was im Himmel beschlossen werde, k&ouml;nne der Mensch nicht trennen. Die Braut trug ein weisses Kleid, das matt wirkte. Es schimmerte in der dunklen Kirche beinahe gr&auml;ulich. Erst als das Paar an mir vorbei aus der Kirche schritt, sah ich, wie kirschbaumbl&uuml;tenweiss es doch war.<br /> <br />Die sch&ouml;ne Braut erheiterte meine in K&auml;lte und Regen abgetauchte Seele und weckte die guten Kr&auml;fte meines Gem&uuml;ts, denn sie l&auml;chelte so charmant, dass mein zugekniffener Mund aufsprang und ihr gerne etwas Nettes gesagt h&auml;tte. Der Br&auml;utigam strich ein paarmal verlegen seinen schwarzen Schnauz und liess sich mit seiner angetrauten Frau, wie es in Italien Brauch ist, im Vorzeichen der Kirche mit Reisk&ouml;rnern bewerfen. Seine Angetraute w&uuml;rde wohl fruchtbar sein. Er war zuversichtlich, so machte es wenigstens den Eindruck. Alle anderen, die aus der Kirche traten, spannten sofort den Schirm auf, was die Stimmung aber nicht verdarb. F&uuml;r mich war dies ein aufheiterndes Intermezzo, und als sp&auml;ter der Nordf&ouml;hn die Wolken aufriss, konnte ich sogar auf der Piazza einen weissen Cinzano geniessen. Kurz darauf leckte die K&auml;lte aber wieder an meiner Haut.<br /> <br />Der regnerische Mai schl&auml;gt mir also aufs Gem&uuml;t. Und ich gestehe nochmals freim&uuml;tig, dass meine Gef&uuml;hlbilanz negativ ist. W&auml;re mein Kirschbaum nur einen einzigen Tag oder wenigstens einige Stunden im vollen Licht der Sonne gestanden, h&auml;tte ich das feierliche Bild, das er jeweils abgibt, als Erinnerung durch die kommenden Tage getragen. Nun muss ich mir mit Ersatzbildern aus fr&uuml;heren Jahren behelfen, damit sein trauriges Blattgr&uuml;n, voll h&auml;ngender Regentropfen verschwindet.<br /> <br />Was soll ich tun, mit meinem Wetterkummer? Eines der probaten Trostmittel ist die Lekt&uuml;re eines Buches. Ich habe gerade mit Arthur Krasilnikoff &laquo;Das Augen des Wals&raquo; begonnen, dessen dichte poetische  Sprache mich begl&uuml;ckt. &laquo;Lesen lernen ist eines der gr&ouml;ssten Erlebnisse, die es gibt. Astur entdeckt dabei st&auml;ndig von neuem, dass die kleinen Zeichen W&ouml;rter bedeuten, die man laut aussprechen kann. Sobald man f&auml;hig ist, seinen eigenen Namen zu buchstabieren, lebt man mit einem ganz anderen Bild von der Welt &hellip;&raquo;* Astur ist ein Junge, der in den 1940er Jahren mit seiner Familie auf F&auml;r&ouml;er lebte, bis sie zur&uuml;ck nach D&auml;nemark gingen. Was f&uuml;r ihn einem Kulturschock gleichkam, weil er seine Heimat verlor.<br /> <br />Zu meiner Heimat z&auml;hlt der Kirschbaum vis-&agrave;-vis, und dazu geh&ouml;rt die F&auml;higkeit, &uuml;ber ihn zu schreiben. Habe ich einmal meinen Kummer beklagt, geht es mir wieder besser, auch wenn ich das Fehlende jetzt nicht herbeireden kann. Mir fehlt der Mai, der mir jedes Jahr einen bl&uuml;henden Kirschbaum vor das Fenster zaubert, und so hoffe ich, dass ich n&auml;chstes Jahr nicht wieder zu jammern brauche. Immerhin, an Pfingsten soll es w&auml;rmer sein.<br /> <br /><span class="anmerkung">* Arthur Krasilnikoff:  Das Auge des Wals. Verlag Martin Wallimann, 2010.</span>]]></content:encoded></item><item><title>Ein  Umweg war nicht vorgesehen</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-04-30T14:36:17+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/ce2761980b149c550d964aa3aec484c0-51.html#unique-entry-id-51</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/ce2761980b149c550d964aa3aec484c0-51.html#unique-entry-id-51</guid><content:encoded><![CDATA[Mitte April war ich eingeladen, an der Buchtaufe von &laquo;Anna Gelante&raquo; in Tallinn teilzunehmen. Mein kleiner Roman, 2002 erschienen, ist unterdessen ins Estnische &uuml;bersetzt worden, ausgerechnet in eine der schwierigsten europ&auml;ischen Sprachen. Anschliessend reiste ich nach Helsinki zu einer weiteren Lesung und freute mich auf Rovaniemi, hoch oben in Lappland, wo ich mit dem Botschaftsrat Beat B&uuml;rgi an der Universit&auml;t auftreten sollte. Alles verlief nach Plan, bis mir am Vorabend mitgeteilt wurde, nicht nur unser Flug sei gestrichen worden, sondern alle Flugzeuge st&uuml;nden am Boden. Der isl&auml;ndische Vulkan mit dem klingenden Namen wollte es so.<br /> <br />Ich sass also fest. Und es wurde mir bald einmal klar, dass ich nur auf dem Seeweg, ganz bestimmt nicht direkt, wieder in die Schweiz gelangen w&uuml;rde. Ich erinnerte mich an jenen Satz von Hans Blumenberg, den ich immer wieder gerne zitiere: &laquo;Nur wenn wir Umwege einschlagen, k&ouml;nnen wir existieren.&raquo; Wie sollte ich zur&uuml;ck, in die Schweiz gelangen? Warten, hockend oder stehend? Nein, das war nicht mein Ding. Ganz bestimmt nicht so wie jener Mann, der in der Lobby des Hotels auf einem Stuhl schlief und manchmal laut schnarchte.<br /> <br />Es blieben mir also einige freie Tage, und ich begann mich auf kreative Umwege zu begeben: Ich entdeckte sogar ein ausgezeichnetes Restaurant, in dem Jean Sibelius, der ber&uuml;hmte finnische Komponist, jeweils getafelt hatte. Sp&auml;ter trank ich im Caf&eacute; &laquo;Fazer&raquo;, wo feiner Schokoladenduft das Lokal durchzog und gabelte mir zartes Geb&auml;ck auf die Zunge. Dieses finnische Unternehmen war von Karl Fazer, einem ausgewanderten Thurgauer Chocolatier und B&auml;cker, vor Generationen gegr&uuml;ndet worden, und es habe in ganz Skandinavien einen &auml;hnlich guten Ruf wie die Firma Spr&uuml;ngli bei uns, liess ich mir sagen.  <br /> <br />Schauen, Eindr&uuml;cke sammeln, ohne gewisse Details aus einem &laquo;Dumont&raquo; zu entnehmen, die Stadt Helsinki einfach auf mich wirken lassen,  wieder einmal ganz Flaneur sein, ein paar Eindr&uuml;cke im Tagebuch festhalten, dem Meer entlang spazieren und mich von der Gesch&auml;ftigkeit des Treibens nicht beirren lassen, am Abend sogar ins Opernhaus, wo die &laquo;Die lustige Witwe&raquo; von Franz Lehar auf Finnisch gegeben wurde, das war doch gut. Ich verstand kein Wort, ausser etwa Namen wie Vilja oder Maxim. Das Vilja-Lied hatte ich in jungen Jahren gesungen und mich dazu am Klavier begleitet. Da purzelten einige Verse aus dem Ged&auml;chtnis und ich sollte etwas sp&auml;ter auf dem Weg ins Hotel summen: &laquo;Vilja, oh Vilja, du Waldm&auml;delein&hellip;&raquo; und: &laquo;Ach, das Studium der Weiber ist schwer, nimmt uns M&auml;nner verteufelt auch her&hellip;&raquo; Ich sang etwa gleich l&uuml;ckenhaft,  wie wenn von mir die zweite Strophe des Schweizerpsalms verlangt worden w&auml;re. Auf der B&uuml;hne wurde unterdessen getanzt, mit Gl&auml;sern angestossen und geflirtet. Ein bisschen &agrave; la Finnisch, vermutete ich, nicht so s&uuml;ss wie bei uns oder in &Ouml;sterreich.<br /> <br />Am n&auml;chsten Tag fuhr ich nach Turku, und am &uuml;bern&auml;chsten besuchte ich das moderne Kunstmuseum Kiasma in der Hauptstadt. Ich schlenderte leicht irritiert durch die S&auml;le, bis auf einmal auf einer Leinwand ein Helikopter hochstieg, und ich mich in die Schweiz zur&uuml;ckversetzt  glaubte. Richtig, bei n&auml;herem Zuschauen kreiste er &uuml;ber Grindelwald und n&auml;herte sich dem Agassizhorn, das seinen Namen von Jean Louis Rodolphe Agazziz erhalten hat, einem ber&uuml;hmten Glaziologen, 1807 in M&ocirc;tier geboren, und der 1846 in die USA auswanderte. In der Fremde trat er allerdings als arger Rassist auf. Diesem Agassiz galt das Video. Gedreht hat es die schweizerisch-haitische K&uuml;nstlerin Sasha Huber. Mit ihrer Installation wollte die K&uuml;nstlerin bewirken, dass das fast viertausend Meter hohe Horn umgetauft werde. K&uuml;nftig sollte es Rentyhorn heissen, zum Andenken an Renty, einen afrikanischen Sklaven. Nach der Abschaffung der Sklaverei wurde Agassiz zu einem Vordenker der Apartheid. Das Gesuch der Aktionsk&uuml;nstlerin wurde aber von Grindelwald heftig abgelehnt. Ich l&auml;chelte als ich das gemeindliche Verdikt im Saal las. Unverhofft war ich mitten in der helvetischen B&uuml;rokratie.<br /> <br />Am Sonntagnachmittag bestieg ich die F&auml;hre nach Travem&uuml;nde. Kurz nach Abfahrt war die See unruhig. Die Wellen warfen Schaumkronen, die dann in der gewaltigen Wassermasse zerflossen. Dann aber fuhr die F&auml;hre in ruhigem Gew&auml;sser. Auch ich wurde ruhiger und las in Theodor Storms &laquo;Der Schimmelreiter&raquo;. Als das Schiff nach der 27-st&uuml;ndigen Fahrt endlich anlegte, stand ich verloren in der Masse der Wartenden, die auch nicht wussten, wie es weitergehen sollte. Wie w&uuml;rde ich  selber weiter kommen?<br /> <br />Nach einer guten Stunde hatte sich der Kn&auml;uel entwirrt, und ich sass bereits im Zug nach L&uuml;beck. Dort kam ich um halb elf an. Fand ein Hotelzimmer in der N&auml;he des Bahnhofs, stellte das Gep&auml;ck ab, eilte anschliessend zum Taxistand und fragte nach einem Restaurant, wo ich sp&auml;t noch etwas Warmes essen konnte. Bald sass ich in der historischen Gastst&auml;tte &laquo;Schiffergesellschaf zu L&uuml;beck&raquo; und war verbl&uuml;fft. Der hohe Raum, dessen Diele von schwarzen, schweren Balken getragen wurde, kam mir wie ein m&auml;chtiges Chorgest&uuml;hl vor, mit all den reichen Schnitzereien und mit Wappen.<br /> <br />Ich war also im L&uuml;beck der Buddenbroocks von Thomas Mann. Am n&auml;chsten Morgen blieben mir nur gerade zwei Stunden f&uuml;r einen ersten Augenschein. Ich kaufte im &laquo;Mann-Museum&raquo; Thomas Manns lange Erz&auml;hlung &laquo;Mario und der Zauberer&raquo; und begann unterwegs nach Basel zu lesen. Dabei stiess ich auf die Stelle: &laquo;Wahrscheinlich kann man vom Nichtwollen seelisch nicht leben&hellip;&raquo; Ja, wie wollte ich nun endlich nach Hause!]]></content:encoded></item><item><title>Die feine St&#x26;auml;ubung des Schmetterlings</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-04-09T18:59:08+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6f94d34e58b2079f794e1819efe6d010-50.html#unique-entry-id-50</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6f94d34e58b2079f794e1819efe6d010-50.html#unique-entry-id-50</guid><content:encoded><![CDATA[Das Leben ist immer wieder darauf ausgerichtet, uns eine Begegnung mit einem Menschen zu erm&ouml;glichen, den wir  bisher nicht gekannt haben. Mir ist es vor kurzem so ergangen. Da traf ich einen Menschen und sp&uuml;rte rasch, dass es sich um eine Pers&ouml;nlichkeit handelte. Wenn ich ihm verraten h&auml;tte, was mir spontan durch den Kopf gegangen war, dann h&auml;tte er bestimmt abgewinkt und erwidert: &laquo;Oh, ich setze mich nicht aufs hohe Ross!&raquo; Ob jemand als Pers&ouml;nlichkeit gilt und als solche wahrgenommen wird, kann niemand selber beurteilen. Der Mensch begegnet Mitmenschen, und sie widerspiegeln, was einer ist.<br /> <br />Dieser X, den ich kennen gelernt habe, verf&uuml;gt &uuml;ber ein feines Gesp&uuml;r f&uuml;r Menschen, er hat einen guten Geschmack und achtet vor allem auf seine Sprache. Ab und zu geniesst er von einem bestimmten Gipfel die Aussicht, l&auml;sst den Blick nach allen Seiten schweifen und weiss, dass sich hinter dem Horizont ein weiterer verbirgt. Neben seinem anspruchsvollen Beruf, liest er gern ein Buch. B&uuml;cher, sagt er, sind ein Fenster zur Welt.<br /> <br />Im Laufe unseres Gespr&auml;chs kam er auf einen guten Kollegen zu sprechen. Dieser sei fr&uuml;her ein offener und interessanter Mann gewesen, sie h&auml;tten oft &uuml;ber Literatur oder die Sinnfragen des Lebens diskutiert. Dann habe er sich zur&uuml;ckgezogen, erfolgreich verschiedene Geldgesch&auml;fte get&auml;tigt und sei ein reicher Mann geworden. Und siehe da, niemand werde sich wundern. Sein Wesen habe sich ver&auml;ndert. Heute k&ouml;nne man mit ihm nur noch &uuml;ber Anlagen sprechen und dar&uuml;ber, was man mit dem Geld denn alles machen k&ouml;nne: Reisen, gut essen und immer wieder die B&ouml;rsenkurse verfolgen. Nach jeder Reise erz&auml;hle er von ausgefallenen Speisekarten, luxuri&ouml;sen Hotelzimmern oder dem Besuch eines Nachtlokals, das gerade &laquo;in&raquo; sei. Aus dem vielseitigen, neugierigen Menschen sei ein eindimensionaler Mann geworden, der dem Mammon huldigte. &laquo;Sone gh&uuml;slete und glinierte, isch er worde&raquo;, schloss mein Vis-&agrave;-vis.<br /> <br />Der Dialektsatz erinnert mich an die Schiefertafel, auf der ich als Sch&uuml;ler meine ersten Buchstaben auf Linien und in H&auml;uschen kritzelte. Dabei ging mir das Knirschen des Griffels durch Mark und Bein. Auf der Tafel entstanden die ersten W&ouml;rter und ich erg&ouml;tzte mich an ihnen. Allm&auml;hlich  sammelten sie sich zu richtigen S&auml;tzen. Sp&auml;ter begegnete ich den W&ouml;rtern wieder in den Gedichten. Und noch etwas sp&auml;ter entdeckte ich, dass sich &uuml;ber meine Welt ein unermesslicher W&ouml;rterhimmel spannt.<br /> <br />Nachdem ich etwa mal an die Geschichte des Mannes dachte, die mir mein neuer Bekannter erz&auml;hlt hatte, erinnerte ich mich an eine Stelle in Robert Walsers Gedicht mit dem Titel: &laquo;Was fiel mir ein?&raquo; Der Dichter fragt sich: &laquo;Wann ging die feine St&auml;ubung dem Schmetterling in mir verloren? Wann fing es an, wann, wo begann, was mich entf&auml;rbte &hellip;?&raquo; Das sind Fragen, die sich jeder Mensch irgendwann einmal stellt, auch wenn er kaum imstande sein wird, sie so poetisch zu formulieren. Wann hatte sich das Lebens jenes Mannes, von dem ich weiter oben schrieb,  zu entfalten begonnen, wann hatte es sich verengt? Hatte er den Augenblick nicht erfasst, als er anfing, seinen Blick eingleisig auf seine eigenen Interessen zu richten? Wann hatte er vergessen, dass sein Wesen eigentlich auf eine offene Person angelegt war, nicht  bloss auf eine spekulierende und funktionierende?<br /> <br />Auch wenn das Leben den Menschen oft genug zwingt zu funktionieren, bleibt ihm doch Zeit, zum Schmetterling, der in ihm steckt, Sorge zu tragen, und sich gegen die Einseitigkeit und Sturheit zu wehren und jene Seelenteile zu pflegen, die Robert Walser mit dem Motiv des Sommervogels aufnimmt. Der sensible Dichter f&uuml;hrte ein unstetes Leben voller Sehnsucht. Er besass eine wunderbare wortsch&ouml;pferische Einbildungskraft. Dabei schaute er den Menschen aufs Maul. Nicht alles,  was er wahrnahm, gefiel ihm.<br /> <br />Robert Walsers Frage zwingt einen, den Blick nach innen, auf die Seele, zu richten. Sie darf nicht abstumpfen. Der erwachsene Mensch m&ouml;chte vielmehr zur&uuml;ckgewinnen, was er als Kind in sich erahnte. Es hatte die Welt in ihrer Farbenpracht betrachtet, und es schaute dem spielenden Dahinschaukeln der Schmetterlinge zu. Aber es entdeckte auch, dass es den Kohlweissling gab. Seine Raupe ist zwar ein grosser Sch&auml;dling in der Landwirtschaft. Und doch ermahnten die Eltern das Kind, den Schmetterling nicht mit den H&auml;nden zu fangen. Sonst werde er nicht mehr fliegen k&ouml;nnen und m&uuml;sse verhungern, wenn die St&auml;ubung, die winzigkleinen Schuppen verloren gehen. Man sollte ihn nur z&auml;rtlich auf dem Arm auf- und absteigen lassen, so &auml;hnlich werde auch das Leben auf das Kind zukommen.<br /> <br />Walsers Bild steht f&uuml;r die behutsame Pflege jener Werte, die das Leben lebenswert machen. Dazu geh&ouml;rt der achtsame Umgang mit den Menschen, mit der Sch&ouml;pfung, der Natur und der Kultur. Ging das Kind nicht fr&uuml;her auf Trampelpfaden, erst recht am liebsten auf Umwegen und  wich dabei dem geraden Weg aus? Sah es da nicht Blumen am Weg? Lag es sp&auml;ter nicht in der Sonne am Waldrand und h&ouml;rte den V&ouml;geln zu? Damals hatte es noch die Aussicht, dass es vieles erleben, manches entdecken und sehen w&uuml;rde. Es w&uuml;rde werden. Es stand fragend vor und mitten in den Dingen. Noch wurde es nicht an dem gemessen, was es hatte, sondern an dem inneren Reichtum, an seinem Mutterwitz und an den vielf&auml;ltigen Interessen. Es hatte ein Herzenskonto, das sich t&auml;glich vermehrte. Eine feine St&auml;ubung lag auf seinen Fl&uuml;geln. Es konnte durch die Welt schaukeln und ein Liedchen singen: Farfallina tutto bianca, vola! Vola e non sia stanca! Schmetterling, ganz  weiss, flieg! Flieg ohne m&uuml;de zu werden!]]