Das Ende der Ausschliesslichkeit
13. Januar 2012 Kolumnen
Der Mensch ist in Geschichten verstrickt. Und will man genauer wissen, wer der andere ist, muss man seine Geschichten kennen. Frisch Verliebte fragen einander aus, bis sie den Eindruck haben, sie wüssten nun alles vom Vis-à.vis. Taucht eine neue Geschichte auf, beginnt das Fragespiel von vorne. Eine solche Geschichte kann das Gegenüber plötzlich in einem neuen Licht erscheinen lassen. «Aha, so war das mit deiner letzten Liebe. Davon hast du mir noch nichts erzählt.» «Das war bis heute auch nicht nötig, denn schliesslich ist unsere, die eben ihren Anfang genommen hat, einzigartig», lautet dann die Antwort.
Ein altes Paar, das zusammen ein langes Leben bestanden hat, lebt auf einem Berg von Geschichten. Diese machen ihr Leben reich und lassen wiederholt die Frage zu: «Weißt du noch?» Schon mit der Geburt standen sie auf zwei verschieden grossen Erinnerungshügeln und haben Geschichten von ihren Vorfahren geerbt. Grosseltern, Eltern, Geschwister, nahe und entfernte Verwandte wurden ihre Begleiter durchs Leben. Das Paar wurde hineingeboren in ein Dorf, in eine Religion, in eine spätere Berufswelt, vielleicht waren sich die Familien feind wie in «Romeo und Julia auf dem Dorf» bei Gottfried Keller.
Wir lesen sehr gerne Familiengeschichten oder Romane, die von ungewöhnlichen Zusammentreffen erzählen. Oskar Peer schildert in seinem Roman «Das alte Haus», wie ein junger strebsamer Mann in einem Dorf zum Aussenseiter wird, und wie er schliesslich das Haus seiner Herkunft anzündet. Damit allerdings hat er den Berg seiner Geschichte nicht abgetragen, vielmehr eine hinzugefügt, eine düstere zwar.
Mein Schwiegervater, der während des Ersten Weltkriegs in Berlin festgehalten wurde, sagte immer, man könne seiner eigenen Geschichte nicht entgehen, und selbst wenn einer nach Amerika fliehen würde, würde er sie mitnehmen. Viele Einwanderer und Flüchtlinge kommen von ihren Herkunftsgeschichten nicht los. Obwohl sie unversehens in neue Geschichten geglitten sind, können sie den alten nicht entgehen. Das macht es oft schwierig, sich in einem Land zurechtzufinden und zu assimilieren.
So wie ein einzelner Mensch in Geschichten verstrickt ist, so auch ein Land oder ein Kontinent. Im Geschichtsunterricht erzählte der Lehrer mit strahlenden Augen, wie sich die Eidgenossen gegen fremde Vögte gewehrt, wie sie sich ihrer durch den Burgenbruch entledigt haben. Im «Weissen Buch von Sarnen» wurden diese Geschichten festgehalten. Sie dienten damals der inneren Festigung der alten Orte, denn die Eidgenossen sahen sich von aussen bedroht. Also mussten sie sich eine Identität geben und gründeten sie auf die heldenhaften Vorfahren.
Die Geschichte eines Landes wird immer wieder neue geschrieben. Neue Quellenfunde verändern das Bild, und der Blick auf die Vergangenheit wandelt sich. National gesinnte Menschen aber wollen von ihrem verklärten Bild nicht abrücken. Als der Schlussbericht der Kommission von Jean-François Bergier «Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg»* veröffentlicht wurde, stiess er auf starken Widerspruch. Und später noch liess ein Politiker seine Getreuen wissen, der Bericht «sei schlicht falsch». Aber die umfangreiche Schrift wies nach, dass die Schweiz die Kriegsjahre nicht derart mustergültig und lupenrein bewältigt hatte. Nun sah sich unser Land auf einmal mit einer Vergangenheit konfrontiert, «die so in das vorherrschende Geschichtsbild nicht Eingang fand» (19).
In unsicheren Zeiten wie den unsrigen scheint es besonders geboten zurückzuschauen und zu fragen, woher wir kommen, wer wir sind. Die Schweizer Geschichte liefert Anhaltspunkte für die Identität in einer neuen Zeit. Aber diese kann nicht mit einem «Weissen Buch» befestigt werden. Vielmehr beruht sie auf einem Konsens über die Grundsätze von Freiheit, Fairness und materieller Gerechtigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte Vertrauen in die Behörden. Die Institutionen genossen hohes Ansehen. Die schwierigen Jahre hatten zudem die Menschen gelehrt, dass Glück und Lebensqualität nicht nur an materiellen Werten zu messen sind. Mit dem Streben nach materiellem Gewinn aber drehte ganz allmählich der Wind.
Der Mensch begann sich auf eigene Interessen zu konzentrieren. Je stärker am Arbeitsplatz nur noch Top-Leistung zählte, desto mehr schaute jeder für sich. Leistung versprach Erfolg. Vor allem mit dem Einsetzen der Globalisierung begannen viele Arbeitnehmer zu nomadisieren. Fremde Menschen kamen zu uns ins Land. Eine multikulturelle Gesellschaft etablierte sich und verunsicherte vor allem die leistungsschwächeren Menschen. Jeder, der neu dazukam, hatte wiederum eine eigene Geschichte. Die gefestigte Identität des Landes von früher – wir sind wir – begann zu bröckeln.
Die Reaktionen der Menschen auf die gesellschaftlichen Veränderungen sind unterschiedlich. Die einen werden Patrioten, ja sogar Nationalisten. Andere entdecken in der Differenz der unterschiedlichen Geschichten eine Bereicherung. Sie akzeptieren Unterschiede, die fortan zur Gesellschaft unseres Landes gehören werden, das sich sowieso nicht mehr dem Druck der internationalen Konkurrenz entziehen kann. Das Grundgefüge einer neuen Identität entsteht, falls ein Konsens herrscht, dass wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen können, was nicht nur für die Schweiz, sondern für jedes demokratische Land gilt. Mit dem Beginn der Globalisierung ist gleichzeitig das Ende der Ausschliesslichkeit eingeläutet worden.
* Die Schweiz, der Nationalismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg. Pendo 2002.
Ein altes Paar, das zusammen ein langes Leben bestanden hat, lebt auf einem Berg von Geschichten. Diese machen ihr Leben reich und lassen wiederholt die Frage zu: «Weißt du noch?» Schon mit der Geburt standen sie auf zwei verschieden grossen Erinnerungshügeln und haben Geschichten von ihren Vorfahren geerbt. Grosseltern, Eltern, Geschwister, nahe und entfernte Verwandte wurden ihre Begleiter durchs Leben. Das Paar wurde hineingeboren in ein Dorf, in eine Religion, in eine spätere Berufswelt, vielleicht waren sich die Familien feind wie in «Romeo und Julia auf dem Dorf» bei Gottfried Keller.
Wir lesen sehr gerne Familiengeschichten oder Romane, die von ungewöhnlichen Zusammentreffen erzählen. Oskar Peer schildert in seinem Roman «Das alte Haus», wie ein junger strebsamer Mann in einem Dorf zum Aussenseiter wird, und wie er schliesslich das Haus seiner Herkunft anzündet. Damit allerdings hat er den Berg seiner Geschichte nicht abgetragen, vielmehr eine hinzugefügt, eine düstere zwar.