></content:encoded></item><item><title>Wenn der Glaube missbraucht wird</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-03-13T11:16:52+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/afa50189297afa08cc553a0cf6b2b1ba-49.html#unique-entry-id-49</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/afa50189297afa08cc553a0cf6b2b1ba-49.html#unique-entry-id-49</guid><content:encoded><![CDATA[Gott verh&uuml;llt sich. Die christlichen Theologen sagen zwar, er habe sich in Jesus Christus offenbart. Aber die Frage nach dem <em>Wesen</em> Gottes bleibt  weder philosophisch noch theologisch &uuml;berzeugend beantwortet. Gibt es eine Katastrophe wie das verheerende Erdbeben in Haiti oder Chile, fragen sich viele Menschen: Wo war Gott in jenen Sekunden? Wer ist er denn? Ignatius von Loyola, Begr&uuml;nder des Jesuitenordens, h&auml;tte geantwortet: &laquo;Deus semper maior&raquo;,  also: &laquo;Gott ist immer gr&ouml;sser&raquo;. Er ist dem menschlichen Denken nicht zug&auml;nglich. In der franziskanischen Tradition hingegen gibt es auch das Wort: &laquo;Deus semper minor&raquo;. Gott ist immer kleiner, als man ihn denken kann. Diese beiden Aussagen heben sich gegenseitig auf, sie sind paradox. Etwas kann nicht zugleich unendlich gross und unendlich klein sein. Die paradoxe Gegen&uuml;berstellung will besagen, dass das Denken das Absolute nicht erreicht. Niklaus von Kues, der ber&uuml;hmte Gelehrte, Kardinal und Kirchenpolitiker im 15. Jahrhundert, sprach in seinem Sp&auml;twerk &laquo;Die Jagd nach der Weisheit&raquo; vom &laquo;wissenden Nichtwissen&raquo;, von der &laquo;docta ignorantia&raquo;. Es sei unm&ouml;glich zu wissen, was demjenigen, das geworden ist, vorausgegangen sei.<br /> <br />Fragt der Mensch nach dem Ursprung des Seienden, st&ouml;sst er also an die Grenze des Wissens. Er kann nicht sagen, wer die Welt geschaffen hat. Am Anfang mag da ein g&ouml;ttliches Prinzip gestanden haben. Doch dieses G&ouml;ttliche hat weder Farbe noch Gestalt. Der Mensch kann immer nur sagen, so wie &uuml;ber ihn gedacht wird, ist er nicht. Das Absolute bleibt demnach unergr&uuml;ndlich, und darum beginnt bei dieser Erkenntnis das grosse Schweigen, das Staunen, das Gebet oder der Glaube.<br /> <br />Wer die Geschichte der Philosophie und der Theologie studiert, wird erkennen, dass der Mensch schon immer nach dem letzten Geheimnis hinter der Erschaffung der Welt und seiner eigenen Existenz gefragt hat. Beim Betrachten der Sch&ouml;pfung, der Natur leuchtet ihm so etwas wie das G&ouml;ttliche auf, aber dieses Licht ist kaum dasjenige eines pers&ouml;nlichen Gottes. Ein pers&ouml;nlicher Gott w&auml;re f&uuml;r den Gang der Geschichte verantwortlich. Man k&ouml;nnte ihm die Gr&auml;uel und Katastrophen anlasten. Das G&ouml;ttliche aber ist nicht belangbar. Es entzieht sich dem Menschen.<br /> <br />Extra ecclesiam salus non est! Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil! Diese Position nahm die katholische Kirche jahrhundertlang ein. Ihre Auffassung wurde jedoch von den anderen christlichen Bekenntnissen nicht geteilt. Zudem glauben auch die Juden und die Mohammedaner an den <em>einen</em> Gott. In mancher Ecke unserer Welt gab es und gibt es grosse Religionsgemeinschaften, die vom Eingottlauben abweichen. Buddhisten und Hindus kennen ihn nicht. In vorchristlicher Zeit glaubten die Menschen an die Macht vieler G&ouml;tter. Die Griechen verehrten Zeus und andere Gottgestalten, die &Auml;gypter beteten eine Zeit lang den Sonnengott an, die Inkas den z&uuml;rnenden Gott, dem sie Menschenopfer darbrachten, um ihn vers&ouml;hnlich zu stimmen.<br /> <br />Gab es f&uuml;r die Menschen, die vor unserer Zeitrechnung lebten, wirklich kein Heil? Hans K&uuml;ng stellt die Frage, welchen Glauben er wohl bekennen w&uuml;rde, falls er in Indien zur Welt gekommen w&auml;re. Was bei dieser Sachlage erstaunt, ist die Tatsache, dass es trotz unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse einen Wettstreit unter den Religionen gibt. Die Religion kann Menschen fanatisieren und zu Gewalttaten aufhetzen. Fanatismus ist ein &Uuml;bel, ja er artet oft in Wahnsinn aus.<br /> <br />Darum muss der Mensch seine eigene &Uuml;berzeugung im Blick auf  andere Glaubensbekenntnisse relativieren. Er sollte sich hie und da selber beobachten, wie es um seine Toleranz gegen&uuml;ber anderen Konfessionen steht. Er gibt die feste, dogmatische Position auf, falls er zur Einsicht gelangt, dass seine Religion nur ein Weg ist, sich dem G&ouml;ttlichen anzun&auml;hern. Von diesem G&ouml;ttlichen wird ihm in Heiligen Schriften und in Mythen erz&auml;hlt. Das Alte und das Neue Testament, der Koran und die Thora, die Geschichte des Tao, ja sogar die klassischen Sagen des Altertums sind grossartige Erz&auml;hlungen, die berichten, wie der Mensch nach dem Sinn des Lebens und dem ewig Seienden sucht. Diese grandiosen Erz&auml;hlungen deuten mit Bildern das Mysterium des Daseins. Die Religionen, die auf Grund dieser Geschichten entstanden sind, betten die Sinnsuche des Menschen in Zeremonien, Rituale und Kulte.<br /> <br />Weist die Religion den Weg, auf dem sich der Mensch dem G&ouml;ttlichen n&auml;hert, dann ist die Suche der Spur, die ein anderer w&auml;hlt genauso legitim, denn sonst w&uuml;rde Intoleranz die Frucht des Glaubens. Es gilt n&auml;mlich: &laquo;An ihren Fr&uuml;chten k&ouml;nnt ihr sie erkennen: Erntet man denn Trauben  von den Dornen oder Feigen von den Disteln?&raquo; (Matth&auml;us 7, 16).  <br /> <br />Niemand gibt zu, dass seine &Uuml;berzeugung eine Frucht ist, aus Samen von Dornen und Disteln gereift. Machtmenschen k&uuml;mmert es wenig, dass sie die Religion instrumentalisieren. Sie haben sie stets f&uuml;r ihre Zwecke missbraucht. Ruft Muammar Ghadhafi hinter Panzerglas w&auml;hrend einer langen Rede zum Heiligen Krieg, zum Jihad gegen die Schweiz auf, dann stellt er die Religion in den Dienst seiner Macht, s&auml;t Dornen und Disteln, und hofft darauf, die Saat gehe bald auf. Wird der Glaube missbraucht,  entsteht Rechthaberei, oft sogar Feindschaft.]]></content:encoded></item><item><title>Lehrer Heyd beurteilte Friedrich Schiller</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-02-10T19:35:02+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/a3becf74aa1147726c687ccecffeea46-48.html#unique-entry-id-48</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/a3becf74aa1147726c687ccecffeea46-48.html#unique-entry-id-48</guid><content:encoded><![CDATA[Ein Schulzeugnis dient der Selektion. Reicht es f&uuml;r eine h&ouml;here Schule oder sollte man besser einen anderen Weg einschlagen? Das Leben als Ganzes ist Selektion. Immer wieder wird man gepr&uuml;ft, die geleistete Arbeit wird bewertet. Aber das Leben ist viel mehr: es ist Variation, manchmal sogar Mutation, wie Darwin bewiesen hat. Denn das Leben  kann sprunghaft verlaufen, das Schulzeugnis entscheidet nicht dar&uuml;ber, ob das Leben erfolgreich, zufrieden, gl&uuml;cklich oder ungl&uuml;cklich sein wird.<br /> <br />Im &laquo;Schiller Nationalmuseum&raquo; in Marbach sind zwei Zeugnisse in Worten aus dem Jahr 1774, als der f&uuml;nfzehnj&auml;hrige Friedrich in Stuttgart zur Schule ging. Lehrer Georg Friedrich Heyd beurteilte den Burschen mit  folgenden Worten: &laquo;Gaben sind mittelm&auml;ssig, Auff&uuml;hrung gleichg&uuml;ltig, Fleiss seinen Kr&auml;ften angemessen. Geschicklichkeit in dem Recht der Natur, der Reichshistorie, denen r&ouml;m. Alterth&uuml;mern sind alle gleich mittelm&auml;ssig.&raquo; Ein Gl&uuml;ck, dass dieses Zeugnis nicht verloren gegangen ist und uns modernen Menschen Einblick gew&auml;hrt, wie ein heute v&ouml;llig vergessener Lehrer ein sp&auml;teres Genie beurteilt hat.<br /> <br />Neben Heyd bewertete auch der Religionslehrer Carl Friedrich Hartmann die Leistung Schillers: &laquo;Urtheilt langsam, aber gut: Das Ingenium zeigt viele F&auml;higkeiten, das Ged&auml;chtnis ist gut; in seinem Studieren ist er bed&auml;chtig; der Fleiss willig, und gesch&auml;ftig.&raquo; Hartmann ahnte, dass der junge Schiller gute Anlagen besass. Aber auch er konnte nicht ahnen, dass Schiller sp&auml;ter &laquo;Die R&auml;uber&raquo;, den &laquo;Wallenstein&raquo; und den &laquo;Wilhelm Tell&raquo; schreiben, und er konnte nicht wissen, dass sein ehemaliger Sch&uuml;ler der Dichter der deutschen Nation werden w&uuml;rde. Das Ingenium entfaltete sich erst sp&auml;ter, nicht in der Schule. Vielleicht wollte der F&uuml;nfzehnj&auml;hrige m&ouml;glichst nicht auffallen.<br /> <br />Ein Lehrer ahnt oft nicht, was eigentlich in einer Sch&uuml;lerin oder einem Sch&uuml;ler vorgeht. Vor Jahren stellte ich meinen Studentinnen im P&auml;dagogikunterricht einmal folgende Aufgabe: &laquo;Stellt euch den kleinen Albert in eurer k&uuml;nftigen Klasse vor, der hinten in einer Bank sitzt. Er tr&auml;umt und schaut den Wolken nach, ist ganz einfach zerstreut. Ihr &auml;rgert euch &uuml;ber ihn. Anschliessend gebt ihr ihm eine schlechte Note in &lsaquo;Fleiss&rsaquo; und &lsaquo;Betragen&rsaquo;. Jahre sp&auml;ter bringen alle Zeitungen unz&auml;hlige Artikel und Beitr&auml;ge &uuml;ber ihn. &Uuml;berall heisst es, er sei ein Genie, er habe die Relativit&auml;tstheorie erfunden. Was meint ihr, was k&ouml;nnte wohl die Ursache seiner st&auml;ndigen Unaufmerksamkeit gewesen sein?&raquo;<br /> <br />Ein Urteil ist relativ und manchmal &uuml;berhaupt nicht angemessen. Da sitzen wir zum Beispiel in einem Zug. Parallel zu unserem Zug f&auml;hrt ein zweiter gleich schnell auf einem anderen Geleise. Wir meinen, beide Z&uuml;ge w&uuml;rden still stehen. Wenn wir auf die andere des Abteils schauen, realisieren wir, dass unser Zug bereits mit hoher Geschwindigkeit dahinbraust.<br /> <br />Die Welt ist immer nur eine interpretierbare. Die Realit&auml;t hingegen wird unterschiedlich wahrgenommen. Wir sind darauf angewiesen, sie zu interpretieren. Der Lehrer, der seinerzeit &uuml;berzeugt gewesen sein k&ouml;nnte, Albert Einstein sei ein fauler Sch&uuml;ler, interpretierte dessen Verhalten falsch. Der Knabe war wohl viel st&auml;rker vom Ideenhimmel der Mathematik und den physikalischen Fragen fasziniert, als von denen, die in der Schule gestellt wurden.<br /> <br />Die Frage, wie es mit der Realit&auml;tswahrnehmung steht, beantwortet uns die Interpretationsphilosophie. Die Naturgesetze, sagt sie, stecken nicht in der Natur, sondern sie sind grunds&auml;tzlich Verstandeskonstruktionen. Die Gesetze des Staates, an die wir uns zu halten haben, sind Verallgemeinerungen von Erfahrungen und zugleich Vereinfachungen. Die politischen Sachverhalte unterliegen der Interpretation. Und wie erst verh&auml;lt es sich mit Glaubenswahrheiten?<br /> <br />Die Zeugnisse sind also immer Interpretationen. Sie versuchen das Verhalten und die Leistung von Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern zu interpretieren. Dabei k&ouml;nnen Lehrkr&auml;ften durchaus falsche Einsch&auml;tzungen passieren. Doch wenn das Zeugnis dem Kind gerecht zu werden versucht, wenn der Lehrer dem Sch&uuml;ler mit Respekt und Achtung begegnet, auch wenn die Leistungen alles andere als befriedigend sind, dann kann das Zeugnis durchaus eine Hilfe f&uuml;r das sp&auml;tere Leben sein. Selbst Eltern k&ouml;nnen die eigenen Kinder nicht genau einsch&auml;tzen, vor allem wissen sie nur wenig davon, wie sich ihre Spr&ouml;sslinge ausserhalb der Familie verhalten und schon gar nicht, was einmal aus ihnen werden wird. Somit sind Noten bloss Zwischenberichte, relativ und eine Gespr&auml;chsgrundlage.<br /> <br />Nach Lehrer Heyds Beurteilung hat Friedrich Schiller nicht all seine Kr&auml;fte angestrengt, und diese seien erst noch mittelm&auml;ssig. Mit welch gewaltiger Willenskraft schuf Schiller aber seine Werke, was rang er in den letzten Lebensjahren seinem kranken K&ouml;rper ab! Ob gut oder schlecht benotet, die Anlage zu besonderen F&auml;higkeiten wird sich im Leben fr&uuml;her oder sp&auml;ter entfalten. Es gibt ausserordentlich kluge und erfolgreichen Gesch&auml;ftsleute und Handwerker, Bauern und Bankiers, Diplomaten und Rechtsanw&auml;lte, K&ouml;che und Sammler von Alteisenwaren, &Auml;rzte und Krankenschwestern, die als Sch&uuml;ler mittelm&auml;ssig beurteilt worden sind. Wie relativ ist zudem, ob man ein Zeugnis mit Noten oder eines mit Worten erh&auml;lt. (&Uuml;berlassen wir diese Entscheidung den P&auml;dagogen und schieben wir die Verantwortung nicht auf die Politiker ab.)<br /> <br />Freilich, es gibt nur einen Friedrich Schiller und nur einen Albert Einstein. Aber um diese Fixsterne gruppieren sich viele begabte Menschen, die in sich die Kraft sp&uuml;ren, etwas aus ihrem Leben zu machen. Wie schrieb doch Schiller in einem Brief am 3. Mai 1783 &laquo;Da siz ich, spitze Federn, und k&auml;ue Gedanken.&raquo;]]></content:encoded></item><item><title>Schweizer und Ausl&#x26;auml;nder</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2010-01-14T15:23:26+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/8f026ef1220343c50e8e0871516f88a0-47.html#unique-entry-id-47</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/8f026ef1220343c50e8e0871516f88a0-47.html#unique-entry-id-47</guid><content:encoded><![CDATA[Chefredaktor Thomas Bornhauser schreibt in seinem Leitartikel zum Jahresr&uuml;ckblick in der nachweihn&auml;chtlichen Montagsausgabe dieser Zeitung, die Abstimmung &uuml;ber die Minarett-Intiative habe es m&ouml;glich gemacht, dass doch noch grunds&auml;tzliche Fragen &uuml;ber das Selbstverst&auml;ndnis unseres Landes auf den Tisch  gekommen seien. So sei die Schweiz nicht mehr einzig unter dem Bann der Wirtschaftskrise, der Steuerflucht und der Banken gestanden. Die aktuelle Diskussion in verschiedenen Bl&auml;ttern im In- und Ausland fand zum Teil auf hohem Niveau statt. Auch im Leserbriefforum der &laquo;NLZ&raquo; wurde heftig debattiert. Das ist gut so. Als Kolumnist, der hier seine freie Meinung &auml;ussert, die mit derjenigen der Redaktion nicht &uuml;bereinstimmen muss, erlaube ich mir, zwei, drei Dinge dazu zu sagen. Eine Kolumne sollte ja Biss haben und einen Stachel im Fleisch derjenigen sein, die die Meinung nicht teilen.<br /> <br />In etlichen Leserbriefen wurden die Gegner der Minarett-Initiative, als &laquo;weltfremde Elite&raquo; und einmal sogar als &laquo;bel&auml;mmerte Gebildete&raquo; abqualifiziert. Ich muss mich wohl auch zu ihnen z&auml;hlen. Solche Charakterisierungen h&uuml;ben und wie dr&uuml;ben tangieren freilich nicht allein das Selbstverst&auml;ndnis des Landes, sondern sie reissen Gr&auml;ben auf. Da setzt sich eine Tendenz fort, die wir in den letzten Jahren immer wieder erkennen konnten. Es entstehen Gr&auml;ben zwischen dem Volk und der &laquo;Classe politique&raquo;, zwischen Ausl&auml;ndern und Schweizern, zwischen deutschen Professoren an der ETH, an den Universit&auml;ten und dem einheimischen akademischem Nachwuchs, zwischen Eltern und Lehrern, zwischen unserem Land und der EU. Die Liste ist nicht vollst&auml;ndig.<br /> <br />Toni Brunner bemerkte nach der Abstimmung Ende November: &laquo;Wir und das Volk m&uuml;ssen im Land zum Rechten sehen&raquo;. Zum Volk z&auml;hlte er jene Menschen, die der Initiative zugestimmt haben. Ich geh&ouml;rte nicht dazu. Mein Selbstverst&auml;ndnis als Schweizer wurde dadurch aber nicht ber&uuml;hrt. Ich erwidere mit Peter von Matt: &laquo;Ich lasse mir mein Land von den selbsternannten Schweiz-Besitzern nicht wegnehmen.&raquo; Ich bleibe ein freier Schweizer, und f&uuml;hle mich alles andere als weltfremd.<br /><br />Zwei Themen besch&auml;ftigen mich nach der Minarett-Abstimmung. Nein, nicht, was die Leserin oder der Leser vielleicht vermuten. F&uuml;r mich hat das Volk gesprochen. Ich brauche am Resultat nicht herumzun&ouml;rgeln. Mich besch&auml;ftigt vielmehr die Frage, wer mitverantwortlich f&uuml;r das herrschende Unbehagen im Lande ist und wer mithilft, es zu &uuml;berwinden. Wer hat die Situation der &laquo;&Uuml;berfremdung&raquo; verursacht, die von vielen im Zusammenhang mit der Initiative beklagt wurde? Meine Antwort lautet: Zu den Verursachern geh&ouml;rt massgeblich die Partei, die heute daraus den gr&ouml;ssten Nutzen zu ziehen versucht. Sie hat in den letzten zwanzig Jahren als Wirtschaftspartei f&uuml;r Steuersenkungen und f&uuml;r starkes Wachstum gek&auml;mpft. Die Folgen dieser Forderungen sind bekannt. Reiche Ausl&auml;nder kommen gerne in ein steuerg&uuml;nstiges Land, wo das Bankgeheimnis als Heilige Kuh geh&uuml;tet wird. Wachstum wiederum ruft nach neuen Arbeitskr&auml;ften. Als vor Jahrzehnten in Zug der vision&auml;re Stadtrat Rolf Kugler ein Nullwachstum postulierte, wurde er bei den Wahlen nicht mehr best&auml;tigt. In den n&auml;chsten Jahren kommen eher wieder geburtenschwache Jahrg&auml;nge aus der Schule, somit braucht unser Land vermehrt willige Ausl&auml;nder.<br /> <br />Es ist f&uuml;r eine Volkspartei einfacher, gegen Fremde vorzugehen, als jenes bescheidene Wachstum zu fordern, das keine oder nur wenige fremde Arbeitskr&auml;fte verlangt. Wer Wachstum will, muss auch Nebenerscheinungen in Kauf nehmen. Jeder Fortschritt, jedes Wachstum bringt Nachteile mit sich. Das Verlangen nach Fortschritt und Wachstum war ein dauerndes Thema der Wirtschaftsparteien, und so wuchsen eben auch die Schatten.<br /> <br />Die Minarett-Intiative hat Probleme deutlich gemacht, die unsere Bev&ouml;lkerung stark besch&auml;ftigen. Die Politik kann nicht einfach wegschauen und so tun, als ob alles beim Alten geblieben sei. Die Parteienvertreter im Bundesparlament und in den Kantonen sollten sich zusammenraufen, um brauchbare L&ouml;sungen zu finden. Doch was tut die Schweizerische Volkspartei? Nach dem Abstimmungssieg hat sie rasch die Kampfzone ausgeweitet. Dabei erinnere ich mich an ein St&uuml;ck w&auml;hrend der Saison 2000/01 im Luzerner Theater. Damals wurde &laquo;Ausweitung der Kampfzone&raquo; aufgef&uuml;hrt. Die Inszenierung beruhte auf dem gleichnamigen Roman des franz&ouml;sischen Schriftstellers Michel Houellebecq. Das St&uuml;ck hatte mich damals tief beeindruckt und betroffen gemacht, ja, es ging mir so nah, dass ich es nicht vergessen kann. In K&auml;sten, K&auml;figen gleich, k&auml;mpften M&auml;nner gegeneinander.<br /> <br />So k&auml;mpft die SVP nun gegen den angeblichen &laquo;Filz der deutschen Professoren&raquo; in Z&uuml;rich, gegen ausl&auml;ndisches Personal in den Spit&auml;lern und gegen die Grenzg&auml;nger. Sie will das Freiz&uuml;gigkeitsabkommen mit der EU k&uuml;ndigen und attackiert die ihnen nicht genehmen Magistraten. Damit wird eine raffinierte Taktik verfolgt. Das Anpacken der Probleme wird den andern Parteien &uuml;berlassen, im Wissen, dass sie kaum gel&ouml;st werden k&ouml;nnen. Statt einen konstruktiven Dialog zu beginnen, fasst die Partei sofort das n&auml;chste wahlpolitische Ziel ins Auge und h&auml;lt die radikalisierte Basis bei Laune. Der politische Gegner wird in die Defensive gedr&auml;ngt und verunglimpft. Die Missst&auml;nde aber bleiben bestehen. Die SVP bewirtschaftet sie und schadet damit dem Ansehen unseres Landes. Das Selbstverst&auml;ndnis der Schweiz best&auml;nde aber doch darin, die Zukunft gemeinsam, Hand in Hand, zusammen mit allen Kr&auml;ften, zu gestalten, und dann erst den Deutschen Friedrich Schiller, das R&uuml;tli und den Tell zu zitieren.]]></content:encoded></item><item><title>Wir sehen uns</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-12-31T19:21:08+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/c85ed776e80b044145364e9933ddb27a-46.html#unique-entry-id-46</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/c85ed776e80b044145364e9933ddb27a-46.html#unique-entry-id-46</guid><content:encoded><![CDATA[Immer zu Wochenbeginn l&auml;dt die Moderatorin zur Sendung &laquo;Kulturplatz&raquo; des Schweizer Fernsehens ein und schliesst ihre Ansage mit dem Satz &laquo;Wir sehen uns&raquo;.  Wie dies allerdings ablaufen soll, ist schleierhaft. Sind wir denn alle geladene G&auml;ste? Wir Fernsehzuschauer sehen die Moderatorin, folgen der Sendung, schauen und h&ouml;ren zu, aber die Akteure in den einzelnen Beitr&auml;gen k&ouml;nnen uns gar nicht sehen, sie beobachten h&ouml;chstens sich selber oder die Leute im Hintergrund von der Technik. Die Ansagerin dreht sich also mit dem &laquo;Pluralis majestatis&raquo; um sich selber. Ihr und den Auftretenden gelten sowohl das Wir als auch das Uns. Sie dort dr&uuml;ben auf der Mattscheibe sieht uns eben gerade nicht, und auch jene sehen uns nicht, die dann befragt oder portr&auml;tiert werden. Wir, als Zuschauer, bleiben anonym. Vielleicht lassen wir daf&uuml;r die Einschaltquote steigen.<br /> <br />Jedes Mal, wenn ich diesen Satz &laquo;Wir sehen uns&raquo; h&ouml;re, &uuml;berlege ich mir, was er wohl aussagen will. Nein, ich unterziehe ihn nicht einer tiefenpsychologischen Analyse. Noch viel weniger m&ouml;chte ich psycho-edukativ wirken. Das w&uuml;rde nichts bringen, denn solche und &auml;hnliche S&auml;tze werden oft allzu leicht dahergesagt. Dennoch scheint es mir einleuchtend und logisch, dass es der Sprache gelingt, eine Wirklichkeit zu schaffen, die keinen Bezug zur Realit&auml;t hat. Entspricht die Sprachwahl der Erlebnislage, k&ouml;nnte freilich hinter der Ansage doch mehr stecken, als ich meine.<br /> <br />Dass sich die Sprache selber zum Problem werden kann, erahnt der Leser beim Aufschnappen von Titeln aus dem Boulevard oder beim &Uuml;berfliegen der Bl&auml;tter, die ihn nachzuahmen versuchen. Da rieselt gerade leise der erste Schnee, und schon rieselt f&uuml;r den Journalisten das grosse Geld, denn er verwendet das Verb &laquo;rieseln&raquo; im Zusammenhang mit dem Spielzeug, das in China f&uuml;r unser Weihnachtsfest billig produziert worden ist. Eigentlich eine sch&ouml;ne Assoziation und doch &laquo;klottert&raquo; das gute alte Rieseln in diesem Fall.<br /> <br />Vor Jahren las ich folgenden Satz auf einem Plakat: &laquo;Une Bi&egrave;re ist jamais eifers&uuml;chtig&raquo;. Ich gebe ja zu, dass die franz&ouml;sischen W&ouml;rter zwischen den deutschen viel charmanter wirken als modisch englische. Aber ich stutzte doch kurz, als ich den sprachlichen Mischmasch unterwegs entdeckt hatte. Wollte der Grafiker sagen: &laquo;Saufe ruhig dein Bier, darauf wird deine Frau nicht eifers&uuml;chtig!&raquo;? Aber schon war ich ihm in der Falle gegangen. Ich betrachtete das abgebildete Glas mit dem gelben Saft und dem weissen Schaum lange. Das Plakat an der n&auml;chsten S&auml;ule pries mir &laquo;Une Blonde&raquo; an. Im Bahnhofbufett h&auml;tte ich beinahe automatisch ein helles Bier bestellt. Im letzten Moment h&ouml;rte ich meinen Kopf sagen: &laquo;Lass dich nicht verf&uuml;hren!&raquo; So bestellte ich ein Fl&auml;schchen Rivella.<br /> <br />Werbefachleute haben den Auftrag, den Verstand mit Schlagworten zu unterwandern und Automatismen auszul&ouml;sen, die das Kaufverhalten der Konsumenten steuern. Je besser mir ein Produktenamen im Ged&auml;chtnis haftet, desto schneller habe ich das Erzeugnis bestellt. Muss ich mich im Restaurant rasch entscheiden, was ich trinken m&ouml;chte, f&auml;llt mir Coca Cola ein. Dabei habe ich doch lieber einen Sauren Most.<br /> <br />Die Propaganda ist darauf aus dem Menschen ein U f&uuml;r ein X vorzumachen. Prahlte nicht einmal ein Werbefachmann, mit einer Million mache er aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat. Der fr&uuml;here &ouml;sterreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky sp&ouml;ttelte einmal: &laquo;Es ist die gemeinsame Sprache, die uns &Ouml;sterreicher von den deutschen Nachbarn trennt.&raquo; Ob ein Deutscher oder ein &Ouml;sterreicher das Gleiche sagt, ist es nicht das Gleiche. Und erst, wenn ein Sonderfall-Schweizer redet. Ein Schweizer versteht unter dem Begriff &laquo;Bankgeheimnis&raquo; etwas ganz anderes als ein &Ouml;sterreicher. Vraniskys Aussage ist witzig und enth&auml;lt eine Prise Wahrheit aus der Schnupftabakdose.<br /> <br />Silvio Berlusconi trichtert seinen Landsleuten dank der eigenen Medien ein, wer ihn angreife und seine Skandalgeschichten ausschlachte, der beleidige das Volk. &laquo;Ich und das Volk m&uuml;ssen zum Rechten schauen&raquo;, betont er immer wieder. Falls man den Umfragewerten &uuml;berhaupt trauen darf, w&uuml;rden ihn noch immer &uuml;ber 60% der Stimmberechtigten w&auml;hlen. &laquo;Meno male, Silvio c&rsquo;&egrave;!&raquo; Nicht schlecht, dass es Silvio gibt! Das Schlagwort, von ihm selbst erfunden, suggeriert, dass Silvio Berlusconi f&uuml;r Italien besser ist als alle anderen Politiker!<br /> <br />Dass Wort und Wirklichkeit nicht deckungsgleich sind, ist gewiss. &laquo;Es ist die Funktion der Ironie, darauf hinzuweisen, dass ein Wort noch anderes meinen kann, als wof&uuml;r es im Moment verwendet wird, dass Sprache die Wirklichkeit nie abdeckt und nie mit ihr gleichgesetzt werden darf und sie dar&uuml;ber hinaus eine gr&ouml;ssere und reichere Potenz besitzt, als im Moment zur Sprache kommt. Damit weist Ironie auf Nicht-Ber&uuml;cksichtigstes hin, auf noch nicht erschlossenes Terrain und damit auf Zukunft.&raquo;* Hugo Loetscher zitiert Robert Musil: &laquo;Ironie ist: einen Klerikalen so darstellen, dass neben ihm ein Bolschewik getroffen ist.&raquo; Oder aktuell: Berlusconi, dass neben ihm auch ein Anderer gemeint sein k&ouml;nnte.<br /> <br />Wappnen wir uns zum Neuen Jahr also mit Ironie. Blicken wir nicht zuerst auf die &laquo;Wirklichkeit&raquo;, die uns so gern vermittelt wird, sondern auf unsere unmittelbare N&auml;he, auf das, was wir selber sehen, wahrnehmen und beurteilen k&ouml;nnen. Vielleicht werden wir uns dann nicht vom Sog der Missstimmung an fremde, unbekannte Ufer sp&uuml;len lassen. Es kommt im Leben des Einzelnen sowieso immer darauf an, wie er es mit den eigenen Verh&auml;ltnissen h&auml;lt. Darauf kann der Mensch einwirken, sie gestalten, ihnen den pers&ouml;nlichen Stempel aufdr&uuml;cken. Im kleinen Kreis sagen wir sehr wohl: &laquo;Wir sehen uns. Wir helfen uns. Wir vergn&uuml;gen uns. Wir lieben uns. Wir geben uns die Hand &hellip;&raquo; Unter Menschen, die sich sch&auml;tzen, redet man nicht ins Leere. Da gibt es ein wahres Gegen&uuml;ber.<br /> <br />*Hugo Loetscher: Vom Erz&auml;hlen erz&auml;hlen. Poetikvorlesungen. Diogenes 1999.]]></content:encoded></item><item><title>Fr&#x26;uuml;her oder sp&#x26;auml;ter fallen alle Mauern</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-12-07T18:55:17+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/62ef951978c33710fbaba3e3cdee7bca-45.html#unique-entry-id-45</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/62ef951978c33710fbaba3e3cdee7bca-45.html#unique-entry-id-45</guid><content:encoded><![CDATA[St&auml;ndig werden grosse und kleine Mauern aufgerichtet, auch wenn sie eines Tages wieder fallen werden. Der amerikanische Pr&auml;sident Barak Obama besuchte k&uuml;rzlich w&auml;hrend seiner Asienreise die Chinesische Mauer und war beeindruckt. Wahrscheinlich imponierte sie besonders, weil sie ihre Funktion verloren hat. Die Stadtmauer von Zug ist l&auml;ngst abgetragen, und wenn auf der Zuger Burg heute noch die Mauerkrone beeindruckt, dann bloss noch als Dekoration. Solche Mauern wurden eines Tages zum &auml;sthetischen Beiwerk oder erinnernden Mahnmal.<br /> <br />Die Berliner Mauer war 155 Kilometer lang. Als ich 1965 mit meiner Familie ein Jahr lang in Berlin weilte, da stand sie bereits seit vier Jahren. Beim Checkpoint Charlie, dem &Uuml;bergang nach Ostberlin, stieg ich einmal die Treppe zur schmalen Holzbr&uuml;cke hoch und blickte auf den Todesstreifen, wo DDR-Soldaten patrouillierten, die Kalaschnikow im Anschlag. Heute steht an der gleichen Stelle das exakt nachgebaute Grenzkontrollh&auml;uschen. Es ist so mickrig, wirkt fast l&auml;cherlich, w&auml;re es nicht das Mahnmal f&uuml;r eine traurige Trennung. Entlang der Mauer standen 302 Wachtt&uuml;rme. F&uuml;nf stehen noch. Sie sollen daran erinnern, dass von diesen T&uuml;rmen auf Menschen geschossen wurde.<br /> <br />Allein im Monat vor dem Mauerbau, im August 1961, haben &uuml;ber 30'000 Menschen Ostdeutschland verlassen. Insgesamt waren es drei Millionen DDR-B&uuml;rger, die weggingen, bevor es die Mauer unm&ouml;glich machte. Den st&auml;ndigen Exodus konnte nur ein solches Bauwerk verhindern.<br /> <br />Als ich vor ein paar Tagen wieder in Berlin weilte, entdeckte ich nur noch einige wenige Mauerreste, ein paar mit Graffiti beschmierte Relikte der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West. Das gigantische Bauwerk um Berlin wurde nahezu vollst&auml;ndig abgerissen. Das breite Trasse wurde teilweise zur Brachfl&auml;che, zu einem Freiraum, da und dort idyllisch mit Str&auml;uchern, ja mit Sonnenblumen bewachsen. Doch was sich da alles tummelt und eingenistet hat!<br /> <br />Da gibt es Stadtplaner, Lokalpolitiker, Immobilienspekulanten, die daran sind, die Mauergrundst&uuml;cke zu &laquo;erobern&raquo;. Aussteiger, Umweltsch&uuml;tzer, Denkmalpfleger, Kleinunternehmer, K&uuml;nstler und andere mehr w&uuml;nschen sich einzig, dass sie nicht weichen m&uuml;ssen. Es gibt einen grossen Mauerpark mit Liegewiesen, Kinderspielpl&auml;tzen und einem Streichelzoo. Entsprechend bunt, beinahe paradiesisch wirkt der ehemalige Todesstreifen. Das Buntscheckige &uuml;berw&auml;chst und  verdr&auml;ngt mit der Zeit das Trennende, Ablehnende, ja, Schreckliche und T&ouml;dliche.<br /> <br />In der N&auml;he des Brandenburgertors liegt das Stelenfeld zur Erinnerung an den Holocaust. Die zum Teil gigantischen grauen Betonbl&ouml;cke dr&uuml;cken schwer auf das Gem&uuml;t, sobald man zwischen ihnen durchgeht und in den offenen G&auml;ngen untertaucht. Die seelenlosen Stelen sind gesichtslos, aber im Museum nebenan bekommen die ermordeten  Menschen ein Gesicht. Der Zufall wollte es, dass gerade eine  Demonstration f&uuml;r die Opfer des Iranischen Regimes stattfand, als ich beim Brandenburger Tor stand. Noch immer werden &uuml;berall auf der Erde Mauern errichtet, und Menschen mit einer abweichenden Meinung werden verfolgt und eingelocht.<br /> <br />Im aktuellen Abstimmungskampf dokumentieren schwarze Raketen, Minaretten &auml;hnlich, dass Mauern stets und &uuml;berall zwischen den Menschen und Volksgruppen aufgezogen werden k&ouml;nnen. Das Andere, das Fremde erweckt diffuse &Auml;ngste. Die Freiheit, auch die Religionsfreiheit, ist f&uuml;r viele unertr&auml;glich. Und ein souver&auml;nes, freies Volk ertr&auml;gt nicht einmal die Tatsache, dass andere Gruppierungen jene Freiheit auch f&uuml;r sich selbst beanspruchen.<br /> <br />In der N&auml;he von Brescia in Italien ermunterte j&uuml;ngst ein B&uuml;rgermeister die Einwohner, Weihnacht nur unter sich zu feiern, die unerw&uuml;nschten Ausl&auml;nder h&auml;tten nichts zu suchen. Ein anderer Sindaco in der gleichen Region forderte seine Mitbewohner auf, illegal Eingewanderte zu denunzieren. Orthodoxe Bisch&ouml;fe verlangten k&uuml;rzlich von ihrem Patriarchen, alle &ouml;kumenischen Bestrebungen aufzugeben, denn die Juden wie die Mohammedaner w&uuml;rden nicht an den einen wahren, dreifaltigen Gott glauben. Es sei nur m&ouml;glich, mit Menschen im Dialog zu sein, die den wahren Gott verehren w&uuml;rden.<br /> <br />Die Wahrheit, die man <em>f&uuml;r sich allein</em> beansprucht, bildet stets den Grundstein f&uuml;r eine Mauer. Auch wenn wir wissen, dass die Wahrheit nur eine interpretierbare ist, werden immer wieder &laquo;Wahrheitsmauern&raquo; aufgezogen. Es gibt aber keinen Zugang zur Welt, Wirklichkeit und zur Wahrheit, der nicht von der Interpretation abh&auml;ngt. Vermauerte Welten sind Symbole daf&uuml;r, dass man die eigene Ansicht nicht in Frage stellt. Die Geschichte lehrt uns immer wieder, dass fr&uuml;her oder sp&auml;ter alle Mauern fallen. Die Christen im alten Rom krochen eines Tages auch aus den Katakomben ans Tageslicht.