Mein Schwiegervater, der während des Ersten Weltkriegs in Berlin festgehalten wurde, sagte immer, man könne seiner eigenen Geschichte nicht entgehen, und selbst wenn einer nach Amerika fliehen würde, würde er sie mitnehmen. Viele Einwanderer und Flüchtlinge kommen von ihren Herkunftsgeschichten nicht los. Obwohl sie unversehens in neue Geschichten geglitten sind, können sie den alten nicht entgehen. Das macht es oft schwierig, sich in einem Land zurechtzufinden und zu assimilieren.
So wie ein einzelner Mensch in Geschichten verstrickt ist, so auch ein Land oder ein Kontinent. Im Geschichtsunterricht erzählte der Lehrer mit strahlenden Augen, wie sich die Eidgenossen gegen fremde Vögte gewehrt, wie sie sich ihrer durch den Burgenbruch entledigt haben. Im «Weissen Buch von Sarnen» wurden diese Geschichten festgehalten. Sie dienten damals der inneren Festigung der alten Orte, denn die Eidgenossen sahen sich von aussen bedroht. Also mussten sie sich eine Identität geben und gründeten sie auf die heldenhaften Vorfahren.
Die Geschichte eines Landes wird immer wieder neue geschrieben. Neue Quellenfunde verändern das Bild, und der Blick auf die Vergangenheit wandelt sich. National gesinnte Menschen aber wollen von ihrem verklärten Bild nicht abrücken. Als der Schlussbericht der Kommission von Jean-François Bergier «Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg»* veröffentlicht wurde, stiess er auf starken Widerspruch. Und später noch liess ein Politiker seine Getreuen wissen, der Bericht «sei schlicht falsch». Aber die umfangreiche Schrift wies nach, dass die Schweiz die Kriegsjahre nicht derart mustergültig und lupenrein bewältigt hatte. Nun sah sich unser Land auf einmal mit einer Vergangenheit konfrontiert, «die so in das vorherrschende Geschichtsbild nicht Eingang fand» (19).
In unsicheren Zeiten wie den unsrigen scheint es besonders geboten zurückzuschauen und zu fragen, woher wir kommen, wer wir sind. Die Schweizer Geschichte liefert Anhaltspunkte für die Identität in einer neuen Zeit. Aber diese kann nicht mit einem «Weissen Buch» befestigt werden. Vielmehr beruht sie auf einem Konsens über die Grundsätze von Freiheit, Fairness und materieller Gerechtigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte Vertrauen in die Behörden. Die Institutionen genossen hohes Ansehen. Die schwierigen Jahre hatten zudem die Menschen gelehrt, dass Glück und Lebensqualität nicht nur an materiellen Werten zu messen sind. Mit dem Streben nach materiellem Gewinn aber drehte ganz allmählich der Wind.
Der Mensch begann sich auf eigene Interessen zu konzentrieren. Je stärker am Arbeitsplatz nur noch Top-Leistung zählte, desto mehr schaute jeder für sich. Leistung versprach Erfolg. Vor allem mit dem Einsetzen der Globalisierung begannen viele Arbeitnehmer zu nomadisieren. Fremde Menschen kamen zu uns ins Land. Eine multikulturelle Gesellschaft etablierte sich und verunsicherte vor allem die leistungsschwächeren Menschen. Jeder, der neu dazukam, hatte wiederum eine eigene Geschichte. Die gefestigte Identität des Landes von früher – wir sind wir – begann zu bröckeln.
Die Reaktionen der Menschen auf die gesellschaftlichen Veränderungen sind unterschiedlich. Die einen werden Patrioten, ja sogar Nationalisten. Andere entdecken in der Differenz der unterschiedlichen Geschichten eine Bereicherung. Sie akzeptieren Unterschiede, die fortan zur Gesellschaft unseres Landes gehören werden, das sich sowieso nicht mehr dem Druck der internationalen Konkurrenz entziehen kann. Das Grundgefüge einer neuen Identität entsteht, falls ein Konsens herrscht, dass wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen können, was nicht nur für die Schweiz, sondern für jedes demokratische Land gilt. Mit dem Beginn der Globalisierung ist gleichzeitig das Ende der Ausschliesslichkeit eingeläutet worden.
* Die Schweiz, der Nationalismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg. Pendo 2002.
Ein Buch als Weihnachtsgeschenk?
30. Dezember 2011 Kolumnen
Kürzlich schmunzelte ich wieder einmal ganz besonders, als ich den Cartoon «Rabenaus wundersame Erlebnisse» in der NLZ anschaute. Der drollige Kerl mit dem grossen Wasserkopf und der roten Nasen versucht mühsam seinen wackligen Tisch ins Gleichgewicht zu bringen. «Mist», sagt er und starrt dabei auf das Tischbein, das er bereits mit einem Buch gestützt hat. Dennoch wackelt der Tisch und so meint er, er müsse noch eines kaufen. Kauft es, legt es unter das Bein und stöhnt: «Der Tisch wackelt immer noch.» Soll er doch wackeln, denkt dabei vielleicht der Buchhändler, so kauft er wenigstens ein Buch, denn der Absatz stockt. Allein im Oktober ist er um mehr als zwölf Prozent bei der Belletristik eingebrochen.
«Bücher drucke ich immer gern», sagte mir ein renommierter Buchdrucker. An einer Feier wurde uns beiden ein schöner Bildband überreicht. Da flüsterte er mir zu: «Schon wieder eines fürs Büchergestell…» Auch für ihn hätte Rabenau also eine kleine Bildgeschichte zeichnen können, etwa so: Da hantiert der Wasserkopf gerade in einem Raum, in dem volle Bücherregale stehen. «Mist, schon wieder nur ein Buch.» Er legt es auf einen Stapel, der neben dem Büchergestell in die Höhe wächst und fragt: «Hält der noch?» Da stürzt im dritten Bildchen die Beige um: «Verdammt, warum schenken sie einem immer Bücher?» Im vierten Bildchen, endlich, tritt seine Frau hinzu, und Rabenaus Held schenkt ihr das Buch: «Blumen welken schnell, Bücher bleiben.» Doch die Frau rümpft die Nase.
Der lächelnde Leser von Rabenaus wundersamen Erlebnissen versteht den leisen Spott des Zeichners. Er fragt sich sogar, ob er selber gemeint sein könne. «Wer liest hat mehr vom Leben», so hat einmal ein Werbespruch der Verleger gelautet. Ist es nicht immer noch eine schöne Idee, die Partnerin oder sich selber auf Weihnachten mit einem guten Roman zu beschenken? Der Roman zielt auf das Wesentliche einer Person und ihr Schicksal. Das wusste schon Aristoteles, der um 355 v. Chr. eine Poetik geschrieben hat.
Der Grieche sagt, es sei nicht Aufgabe des Dichters mitzuteilen, was wirklich geschehen ist. Das sei die Aufgabe der Historiker. Sie müssten auch Details wiedergeben, die nicht wichtig seien. Der Dichter aber beschäftige sich in seinem Werk mit dem, was nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit und Notwenigkeit geschehen könne. So erhalte ein Werk eine philosophische Tiefe. «Daher», sagt er, «ist Dichtung etwas Philosophisches und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.» Dieser Erkenntnis hat später auch der romantische Dichter Novalis* beigepflichtet, wenn er sagt, es sei mehr Wahrheit in den Märchen als in gelehrten Chroniken. Ein guter Historiker müsse notwendig auch ein Dichter sein.
Ein schriftstellerisches Werk zehrt von der Lebenserfahrung der Autorin oder des Autors, wie auch von der Recherche in Archiven und von der genauen Kenntnis der Schauplätze eines Ereignisses. Ich möchte dies mit einem Roman von Maria Barbal** kurz belegen. Die katalanische Autorin hat mit «Wie ein Stein im Geröll» ein wunderbar ruhiges Buch geschrieben, das in der Zeit des Franco-Regimes spielt. Die Autorin sagt selber, sie habe mit diesem Roman den vielen namenlosen Menschen eine Stimme geben wollen, die von der Geschichte mitgerissen worden seien.
Der Roman erzählt das Leben einer Generation. Ein Mädchen wird in die katalanischen Pyrenäen zur kinderlosen Tante geschickt. Es arbeitet im Haushalt und auf dem Feld und lernt später einen jungen Mann kennen. Conxa, die junge Frau, verliebt sich in Jaume, heiratet ihn gegen den Widerstand der Familie und schenkt drei Kindern das Leben. Ihr Mann schliesst sich einer republikanischen Bewegung an. Als der spanische Bürgerkrieg ausbricht, wird er verhaftet und von den Faschisten umgebracht. Conxa wird der Boden unter den Füssen weggezogen, sie fühlt sich getrieben und sagt schliesslich, sie fühle sich wie ein Stein im Geröll.
Die Erzählung von Maria Barbal ist wie ein individuelles Panorama im faschistischen Regime. Die genauen historischen Details und Jahrzahlen interessieren weniger als das Schicksal der betroffenen Menschen. Barbal schildert die Folgen des Gewaltregimes: Menschen verlieren ihre Identität, ihre Sprache und Kultur, sie werden innerhalb der eigenen Gesellschaft heimatlos, das Selbstverständliche ihrer Existenz wird ausgelöscht. Die Autorin stösst zum Kern eines durch äussere Gewalt verpfuschten Lebens vor, und dieser Vorgang wiederholt sich in jeder Diktatur.
Zurück zu unserem kleinen Kerl, zu Rabenau im Cartoon: Da haben wir es nun mit einem Nichtleser zu tun, dem vorgeworfen wird, er benütze ein Buch bloss als Unterlage, verkenne also seinen Wert oder handle wie der Buchdrucker, der es nach der Feier einfach im Gestell versorgt hat. Vielleicht kommt sogar ein Nichtleser auf die Idee, seiner Frau oder Freundin – Frauen lesen lieber und häufiger als Männer – auf Weihnachten ein gutes Buch zu schenken.
Am 6. Dezember titelte die NLZ einen Artikel mit «Schweizer Kinder sind Lesemuffel.» Darin werden die neusten Ergebnisse einer vergleichenden Schweizer Pisa-Studie referiert. Die Ergebnisse seien ernüchternd, sagt der Experte. Bei Nichtlesern sinkt die Leistung im Sprachunterricht und die Fähigkeit einen richtigen Texte zu schreiben, nimmt ab. Wo aber sollen die Kinder die Freude am Lesen entdecken, wenn das Buch bloss als Unterlage für einen wackligen Tisch dient?
* Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Insel Verlag
** Marian Barbal: Wie ein Stein im Geröll. Roman. Taschenbuch Diana Verlag, 6. Auflage.
«Bücher drucke ich immer gern», sagte mir ein renommierter Buchdrucker. An einer Feier wurde uns beiden ein schöner Bildband überreicht. Da flüsterte er mir zu: «Schon wieder eines fürs Büchergestell…» Auch für ihn hätte Rabenau also eine kleine Bildgeschichte zeichnen können, etwa so: Da hantiert der Wasserkopf gerade in einem Raum, in dem volle Bücherregale stehen. «Mist, schon wieder nur ein Buch.» Er legt es auf einen Stapel, der neben dem Büchergestell in die Höhe wächst und fragt: «Hält der noch?» Da stürzt im dritten Bildchen die Beige um: «Verdammt, warum schenken sie einem immer Bücher?» Im vierten Bildchen, endlich, tritt seine Frau hinzu, und Rabenaus Held schenkt ihr das Buch: «Blumen welken schnell, Bücher bleiben.» Doch die Frau rümpft die Nase.
Der lächelnde Leser von Rabenaus wundersamen Erlebnissen versteht den leisen Spott des Zeichners. Er fragt sich sogar, ob er selber gemeint sein könne. «Wer liest hat mehr vom Leben», so hat einmal ein Werbespruch der Verleger gelautet. Ist es nicht immer noch eine schöne Idee, die Partnerin oder sich selber auf Weihnachten mit einem guten Roman zu beschenken? Der Roman zielt auf das Wesentliche einer Person und ihr Schicksal. Das wusste schon Aristoteles, der um 355 v. Chr. eine Poetik geschrieben hat.
Der Grieche sagt, es sei nicht Aufgabe des Dichters mitzuteilen, was wirklich geschehen ist. Das sei die Aufgabe der Historiker. Sie müssten auch Details wiedergeben, die nicht wichtig seien. Der Dichter aber beschäftige sich in seinem Werk mit dem, was nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit und Notwenigkeit geschehen könne. So erhalte ein Werk eine philosophische Tiefe. «Daher», sagt er, «ist Dichtung etwas Philosophisches und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.» Dieser Erkenntnis hat später auch der romantische Dichter Novalis* beigepflichtet, wenn er sagt, es sei mehr Wahrheit in den Märchen als in gelehrten Chroniken. Ein guter Historiker müsse notwendig auch ein Dichter sein.
Ein schriftstellerisches Werk zehrt von der Lebenserfahrung der Autorin oder des Autors, wie auch von der Recherche in Archiven und von der genauen Kenntnis der Schauplätze eines Ereignisses. Ich möchte dies mit einem Roman von Maria Barbal** kurz belegen. Die katalanische Autorin hat mit «Wie ein Stein im Geröll» ein wunderbar ruhiges Buch geschrieben, das in der Zeit des Franco-Regimes spielt. Die Autorin sagt selber, sie habe mit diesem Roman den vielen namenlosen Menschen eine Stimme geben wollen, die von der Geschichte mitgerissen worden seien.
Der Roman erzählt das Leben einer Generation. Ein Mädchen wird in die katalanischen Pyrenäen zur kinderlosen Tante geschickt. Es arbeitet im Haushalt und auf dem Feld und lernt später einen jungen Mann kennen. Conxa, die junge Frau, verliebt sich in Jaume, heiratet ihn gegen den Widerstand der Familie und schenkt drei Kindern das Leben. Ihr Mann schliesst sich einer republikanischen Bewegung an. Als der spanische Bürgerkrieg ausbricht, wird er verhaftet und von den Faschisten umgebracht. Conxa wird der Boden unter den Füssen weggezogen, sie fühlt sich getrieben und sagt schliesslich, sie fühle sich wie ein Stein im Geröll.