<br /> <br />An unserem Familientisch gab es ebenfalls Mauern. Vater schimpfte und fluchte &uuml;ber die Protestanten und die verdammten Juden, die damals als Fl&uuml;chtlinge ins &Auml;gerital gekommen waren. Er betitelte sie mit Worten, die ich hier nicht wiedergeben will. Mutter wehrte Vaters Tirade jedes Mal ab. Sie hatte vor der Heirat in Basel und in Zug bei protestantischen Familien gedient. Zog Vater wieder vom Leder, rief sie vom Kochherd, wo sie oft hantierte, <em>gute</em> Protestanten seien ihr tausendmal lieber als <em>schlechte</em> Katholiken. Solche tr&auml;fen Worte liessen Vater jeweils verstummen. Mich selber hat Mutters Erfahrung beeindruckt und gepr&auml;gt. Ihre Anschauung wurde zu einem meiner Leitspr&uuml;che. Wenn ich in diesen Tagen die uns&auml;glichen Leserbriefe &uuml;ber die Minarett-Initiative lese und dabei &uuml;berlege, wie gewisse zugemauerte K&ouml;pfe argumentieren, erinnere ich mich wieder an den Leitspruch meiner Mutter und ersetze in Gedanken Protestanten mit &hellip; Sie wissen schon &hellip;]]></content:encoded></item><item><title>Goethe und die Rigi - ein Interview</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-11-14T09:09:02+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/8effdfc68c30b0e3233b2914f273e4ee-44.html#unique-entry-id-44</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/8effdfc68c30b0e3233b2914f273e4ee-44.html#unique-entry-id-44</guid><content:encoded><![CDATA[Schon immer habe ich mich f&uuml;r die Schweizer Reisen von Johann Wolfgang von Goethe interessiert. W&auml;hrend der ersten (1775) bestiegen der jungen Dichter und seine Freunde die Rigi. Mir fiel aber auf, dass er in der Autobiographie &laquo;Dichtung und Wahrheit&raquo; ganz anders dar&uuml;ber berichtet als in seinen Reisenotizen. Hatte er denn zwei verschiedene Rigis bestiegen? Ich wollte es genau wissen und vereinbarte mit dem grossen Meister ein Interview. Ein Datum zu finden, wurde sehr kompliziert. Die zweite Reise (1780) f&uuml;hrte ihn &uuml;brigens durchs das Wallis ins Berner Oberland, wo er das Gedicht &laquo;Gesang der Geister &uuml;ber den Wassern&raquo; schrieb. Die dritte Reise (1797) ging wieder in die Innerschweiz. Goethe besch&auml;ftigte sich mit der Tellsage, machte sich Gedanken zu einem Tell-Epos, doch trat er den Stoff sp&auml;ter seinem Freund Friedrich Schiller ab.<br /> <br /><strong>Kalender:</strong> Sie haben &laquo;Dichtung und Wahrheit&raquo; 1812 verfasst. Zwischen der ersten Reise in die Schweiz und Ihrer Autobiographie liegen also fast vierzig Jahre. Wird da die Wirklichkeit nicht verzerrt?<br /><strong>Goethe:</strong> Ich legte meiner Autobiographie Notizen zugrunde, die ich 1775 sehr lapidar gehalten habe. Sie aber dienten einzig als St&uuml;tze f&uuml;r mein Ged&auml;chtnis und meine Phantasie.<br /><strong>Kalender:</strong> Darf ich Ihnen an zwei Beispielen erl&auml;utern, wie ich den Unterschied empfunden habe. Auf dem Z&uuml;richsee schrieben Sie ein erfrischendes Gedicht. Es beginnt mit &laquo;Ich saug&rsquo; an meiner Nabelschnur, / nun Nahrung aus der Welt &hellip;&raquo;  Nun heisst es aber: &laquo;Und frische Nahrung, neues Blut, / saug ich aus freier Welt &hellip;&raquo; Mit dem Bild der Nabelschnur konnten Sie Ihre damalige Naturschw&auml;rmerei doch viel sch&ouml;ner ausdr&uuml;cken.<br /><strong>Goethe: </strong>(lacht) Ich steckte damals in der Sturm-und-Drang-Zeit, hatte gerade mit meinem &laquo;Werther&raquo; Aufsehen erregt. Heute nennen Sie ein solches Buch einen Bestseller, nicht? Ich war &uuml;berm&uuml;tig und meine Freunde waren tolle Kerle. Sp&auml;ter habe ich das Gedicht gez&auml;hmt, ich gebe es zu. Und das zweite Beispiel?<br /><strong>Kalender:</strong> Als Sie sp&auml;tabends &uuml;ber die Hackenegg nach Schwyz gekommen sind, schreiben Sie ins Tagebuch: &laquo;M&uuml;d und munter vom Berg abspringen voll Dursts u. Lachen. Gejauchzt bis zw&ouml;lf.&raquo;<br /><strong>Goethe:</strong> Ja und?<br /><strong>Kalender:</strong> In &laquo;Dichtung und Wahrheit&raquo; haben Sie den &Uuml;bermut der jungen Gesellschaft brav in Watte gepackt.<br /><strong>Goethe:</strong>  (vorwurfsvoll)Ich erinnere mich sehr gut daran. Wir trafen damals um zehn Uhr in Schwyz ein. Ich erlaubte mir das Erlebte im Duktus meiner Autobiographie zu schreiben. H&ouml;ren Sie. (Goethe schl&auml;gt seine Autobiographie auf) &laquo;Wir waren  zugleich m&uuml;de und munter geworden, hinf&auml;llig und aufgeregt, wir l&ouml;schten g&auml;hling unseren heftigen Durst und f&uuml;hlten uns noch mehr begeistert. Man denke sich einen jungen Mann, der etwa vor zwei Jahren den &lsaquo;Werther&rsaquo; schrieb, einen j&uuml;ngeren Freund, der sich schon an dem Manuskript jenes wunderbaren Werks entz&uuml;ndet hatte, beide ohne Wissen und Wollen gewissermassen in einen Naturzustand versetzt, lebhaft gedenkend vor&uuml;bergegangener Leidenschaften, nachh&auml;ngend den gegenw&auml;rtigen, &hellip; im Gef&uuml;hl behaglicher Kraft das Reich der Phantasie durchschwelgend, - dann n&auml;hert man sich der Vorstellung jenes Zustandes, den ich nicht zu schildern w&uuml;sste, st&uuml;nde nicht im Tagebuche: &lsaquo;Lachen und Jauchzen dauerte bis um Mitternacht&rsaquo;.&raquo;<br /><strong>Kalender: </strong>Ja, ja, ich gebe zu, dass auf die Zeit von Sturm und Drang ein heiterer Altersglanz f&auml;llt, aus der Distanz betrachtet. Sie haben auch die Stelle gegl&auml;ttet, die an der Sihl spielt, als Sie mit Ihren Freunden nackt gebadet und mit Steinen beworfen worden sind.<br /><strong>Goethe:</strong> Es waren laute Burschen. Dass ich dieses Ereignis dem Ton meines Schreibens angepasst habe, d&uuml;rfen Sie mir nicht verargen. (Goethe liest aus dem 19. Buch von &laquo;Dichtung und Wahrheit&raquo;): &laquo;Die guten harmlosen J&uuml;nglinge, welche gar nichts Anst&ouml;ssiges fanden, halb nackt wie ein poetischer Sch&auml;fer, oder ganz nackt wie eine heidnische Gottheit sich zu sehen, wurden von Freunden erinnert, dergleichen zu unterlassen. Man machte ihnen begreiflich: sie wesenten nicht in der uranf&auml;nglichen Natur, sondern in einem Land, das f&uuml;r gut und n&uuml;tzlich erachtet habe, an &auml;lteren, aus der Mittelzeit sich herschreibenden Einrichtungen und Sitten zu halten.&raquo; So belehrte man uns sp&auml;ter in Z&uuml;rich.<br /><strong>Kalender:</strong> Nun m&ouml;chte ich Sie, verehrter Meister, auf die Rigi begleiten. Von Schwyz ging es dann zum Lauerzersee?<br /><strong>Goethe:</strong> Wir liessen uns von zwei t&uuml;chtigen M&auml;dchen &uuml;ber den See schiffen. Welch ein Idyll! Solche Sch&auml;ferszenen haben mich immer begl&uuml;ckt. Es herrschte &uuml;brigens herrlicher Sonnenschein und vor lauter Wonne sah man von der Landschaft  kaum etwas.<br /><strong>Kalender:</strong> Nur&hellip;<br /><strong>Goethe:</strong> Ja, nur die Dirnen!<br /><strong>Kalender:</strong> Dann bestiegen Sie die Rigi und kamen um halb acht im Wirtshaus zum &laquo;Ochsen&raquo; auf  dem Kl&ouml;sterli an. Am andern Tag ging es weiter nach Kaltbad &hellip;<br /><strong>Goethe:</strong> (unterbricht den Kalendermann) Wir erstiegen die H&ouml;he und fanden uns in Wolken. Das war unangenehm. Es behinderte die Aussicht und ein niedergehender Nebel n&auml;sste. Aber als Wolken hie und da auseinander gerissen wurden und sich uns, von wallendem Rahmen umgeben, eine herrliche, Sonnen beschienene Welt auftat und wechselnde Bilder sehen liessen, bedauerten wir nicht mehr die Zuf&auml;lligkeiten; denn es war ein nie gesehener, nie wieder zu schauender Anblick, und wir verharrten lange in dieser gewissermassen unbequemen Lage, um durch die Ritzen und Kl&uuml;fte der immer bewegten Wolkenballen einen kleinen Zipfel besonnter Erde, einen schmalen Uferzug und einen Winkel des See zu gewinnen.<br /><strong>Kalender:</strong> Das beschreiben Sie wunderbar. Man sieht die Landschaft mit Ihren Augen.<br /><strong>Goethe:</strong> (schmunzelt) Ich gebe zu, bei dieser Stelle fliessen Bilder ein, die ich auch anderswo gesehen habe. F&uuml;r mich ist die Landschaft um den vier Waldst&auml;ttersee ein Arkadien. Eine solche ungeheure Landschaft n&ouml;tigt den Beschauer, sie mit Personen zu bev&ouml;lkern, mit Tell und seinen wackeren Zeitgenossen.<br /><strong>Kalender:</strong> F&uuml;r Sie war die herbe Landschaft wie eine Kulisse f&uuml;r G&ouml;ttinnen und G&ouml;tter. Ahnten Sie dabei, wie hart die Bauern und Schiffer um ihre Existenz zu k&auml;mpfen hatten?<br /><strong>Goethe:</strong> Wir waren jung und lebenslustig. Wir k&uuml;mmerten uns nicht um die Not der Menschen. Unsere Einbildungskraft besiedelte die Landschaft mit Helden, Hirten und Sch&auml;ferinnen. Wir assen gebackenen Fisch und Eier und tranken Wein. Und dann, h&ouml;ren Sie, was ich geschrieben habe: &laquo;Wie es denn nun d&auml;mmerte und allm&auml;hlich nachtete, besch&auml;ftigten ahnungsvoll zusammenstimmende T&ouml;ne unser Ohr; das Glockengebimmel der Kapelle, das Pl&auml;tschern des Brunnens, das S&auml;useln wechselnder L&uuml;ftchen, in der Ferne die Waldh&ouml;rner; &ndash; es waren wohlt&auml;tige, beruhigende, einlullende Momente.&raquo;<br /><strong>Kalender:</strong> Szenen dieser Art vermischten sich mit Ihrem Bild der Schweiz?<br /><strong>Goethe:</strong> Nicht nur solche, auch  steil in den See abst&uuml;rzende Felsw&auml;nde imponierten mir m&auml;chtig. Die Berge standen unersch&uuml;tterlich da, und ich stellte sie mir als Kulisse eines Theaters vor: Gl&uuml;ck und Ungl&uuml;ck, Lust und Trauer sind bloss Personen zugedacht, die heute auf dem Zettel stehen.<br /><strong>Kalender:</strong> Sie spielen auf das Personenregister von Schillers &laquo;Wilhelm Tell&raquo; an?<br /><strong>Goethe:</strong> Sie haben es erraten und ich erlaubte mir zu schreiben, dass man an diesem poetischen Faden billig durch das Labyrinth der Felsw&auml;nde geht. Mein Freund Friedrich Schiller hat die Kulisse grossartig in seinem Tell verwendet.<br /><strong>Kalender:</strong> Sie besuchten dann Vitznau und liessen sich mit einem Nauen nach Gersau fahren, wo sie in einem Wirthaus am See assen. Ich nehme an, Sie kosteten frischen Fisch?<br /><strong>Goethe:</strong> Im klaren  See wimmelte es von Fischen, und wir begegneten einigen Fischern, die draussen standen und die Netze einzogen.<br /><strong>Kalender:</strong> Haben Sie gewusst, dass die Rigi in den B&uuml;chern der Kl&ouml;ster mit &laquo;regina montium&raquo; eingetragen ist.<br /><strong>Goethe:</strong> Ja, die K&ouml;nigin der Berge! Ich habe sie sp&auml;ter von Luzern aus gesehen. Sie liegt aber eher wie eine Sphinx, m&auml;chtig und friedlich und bietet den Alpen zugleich eine sanfte, fast weich gefaltete Abgrenzung.<br /><strong>Kalender:</strong> Eine letzte Frage: &laquo;Dichtung und Wahrheit&raquo; kommt heiter und getragen daher. Ihre wilde Jugendzeit wirkt gegl&auml;ttet. W&uuml;rden Sie sagen, der Stil passt zum Olympier, der sein Leben &hellip;<br /><strong>Goethe:</strong> (unterbricht unwirsch) Was soll daran falsch sein? Ich habe meine vielen Eindr&uuml;cke w&auml;hrend meiner Reisen in der Autobiographie wie  zusammengeschaut. Der Inhalt von &laquo;Dichtung und Wahrheit&raquo; soll nicht mit meiner k&uuml;hnen Jugendprosa vermischt werden. Dass mich die Landschaft der Urschweiz fasziniert hat, hat mein Leser immer gesp&uuml;rt. Die Bilder, die mich in der Sch&ouml;llenen beeindruckten, flossen sogar in mein ber&uuml;hmtestes Werk ein. Im &laquo;Faust&raquo;, II. Teil heisst es: &laquo;Ein Wunder ist&rsquo;s, der Satan kommt zu Ehren./ Mein Wanderer hinkt an seiner Glaubenskr&uuml;cke, / Zum Teufelsstein, zur Teufelsbr&uuml;cke.&raquo;<br /><strong>Kalender:</strong> Ja, und die Urner &uuml;berlisteten den Teufel mit einem Ziegenbock!<br />(Herr von Goethe und der Kalendermann lachen, genauso wie der junge Dichter und seine Freunde, &uuml;ber die Hackenegg kommend, in Schwyz gelacht haben m&ouml;gen.)<br /><strong>Kalender:</strong> Darf ich Sie zum Schluss noch etwas fragen? Haben Sie schon eines meiner Werke gelesen?<br /><strong>Goethe:</strong> Nun ja, Sie haben halt keinen &laquo;Werther&raquo; und  keinen &laquo;Faust&raquo; geschrieben.<br /><strong>Kalender:</strong> Ich bedanke mich h&ouml;flich, dass Sie mir Ihre wertvolle Zeit geschenkt haben.]]></content:encoded></item><item><title>Das Lob der Torheit</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-11-07T19:38:05+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/02d4b4a6ee08208e1e2c43a0dbce62ea-43.html#unique-entry-id-43</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/02d4b4a6ee08208e1e2c43a0dbce62ea-43.html#unique-entry-id-43</guid><content:encoded><![CDATA[Erasmus von Rotterdam setzt die Torheit in seinem Werk, das im Sommer 1509 entstanden ist, als h&ouml;chste G&ouml;ttin &uuml;ber alle Menschen, ja, selbst &uuml;ber die  G&ouml;tter Griechenlands, und wer m&ouml;chte ihm da  widersprechen? War G&ouml;ttervater Jupiter nicht von der Torheit beseelt, als er sich in einen Stier verwandelte und die sch&ouml;ne Europa entf&uuml;hrte, sich beim sp&auml;teren Stelldichein als strahlenden Gott offenbarte? W&auml;hrend des Sch&auml;ferst&uuml;ndchens belauschte ihn allerdings seine eifers&uuml;chtige Gattin Hera. Ist die Eifersucht etwa kein Werk der Torheit? Die Torheit regiert selbst K&ouml;nige und P&auml;pste, W&uuml;rdentr&auml;ger aller Schattierungen, Spitzenfunktion&auml;re und einfache Menschen, M&auml;nner und Frauen, kurz, Reiche und Arme, Gescheite und Dumme. Sie verschont nur den, der sich seiner Grenzen bewusst ist.<br /> <br />Als Bundespr&auml;sident Hansrudolf Merz nach Libyen reiste, hatte die Torheit wohl auch die H&auml;nde im Spiel. Leider ist er mit Eselsohren zur&uuml;ckgekommen. Dennoch gab die Torheit nicht auf. Sie war hinter den Medien und Politikern her und suggerierte ihnen, sie sollten doch nun den R&uuml;cktritt des Finanzministers fordern. Und als sie realisierte, wie unverh&auml;ltnism&auml;ssig diese Forderung war, lachte sie nur. Die Medienleute und Politiker haben vergessen, was Martin Luther einmal gesagt hat: &laquo;Selten wird ein gutes Werk aus Weisheit und Vorsichtigkeit unternommen, es muss alles in Unwissenheit geschehen.&raquo; Unwissenheit verzeihen die Wissenden nicht. Die Torheit allerdings gesellt sich den Wissenden erst zur Seite, wenn eine Dummheit schon geschehen ist, und man hinterher alles besser weiss. Die Torheit ist die Patin der Besserwisser und der Rechthaber.  <br /> <br />Die Torheit lacht gerne &uuml;ber andere, und die T&ouml;richten setzen laut ein. Als der fr&uuml;here  Botschafter Thomas Borer anl&auml;sslich der Veranstaltung &laquo;Schaffhauser Wirtschaftsimpulse&raquo; meinte, die Schweiz sei f&uuml;hrungsschwach, sie ben&ouml;tige einen Bundespr&auml;sidenten, der f&uuml;r vier Jahr gew&auml;hlt sei, widersprach ihm der &laquo;abgew&auml;hlte Bundesrat&raquo; Christoph Blocher. L&auml;nder mit einem Pr&auml;sidialsystem seien nicht erfolgreicher, gab er zu bedenken, und dann w&ouml;rtlich: &laquo;Stellen Sie sich vor, wenn wir Merz vier Jahre h&auml;tten.&raquo; Die NZZ (19./20. September) meinte, dies sei nicht die feine Art gewesen, den ehemaligen Kollegen anzugreifen. Dass sich Christoph Blocher sp&auml;ter daf&uuml;r entschuldigte und behauptete, er habe nicht Bundespr&auml;sident Merz angreifen wollen, beweist doch, wie elegant die Torheit stets eine Ausrede findet. Solch saloppe Spr&uuml;che lassen sich mit einem anderen Ereignis von Mitte September vergleichen, als der an sich besonnene Schiedsrichter Massimo Busacca anl&auml;sslich des Cupspiels Baden gegen YB den Berner Fans den gestreckten Mittelfinger zeigte. Auch da hatte die Torheit die H&auml;nde im Spiel. Hinterher bereut der Mensch immer, weil er das Narrenschiff bestiegen hat.<br /> <br />Menschen, die wissen, dass die Torheit die h&ouml;chste Instanz im Leben der Menschen ist, &uuml;ben sich in Bescheidenheit und Selbstironie. Sie orientieren sich an Beispielen. Ein hervorragendes gibt Franz von Assisi, der seinen st&ouml;rrischen Leib als &laquo;Bruder Esel&raquo; bezeichnete und der ihn oft von seinen frommen Absichten abbringen wollte. Der &laquo;fratello asino&raquo; mit seiner Triebhaftigkeit und Schw&auml;che ist unbestritten das beste Einfallstor f&uuml;r Erasmus&rsquo; hoch gelobte G&ouml;ttin. Das musste auch der amerikanische Pr&auml;sident Bill Clinton seinerzeit erfahren, als er zusammen mit Monika Lewinsky seine ber&uuml;hmt gewordene Zigarre rauchte.