Die Erzählung von Maria Barbal ist wie ein individuelles Panorama im faschistischen Regime. Die genauen historischen Details und Jahrzahlen interessieren weniger als das Schicksal der betroffenen Menschen. Barbal schildert die Folgen des Gewaltregimes: Menschen verlieren ihre Identität, ihre Sprache und Kultur, sie werden innerhalb der eigenen Gesellschaft heimatlos, das Selbstverständliche ihrer Existenz wird ausgelöscht. Die Autorin stösst zum Kern eines durch äussere Gewalt verpfuschten Lebens vor, und dieser Vorgang wiederholt sich in jeder Diktatur.
Zurück zu unserem kleinen Kerl, zu Rabenau im Cartoon: Da haben wir es nun mit einem Nichtleser zu tun, dem vorgeworfen wird, er benütze ein Buch bloss als Unterlage, verkenne also seinen Wert oder handle wie der Buchdrucker, der es nach der Feier einfach im Gestell versorgt hat. Vielleicht kommt sogar ein Nichtleser auf die Idee, seiner Frau oder Freundin – Frauen lesen lieber und häufiger als Männer – auf Weihnachten ein gutes Buch zu schenken.
Am 6. Dezember titelte die NLZ einen Artikel mit «Schweizer Kinder sind Lesemuffel.» Darin werden die neusten Ergebnisse einer vergleichenden Schweizer Pisa-Studie referiert. Die Ergebnisse seien ernüchternd, sagt der Experte. Bei Nichtlesern sinkt die Leistung im Sprachunterricht und die Fähigkeit einen richtigen Texte zu schreiben, nimmt ab. Wo aber sollen die Kinder die Freude am Lesen entdecken, wenn das Buch bloss als Unterlage für einen wackligen Tisch dient?
* Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Insel Verlag
** Marian Barbal: Wie ein Stein im Geröll. Roman. Taschenbuch Diana Verlag, 6. Auflage.
Über Wahrhaftigkeit und Populismus
25. November 2011 Kolumnen
«Wahrhaftigkeit zählte niemals zu den politischen Tugenden, und die Lüge galt immer als ein erlaubtes Mittel in der Politik», schreibt Hannah Arendt.* Christoph Blocher gestand laut NLZ vom 31. Oktober ein, seine Partei habe im Wahlkampf Fehler gemacht, möglicherweise sei sie mit dem Plakat über die Masseneinwanderung zu präsent gewesen. Mit diesem Eingeständnis gibt er einen taktischen Fehler zu. Somit ging es bei dem Plakat nicht um die Wahrheit, sondern um die richtige Taktik. Taktik wird als ist ein erlaubtes Mittel in der Politik eingesetzt. Nur geraten die Akteure damit rasch in Gefahr, Tatsachen zu verfälschen, sie verkürzt wiederzugeben, meist um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Die Einwanderung zum Beispiel hat viele Gründe. Der Hauptgrund ist wohl doch die Wachstumsspirale in unserem Land, die sich unaufhaltsam weiterdrehte. Vor mehr als zwanzig Jahren fuhr ein Unternehmer der Baubranche, den ich persönlich kannte, jeden Frühling in den Kosovo, um Arbeiter zu rekrutieren. Er umwarb besonders gern tüchtige Bauernsöhne, weil er die einfachen Menschen als zuverlässige Arbeitskräfte schätzte. Im Winter brauchte er sie nicht mehr und schickte sie nach Hause zurück. Nach Jahren auf dem Bau suchten sich die meisten Arbeit in einer Fabrik, blieben hier und heirateten. Das war noch, bevor es das Freizügigkeitsabkommen gab.
Damals begann der grosse Bauboom als Folge eines dynamischen wirtschaftlichen Wachstums. Nun waren auch hochqualifizierte Fachkräfte gefragt, die im eigenen Land nicht zu finden waren. So wurden sie im Ausland angeworben. Und da die Fixkosten des Staates im Gesundheitswesen, bei den Sozialwerken und vielen anderen staatlichen Aufgaben stark wuchsen, benötigte die Schweiz Wachstum, um das Steuerpotential zu erhöhen. So konnten sich viele Kantone und Gemeinden sogar Steuersenkungen leisten.
Gern wird verschwiegen, dass die eingewanderten Fachkräfte unserem Land sehr hohe Ausbildungskosten ersparen. Bezahlt hat sie der Staat, in dem die ausländischen Spezialisten herangebildet worden sind. Es handelt sich dabei um Beträge, die in die Milliarden gehen. Allein ein Ausbildungsjahr für einen zukünftigen Lehrer an der Pädagogischen Hochschule kostet den Kanton vierzigtausend Franken.
Es war also in erster Linie die Wachstumsspirale, die für die Zuwanderung von fremden Menschen verantwortlich ist. Das Plakat mit den gespenstisch marschierenden Stiefeln gerät so in die Nähe der Verwischung wahrer Tatsachen. Somit ist es denkbar, dass bei den Wählern die Frage aufkommt, wie es denn um die Wahrhaftigkeit steht, die hinter einer solchen Propaganda steckt.
Der Politiker ist nicht zur Wahrheit verpflichtet, er kann ja schweigen, aber redet er, dann muss, was er sagt, wahr sein, den Tatsachen entsprechend. Eine kleine Lüge genügte, und Elisabeth Kopp sah sich im Dezember 1988 gezwungen, den Rücktritt aus dem Bundesrat bekanntzugeben. Der Einzige, der lügen darf oder durfte, ist Silvio Berlusconi, weil ihn seine eigenen Massenmedien immer wieder deckten und es ihm gelang, Parlamentarier anderer Parteien anzuwerben, so auch der in der Schweiz gewählte Antonio Razzi, der ursprünglich der Gruppe «Italien der Werte» von Di Pietro angehörte.
Auf der Suche nach einer Definition des Populismus, kommt man nicht darum herum zu sagen, es handle sich dabei um eine Politik, die die Lüge oder die Halbwahrheit jederzeit als legitimes Mittel zum Erreichen politischer Zwecke einsetzt. Der Populismus braucht sich um die politische Tugend der Wahrhaftigkeit nicht zu kümmern, geht er doch von Devise aus: Die Hunde bellen und die Karawane schreitet weiter. Hernach erklärt er den Kritiker für unzuständig, der von Politikern Wahrhaftigkeit fordert. Erkläre ihn als unzuständig, und seine Waffe wird stumpf!
Warum aber hat der Populismus Erfolg und warum ist die Wahrhaftigkeit kein Thema in der öffentlich verhandelten politischen Ethik? Eine Antwort könnte lauten: Die Fakten, die ein Populist vorbringt, könnten tatsächlich so sein, wie er behauptet. Ohne die Nähe zur Realität verfängt auch der Populismus nicht. Dem Gegnern, der populistische Aussagen zu widerlegen versucht, geht es wie einem Wirt, der um seinen Ruf kämpft, weil er einmal ein zu zähes Entrecote serviert hat. Er muss mindestens dreizehn Mal ein sehr zartes auf den Tisch bringen, bis der Rufschaden beseitigt ist. Unterdessen ist der Populist bereits beim nächsten Thema.
Populisten halten nichts von einem Intellektuellen, der ihr Versteckspiel durchschaut und versucht aufzuklären. Sie nennen ihn einen Gutmenschen oder Schöngeist. Damit ist er gebrandmarkt und ausser Gefecht gesetzt. Darum scheut sich manch ein Intellektueller, den Kampfplatz des Populismus zu betreten. Zum Glück ist es dann die Torheit der Taktiker selber, die sich mit ihren unwahren Behauptungen übernehmen. Ich selber teile mich Menschen in meinen «Ansichten» mit, freilich offenbar nur solchen, die sich die Mühe machen, hie und da auch Kritisch-Kompliziertes nicht nur zu überfliegen. Jedenfalls sagte mir jüngst ein Leserbriefschreiber, er lese meine Artikel nicht. Er erklärte mich für unzuständig.