<br /> <br />Wer sich also den Spass leistet, die herrliche Satire des Erasmus&rsquo;, in der hervorragenden &Uuml;bersetzung von Kurt Steinmann, zu lesen, kann nicht mehr durch die Zeitungslandschaften wandern, ohne zu staunen, was die Torheit denn alles anstellt. Was schon nur in den Klatschspalten steht! Das Leben aber ist deshalb so erfinderisch, weil die G&ouml;ttin Torheit das Szepter f&uuml;hrt. Kein Journalist kann so kreativ wie das echte Leben sein, aber er weiss, dass sich Leserinnen und Lesern gerne an Narreteien delektieren.<br /> <br />Es gilt als ausgemacht, sagt Erasmus, dass alle Leidenschaften einen Bezug zur Torheit haben. Das gilt sowohl f&uuml;r die politischen als auch die wirtschaftlichen, f&uuml;r die theologischen und die schriftstellerischen. Ohne Torheit w&uuml;rde kaum ein literarisches Werk entstehen, am wenigsten eines, das dann keine Leser findet.  Die Dichter, sagt Erasmus, w&uuml;rden auch zur Fraktion der G&ouml;ttin Torheit z&auml;hlen, denn sie seien eine &laquo;sprichw&ouml;rtlich lose Sippe&raquo;. Sie geh&ouml;rten zur Zunft der Selbstgef&auml;lligen. Und wer je ein Buch oder eine Kolumne geschrieben hat, ist sich dessen bewusst und l&auml;chelt manchmal &uuml;ber sich.<br /> <br />Um nachzuweisen, dass die G&ouml;ttin der Torheit sogar &uuml;ber h&ouml;chste Autorit&auml;ten herrscht, gen&uuml;gt der Hinweis auf Pauls VI. Pillenenzyklika von 1968. (Man k&ouml;nnte auch Benedikt XVI. auf seinem Weg nach Afrika zitieren). Sie liess jung Verliebte an der Unfehlbarkeit des Papstes zweifeln. Moraltheologen fragten sich damals, ob wirklich der Heilige Geist den Papst inspiriert habe oder nicht vielleicht die von Erasmus &uuml;ber alle und jeden gesetzte G&ouml;ttin. Vielleicht aber half die List dieser schlauen und raffinierten Frau Torheit nach, dass der Papst s&auml;mtliche Einw&auml;nde seiner Ratgeber in den Wind schlug und das Lehrdiktat ver&ouml;ffentlichen liess, damit Zweifel und Skepsis auch einen Platz in der Welt der Kirche fanden.<br /> <br />Die Torheit l&auml;chelt &uuml;ber ihre Taten. Dennoch schaut sie gelassen zu, nachdem sie etwa Zank und Streit entfacht hat und geniesst besonders den Kampf der Streitr&ouml;sser. Sie steht &uuml;ber jedem Parteiengez&auml;nk. Doch auf einmal zieht sie sich versch&auml;mt zur&uuml;ck, schaut aus der Loge zu und sagt sich. &laquo;Was gibt es (&hellip;) Gef&auml;lligeres, als dass zwei Esel sich gegenseitig kratzen?&raquo; (S. 119).<br /> <br /><ul class="disc"><li>Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit. Aus dem Lateinischen &uuml;bersetzt von und mit einem Nachwort von Kurt Steinmann. Manesse Bibliothek der Weltliteratur.</li><li>Bis 10. Januar 2010 dauert die sehenswerte Ausstellung im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen &laquo;Das Lob der Torheit. Versuch einer Ausstellung nach Erasmus von Rotterdam&raquo;.</li></ul> ]]></content:encoded></item><item><title>Meine naive Finanzmathematik</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-09-21T14:49:33+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/4c247abf0d41796e65f624d6641843b7-42.html#unique-entry-id-42</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/4c247abf0d41796e65f624d6641843b7-42.html#unique-entry-id-42</guid><content:encoded><![CDATA[Reden wir ein wenig vom Geld &ndash; wie alle Welt. Es ist ja keineswegs so, dass die Finanzmarktkrise die Denkweise der Finanzlobby ver&auml;ndert hat. Von der Wallstreet erreichen uns schon wieder Schalmeienkl&auml;nge. Es lasse sich ein wachsender Trend erkennen, das Gesch&auml;ft wie bisher zu betreiben, sagt der Kassenwart des Bundes, Peter Siegenthaler.  Man sp&uuml;re bereits wieder ein starke Lobbying, das die n&ouml;tigen Reformen  hintertreiben soll. &laquo;Viele der Finanzjongleure glauben, sie k&ouml;nnten wieder Geld verdienen wie zuvor&raquo;, bem&auml;ngelt die Ex-B&ouml;rsenchefin Antoinette-Hunziker-Ebneter, und zwar &laquo;mit hochmargigen komplexen Produkten&raquo;. Erneut wird also Kleinsparern in kleinen Dosen beigebracht, ihre Ersparnisse liessen sich durchaus wieder leicht vermehren, nachdem sie all die Meldungen getr&ouml;stet haben, dass auch grosse Spekulanten und Milliard&auml;re viel Geld verloren haben. Was aber macht den Unterschied zwischen kleinen Verlierern aus, die zehn oder zwanzigtausend Franken verloren haben, und denjenigen Menschen, die einige Millionen in den Sand gesetzt haben?<br /> <br />Ich habe zu Beginn der Krise einige Leute in meinem Umfeld gefragt, ob sie auch Geld verloren h&auml;tten? Zahlreiche bejahten die Frage. Der Verlust schwanke zwischen zehntausend und f&uuml;nfzigtausend Franken. Das sei ja nichts als eine Bagatelle, werten die oberen Etagen einen solchen privaten Schaden und reden von den Millionen, die ihresgleichen verloren haben. Nur, da gibt es eben einen Unterschied: Das kleine Geld ist unter Anstrengung verdient worden. Erspartes dank Werte schaffender Arbeit. Das grosse Geld dagegen ist h&auml;ufig spekulatives Geld. Die Verluste sind meist Buchverluste. Sind die Aktien gestiegen, vermehrte sich das Verm&ouml;gen, begannen sie zu fallen, verringerte es sich. Die einen haben also sauer verdientes Geld verloren, die anderen solches, das sich mehr oder weniger von selbst &ndash; die H&auml;nde lagen im Schoss &ndash;, vermehrt hatte. Welcher Verlust schmerzt wohl mehr?<br /> <br />Viele fragen sich, wie es zur Vernichtung von Hunderten von Milliarden, ja Billionen von Franken kommen konnte und wie dieses Geld zuvor in  spekulative Prozesse hineingeschleust worden ist. Die Rechnung ist einfach: Wenn in der Schweiz tausend Sparer zehntausend Franken verloren haben, sind das zehn Millionen. Wenn jeder zehnte Schweizer so viel Geld verloren hat, dann sind das siebenhunderttausendmal zehntausend Franken. In diesem Fall spuckt mein Taschenrechner die Zahl sieben Milliarden aus. Und diese Milliarden sind real verdiente Franken und nicht spekulative Buchwerte. Verlorene Buchwerte schmerzen nur den, der von Illusionen und M&auml;rchen tr&auml;umt.<br /> <br />Ein weiterer Gesichtspunkt, den ich in meine naiven &Uuml;berlegungen einbeziehe, ist der, dass ein Franken, der im spekulativen Bereich verdient wird, jemand anderer dann verliert. T&auml;glich werden neue Werte geschaffen. Im Gegenzug zur wachsenden Realwirtschaft wachsen die Geldwerte. Dieses t&auml;glich erarbeitete Geld sind hundert Prozent, nehme ich einmal an. Nun wird damit spekuliert. Es wird in Optionen und strukturierte Produkte oder in giftige, toxische Papiere gesteckt, wie sie die Nationalbank von der UBS &uuml;bernommen hat, in der H&ouml;he von 28 Milliarden. Steigt also diese Summe, die auf Spekulationen oder auf nicht realisierbaren Werten beruht, auf 101 Prozent (was real Milliarden ausmacht), ist ein Prozent gef&auml;hrdet, und jemand hat dieses eine Prozent verloren. Wer dabei zu den echten Verlierern geh&ouml;rt, ist leicht auszumachen.<br /> <br />Ich weiss, dass ich mit diesen &Uuml;berlegungen keinen Wirtschaftsnobelpreis erhalten werde. Aber vielleicht bringen sie den einen oder anderen doch dazu, den Tanz ums Goldene Kalb gar nicht erst zu beginnen. Als vor Jahren der Bankier Martin Ebner verk&uuml;ndete, das Kapital m&uuml;sse eine Rendite von 18 Prozent abwerfen, bezeichnete ich das Konzept des Shareholder-Value in dieser H&ouml;he als Wucher. In den Medien tauchte dieser Ausdruck nicht auf. Umso interessierter las ich sp&auml;ter das kleine Buch &laquo;Wucherzins und H&ouml;llenqualen&raquo;* des franz&ouml;sischen Historikers Jacques Le Goff. Der Verfasser zeigt auf, wie die Kirche im fr&uuml;hen Mittelalter das Fegefeuer erfunden hat.<br /> <br />Zuvor musste jeder, der Geld zu Zinsen geliehen hat, die H&ouml;lle f&uuml;rchten. Es gab vorerst nur den Himmel oder die H&ouml;lle. F&uuml;r die allm&auml;hlich beginnende Kapitalwirtschaft war dieses Entweder-Oder unertr&auml;glich. &laquo;Nur die Hoffnung, der H&ouml;lle zu entkommen, erlaubte es dem Wucherer, Wirtschaft und Gesellschaft des 13. Jahrhunderts auf ihren Weg zum Kapitalismus voranzutreiben (S. 131).&raquo; Da erfand die Kirche das Fegefeuer. Wer Zins nahm, musste sich nicht mehr f&uuml;rchten, nach dem Tod in die H&ouml;lle zu fahren. Der Geldverleiher &ndash; und bald auch Kl&ouml;ster und Wallfahrtskirchen &ndash; war nicht mehr auf ewig verdammt, sondern nur auf Zeit. Thomas von Aquin lieferte die n&ouml;tige Begr&uuml;ndung: &laquo;Die menschlichen Gesetze lassen manche S&uuml;nden ungestraft wegen der Verfassung der unvollkommenen Menschen, bei denen manches n&uuml;tzliche Werk unterbunden w&uuml;rde, wenn alle S&uuml;nden streng verboten und mit der entsprechenden Strafe belegt w&uuml;rden. Und deshalb hat das menschliche Gesetz Zins erlaubt, nicht als ob es der Meinung w&auml;re, es sei der Gerechtigkeit gem&auml;ss, sondern damit nicht der Nutzen f&uuml;r die vielen (anderen) unterbunden w&uuml;rde.&raquo;<br /> <br />Immerhin hat dann das Konzil von Trient (1545 &ndash; 1563) festgesetzt, dass f&uuml;r ausgeliehenes Geld nicht mehr als f&uuml;nf Prozent Zins genommen werden d&uuml;rfe. Wer mehr verlangte, beging eine schwere oder gar eine Tods&uuml;nde. Wir l&auml;cheln heute &uuml;ber solche Regelungen, doch wer Mass h&auml;lt, f&auml;hrt damit nicht schlecht und er wird nicht ein armer reicher Mann.<br /> <br />* Jacques Le Goff: &laquo;Wucherzins und H&ouml;llenqualen. &Ouml;konomie und Religion im Mittelalter&raquo;. Klett-Cotta 2008.<br /> ]]></content:encoded></item><item><title>Farbenspiele vor Bundesratswahl</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-08-12T09:13:47+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/c31f4670182348a03e9040a6dfb0a17c-41.html#unique-entry-id-41</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/c31f4670182348a03e9040a6dfb0a17c-41.html#unique-entry-id-41</guid><content:encoded><![CDATA[Die Demission von Bundesrat Pascal Couchepin war &uuml;berf&auml;llig. Er &uuml;bernahm nach dem R&uuml;cktritt von Bundesr&auml;tin Ruth Dreifuss das Departement des Innern mit der Ank&uuml;ndigung, die Sozialwerke zu sanieren. Ist ihm dies gelungen? An grossen Worten und Gesten fehlte es nicht. Die R&uuml;cktrittsank&uuml;ndigung fiel ins mediale Sommerloch. Das war ein Gl&uuml;cksfall f&uuml;r die Medien. Es gab tats&auml;chlich viel zu sagen, zu schreiben, zu spekulieren und zu kommentieren. Einige Kandidaten, die in den Vordergrund ger&uuml;ckt wurden, galten als valabel. Aber das Wort valabel ist im Duden nicht zu finden. Wird von einem Kandidaten gesagt, er sei valabel, bedeutet dies wohl: &laquo;Vielleicht findet man noch einen besseren?&raquo;<br /> <br />Das lateinische valere wurde in vielen Wendungen und Bedeutungen gebraucht, etwa in &laquo;vale!&raquo; &laquo;Lebe wohl!&raquo;  Wenn ein R&ouml;mer dieses Wort beim Abschied gebrauchte, hoffte er, der Gast gehe gesegnet von dannen. Das darf man f&uuml;r einen scheidenden Bundesrat auch hoffen. Das Wort valere bedeutet aber auch kr&auml;ftig, gesund sein und sich wohlbefinden. Gebr&auml;uchlich ist das abgeleitete Wort Valenz und meint, eine Person oder eine Sache habe Wert oder G&uuml;ltigkeit. In der Sprachwissenschaft hingegen meint Valenz, &laquo;f&auml;hig eines Wortes, besonders eines Verbs zur Bildung eines vollst&auml;ndigen Satzes&raquo; (Grosser Duden). Taucht also das oft verwendete Wort vom valablen Kandidaten auf, ist Vorsicht geboten. Dahinter k&ouml;nnte ja statt eines Urteils eine Frage stecken.<br /> <br />Das Kandidatenkarussell drehte sich den ganzen Sommer &uuml;ber, als w&auml;re best&auml;ndig Chilbi. Es tauchten Namen auf und verschwanden wieder. F&uuml;r die Parteipr&auml;sidenten spielte die Farbe der Kandidaten die gr&ouml;sste Rolle. Wie viel gr&uuml;n oder rot oder sonnengelb hat er am Hut? Ist er schwarz oder blau? Welche Valeurs &uuml;berwiegen? In der Malerei und der Kunstbetrachtung bezeichnet das Wort die Abstufung einer oder mehrerer Farben, Licht oder Schatten in einem Bild. Man durfte also den Parteipr&auml;sidenten nicht allzu sehr aufs Maul schauen, denn sie konnten nicht quantifizieren, wie viel Rot ein b&uuml;rgerlicher Kandidat haben d&uuml;rfe, damit er noch w&auml;hlbar sei. Am Deutlichsten wurde Toni Brunner, der drohte seine Partei werde sich aus dem Bundesrat zur&uuml;ckzuziehen, wenn ein zweitklassiger Kandidat gew&auml;hlt werde, und meinte nat&uuml;rlich, wenn die Farbe nicht stimme.<br /> <br />Diese Spiele verdrossen den sonst in staatspolitischen Fragen neugierigen Leser. ER verschwand in die Ferien, las keine Zeitung mehr und wusste, dass ER nach zwanzig Tagen vor einem Stapel sitzen w&uuml;rde, den ER dann rasch abgebaut h&auml;tte. So, wohlgemut und in friedlicher Stimmung, sass ER eines Abends auf der Terrasse eines Restaurants. Es war sehr warm, aber ein leichter Wind erfrischte ihn. Der Dreiviertelmond schimmerte durch die Pinienzweige und auf den Bl&auml;ttern der falschen Olivenb&auml;ume lag ein bleicher Glanz. Nichts ahnend sass ER bei einem Glas. Auf einmal wurde ER angesprochen: &laquo;He du, bist du auch da?&raquo; &laquo;Ja freilich! Ich bin jedes Jahr hier!&raquo; ER lud den Bekannten zu einem Glas Prosecco ein und bestellte gleich noch einen halben Liter &laquo;alla spina&raquo;, vom Fass also. Walter sagte, er wisse wohl, dass er mit ihm nicht &uuml;ber Politik reden sollte. Sie h&auml;tten unterschiedliche Auffassungen, und dann glaubte er sagen zu m&uuml;ssen, ER sei ein wenig rot angepinselt. Das brachte ihn in Harnisch und ER definierte sich als einen liberalen B&uuml;rgerlichen, mit Sympathie f&uuml;r die Gr&uuml;n-Liberalen.<br /> <br />Ein Wort gab das andere. Das Gespr&auml;ch nahm an Lautst&auml;rke zu, erklomm heitere H&ouml;hen, und als ER sah, dass es Walter behagte, mit ihm zu diskutieren, bestellte ER eine weitere Karaffe. Sie kamen auf die Bundesratswahlen zu sprechen. Walter sagte, er leide, wie &uuml;brigens auch das halbe oder ganze Volk, an einer Politikverdrossenheit. Es werde ihm &Uuml;bel, wenn er dem Gez&auml;nk zuh&ouml;re. Dass sich sogar Bundesr&auml;te in die Nachfolge von Pascal Couchepin eingemischt h&auml;tten, wertete er als Indiz, dass die Entscheidungsebenen durcheinander geraten seien. Der Bundesrat habe sich l&auml;ngst von den Medien anstecken lassen. Sie verlangten zu allem und jedem sofort eine Meinung, bedacht oder noch in G&auml;rung. Walter, der sich als kleiner Bankangestellter bezeichnete, was eindeutig eine Untertreibung ist, z&auml;hlte Beispiele auf, die ausf&uuml;hrlich zu erw&auml;hnen, die Leserinnen und Leser langweilen w&uuml;rden. Die Bundesratswahlen liefen, f&uuml;gte er bei, darauf hinaus, dass derjenige gew&auml;hlt w&uuml;rde, der sich auch in einer fremden Fraktion am Besten einf&auml;rben lasse.<br /> <br />Das war das Stichwort zur Frage nach dem Profil eines Bundesrats. Sie, die sich da  im Gedankenwettbewerb ereiferten, waren sich rasch einig. Im Bundeshaus fehle ein Staatsmann. Eine solche Pers&ouml;nlichkeit zu w&auml;hlen, sei freilich nicht denkbar, wenn die Farbtupfer mehr z&auml;hlten als das Format. Ein Staatsmann bewege sich nicht auf der Ebene des parteipolitischen Gez&auml;nks. Er habe stets die Sache und das Ganze des Staats im Auge. Er besitze eine Vision des Landes und werfe einen Blick in die Zukunft. Bundesr&auml;te seien in den letzten Jahren zu einer Art Sortimentsdirektoren degradiert worden, die wie Migrosbosse schauen m&uuml;ssten, dass die Gestelle immer gef&uuml;llt seien. Ein Staatsmann sei kein Befehlsempf&auml;nger von Verb&auml;nden oder Banken. Wohin eine solche Haltung f&uuml;hre, habe man ja jetzt erlebt. &laquo;Du solltest einmal eine Kolumne zum Bergriff der B&uuml;rgerlichkeit schreiben!&raquo; Das werde ER gelegentlich tun, denn b&uuml;rgerlich sei nicht einer, der einfach an der Steuerschraube drehe oder Wirtschaftsinteressen vertrete. Auf die Bundesratswahlen zur&uuml;ckkommend zitierte ER die Auffassung der alten R&ouml;mer: &laquo;Das Amt sucht den Mann und nicht umgekehrt.&raquo; Das gelte heute freilich auch f&uuml;r Frauen.<br /> ]]></content:encoded></item><item><title>Der B&#x26;uuml;cherbus der Queen</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-07-04T18:58:46+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/5eddbcf95b2d7cf375ac69faf26edd75-38.html#unique-entry-id-38</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/5eddbcf95b2d7cf375ac69faf26edd75-38.html#unique-entry-id-38</guid><content:encoded><![CDATA[&laquo;Du &ouml;ffnest  ein Buch, und es &ouml;ffnet Dich&raquo;, habe ich am Schaufenster einer kleinen Altstadtbuchhandlung gelesen. Zugleich erinnerte ich eine Begebenheit, die mich sehr betroffen gemacht hat. Erlebnisse, die mit starken Emotionen verbunden sind, vergisst man nicht, auch wenn man die einzelne Fakten aus dem Ged&auml;chtnis verloren hat oder nur ungenau behalten konnte. Vielleicht stimmt mich nun, da ich dieses Erlebnis von der Seele schreiben kann, die damalige Aussage eines Regierungsrats milde. Ich empfahl ihm, ein bestimmtes Buch unbedingt zu lesen. Um welches Buch es sich gehandelt hat, weiss ich nicht mehr.]]></content:encoded></item><item><title>Zuchaba ist keine chinesische Stadt</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-06-27T08:49:35+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/7de1dc625a502fd6dbc43f3c382483f6-37.html#unique-entry-id-37</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/7de1dc625a502fd6dbc43f3c382483f6-37.html#unique-entry-id-37</guid><content:encoded><![CDATA[Der technische Fortschritt, obwohl sehr zwiesp&auml;ltig, ist irreversibel. Er ist nicht umkehrbar. Die Welt l&auml;uft nicht r&uuml;ckw&auml;rts. Je dynamischer sie sich entwickelt, umso gr&ouml;sser wird das Verlangen nach noch mehr Fortschritt. In diesen Sog ger&auml;t die ganze Welt. Verwirrt steht der &auml;ltere Mensch, der in jungen Jahren in einer relativ geschlossenen Region seine Identit&auml;t gefunden hat, vor den umw&auml;lzenden &Auml;nderungen. Das Gloria ist verklungen, sagt der Schriftsteller Martin Stadler. In seinem neuen bemerkenswerten Werk &laquo;Sprachsuche im Ring der eigenen Region&raquo; schildert er, wie die Ringe der Innerschweiz aufgesprungen sind.]]></content:encoded></item><item><title>Il sudore della Svizzera</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-06-09T19:42:05+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/e1de81380a6670a9bd5bc574d7b853e2-36.html#unique-entry-id-36</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/e1de81380a6670a9bd5bc574d7b853e2-36.html#unique-entry-id-36</guid><content:encoded><![CDATA[<span style="font:14px Georgia, serif; ">K&uuml;rzlich war ich wieder einmal in S&uuml;ditalien und besuchte einen alten Bekannten, der ein eigenes Haus besitzt. Als ich ihn fragte, wie er es denn geschafft habe, antwortete er knapp und einfach: &laquo;Il sudore della Svizzera&raquo;. Also hat &laquo;Der Schweiss der (Arbeit) in der Schweiz&raquo; ihm dazu verholfen. Pino war vor f&uuml;nfundvierzig Jahren als Hilfsarbeiter in unser Land eingewandert und fand eine Stelle als Lagerist bei Ciba-Geigy. Er war jung, seine Frau sogar sehr jung. Mit 18 Jahren hatte sie schon zwei Kindern das Leben geschenkt.</span>]]></content:encoded></item><item><title>Vom Gegen&#x26;uuml;bergl&#x26;uuml;ck</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-04-15T16:59:47+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/f46f20c2d7738e19662214c7b898cd0e-35.html#unique-entry-id-35</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/f46f20c2d7738e19662214c7b898cd0e-35.html#unique-entry-id-35</guid><content:encoded><![CDATA[Warum macht die Fernsehsendung &laquo;Arena&raquo; jeweils kaum froh, geschweige denn gl&uuml;cklich? Die Antwort scheint einfach: weil kein echtes Gespr&auml;ch stattfindet. Den Teilnehmern geht es um ihre Machtposition, um den Versuch sich durchzusetzen. Zufrieden ist h&ouml;chstens der, der seine eigene Meinung gut vertreten sieht. Der neutrale Zuschauer l&auml;chelt gelegentlich, wenn er beobachtet, wie die Figuren in der ersten Reihe der Arena ihre vorbereiteten Statements m&ouml;glichst effektvoll vortragen, und Zeuge wird, wie sie im &Auml;ther verdampfen.]]></content:encoded></item><item><title>Paradoxe Welten</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-02-24T16:55:19+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/e43ccf39d3b62a0f7029182597cd56c7-34.html#unique-entry-id-34</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/e43ccf39d3b62a0f7029182597cd56c7-34.html#unique-entry-id-34</guid><content:encoded><![CDATA[Vor Jahren sass ich an der Fastnacht um vier Uhr in der Fr&uuml;h im &laquo;Kreuz&raquo; zu Unter&auml;geri mit zwei T&auml;nzerinnen an einem Tisch. Ich schl&uuml;rfte eine Mehlsuppe, um wieder etwas Verstand in meinen Kopf zu bringen. Als es auf einmal in meinem Gehirn endlich klickte, sagte ich laut: &laquo;Schon noch paradox&hellip;&raquo; Die beiden im Maskenkleid schauten mich mit grossen Augen an, die Schminke auf den Wimpern schon etwas verschmiert, die roten Tupfen auf der Nase und den Wangen gl&auml;nzten. Sie dachten wohl: &laquo;Und das soll lustig sein? Er schminkt sich wieder mit einem Fremdwort!&raquo;, und blickten verlegen auf den Teller. Die eine wollte aber dann doch noch wissen, was paradox sei. &laquo;Paradox bedeutet unverst&auml;ndlich, widerspr&uuml;chlich, wie zum Beispiel: &lsaquo;Der Starke ist der Schwache&rsaquo;.&raquo; &laquo;In der Tat ein Widerspruch&raquo;, neckte sie. Und als ich die Pause gen&uuml;sslich dehnte, t&ouml;nte es &uuml;ber den Tisch: &laquo;Soll das nun ein Witz sein?&raquo; &laquo;Nein! Nat&uuml;rlich nicht. Habt ihr schon einen starken Mann gesehen, der nicht schwach geworden ist?&raquo; Nun brach lautes Gel&auml;chter aus.]]></content:encoded></item><item><title>Friede sei mit Euch&#x21;</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-01-28T16:53:25+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/53447fceb37540672c27cd3aea3b17f9-33.html#unique-entry-id-33</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/53447fceb37540672c27cd3aea3b17f9-33.html#unique-entry-id-33</guid><content:encoded><![CDATA[Und der Priester oder Diakon am Altar ruft die Gl&auml;ubigen auf, sich zum Zeichen des Friedens die Hand zu geben. Die Leute drehen sich nach rechts und nach links und manchmal sogar nach hinten. Sie dr&uuml;cken sich die H&auml;nde und l&auml;cheln friedlich. Doch verfeindete Nachbarn oder Menschen, die auch im Streit liegen, werden beim Betreten der Kirche darauf achten, dass sie ja nicht in der gleichen Bank sitzen und stehen werden, sie gehen einander aus dem Weg.<br /><br />Der Friede kann nicht von oben dekretiert werden. Friede gedeiht nur unter bestimmten Voraussetzungen. Kriege werden diktiert, Friede kann nicht verordnet werden, er muss bestellt werden wie ein Acker. W&auml;hrend das Unkraut vertilgt werden kann, l&auml;sst sich das Gras nicht aus der Erde ziehen.]]></content:encoded></item><item><title>Schreiben wie ein &#xab;verarmter Gott&#xbb; &#x2a;</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-01-07T16:51:29+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/8941e4382259bd65aa16e2c8a651895d-32.html#unique-entry-id-32</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/8941e4382259bd65aa16e2c8a651895d-32.html#unique-entry-id-32</guid><content:encoded><![CDATA[Schickt mir jemand einen anonymen Brief, weiss ich zwar nicht, wer ihn geschrieben hat, aber ich errate immerhin wes Geistes Kind der Verfasser ist. Die Sprache ist Ausdruck des Menschen. Wie sich jemand ausdr&uuml;ckt, so ist er. Man kann sich zwar hinter der Sprache verstecken, trinkt einer aber ein Glas Wein zuviel, l&ouml;st sich die Zunge und befreit die W&ouml;rter, die auf dem Magen liegen. Beim Anh&ouml;ren einer Rede, in der ein Satz wie z.B.: &laquo;Das schleckt keine Geiss weg!&raquo;, vorkommt, wird mir regelm&auml;ssig schwindlig. Ich muss es mundartlich sagen, es wird mir &laquo;dr&uuml;mmlig&raquo;. Ich stelle mir dann vor, wie die Ziege die gesch&ouml;nten Zahlen im Budget wegschleckt oder die verdeckten Kosten der NEAT.]]></content:encoded></item><item><title>Wer etwas bringt&#x2c; ist willkommen</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2009-01-05T16:48:27+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/a90ce712572e568533d250d0594b2abf-31.html#unique-entry-id-31</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/a90ce712572e568533d250d0594b2abf-31.html#unique-entry-id-31</guid><content:encoded><![CDATA[Das St&auml;dtchen Zug, mit seinen fast 25'000 Einwohnern und ebenso vielen Arbeitspl&auml;tzen liegt am Sonnenhang, in mehrfacher Bedeutung des Wortes, mit Blick auf die Alpen, bis zum Eiger, M&ouml;nch und zur Jungfrau. Im Westen lacht das schweizerische Mittelland mit seinen sanften H&uuml;gelz&uuml;gen, das an den weltber&uuml;hmten Pilatus, dem Hausberg von Luzern, grenzt. Zu F&uuml;ssen von Johannes Mario Simmels Wohnung liegt der Zugersee, &uuml;ber dem sich bei sch&ouml;nem Wetter ein Sonnenuntergang abspielt, der einen &uuml;ber vieles hinwegsehen l&auml;sst. Sch&ouml;ner als der Sonnenuntergang an der Riviera, wo Simmel lange gelebt hat, kann er freilich nicht sein, und darum wunderten sich manche, als der ber&uuml;hmte Autor seinen Wohnsitz 1983 von Monte Carlo nach Zug verlegte. Es wurde gemutmasst, das Steuerparadies habe ihn angelockt.]]></content:encoded></item><item><title>Ein Weihnachtsgeschenk im Zug</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-12-12T16:46:22+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/aa1df1c035e8857d79c2a7a4b9f50074-30.html#unique-entry-id-30</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/aa1df1c035e8857d79c2a7a4b9f50074-30.html#unique-entry-id-30</guid><content:encoded><![CDATA[Max Huwyler und ich waren in Sursee in den Schnellzug gestiegen und plauderten gem&uuml;tlich, wie es unter Literaten so &uuml;blich ist. Er erz&auml;hlte mir vom k&uuml;rzlich verstorbenen Sprachwissenschaftler Hans Glinz. Sein Fachgebiet war die deutsche Sprachdidaktik. Max hatte einen sch&ouml;nen, abgerundeten Nachruf geschrieben, den er gerne ver&ouml;ffentlicht h&auml;tte. Aber f&uuml;r die Zeitung war der Schweizer Sprachwissenschaftler zu wenig wichtig. Ach ja, ein Seufzer, aber da uns die geschl&uuml;rften Stangen eher bierselig gemacht hatten, ging uns die Absage des Redaktors nicht allzu tief ins Herz. Der Sempachersee lag ruhig und glatt, ohne das Kr&auml;useln von Wellen, die letzten rotgelben Bl&auml;tter spiegelten sich im Wasser.]]></content:encoded></item><item><title>Du siehst den Herbst auswendig</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-11-04T16:44:23+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6738c8e97de356e75eac809a355894d1-29.html#unique-entry-id-29</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6738c8e97de356e75eac809a355894d1-29.html#unique-entry-id-29</guid><content:encoded><![CDATA[Schnee bis in die Niederungen!, meldete das Radio. Dann fiel er in dicken Flocken zu Boden und deckte die Erde zu. Heute Morgen sah der Kirschbaum hinter meinem Haus wie ein weisses Korallengebilde aus. Der Tag hatte dunkel begonnen und Erinnerungen geweckt. Mein Vater sagte jeweils, wenn es fr&uuml;h in den Herbst hinein schneite: &laquo;De Winter h&auml;tt verworfe! Er h&auml;tt z&rsquo;fr&uuml;eh kalberet.&raquo; Und er meinte damit, es werde nichts mit dem Winter, wie mit dem Kalb, das tot im Stroh lag. Er war ein Wetterprophet, der es mit den alten Wetterregeln hielt.]]></content:encoded></item><item><title>Die Finanzkrise und der gesunde Menschenverstand</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-10-02T16:42:15+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/06739f6755f2711d2ac389c3f4cb06fd-28.html#unique-entry-id-28</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/06739f6755f2711d2ac389c3f4cb06fd-28.html#unique-entry-id-28</guid><content:encoded><![CDATA[Darf der Leser von einem Kolumnisten erwarten, dass er sich zur aktuellen Finanzkrise &auml;ussert? Auch dann, wenn er auf diesem Gebiet nicht kompetent ist? Fachleute betonen, die Krise sei komplex. Ich bin aber der Meinung, dass es sich hier um ein ganz gew&ouml;hnliches Ausschalten des gesunden Menschenverstandes handelt.<br /><br />Inzwischen haben sich alle Medien der Krise angenommen. Jede Zeitung schreibt und kommentiert, was das Zeug h&auml;lt. Die Krise sprang sogar ins Feuilleton der &laquo;Neuen Z&uuml;rcher Zeitung&raquo;. Dabei wurde hervorgehoben, eine Krise l&ouml;se kreative Impulse aus. Wer in der &laquo;Arena&raquo; auftrat, blieb sehr allgemein. Es wurde nicht wie sonst gezankt und gestritten. Eine Debatte zum Rauchverbot in Restaurants und zum VBS h&auml;tte sich ganz anders angeh&ouml;rt. Der kleine Sparer, der am Bildschirm zuschaute, d&uuml;rfte ver&auml;rgert den Kasten abgeschaltet haben. Ihm galt praktisch kein Votum. Besonders der kleine Anleger wurde mit strukturierten Produkten verf&uuml;hrt, und man hat geradezu seine Tr&auml;ume geweckt. Er glaubte, er geniesse Gl&auml;ubigerschutz, selbst wenn die Blase platze.]]></content:encoded></item><item><title>Der &#xab;wunderbare Prozess der Welterg&#xe4;nzung&#xbb;</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-09-10T16:41:05+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/ed2677714ad0715754dcd2e70dd5fb9d-27.html#unique-entry-id-27</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/ed2677714ad0715754dcd2e70dd5fb9d-27.html#unique-entry-id-27</guid><content:encoded><![CDATA[Die Nacht hatte mich mit Einf&auml;llen &uuml;berschwemmt. Ich formulierte im Halbschlaf erste S&auml;tze zu einer Kolumne, die m&ouml;glichst heiter werden sollte. Ich erfand Wendungen, drehte sie um, suchte nach einem z&uuml;gigen Anfang und fragte mich endlich, ob ein Badestrand &uuml;berhaupt Stoff biete, &uuml;ber den es sich zu schreiben lohnen w&uuml;rde. Ich w&uuml;rde am Morgen meinen Bungalow verlassen und am Meer die Gedanken ordnen. Mir w&uuml;rde bestimmt eine treffende Geschichte einfallen, mass sich mein Denken an zu meinen. Allerdings korrigierte es gleich, man k&ouml;nne sich nicht einfach eine Geschichte ausdenken. Bruchst&uuml;ckhafte Erlebnisse m&uuml;ssen schon vorliegen; erst Erfahrungen, Erinnerungen setzen jenen &laquo;wunderbaren Prozess der Welterg&auml;nzung&raquo; w&auml;hrend des Schreibens in Gang, von dem Heinrich Heine einmal geschrieben hat.]]></content:encoded></item><item><title>Von Empfindlichkeitsw&#xf6;rtern</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-08-16T16:38:38+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/64a979496ebc251c1698457e75771464-26.html#unique-entry-id-26</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/64a979496ebc251c1698457e75771464-26.html#unique-entry-id-26</guid><content:encoded><![CDATA[Er sei ein &laquo;halber Bundesrat&raquo;. Korrekter h&auml;tte man sagen m&uuml;ssen, er sei ein halber SVP-Bundesrat und beizuf&uuml;gen gehabt, er entscheide in gewissen Fragen nicht nach dem Parteiprogramm, sondern nach seinem Gewissen. Das aber wird bei dem Begriff nicht hinzugedacht. Man h&auml;lt sich an das abgek&uuml;rzte Wort. Die FDP erfand vor vielen Jahren den Slogan: &laquo;Mehr Freiheit und Selbstverantwortung, weniger Staat&raquo;. Er schrumpfte ein zu: &laquo;Mehr Freiheit, weniger Staat&raquo;. Man vergass dabei, dass der Staat die Freiheit sch&uuml;tzt und der Selbstverantwortung den Raum ihres Wirkens sichert. Wenn nur die Freiheit gepriesen wird, bekommt auch die Ellbogenfreiheit Raum. Mobbing etwa wird als legitimes Mittel empfunden, Untergebene zu drangsalieren. Es werden B&uuml;cher wie &laquo;Anleitung zum Mobbing&raquo; geschrieben. Dort, wo der Staat zur&uuml;ckgedr&auml;ngt wird, entsteht ein Vakuum, eine L&uuml;cke, in dem sich das wuchernde Kapital, die Spekulation, die Wirtschaftskriminalit&auml;t und die Mafia einnisten k&ouml;nnen.]]