* Hannah Arendt: Wahrheit und Lüge in der Politik. Serie Piper 1987, München.
Die Einwanderung zum Beispiel hat viele Gründe. Der Hauptgrund ist wohl doch die Wachstumsspirale in unserem Land, die sich unaufhaltsam weiterdrehte. Vor mehr als zwanzig Jahren fuhr ein Unternehmer der Baubranche, den ich persönlich kannte, jeden Frühling in den Kosovo, um Arbeiter zu rekrutieren. Er umwarb besonders gern tüchtige Bauernsöhne, weil er die einfachen Menschen als zuverlässige Arbeitskräfte schätzte. Im Winter brauchte er sie nicht mehr und schickte sie nach Hause zurück. Nach Jahren auf dem Bau suchten sich die meisten Arbeit in einer Fabrik, blieben hier und heirateten. Das war noch, bevor es das Freizügigkeitsabkommen gab.
Damals begann der grosse Bauboom als Folge eines dynamischen wirtschaftlichen Wachstums. Nun waren auch hochqualifizierte Fachkräfte gefragt, die im eigenen Land nicht zu finden waren. So wurden sie im Ausland angeworben. Und da die Fixkosten des Staates im Gesundheitswesen, bei den Sozialwerken und vielen anderen staatlichen Aufgaben stark wuchsen, benötigte die Schweiz Wachstum, um das Steuerpotential zu erhöhen. So konnten sich viele Kantone und Gemeinden sogar Steuersenkungen leisten.
Gern wird verschwiegen, dass die eingewanderten Fachkräfte unserem Land sehr hohe Ausbildungskosten ersparen. Bezahlt hat sie der Staat, in dem die ausländischen Spezialisten herangebildet worden sind. Es handelt sich dabei um Beträge, die in die Milliarden gehen. Allein ein Ausbildungsjahr für einen zukünftigen Lehrer an der Pädagogischen Hochschule kostet den Kanton vierzigtausend Franken.
Es war also in erster Linie die Wachstumsspirale, die für die Zuwanderung von fremden Menschen verantwortlich ist. Das Plakat mit den gespenstisch marschierenden Stiefeln gerät so in die Nähe der Verwischung wahrer Tatsachen. Somit ist es denkbar, dass bei den Wählern die Frage aufkommt, wie es denn um die Wahrhaftigkeit steht, die hinter einer solchen Propaganda steckt.
Der Politiker ist nicht zur Wahrheit verpflichtet, er kann ja schweigen, aber redet er, dann muss, was er sagt, wahr sein, den Tatsachen entsprechend. Eine kleine Lüge genügte, und Elisabeth Kopp sah sich im Dezember 1988 gezwungen, den Rücktritt aus dem Bundesrat bekanntzugeben. Der Einzige, der lügen darf oder durfte, ist Silvio Berlusconi, weil ihn seine eigenen Massenmedien immer wieder deckten und es ihm gelang, Parlamentarier anderer Parteien anzuwerben, so auch der in der Schweiz gewählte Antonio Razzi, der ursprünglich der Gruppe «Italien der Werte» von Di Pietro angehörte.
Auf der Suche nach einer Definition des Populismus, kommt man nicht darum herum zu sagen, es handle sich dabei um eine Politik, die die Lüge oder die Halbwahrheit jederzeit als legitimes Mittel zum Erreichen politischer Zwecke einsetzt. Der Populismus braucht sich um die politische Tugend der Wahrhaftigkeit nicht zu kümmern, geht er doch von Devise aus: Die Hunde bellen und die Karawane schreitet weiter. Hernach erklärt er den Kritiker für unzuständig, der von Politikern Wahrhaftigkeit fordert. Erkläre ihn als unzuständig, und seine Waffe wird stumpf!
Warum aber hat der Populismus Erfolg und warum ist die Wahrhaftigkeit kein Thema in der öffentlich verhandelten politischen Ethik? Eine Antwort könnte lauten: Die Fakten, die ein Populist vorbringt, könnten tatsächlich so sein, wie er behauptet. Ohne die Nähe zur Realität verfängt auch der Populismus nicht. Dem Gegnern, der populistische Aussagen zu widerlegen versucht, geht es wie einem Wirt, der um seinen Ruf kämpft, weil er einmal ein zu zähes Entrecote serviert hat. Er muss mindestens dreizehn Mal ein sehr zartes auf den Tisch bringen, bis der Rufschaden beseitigt ist. Unterdessen ist der Populist bereits beim nächsten Thema.
Populisten halten nichts von einem Intellektuellen, der ihr Versteckspiel durchschaut und versucht aufzuklären. Sie nennen ihn einen Gutmenschen oder Schöngeist. Damit ist er gebrandmarkt und ausser Gefecht gesetzt. Darum scheut sich manch ein Intellektueller, den Kampfplatz des Populismus zu betreten. Zum Glück ist es dann die Torheit der Taktiker selber, die sich mit ihren unwahren Behauptungen übernehmen. Ich selber teile mich Menschen in meinen «Ansichten» mit, freilich offenbar nur solchen, die sich die Mühe machen, hie und da auch Kritisch-Kompliziertes nicht nur zu überfliegen. Jedenfalls sagte mir jüngst ein Leserbriefschreiber, er lese meine Artikel nicht. Er erklärte mich für unzuständig.
* Hannah Arendt: Wahrheit und Lüge in der Politik. Serie Piper 1987, München.
November mit leichter Melancholie
16. Oktober 2011 Kolumnen
Der November nimmt mit Allerheiligen und Allerseelen seinen Anfang. An diesen Tagen gedenken viele der verstorbenen Angehörigen. Ein Lebensmensch, den man verloren hat, ist immer gegenwärtig, nur verliert er in der Geschäftigkeit des Alltags oft an Konturen. Allerseelen macht aber auch bewusst, dass der Mensch sterblich ist. Wenn die Blätter fallen und die Bäume kahl dastehen, schleicht sich leise Melancholie ins Gemüt. Die Kälte und der Nebel lassen selbst die Reihe von schönen Herbsttagen vergessen. Es wird bald Winter werden. Wir gönnen der Natur ihre Ruhe, den Murmeltieren ihren Schlaf und den Eichhörnchen ihr Nest.
Ich liebe die Melancholie der Landschaft, wenn in den Bäumen der Nebel hängt, und hat er sich am Tag verzogen, das Glitzern des Raureifs in den kahlen Bäumen. Sie offenbaren nun erst recht ihren wahren Charakter. Die Blätter drapieren die Äste und Zweige nicht mehr. Nun tritt das Gestänge hervor. Was ein Mensch ist, erkennt man oft erst, wenn er gestorben, wenn er kahl und kalt von uns gegangen ist. Da erfasst man plötzlich unter welchem Stern er angetreten ist und wohin ihn der Lebensdrang geführt, der ihn zum Guten oder Bösen gesteuert hat.