></content:encoded></item><item><title>Auf dem Weg der Schweiz</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-07-03T16:37:26+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/3b22806e5da9109f8f30e8a439831bf3-25.html#unique-entry-id-25</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/3b22806e5da9109f8f30e8a439831bf3-25.html#unique-entry-id-25</guid><content:encoded><![CDATA[Als 1991 der Weg der Schweiz offiziell eingeweiht worden ist, bin ich mit einer Grossr&auml;tin aus Basel gewandert, bis ich auf einmal genug hatte von ihren Behauptungen. Ich mochte ihr nicht mehr entgegnen. Gleich zu Beginn hatte sie sich ereifert, dass einer Baslerin das Jahr 1991, aber auch 1291, als Jubil&auml;um nichts bedeute. Basel sei schon vorher ein Staat gewesen, was ich nicht bestritt. Aber die Wirkungsgeschichte von 1291 habe eben doch zu dem Gebilde gef&uuml;hrt, das wir heute Schweiz nennen w&uuml;rden, antwortete ich. Mich k&uuml;mmere die abweichende Auffassung von Historikern nicht, spottete ich, nun auch etwas angriffiger geworden. Bald schloss ich mich einem anderen Wanderer an. Ich wollte mir die Festfreude nicht verg&auml;llen lassen.]]></content:encoded></item><item><title>Was n&#xfc;tzen denn schon Gedichte?</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-06-04T16:35:21+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/66040809d6280a0951635bd890667a26-24.html#unique-entry-id-24</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/66040809d6280a0951635bd890667a26-24.html#unique-entry-id-24</guid><content:encoded><![CDATA[Vor ein paar Stunden habe ich einen Essay &laquo;Der &Auml;rger mit der Dichtung&raquo; von Charles Simic* gelesen. Gleich zu Beginn liessen mich die folgenden S&auml;tze aufhorchen: &laquo;Kindern Hass auf die Schule beibringen und sie an dem Tag vor Freude springen lassen, an dem sie kein Gedicht mehr sehen m&uuml;ssen, dies ist das einzige, wozu Dichtung je getaugt hat. Dar&uuml;ber ist sich die gesamte Welt v&ouml;llig einig. Niemand liest je bei klarem Verstand Dichtung. Sogar unter Literaturtheoretikern ist es heutzutage Mode, auf jegliche Literatur herabzublicken, ganz besonders auf Dichtung. Dass immer noch einige Leute damit weitermachen, ist eine Kuriosit&auml;t f&uuml;r die Rubrik Vermischtes in der Zeitung.&raquo;]]></content:encoded></item><item><title>Gealterte Hoffnungen&#x2a;</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-05-06T08:42:14+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/8a58d25ff251db678dab9145a9ca1664-23.html#unique-entry-id-23</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/8a58d25ff251db678dab9145a9ca1664-23.html#unique-entry-id-23</guid><content:encoded><![CDATA[Vierzig Jahre sind seit der 68er-Bewegung verflossen. Sie stellt sich im historischen R&uuml;ckblick keineswegs als einheitliche Bewegung dar. Vielmehr flossen mehrere Protestbewegungen wie B&auml;che zusammen und bildeten einen grossen, breiten Strom. In den 1960er Jahren nahm an den deutschen Universit&auml;ten das Unbehagen zu, standen doch die alten, unter den Nazis hochgedienten Autorit&auml;ten, wieder auf dem Podest. In Polen kam es zu den M&auml;rz-Unruhen. W&auml;hrend des Pariser-Mais errichteten aufgebrachte Studenten Barrikaden. In Amerika wurde Martin Luther King ermordet. In Z&uuml;rich wiederum krawallierten die Jugendlichen und verfassten das Z&uuml;rcher Manifest. Der Protest gegen den verlustreichen Vietnamkrieg bewegte Amerika. Daraus entstand eine starke Friedensbewegung. Die Studenten und Intellektuellen setzten sich aber auch f&uuml;r die Gleichstellung von Minderheiten ein.]]></content:encoded></item><item><title>Die Mehrdeutigkeit von Leben und Gesellschaft</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-03-26T08:41:04+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/d69a9a05165aa1b75c4bc457724126d1-22.html#unique-entry-id-22</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/d69a9a05165aa1b75c4bc457724126d1-22.html#unique-entry-id-22</guid><content:encoded><![CDATA[Im Museum Bruder Klaus in Sachseln werden Kunstwerke gezeigt, die die Kulturf&ouml;rderungekommission des Kantons Obwalden in den letzten acht Jahren erworben hat. Die Ausstellung pr&auml;sentiert einen Ausschnitt aus dem k&uuml;nstlerischen Schaffen Obwaldens und der Zentralschweiz. Darunter finden sich Werke namhafter K&uuml;nstler, die eine Werkschau gestatten. Sie folgt keinem einheitlichen oder eindeutigen Stil, wie wir es von grossen europ&auml;ischen Epochen, wie z. B. der Gotik oder dem Barock, gewohnt sind. Die Arbeiten stellen den Betrachter vor die Auseinandersetzung mit der Mehrdeutigkeit des Dasein und der Individualit&auml;t des Erlebens und Gestaltens in der modernen Zeit. Im Unterschied zur Welt der Eindeutigkeit, wie sie von Politikern und Predigern heraufbeschworen wird, sind die Werke vielgestaltig und kommen ohne Schablonen und Floskeln aus.]]></content:encoded></item><item><title>Eine Regierung ist wie eine Burg&#x2c; falls&#x2026;</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-02-21T08:39:30+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/685d138f531fd6c364f650a5e2b87af0-21.html#unique-entry-id-21</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/685d138f531fd6c364f650a5e2b87af0-21.html#unique-entry-id-21</guid><content:encoded><![CDATA[Als junger, noch leicht vorwitziger Regierungsrat erlaubte ich mir einmal am Schluss einer Sitzung die Bemerkung, der damals amtierende Landammann habe eine ausgezeichnete Rede gehalten. Freilich erinnere ich mich heute nicht mehr daran, wo er gesprochen hat und was der Inhalt seiner Rede war. Damals blitzte Unverst&auml;ndnis aus den Augen des erfahrenen Landschreibers Dr. Gerold Meyer. Er sagte spitz: &laquo;Seit wann ist es Brauch, dass in der Regierungsratssitzung &uuml;ber Kollegen geurteilt wird?&raquo; Ich err&ouml;tete. &laquo;Aha&raquo;, dachte ich wohl, &laquo;da hast du einen Fehler gemacht. Du solltest dich an die eingespielten Regelungen halten.&raquo; Wie w&auml;re ich erst recht vom Landschreiber ger&uuml;ffelt worden, wenn ich den Kollegen &ouml;ffentlich kritisiert h&auml;tte!]]></content:encoded></item><item><title>Jeder tr&#xe4;gt mit sich einen Teddyb&#xe4;ren</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2008-01-16T08:37:31+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/48fcd020ebf57e02fb1e460ec2e45d91-20.html#unique-entry-id-20</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/48fcd020ebf57e02fb1e460ec2e45d91-20.html#unique-entry-id-20</guid><content:encoded><![CDATA[Allein das Z&ouml;gern sei human, wird der Schweizer Autor Markus Werner zitiert. Wenn diese Aussage stimmen w&uuml;rde, dann w&auml;re unsere heutige Arbeitswelt durch und durch inhuman. Denn alles eilt. Die Konkurrenz macht Druck. Nur wer schneller ist, hat Erfolg. Wer z&ouml;gert, hinkt hinterher. Der Zeitraum, innerhalb dessen etwas veraltet, ist kleiner geworden. Die Zeitspanne, w&auml;hrend der das Alte wieder modern ist, hat sich ebenfalls verringert.<br /><br />Wir erlebten k&uuml;rzlich, wie Ruedi Rymanns &laquo;Schacher Seppli&raquo; im Schweizer Fernsehen den Final der Sendung &laquo;Heimat&raquo; gewonnen hat. Wir &Auml;lteren aber, die uns von der Modernit&auml;t stets auch immer &uuml;berholen liessen, haben das Lied schon vor zwanzig und mehr Jahren gesungen und den Jodler Ruedi Rymann bewundert. Und es wurde nun also, zu Rymanns eigener &Uuml;berraschung, vom TV-Publikum zum gr&ouml;ssten Hit erkoren. Jedermann findet, das sei in Ordnung. Und dies in einer Zeit, in der es auf Schnelligkeit und rasches Handeln ankommt. Wer wartet denn heute noch auf einen Brief? Die Zeit &uuml;berspringt die R&auml;ume und macht sie klein.]]></content:encoded></item><item><title>Die Metapher vom schwarzen Schaf</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2007-11-26T08:33:16+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/3c02fe08651f746ab9876b4932bbf311-19.html#unique-entry-id-19</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/3c02fe08651f746ab9876b4932bbf311-19.html#unique-entry-id-19</guid><content:encoded><![CDATA[Am runden Tisch im Aarhof trafen sich k&uuml;rzlich ehemalige Politiker und fr&uuml;here Vertreter aus Wissenschaft und Kultur. Die Freunde diskutierten auch &uuml;ber die eidgen&ouml;ssischen Wahlen. Sie waren sich bald einig, dass gewisse Ausrutscher w&auml;hrend des langen Wahlkampfs im Nachgang diskutiert werden sollten. Stil und Inhalt seien ja alles andere als erhebend gewesen. Manches davon setze sich in den K&ouml;pfen fest und beeinflusse das Reden und Handeln der Menschen. Die Sprache sei h&auml;rter, ja unvers&ouml;hnlicher geworden. Ein gl&auml;nzend wiedergew&auml;hlter Nationalrat bevorzuge verbal die Motors&auml;ge, und sage das auch.]]></content:encoded></item><item><title>Wahrheit und L&#xfc;ge in der Politik&#x2a;</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2007-10-26T08:28:16+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6c2d8140681d7a442a6f0bfc33f70935-18.html#unique-entry-id-18</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/6c2d8140681d7a442a6f0bfc33f70935-18.html#unique-entry-id-18</guid><content:encoded><![CDATA[Andreas Ladner fragt in einem Interview der &laquo;Neuen Luzerner Zeitung&raquo; (12. September 2007): &laquo;Wieso sollten wir f&auml;hig sein, Politik ohne Intrigen und Geschichten um Personen zu betreiben?&raquo; Die Philosophin Hannah Arendt beginnt den Aufsatz &laquo;Wahrheit und Politik&raquo; mit den Worten: &laquo;Der Gegenstand dieser &Uuml;berlegungen ist ein Gemeinplatz. Niemand hat je bezweifelt, dass es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist, niemand hat je die Wahrhaftigkeit zu den politischen Tugenden gerechnet. L&uuml;gen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmanns zu geh&ouml;ren.&raquo; Arendts Aufsatz w&uuml;rde eigentlich zur Pflichtlekt&uuml;re jeder Politikerin und jedes Politikers geh&ouml;ren. ]]></content:encoded></item><item><title>La Signora Dappertutto</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2007-08-25T08:27:12+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/a75caefa163b19edfe6c5ecabe49dc8a-17.html#unique-entry-id-17</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/a75caefa163b19edfe6c5ecabe49dc8a-17.html#unique-entry-id-17</guid><content:encoded><![CDATA[Ich sass auf der kleinen Veranda meines gr&uuml;nen Bungalows und beobachtete die Szenerie, das Kommen und Gehen der G&auml;ste. Renzo, dem Chef der Anlage, entgeht nichts. Er weiss aus Erfahrung, wann ein Befehl zu erfolgen hat. In fr&uuml;heren Jahren spazierte seine Frau jeweils am Abend mit ihrem H&uuml;ndchen, einem Pekinesen, vom Wohnhaus hinter den Pinien zur Direktion. Dort &uuml;bergab sie es ihrem Mann. Er holte eine Schale Wasser und liess es schl&uuml;rfen. Unterdessen spritzte die Frau mit dem Gartenschlauch die Blumen in den Rabatten und den Blumenkisten, zupfte da und dort verwelkte Bl&auml;tter der Fleissigen Lieschen, der Geranien, Begonien, Hortensien und Rosen ab.]]></content:encoded></item><item><title>Ich irritiere&#x2c; also bin ich</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2007-06-30T08:25:45+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/3b2564ba7c2c9ce36b5def161005e568-16.html#unique-entry-id-16</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/3b2564ba7c2c9ce36b5def161005e568-16.html#unique-entry-id-16</guid><content:encoded><![CDATA[Lassen Sie sich von einem Satz wie: &laquo;&hellip; die neuste Mode des Jahrhunderts hiess Zynismus, es war chic, Geld zu verdienen und zynisch zu sein &hellip;&raquo;* irritieren? Oder vom Ausruf: &laquo;Das R&uuml;tli ist ja bloss eine Wiese mit Kuhdreck!&raquo;? Als ich noch Regierungsrat war, f&uuml;hrte ich Einb&uuml;rgerungskandidatinnen und -kandidaten zusammen mit dem Historiker Albert M&uuml;ller auf die R&uuml;tliwiese. Wir erz&auml;hlten ihnen die Geschichte von der Gr&uuml;ndung der Eidgenossenschaft und kamen auf die Bedeutung des Orts zu sprechen. Allerdings vergass ich zu bemerken, es handle sich um eine Wiese mit Kuhdreck. Es h&auml;tte ja passieren k&ouml;nnen, dass pl&ouml;tzlich jemand in einem Kuhfladen gestanden w&auml;re. Unser ernsthaft gemeinter Vortrag &uuml;ber die Schweizerische Demokratie, unter anderem mit dem Hinweis, dass das R&uuml;tli der Schweizer Jugend geh&ouml;re, w&auml;re sage und schreibe in den Dreck gefallen. Hoffentlich hat sich kein Offizier am R&uuml;tlirapport mit General Guisan, 1940, die Stiefel verdreckt?]]></content:encoded></item><item><title>Schurkenstaaten und die Achse des B&#xf6;sen</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2007-05-03T08:24:20+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/cb3125b99db58c88747cf03e5d3c697e-15.html#unique-entry-id-15</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/cb3125b99db58c88747cf03e5d3c697e-15.html#unique-entry-id-15</guid><content:encoded><![CDATA[Wer die Welt in Schurkenstaaten und in M&auml;chte, die eine Achse des B&ouml;sen bilden, einteilt, schafft Schurken und weckt das B&ouml;se. Der Mensch wird, was man von ihm erwartet. Er steuert sein Verhalten In Richtung Fremdbild, das zum Selbstbild werden kann. Welche Charaktereigenschaften verk&ouml;rpert denn jemand, den andere als Schurke bezeichnen? Es ist auf jeden Fall fatal, wenn ein Mensch oder ein Volk auf eine negative Identit&auml;t reduziert wird.]]></content:encoded></item><item><title>Dichter sind wie Regenw&#xfc;rmer</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2007-03-29T08:22:42+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/819426aa666041e2608ea1feb120b955-14.html#unique-entry-id-14</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/819426aa666041e2608ea1feb120b955-14.html#unique-entry-id-14</guid><content:encoded><![CDATA[Seit mehr als zwanzig Jahren f&uuml;hrt das Institut f&uuml;r Angewandte Pflanzenbiologie (IAP) u. a. im Auftrag des Kantons Zug auf dem Zugerberg Fl&auml;chenstudien durch, die aufzeigen sollen, wie sich das &Ouml;kosystem Wald unter Einwirkung von Umwelteinfl&uuml;ssen entwickelt. Das heute totgesagte Waldsterben war damals in aller Munde. Die Waldfl&auml;chen, die untersucht werden, sind in einem landesweiten Netz zusammengefasst. Die Resultate werden jeweils in einem Forschungsbericht publiziert. Hier soll nur ein Ergebnis der langj&auml;hrigen Datenreihe herausgegriffen werden: Wo fr&uuml;her in einem Quadratmeter Waldboden ca. hundert W&uuml;rmer ausgegraben wurden, findet man heute noch deren zwei, drei. Vielleicht gibt es nun Politiker, die behaupten, dass das Verschwinden der W&uuml;rmer nichts zu bedeuten habe. Fragte doch ein nicht gerade umweltfreundlicher Regierungsrat, was eigentlich den Forschern einfalle, all die Schw&auml;nze zu z&auml;hlen.]]></content:encoded></item><item><title>Der Mensch lebt in Geschichten</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2007-02-13T08:21:26+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/00922faa16a91fac286c51b3398b7f76-13.html#unique-entry-id-13</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/00922faa16a91fac286c51b3398b7f76-13.html#unique-entry-id-13</guid><content:encoded><![CDATA[Er hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Er entt&auml;uschte mich erst, als er mit geschwellter Brust sagte, er habe noch nie ein Buch gelesen. Darauf war er sichtlich stolz. H&auml;tte er nicht als Vertreter einer Chefetage gesprochen, w&auml;re mir alles egal gewesen. Er sollte doch ein Vorbild sein. Da es sich schlecht macht, einem Journalisten zu gestehen, ausser den Schulb&uuml;chern habe er noch nie ein Buch gelesen, h&auml;tte der Mann ja sagen k&ouml;nnen, dass auf dem Nachttischchen die Bibel liege. Er lese vor allem im Alten Testament, und da vorzugsweise aus dem Buch des Propheten Habakuk: &laquo;Das Gesicht, das Habakuk, der Prophet, geschaut: Wie lange rufe ich um Hilfe, Herr? Du h&ouml;rst nicht. Und schreie ich zu Dir: &lsaquo;Bedr&uuml;ckung!&rsaquo; Du aber rettest nicht. Warum l&auml;sst Du mich Unheil sehn und siehst dem Jammer zu? Warum steht Druck und Vergewaltigung mir vor Augen? &hellip; &raquo;. Habakuk brachte es in seinem Buch gerade mal auf drei Kapitel.]]