Tomas Tranströmer, der neuerkorene schwedische Nobelpreisträger für Literatur schildert in dem Gedicht «Tief in Europa», wie «er» – es ist das lyrische Ich, das spricht - im Bett eines Hotels liegt, während die Stadt ringsum erwacht und der stumme Lärm und das graue Licht hereinströmt. Das bringt ihn auf einen neuen Gedanken: «Belauschte Horizonte. Sie wollen etwas sagen, die Toten. / Sie rauchen, aber essen nicht, sie atmen nicht, haben aber dennoch eine Stimme.» Mit einfachen Bildern erinnert der Dichter, dass die Toten gegenwärtig sind. Sie haben ihre Stimme nicht verloren. Sie reden mit uns, wenn wir an sie denken. Was sie sagen, verrät der Dichter nicht. Die Stimme der Toten ist nicht immer angenehm. Sie lobt oder tadelt uns, sie redet uns ins Gewissen und sagt, dass das Leben, das wir führen, nicht durchwegs gut ist.
Die zwei Verszeilen von Tranströmer sprechen nicht nur von Menschen, die uns vielleicht nahe gestanden sind, denn sie haben sogar immer noch eine Stimme. Die Historiker, die Memoirenschreiber oder Familienangehörige geben Verstorbenen oft ihre Stimme zurück. Kürzlich habe ich von Sandra Kalniete die Geschichte ihrer Familie «Mit Ballschuhen im sibirischen Winter»* gelesen. Sie erzählt aus persönlicher Betroffenheit von zwei Familien, die im Zweiten Weltkrieg nach Sibirien deportiert und unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit in verschiedenen Kolchosen jenseits des Urals gezwungen worden sind. Sie wurden gedemütigt und entwürdigt. Sie lebten im Dreck und in der eisigen Kälte und mussten täglich ihr Plansoll erfüllen. Es ist ein Zufall, doch der Titel von Transtömers Gedicht und seine zweite Strophe passt zum autobiographischen Bericht von Sandra Kalniete, die als Enkelin den Mitgliedern der Familie eine bleibende Stimme gegeben hat. Diese spricht stellvertretend für Millionen von geschundenen Menschen.
Es ist November. Der November ist ein melancholischer Monat, es ist die Zeit im Jahreslauf, in der viele Menschen sterben. Der Melancholie darf sich der Mensch aber nicht einfach überlassen. Der Philosoph Hans Saner** unterscheidet zwei Arten von Melancholie. Er spricht von einer sentimentalen und einer kognitiven. Während die rein gefühlsbetonte für den Menschen gefährlich ist, weil sie in Bitternis und Depression des Gemüts und damit in eine Entfremdung von der Lebenswelt führt, schärft die kognitive Melancholie den Blick für die wahren Verhältnisse des Lebens. Sie lehrt, die Illusionen zu durchschauen und führt auf den Weg eines erhellenden Erkenntnisprozesses.
Es stimmt uns oft traurig, wie es im Leben zu und her geht, besonders wenn ein junger Menschen stirbt und uns scheint, die verteilende Gerechtigkeit komme zu kurz. In kognitiver Melancholie erkennt der Einzelne, was zu tun wäre. Oft ruft sie zu einem freiwilligen gesellschaftlichen und politischen Engagement auf. Viele Menschen finden mit dem Einsatz für andere oder einem Ehrenamt in einem Verein einen befriedigenden Lebenssinn.
Die kognitive Melancholie macht hellhörig für Ereignisse, die dem Menschen persönlich zustossen können. Mit geschärftem Blick erkennt er, dass sich nie alle Erwartungen erfüllen werden und mancher Plan misslingt. Die vom Verstand geleitete Melancholie lehrt das Leben richtig einschätzen. So weiss der Mensch, dass er zwar gut sein soll, aber auch klug. Ein Guter, der nicht klug ist, wird übertölpelt, aber ein Kluger, der nicht gut ist, bringt anderen Menschen Verderben.
Es ist November. Der Sommer hat sich verabschiedet. Der Herbst ruft den Winter. Die Nächte werden länger, die Gedanken richten sich nach innen. Die Autos fahren unablässig vorbei. «Der stumme Lärm und das graue Licht strömen herein / und heben mich sachte aufs nächste Niveau: Der Morgen. // Belauschte Horizonte. Sie wollen etwas sagen, die Toten. / Sie rauchen, aber essen nicht, sie atmen nicht, haben aber noch ihre Stimme.»
* Sandra Kalniete: Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee. Die Geschichte meiner Familie. Verlag Herbig. München. Zweite deutschsprachige Auflage 2009.
** Hans Saner: Melancholie und Leichtsinn. Grenzstimmungen der Vernunft. In: Der Schatten der Orpheus. Lenos 2009.
Ich liebe die Melancholie der Landschaft, wenn in den Bäumen der Nebel hängt, und hat er sich am Tag verzogen, das Glitzern des Raureifs in den kahlen Bäumen. Sie offenbaren nun erst recht ihren wahren Charakter. Die Blätter drapieren die Äste und Zweige nicht mehr. Nun tritt das Gestänge hervor. Was ein Mensch ist, erkennt man oft erst, wenn er gestorben, wenn er kahl und kalt von uns gegangen ist. Da erfasst man plötzlich unter welchem Stern er angetreten ist und wohin ihn der Lebensdrang geführt, der ihn zum Guten oder Bösen gesteuert hat.
Tomas Tranströmer, der neuerkorene schwedische Nobelpreisträger für Literatur schildert in dem Gedicht «Tief in Europa», wie «er» – es ist das lyrische Ich, das spricht - im Bett eines Hotels liegt, während die Stadt ringsum erwacht und der stumme Lärm und das graue Licht hereinströmt. Das bringt ihn auf einen neuen Gedanken: «Belauschte Horizonte. Sie wollen etwas sagen, die Toten. / Sie rauchen, aber essen nicht, sie atmen nicht, haben aber dennoch eine Stimme.» Mit einfachen Bildern erinnert der Dichter, dass die Toten gegenwärtig sind. Sie haben ihre Stimme nicht verloren. Sie reden mit uns, wenn wir an sie denken. Was sie sagen, verrät der Dichter nicht. Die Stimme der Toten ist nicht immer angenehm. Sie lobt oder tadelt uns, sie redet uns ins Gewissen und sagt, dass das Leben, das wir führen, nicht durchwegs gut ist.
Die zwei Verszeilen von Tranströmer sprechen nicht nur von Menschen, die uns vielleicht nahe gestanden sind, denn sie haben sogar immer noch eine Stimme. Die Historiker, die Memoirenschreiber oder Familienangehörige geben Verstorbenen oft ihre Stimme zurück. Kürzlich habe ich von Sandra Kalniete die Geschichte ihrer Familie «Mit Ballschuhen im sibirischen Winter»* gelesen. Sie erzählt aus persönlicher Betroffenheit von zwei Familien, die im Zweiten Weltkrieg nach Sibirien deportiert und unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit in verschiedenen Kolchosen jenseits des Urals gezwungen worden sind. Sie wurden gedemütigt und entwürdigt. Sie lebten im Dreck und in der eisigen Kälte und mussten täglich ihr Plansoll erfüllen. Es ist ein Zufall, doch der Titel von Transtömers Gedicht und seine zweite Strophe passt zum autobiographischen Bericht von Sandra Kalniete, die als Enkelin den Mitgliedern der Familie eine bleibende Stimme gegeben hat. Diese spricht stellvertretend für Millionen von geschundenen Menschen.
Es ist November. Der November ist ein melancholischer Monat, es ist die Zeit im Jahreslauf, in der viele Menschen sterben. Der Melancholie darf sich der Mensch aber nicht einfach überlassen. Der Philosoph Hans Saner** unterscheidet zwei Arten von Melancholie. Er spricht von einer sentimentalen und einer kognitiven. Während die rein gefühlsbetonte für den Menschen gefährlich ist, weil sie in Bitternis und Depression des Gemüts und damit in eine Entfremdung von der Lebenswelt führt, schärft die kognitive Melancholie den Blick für die wahren Verhältnisse des Lebens. Sie lehrt, die Illusionen zu durchschauen und führt auf den Weg eines erhellenden Erkenntnisprozesses.
Es stimmt uns oft traurig, wie es im Leben zu und her geht, besonders wenn ein junger Menschen stirbt und uns scheint, die verteilende Gerechtigkeit komme zu kurz. In kognitiver Melancholie erkennt der Einzelne, was zu tun wäre. Oft ruft sie zu einem freiwilligen gesellschaftlichen und politischen Engagement auf. Viele Menschen finden mit dem Einsatz für andere oder einem Ehrenamt in einem Verein einen befriedigenden Lebenssinn.
Die kognitive Melancholie macht hellhörig für Ereignisse, die dem Menschen persönlich zustossen können. Mit geschärftem Blick erkennt er, dass sich nie alle Erwartungen erfüllen werden und mancher Plan misslingt. Die vom Verstand geleitete Melancholie lehrt das Leben richtig einschätzen. So weiss der Mensch, dass er zwar gut sein soll, aber auch klug. Ein Guter, der nicht klug ist, wird übertölpelt, aber ein Kluger, der nicht gut ist, bringt anderen Menschen Verderben.
Es ist November. Der Sommer hat sich verabschiedet. Der Herbst ruft den Winter. Die Nächte werden länger, die Gedanken richten sich nach innen. Die Autos fahren unablässig vorbei. «Der stumme Lärm und das graue Licht strömen herein / und heben mich sachte aufs nächste Niveau: Der Morgen. // Belauschte Horizonte. Sie wollen etwas sagen, die Toten. / Sie rauchen, aber essen nicht, sie atmen nicht, haben aber noch ihre Stimme.»
* Sandra Kalniete: Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee. Die Geschichte meiner Familie. Verlag Herbig. München. Zweite deutschsprachige Auflage 2009.
** Hans Saner: Melancholie und Leichtsinn. Grenzstimmungen der Vernunft. In: Der Schatten der Orpheus. Lenos 2009.
Eine Schaukel für jedes Parlament
14. September 2011 Kolumnen
Hugo Kükelhaus (1900 bis 1984), der zuerst ein vielseitiger Schreiner war, anschliessend Soziologie, Philosophie und Logik studierte, später in verschiedenen Berufen gearbeitet hat, betonte in einem seiner brillanten Vorträge, in jedes Parlament gehöre eine Schaukel, damit jeder Politiker, der dort ein- und ausgeht, die Pendelschwingungen körperlich erlebt, spürt wie das Hin- und Herschaukeln in der Mitte ausschwingt. Darauf stellt sich Ruhe ein. Nun ist er frei, nachzudenken oder ein wenig zu phantasieren, was er realisieren möchte. Sollte er aber meinen, der Wendepunkt sei das Zentrum, dann wird er die nötige Balance sowieso nicht finden, sondern hängt jenem Aktivismus nach, der ihn ständig veranlasst, Anfragen an den Bundesrat zu richten, Motionen und Interpellationen einzureichen oder Initiativen zu starten.
Für Kükelhaus ist das Schaukeln eine Metapher für die Gegenläufigkeit des Lebens. Diese Ansicht belegt er zugleich mit der Doppelhelix, der Doppelspirale, die aus zwei Strängen besteht, die wider einander laufen. Die sich aufwärts windende Spirale geht vom Endpunkt her wieder abwärts, ähnlich wie die Welle, die an ein flaches Meerufer treibt. Der Beobachter hat den Eindruck, die Welle würde nur in einer Richtung laufen. Die Welle aber ist gegenläufig wie die Doppelhelix. Die eine läuft zum Ufer und unter der Oberfläche, unsichtbar, fliesst sie zurück ins grosse Wasser. Kommt ein Sturm auf und peitscht das Meer, klatschen die Wellen ans Ufer. Hat er sich ausgetobt, kehrt tiefe Stille ein. Das ist jener wunderbare Moment, wo der Beobachter beruhigt das glitzernde und funkelnde Wasser betrachtet, gleichsam jener Augenblick, wo die Phantasie ungestört kreativ sein kann.
Schaukel und Welle sind wie ein Sinnbild für das Leben, das in sich gegenläufig ist. Der Mensch lebt zwischen zwei Polen. Sein Leben ist ambivalent, aber es tendiert doch immer wieder zur ruhigen Mitte. Kein Mensch kann sich auf Dauer im Extrem bewegen. Fanatiker oder Menschen, die sich einbilden, nur der eigene Standpunkt sei der einzig richtige, bleiben beharrlich der Übertreibung verhaftet.
Auch die Politik ist gegenläufig, doch wenn es zu einem Kompromiss zwischen den Parteien kommt, gibt es ein bisschen Ruhe. Die Frage eines Journalisten, ob ohne starke Mitte ein Land nicht gesund sei, bejaht Thomas Hürlimann und sagt: «Eine Demokratie lebt aus der Mitte. Wenn die Mitte zur Leerstelle wird, übernehmen die Flügel, sprich die Ideologen (das Sagen) – und dann gute Nacht»*. Die Schweiz verdankt ihren Erfolg einer ausgewogenen Politik der Mitte. Darum sind Konsens, Kompromiss und Konkordanz zu Leitbegriffen der schweizerischen Politik geworden. Sie deuten darauf hin, dass es um Lösungen geht. Das ist oft alles andere als einfach, müssen doch verhärtete Meinungen zuerst aufgeweicht und all die verschiedenen Meinungen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Sind sich Ständerat und Nationalrat in einer Sachfrage nicht einig, kommt es am Ende zu einer Differenzbereinigung zwischen den Räten. Ohne diesen Dialog, bei dem das bessere Argument gewinnt, findet das Parlament keine konstruktiven Lösungen.
Kompromisse kommen freilich nur zustande, wenn politische Gegner unsere moderne Welt von einem Gesichtspunkt des Unterschieds erfahren können. Werden sich die Streitenden bewusst, dass das Leben gegenläufig ist und sich zwischen Polen abspielt, sind sie eher bereit, die eigene vorgefasste Meinung aufzugeben, sich dem Gegner zu nähern, ihm zuzuhören. Heute aber scheint es immer schwieriger, selbst in Sachfragen eine Einigung zu erzielen. «Wenn ihr uns mit eurer Meinung nicht folgt, dann werden wir dem Geschäft XY nicht zustimmen. Hättet ihr uns das letzte Mal Recht gegeben, würden wir keine neue Initiative starten.» So tönt es. Dabei führen das Wörtchen «wenn» und das Wörtchen «hätte» nur ganz selten die Gegner zusammen, vor allem dann nicht, wenn ein unerfüllbare Bedingung daran geknüpft wird. Das Verharren auf dem eigenen Standpunkt, selbst dann, wenn eine übergeordnete Rechtsordnung dagegen spricht, kommt einer Verweigerung des Dialogs gleich.