></content:encoded></item><item><title>Seltsam&#x2c; wie es nun in uns &#xab;gen&#xfc;gelt&#xbb;</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2007-01-09T08:13:23+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/ac93cbf7a53562d65b7a0e4154b8472d-12.html#unique-entry-id-12</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/ac93cbf7a53562d65b7a0e4154b8472d-12.html#unique-entry-id-12</guid><content:encoded><![CDATA[Deal or no Deal! Da bleiben statt zweihundertf&uuml;nfzigtausend nur dreihundert Franken. Das &laquo;Milliardending in den Bergen&raquo;, titelt der &laquo;Blick&raquo;. In St. Moritz kostet die &Uuml;bernachtung in einem Nobelhotel mindestens achthundert Franken, die der exklusiven Suite achttausend. Die reichen Kunden w&uuml;rden sich aber an diesen Preisen nicht stossen. Im Jackpot liegen zweieinhalb Millionen. &laquo;Guten Abend. Sie sind doch Herr Iten? Ich bin von der deutschen Kassenlotterie. Wollen Sie nicht eine Million gewinnen?&raquo; &laquo;Nein!&raquo;, antworte ich. &laquo;Was soll ich denn mit einer Million anfangen?&raquo; Der Anrufer ist perplex. &laquo;Eine Million ist viel Geld&raquo;, sagt er. &laquo;Sie wollen wirklich nicht Million&auml;r werden?&raquo; &laquo;Ich bin schon einer. Wissen Sie, f&uuml;r mich z&auml;hlt meine Freiheit mehr als eine Million!&raquo; Ich will den Anrufer loswerden. Ich dachte doch immer, Lotto spielen heisse, zehntausendmal f&uuml;nf Franken verlieren.]]></content:encoded></item><item><title>Zu Babel ein Turm</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-12-07T08:11:05+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/0001e79b6cac17a32de3331546d19fc4-11.html#unique-entry-id-11</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/0001e79b6cac17a32de3331546d19fc4-11.html#unique-entry-id-11</guid><content:encoded><![CDATA[Am 18. November erklang in der Pfarrkirche Unter&auml;geri das m&auml;chtige und packende Oratorium &laquo;Zu Babel ein Turm&raquo; von Carl R&uuml;tti, nach einem Text von Ulrich Knellwolf. Der Konzertchor der Stadt Solothurn hatte dieses Werk zum &laquo;175 Jahre Jubil&auml;um&raquo; bestellt. Als Laie dar&uuml;ber zu schreiben, w&auml;re verwegen. Der Titel jedoch bewegt mich, das Thema des Auftragswerks passt zudem in unsere Zeit.<br /><br />In der vierten Klasse erz&auml;hlte uns der Lehrer Hans Schmucki die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Die Menschen seien hochm&uuml;tig geworden und wollten einen Turm bis zum Himmel bauen. Der Turm aber sei eingest&uuml;rzt, und mit dem Einsturz seien die Menschen in die babylonische Sprachverwirrung geraten. Im Oratorium singt der Tenor: &laquo;Hast du endlich erkannt, was f&uuml;r einen Konkurrenten du dir mit dem Menschen geschaffen hast? Sie werden nicht ruhen, bis sie dich vom Thron gest&uuml;rzt und sich an deine Stelle gesetzt haben.&raquo; Mit dem Turmbau, so der moderne Text, war Gottes Eifersucht geweckt. Zornig fuhr er zwischen die Menschen. Er strafte und schlug ihre Zunge. Von nun an verstanden sie sich nicht mehr. Sie redeten aneinander vorbei.]]></content:encoded></item><item><title>Vom Gutmensch und vom Gutd&#xfc;nkler</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-09-12T08:49:43+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/f8c50149e002f81c28e9db5466d3846a-10.html#unique-entry-id-10</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/f8c50149e002f81c28e9db5466d3846a-10.html#unique-entry-id-10</guid><content:encoded><![CDATA[In meinem letzten Leserbrief zitierte ich den Ex-&laquo;Zischtigsclub&raquo;-Moderator Ueli Heiniger, der in einem Interview gesagt hatte, er m&uuml;sse nur lachen, wenn auf einmal Gutmenschen f&uuml;r PR-Aktionen missbraucht werden. Da nun aber der Ausdruck &laquo;Gutmensch&raquo; auch in der mediokren Gedankenwelt von einigen Leserbriefschreibern auftaucht, sollte man  dazu doch einige Anmerkungen machen. Irgendwann h&ouml;rt bei solchem Sprachgebrauch das Lachen auf.]]></content:encoded></item><item><title>Modell einer offenen Schweiz</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-07-15T08:48:02+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/93cbaa498290fa543f78591104dc2e7b-9.html#unique-entry-id-9</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/93cbaa498290fa543f78591104dc2e7b-9.html#unique-entry-id-9</guid><content:encoded><![CDATA[Die Schweizerische Fussballmannschaft 2006 erscheint wie das Modell einer modernen, offenen Schweiz, wie eine Art Antimodell gegen die reaktion&auml;r konservativen politischen Str&ouml;mungen in unserem Land. Die Begeisterung f&uuml;r die &laquo;Nati&raquo; war vor und w&auml;hrend der Weltmeisterschaft riesig. Jubel brauste durch unser Land, als sie das Achtelfinale erreicht hatte. Erst die drei verschossenen Elfmeter im Spiel gegen die Ukraine bedeuteten das Aus. Die Schweizerinnen und Schweizer zeigten Flagge, das weisse Kreuz im roten Feld. In den deutschen Stadien sassen Zehntausende von Fans und riefen: &laquo;Hopp Schwiiz!&raquo;]]></content:encoded></item><item><title>Vorfreude auf die Sommerferien</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-06-14T08:45:42+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/9e9dd257bef159df4d89ba411bd9a748-8.html#unique-entry-id-8</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/9e9dd257bef159df4d89ba411bd9a748-8.html#unique-entry-id-8</guid><content:encoded><![CDATA[Im Buch &laquo;Mann ohne Land&raquo; von Kurt Vonnegut, dem deutsch-amerikanischen Schriftsteller, steht: Fantasievolle Menschen &laquo;k&ouml;nnen jemandem ins Gesicht schauen und dort Geschichten sehen; f&uuml;r jeden anderen wird ein Gesicht nur ein Gesicht sein&raquo;. Mit diesem Gedanken im Kopf fahre ich in die Ferien. Ich werde auf dem Zeltplatz einen kleinen Bungalow mieten, ein gr&uuml;nes H&auml;uschen unter Pinien. Dort werde ich auf der Veranda sitzen und die Menschen beobachten. Ich werde meinen Liegestuhl und den Sonnenschirm am Sandstrand aufstellen. Als Mann ohne Land werde ich aufs Meer blicken und mich meiner Fantasie &uuml;berlassen. Dutzende von Menschen werden vorbeischlendern. Die meisten haben f&uuml;r mich nur ein Gesicht, aber einige haben Gesichter mit Geschichten: Emilio, Angelo und Neris, Giuseppe di Stefano, Paolo und seine Familie.]]></content:encoded></item><item><title>Vom Nutzen des scheinbar Nutzlosen</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-06-12T08:20:31+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/374a37c36c0535f0c70a71452593c77e-7.html#unique-entry-id-7</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/374a37c36c0535f0c70a71452593c77e-7.html#unique-entry-id-7</guid><content:encoded><![CDATA[Ruedi Walser, Bildungsexperte von Economiesuisse, behauptet, der &laquo;uniforme Leistungs- und Forschungsauftrag&raquo; der Fachhochschulen im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich sei ein Grundlagenirrtum. Es sei bis heute nicht klar, &laquo;was Forschung und Entwicklung f&uuml;r diese Schulen &uuml;berhaupt bedeutet&raquo;. Darum m&uuml;sse die Politik im Rahmen des neuen Hochschulrahmengesetzes den Forschungsauftrag f&uuml;r die Fachhochschulen neu definieren. Die betroffenen Schulen w&uuml;rden sich besser auf die Ausbildung guter Berufsleute konzentrieren. Dies berichtet der &laquo;Tages-Anzeiger&raquo; vom 11. Mai unter dem Titel &laquo;Wirtschaft kritisiert Forschung&raquo;. Ruedi Walser gibt vor, im Namen der Wirtschaft zu sprechen. Die Kritik ist meines Erachtens unverst&auml;ndlich und unqualifiziert. Es gibt f&uuml;r die Fachhochschulen keinen uniformen Forschungsauftrag. Eine Lehrt&auml;tigkeit auf Hochschulniveau ist ohne Forschung nicht denkbar. Ein Verzicht w&uuml;rde das Niveau der Ausbildung senken.]]></content:encoded></item><item><title>Berlusconi? Prezz&#xe9;molo in tutto&#x21;</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-05-26T08:17:56+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/bebaa153d739d9d8f955f7dae5e17760-6.html#unique-entry-id-6</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/bebaa153d739d9d8f955f7dae5e17760-6.html#unique-entry-id-6</guid><content:encoded><![CDATA[Einige Wochen vor der Wahl in Italien sassen wir im Restaurant Milano am Lago Maggiore bei gutem Essen und einem gespr&auml;chigen Wirt. Das Wort blieb an Berlusconi h&auml;ngen. &laquo;Wird er die Wahl gewinnen? Was halten Sie von Ihrem Ministerpr&auml;sidenten?&raquo; Er zog den Korken und sch&uuml;ttelte den Kopf: &laquo;Berlusconi? Hm! Prezz&eacute;molo in tutto!&raquo; Er ging weg und kehrte mit einem gut gew&uuml;rzten Risotto zur&uuml;ck. Petersilie auf dem Reis, prezz&eacute;molo heisst Petersilie. Zerkleinert w&uuml;rzt Petersilie jedes Gericht, als geteiltes Blatt schm&uuml;ckt sie den Teller. Ein sch&ouml;nes Bild, Peterli im allem, die Finger &uuml;berall drin. Berlusconi mit seiner Medienmacht, mit seinen verschiedenen Verlagen und den Fernsehketten, mit den Journalisten, die nach dem Motto &laquo;Wes Brot ich ess&rsquo;, des Lied ich sing&rsquo;&raquo;, lobhudeln.]]></content:encoded></item><item><title>Die Schweiz &#x2013; ein Labor der Vielsprachigkeit</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-04-26T08:16:26+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/4b956d39c05da8e64c6f69250f5024a7-5.html#unique-entry-id-5</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/4b956d39c05da8e64c6f69250f5024a7-5.html#unique-entry-id-5</guid><content:encoded><![CDATA[Als im Eidgen&ouml;ssischen Parlament der Sprachenartikel beraten wurde, l&ouml;ste er kontroverse, emotionelle Diskussionen aus. Nie zuvor hatte ich im St&auml;nderat derart heftige Auseinandersetzungen erlebt. Ich sp&uuml;rte damals, wie sehr jeder Redner in der Muttersprache dachte und argumentierte. Die Muttersprache formt die eigene Identit&auml;t, das Denken und F&uuml;hlen des Menschen. Sie ist Ausdruck seines Selbstverst&auml;ndnisses. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass mit einem Unterton voll Emotionen votiert wurde und einige R&auml;te sogar laut wurden. Dabei erinnerte ich mich an ein Erlebnis w&auml;hrend meiner Studienzeit in Berlin.]]></content:encoded></item><item><title>Vom Nutzen des Nutzlosen</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-03-07T08:14:32+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/ece33ef004696db32d0fedbd616230fd-4.html#unique-entry-id-4</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/ece33ef004696db32d0fedbd616230fd-4.html#unique-entry-id-4</guid><content:encoded><![CDATA[Die beschr&auml;nkten finanziellen Mittel seien &laquo;in wirtschaftlich relevante Bereiche zu investieren&raquo;, und deshalb gelte es, Schwerpunkte bei der Forschung der Nano-, Bio- und Umwelttechnologie zu legen. Selbstverst&auml;ndlich auf Kosten der Geisteswissenschaften. Diese Meinung vertritt sowohl die CVP als auch die SVP. Beiden Parteien geht es um den Markterfolg der Innovationen. Als ich die Artikel zu dieser neuen F&ouml;rderstrategie in verschiedenen Zeitungen gelesen hatte, atmete ich tief durch. Was geht in den K&ouml;pfen der Politiker vor, die eine solche Umlagerung anstreben? Ist ihnen bewusst, was die Geistes- und Sozialwissenschaften leisten, wie n&ouml;tig sie f&uuml;r den Zusammenhalt einer Gesellschaft sind? Die abwertende Formulierung, die ich im ersten Satz zitiere, schliesst aus, dass andere Wissenschaften daf&uuml;r von Bedeutung sind. Schaut die CVP nun pl&ouml;tzlich auch mit einem R&ouml;hrenblick in die Welt?]]></content:encoded></item><item><title>Warum serbelt die FDP?</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-02-25T08:11:30+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/cab06e69872bd56b0580718bfad400fc-3.html#unique-entry-id-3</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/cab06e69872bd56b0580718bfad400fc-3.html#unique-entry-id-3</guid><content:encoded><![CDATA[W&auml;hrend die SVP im Aufstieg begriffen war, geriet die fr&uuml;her stolze FDP ins Schlittern. Seither kr&auml;nkelt sie. Ihr Zustand k&ouml;nnte sich aber bessern, wenn sich die Exponenten an die Geschichte des Freisinns erinnern und f&uuml;r Standpunkte einstehen w&uuml;rden, die der Partei zu Erfolg verholfen haben.<br /><br />Vor ungef&auml;hr zwanzig Jahren pr&auml;gte die FDP den Slogan: &laquo;Mehr Freiheit und Selbstverantwortung, weniger Staat.&raquo; Mit dem Begriff &laquo;Selbstverantwortung&raquo; appellierten die Freisinnigen an die Einzelnen, ohne aber zu erw&auml;hnen, wof&uuml;r die Individuen Verantwortung tragen. In der Folge blieb das Wort in der &ouml;ffentlichen Diskussion ausgeklammert. Am Ende h&ouml;rten alle nur noch das scheinbar griffige &laquo;mehr Freiheit, weniger Staat&raquo;.]]></content:encoded></item><item><title>Christoph wird uns fehlen</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-10-18T17:23:02+02:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/cb2c8b13f97d5faac4f72fa9efe632f9-2.html#unique-entry-id-2</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/cb2c8b13f97d5faac4f72fa9efe632f9-2.html#unique-entry-id-2</guid><content:encoded><![CDATA[Der Mann sorgt f&uuml;r Aufregung. Erst k&uuml;rzlich liess er uns aus dem T&uuml;rkenland wissen, dass die Anti-Rassismus-Strafnorm abge&auml;ndert werden sollte. Geschichtsprofessor Yusuf Halacoglu und der Nationalist Dogu Perin&ccedil;ek, die w&auml;hrend ihren Auftritten in der Schweiz den V&ouml;lkermord an den Armeniern 1915 leugneten, sollten nicht von der schweizerischen Justiz verfolgt werden d&uuml;rfen. Es brauche eine Gesetzes&auml;nderung, denn die Meinungsfreiheit sei h&ouml;her zu werten. Blochers Botschaft schlug hohe Wellen in der sonst so sanften, ausgewogenen Schweiz. Wie viele T&uuml;rken sind doch in unserem Land bereits integriert und hoffen, eingeb&uuml;rgert zu werden.]]></content:encoded></item><item><title>Kultur ist Sache der Kultur &#x2013; ist sie das?</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2006-01-18T16:48:43+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/4057acf4bc699a2652b84129d641b0eb-1.html#unique-entry-id-1</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/4057acf4bc699a2652b84129d641b0eb-1.html#unique-entry-id-1</guid><content:encoded><![CDATA[Robert Nef, der Redaktor der &laquo;Schweizer Monatshefte&raquo; mahnt den Staat zur Zur&uuml;ckhaltung bei der Kulturf&ouml;rderung. Der Markt habe dabei ein wichtiges Wort mitzureden. Kultur sei Sache der Kultur. Diese Aussage aber ist eine Art Zirkelschluss. Man kann einen Standpunkt nicht mit dem gleichen Standpunkt begr&uuml;nden. Fragen wir uns, was Kultur sei, werden wir keine eindeutige Antwort erhalten. Wessen Sache ist Kultur, wenn sie ihre eigene ist? W&uuml;rde der Satz lauten: Kultur ist Sache des Marktes, dann w&auml;re man kl&uuml;ger. Die von Robert Nef gemachte Behauptung wirft also mehr Fragen auf, als sie beantwortet.]]></content:encoded></item><item><title>Der Bundesrat braucht K&#xf6;bi Kuhn</title><dc:creator>info@andreas-iten.ch</dc:creator><category>Kolumnen</category><dc:date>2005-12-03T16:42:33+01:00</dc:date><link>http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/67c8c4ee6956495409f324a3ef3d3929-0.html#unique-entry-id-0</link><guid isPermaLink="true">http://www.andreas-iten.ch/kolumnen/files/67c8c4ee6956495409f324a3ef3d3929-0.html#unique-entry-id-0</guid><content:encoded><![CDATA[Die Swisscom verliert an der B&ouml;rse 1,5 Milliarden Franken an Wert. Gleichzeitig wird gegen die wohl n&ouml;tige Gesetzes&auml;nderung mit dem Referendum gedroht. Die Kleinanleger sind best&uuml;rzt. Im Bundeshaus herrscht zunehmend Hektik. Die Parteipr&auml;sidenten widersprechen sich.  Die Bev&ouml;lkerung vor dem Fernseher oder dem Radio sch&uuml;ttelt nur den Kopf. Der Bundesrat ist mit der Ank&uuml;ndigung, die Swisscom d&uuml;rfe sich nicht an ausl&auml;ndischen Telekom-Gesellschaften beteiligen, denkbar ungeschickt vorgegangen, selbst wenn man in der Sache seine Meinung teilt. Inzwischen kommentiert jeder Bundesrat den Beschluss mit eigenen Worten. Mancher vermutet, hinter der angestifteten Verunsicherung stecke Absicht. So k&ouml;nne die Swisscom zu Lasten des Steuerzahlers von Aktion&auml;ren g&uuml;nstiger &uuml;bernommen werden.]]></content:encoded></item></channel>
</rss>