Der Rechtsstaat ist ein hohes demokratisches Gut, der sich aber etwa mal quer zur Volksmeinung stellt. Das lateinische Wort «vox populi, vox dei» (Volkes Stimme sei Gottes Stimme) ist keine brauchbare Begründung für das Verharren in der eigenen Ideologie. Es war der Faschismus, der mit dem Schlagwort von der Vox dei operiert hat. Und was dabei heraus gekommen ist, können wir beispielhaft bei den Historikern nachlesen.
Für Kükelhaus waren die Natur und ihre physikalischen Gesetze eine Lehrmeisterin, denn die Natur sucht nach ausgewogenen Lösungen, wie wir etwa an einem Baum ablesen können. Es ist der Stamm, der die ausladenden Äste zusammenhält. Auch eine ausgewogene Politik wird von der Mitte getragen, vom Konsens und vom Kompromiss. Pole bilden nur die Eckpunkte, aus denen her sich vernünftige Lösungen einpendeln sollten.
So wie die Tugend, nach Aristoteles, als mittleres Verhalten darauf zielt, die rechte Mitte zu treffen, so muss auch die Politik bedacht sein, den Ausgleich zwischen Extremen zu schaffen. Kükelhaus hat sich bestimmt erhofft, dass jeder Parlamentarier auf seiner Schaukel – am besten mit geschlossenen Augen – spürt, wie er allmählich in der Mitte ausschwingt. Wenn er zurück an den Sitzungstisch oder in den Ratsaal geht, wird er sich daran erinnern.
* Thomas Hürlimann in einem Interview im «Der kleine Bund» vom 2. Juli 2011.
Für Kükelhaus ist das Schaukeln eine Metapher für die Gegenläufigkeit des Lebens. Diese Ansicht belegt er zugleich mit der Doppelhelix, der Doppelspirale, die aus zwei Strängen besteht, die wider einander laufen. Die sich aufwärts windende Spirale geht vom Endpunkt her wieder abwärts, ähnlich wie die Welle, die an ein flaches Meerufer treibt. Der Beobachter hat den Eindruck, die Welle würde nur in einer Richtung laufen. Die Welle aber ist gegenläufig wie die Doppelhelix. Die eine läuft zum Ufer und unter der Oberfläche, unsichtbar, fliesst sie zurück ins grosse Wasser. Kommt ein Sturm auf und peitscht das Meer, klatschen die Wellen ans Ufer. Hat er sich ausgetobt, kehrt tiefe Stille ein. Das ist jener wunderbare Moment, wo der Beobachter beruhigt das glitzernde und funkelnde Wasser betrachtet, gleichsam jener Augenblick, wo die Phantasie ungestört kreativ sein kann.
Schaukel und Welle sind wie ein Sinnbild für das Leben, das in sich gegenläufig ist. Der Mensch lebt zwischen zwei Polen. Sein Leben ist ambivalent, aber es tendiert doch immer wieder zur ruhigen Mitte. Kein Mensch kann sich auf Dauer im Extrem bewegen. Fanatiker oder Menschen, die sich einbilden, nur der eigene Standpunkt sei der einzig richtige, bleiben beharrlich der Übertreibung verhaftet.
Auch die Politik ist gegenläufig, doch wenn es zu einem Kompromiss zwischen den Parteien kommt, gibt es ein bisschen Ruhe. Die Frage eines Journalisten, ob ohne starke Mitte ein Land nicht gesund sei, bejaht Thomas Hürlimann und sagt: «Eine Demokratie lebt aus der Mitte. Wenn die Mitte zur Leerstelle wird, übernehmen die Flügel, sprich die Ideologen (das Sagen) – und dann gute Nacht»*. Die Schweiz verdankt ihren Erfolg einer ausgewogenen Politik der Mitte. Darum sind Konsens, Kompromiss und Konkordanz zu Leitbegriffen der schweizerischen Politik geworden. Sie deuten darauf hin, dass es um Lösungen geht. Das ist oft alles andere als einfach, müssen doch verhärtete Meinungen zuerst aufgeweicht und all die verschiedenen Meinungen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Sind sich Ständerat und Nationalrat in einer Sachfrage nicht einig, kommt es am Ende zu einer Differenzbereinigung zwischen den Räten. Ohne diesen Dialog, bei dem das bessere Argument gewinnt, findet das Parlament keine konstruktiven Lösungen.
Kompromisse kommen freilich nur zustande, wenn politische Gegner unsere moderne Welt von einem Gesichtspunkt des Unterschieds erfahren können. Werden sich die Streitenden bewusst, dass das Leben gegenläufig ist und sich zwischen Polen abspielt, sind sie eher bereit, die eigene vorgefasste Meinung aufzugeben, sich dem Gegner zu nähern, ihm zuzuhören. Heute aber scheint es immer schwieriger, selbst in Sachfragen eine Einigung zu erzielen. «Wenn ihr uns mit eurer Meinung nicht folgt, dann werden wir dem Geschäft XY nicht zustimmen. Hättet ihr uns das letzte Mal Recht gegeben, würden wir keine neue Initiative starten.» So tönt es. Dabei führen das Wörtchen «wenn» und das Wörtchen «hätte» nur ganz selten die Gegner zusammen, vor allem dann nicht, wenn ein unerfüllbare Bedingung daran geknüpft wird. Das Verharren auf dem eigenen Standpunkt, selbst dann, wenn eine übergeordnete Rechtsordnung dagegen spricht, kommt einer Verweigerung des Dialogs gleich.
Der Rechtsstaat ist ein hohes demokratisches Gut, der sich aber etwa mal quer zur Volksmeinung stellt. Das lateinische Wort «vox populi, vox dei» (Volkes Stimme sei Gottes Stimme) ist keine brauchbare Begründung für das Verharren in der eigenen Ideologie. Es war der Faschismus, der mit dem Schlagwort von der Vox dei operiert hat. Und was dabei heraus gekommen ist, können wir beispielhaft bei den Historikern nachlesen.
Für Kükelhaus waren die Natur und ihre physikalischen Gesetze eine Lehrmeisterin, denn die Natur sucht nach ausgewogenen Lösungen, wie wir etwa an einem Baum ablesen können. Es ist der Stamm, der die ausladenden Äste zusammenhält. Auch eine ausgewogene Politik wird von der Mitte getragen, vom Konsens und vom Kompromiss. Pole bilden nur die Eckpunkte, aus denen her sich vernünftige Lösungen einpendeln sollten.
So wie die Tugend, nach Aristoteles, als mittleres Verhalten darauf zielt, die rechte Mitte zu treffen, so muss auch die Politik bedacht sein, den Ausgleich zwischen Extremen zu schaffen. Kükelhaus hat sich bestimmt erhofft, dass jeder Parlamentarier auf seiner Schaukel – am besten mit geschlossenen Augen – spürt, wie er allmählich in der Mitte ausschwingt. Wenn er zurück an den Sitzungstisch oder in den Ratsaal geht, wird er sich daran erinnern.
* Thomas Hürlimann in einem Interview im «Der kleine Bund» vom 2. Juli 2011.